"In Asien gibt es großes Interesse am Reformationsjubiläum!"

Reformationsbotschafterin auf Reise durch sechs Länder in Asien

3. März 2016

Mit Margot Kmann in Neu Delhi (Foto: Markus Lesinski)

Bis nach Asien klingt die Einladung zum Reformationsjubiläum: Margot Käßmann, Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum, ist für zwei Wochen in Asien unterwegs, um dort in sechs Ländern zum Reformationssommer 2017 einzuladen. Ihre Reise führte sie bisher von Bangalore in Indien über Neu-Delhi nach Bangladesch: Vortrag reiht sich an Vortrag und an viele Gespräche. Neben Themen wie zum Beispiel der Tauftheologie Luthers stand besonders Reformation und Bildung im Focus ihrer Vorträge und Gespräche.

In der deutschen Botschaft in Neu-Delhi, Indien, appellierte Margot Käßmann für einen gebildeten Glauben. Martin Luther habe das Ziel verfolgt, dass jedes Mädchen und jeder Junge lesen und schreiben lernen soll, um die Bibel selber lesen zu