Gemeindegründung in Polen: Wir sind die Neuen!

In Warschau hat sich die erste EKD-Gemeinde in Polen gegründet und erlebt gerade den Charme des Neuanfangs

29. April 2016

Mitglieder des Evangelischen Seelsorgevereins Warschau.

In Warschau existierte bisher keine Auslandsgemeinde der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die Gründe dafür liegen in der oft so schwierigen Geschichte der beiden Nachbarn Polen und Deutschland. So wurde beispielsweise die berühmte Trinitatis-Kirche, ein wichtiges Symbol für die polnischen Protestanten, direkt nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges zu einem der ersten Ziele der deutschen Fliegerbomben.

Die Anfänge deutschsprachiger Gottesdienste in Warschau liegen in den 80-er Jahren. Damals hatten der Diplomat Rüdiger von Fritsch und seine Frau Huberta eine Gemeindegründung angeregt. Zunächst kam Heinz Domke als evangelischer Pfarrer aus Moskau viermal jährlich an die Weichsel. Später pendelte er von Berlin aus im Zweiwochentakt nach Warschau. Rund 19 Jahre lang leitete Domke so den Gottesdienst, der jeweils am Sonntagabend in einem Gemeinderaum der Warschauer Trinitatiskirche gefeiert wurde. An jenen Wochenenden betreute der Pastor auch die deutschsprachigen Konfirmanden der deutschen Willy-Brandt-Schule in Warschau.

Von 2003 an ließ sich dieses Modell nicht mehr aufrechterhalten, sodass es bis 2010 keine deutschsprachigen Gottesdienste in Warschau mehr gab. Gegen Ende jenes Jahres entstand jedoch der Wunsch, in Warschau erneut eine deutschsprachige evangelische Gemeinde zu gründen, diese nun dauerhaft zu verwurzeln und auch wieder evangelische Gottesdienste in deutscher Sprache anzubieten. Den maßgeblichen Anstoß dazu gaben der inzwischen als Botschafter nach Warschau zurückgekehrte Rüdiger von Fritsch und seine Frau sowie weitere evangelische Deutsche in Warschau, die Bedarf an einem solchen Angebot hatten. Mit diesem Anliegen wurden sie beim Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen (EAKP) Jerzy Samiec vorstellig um Möglichkeiten für eine deutschsprachige evangelische Seelsorge in Warschau auszuloten. Der Bischof war diesem Anliegen gegenüber von Beginn an sehr positiv eingestellt.

Ostern 2011: der erste evangelische Gottesdienst in deutscher Sprache

Nach intensiven Gesprächen mit der EAKP und den Verantwortlichen in der EKD war Anfang 2011 mit dem damaligen Pressesprecher und Assistenten des Bischofs, Wojciech Pracki, ein Geistlicher gefunden, der gerne bereit war, die deutschsprachige Gemeinde zu betreuen. Auch standen Räumlichkeiten am Sitz der EAKP zur Verfügung. Ostern 2011 fand schließlich der erste evangelische Gottesdienst in deutscher Sprache statt. Seither feiert man die Gottesdienste im Zweiwochentakt, im Advent wöchentlich. Dazu gibt es Kindergottesdienste und auch Hauskreistreffen.

Die Gründe für die Einrichtung einer deutschsprachigen Gemeinde im Ausland sind zahlreich: Gottesdienste in der eigenen Sprache - gerade in der wortbasierten, evangelischen Tradition -, bekanntes, muttersprachliches Liedgut und geläufige Liturgieformen, als vertraute Heimat in einem fremden Land mit einer anderen Sprache und Kultur. Die für unsere Gemeinde wichtigen informellen Zusammenkünfte bei Kaffee und Kuchen nach dem Gottesdienst bieten eine solche Heimat zudem auch in sozialer Hinsicht.

Anders als die beruflichen Kontakt-Plattformen, wie sie Expat-Organisationen oder einschlägige Stammtische darstellen, richtet sich eine christliche Gemeinde mit ihrem Angebot an die gesamte Familie, statt ausschließlich auf das Knüpfen und Pflegen von Geschäftskontakten, und - aus ihrer christlichen Perspektive - auf den Menschen als Geschöpf Gottes mit all seinen Facetten, und nicht nur auf dessen berufliche Erfolge und wirtschaftlichen Mehrwert. In diesem Sinne stellt eine deutschsprachige Gemeinde eine wichtige geistliche Ergänzung zu den anderen Foren dar.

Geistliche Unterstützung und geschwisterliche Gemeinschaft

Im Ausland sind viele Menschen zudem besonderen Belastungen ausgesetzt, seien es Reibungen durch den Kontakt mit der anderen Kultur oder eine Rolle als Entsandter und die damit verbundene Trennung von der Familie. Auf diese Weise den "mühseligen und beladenen" Menschen geistliche Unterstützung und geschwisterliche Gemeinschaft unter der Obhut eines Seelsorgers zu bieten, betrachten wir als wesentliche christliche Aufgabe unserer Gemeinde.

An ganz konkreten Lebenssituationen wird dies deutlich: So hat unsere Gemeinde einen Trauerfall begleitet, eine Taufe und eine Hochzeit gefeiert und unter großem persönlichen Einsatz der Gemeindemitglieder ein Weihnachtsmusical und eine Konfirmation organisiert. Genau dieser Einsatz macht die Kraft und den Charme einer so kleinen Gemeinde aus, in der die Mitglieder sich gegenseitig alle kennen. Ein jeder fühlt sich in die Verantwortung genommen und ist bereit, einen Beitrag zu leisten. In dieser Hinsicht fühlt man sich einer Urgemeinde gelegentlich näher, als es in verfestigten Kirchenstrukturen möglich ist.

Übrigens werden unserer Gottesdienste immer wieder gerne auch von polnischen Christen und anderen Nichtmuttersprachlern besucht, die sich der deutschen Sprache und Kultur verbunden fühlen und beispielsweise längere Zeit in Deutschland gelebt haben und auf diese Weise ein Stück Deutschland weiterhin erleben möchten.

Gute Zusammenarbeit mit der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen

Um die Aufgaben der geistlichen Betreuung, der Gottesdienste, des Konfirmandenunterrichts, der Kinderarbeit und der Amtshandlungen sowie die Rollen als soziale Anlaufstelle im christlichen Sinne und als geistliche Heimat mit evangelischer Tradition erfüllen zu können, ist eine gute Zusammenarbeit mit der EAKP die wichtigste Grundlage. Dank der Gastfreundschaft von Bischof Jerzy Samiec dürfen wir unsere Gottesdienste nach wie vor am Sitz der EAKP feiern. Dank einer engen Zusammenarbeit mit der Trinitatisgemeinde - ein Wunder nach ihren eingangs erwähnten traumatischen Kriegserfahrungen - dürfen wir ihr Kirchengebäude für besondere und gelegentliche gemeinsame Gottesdienste nutzen, sowie Amtshandlungen in die dortigen Kirchenbücher eintragen. Unsere seelsorgliche Betreuung in deutscher Sprache übernimmt ein vom Bischof bestimmter polnischer Geistlicher aus der EAKP. Bislang waren das die Assistenten des Bischofs, die zwar ordinierte Geistliche sind, aber keine eigene Gemeinde leiten.

Ihre erste größere Bewährungsprobe erfuhr die Gemeinde durch die Berufung ihres ersten Pfarrers, Wojciech Pracki, zum Probst der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Oppeln. Fast ein Jahr lang dauerte die dadurch entstandene Vakanz. Doch auch während dieser Zeit fanden sich, dank des Engagements und der Beharrlichkeit des Bischofs und der Gemeindemitglieder, wie auch mit Gottvertrauen, Lösungen, um weiterhin Gottesdienste zu halten und die seelsorgliche Betreuung in deutscher Sprache zu gewährleisten. Seit September 2015 steht nun mit Karol Dlugosz, dem neuen Assistenten des Bischofs, zugleich ein neuer Pfarrer für die seelsorgerliche Betreuung der Gemeinde bereit.

Suche nach neuen Wegen

Während die Gemeinde seit ihrer Anfangsphase nur formlos existierte, gab es bereits seit den Gründungsplänen Bestrebungen, feste Strukturen für sie zu schaffen. Nach Abwägung unterschiedlicher Optionen mit der EAKP und der EKD wurde der Beschluss gefasst, zu diesem Zweck einen Verein zu gründen. Dieser sollte als Rechtsperson die Möglichkeit haben, mit der EAKP, der EKD und anderen Partnern zu kooperieren. Zudem sollte damit der Fortbestand der Gemeinde gesichert werden, da viele Gemeindemitglieder als Entsandte nur für einen begrenzten Zeitraum im Ausland bleiben.

Der Weg von der Einreichung des ersten Antrags beim Registergericht bis zur Bestätigung der tatsächlichen Vereinsgründung durch das Gericht erwies sich als äußerst steinig und hürdenreich. Mit etlichen bürokratischen Wirrungen nahm der gesamte Prozess fast zwei Jahre in Anspruch. Im Januar 2016 wurde die Gründung des "Vereins für deutschsprachige evangelische Seelsorge in Warschau" endlich offiziell vollzogen.

Am Anfang stand der Wunsch nach deutschsprachigen Gottesdiensten. Immer wieder waren Bitten nötig, um Seelsorge zu ermöglichen, das Suchen nach neuen Wegen, um Gottesdienste zu halten, und das Anklopfen an verschiedensten Türen, um auf dem Weg der Gemeindegründung voranzukommen. Immer wieder wurde uns gegeben, was auf diesen Wegen nötig war, wurden Lösungen gefunden, die uns in unserer Situation halfen, und neue Möglichkeiten aufgetan, die uns weiterbrachten. So freuen wir uns darauf, als Gemeinde gemeinsam zu wachsen, neue Kontakte zu knüpfen und eine geistige Anlaufstelle für der deutschen Sprache verbundene evangelische Christen zu bleiben. Ganz herzlich laden wir deshalb alle Interessierten ein, die auf einen Besuch oder dauerhaft in Warschau sind, an unseren Gottesdiensten teilzunehmen und diese besondere Gemeinschaft kennenzulernen.

Simon von Kleist, Jürgen Wandel, Jens Mattern


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Publikationsdatum dieser Seite: 11.10.2017 16:33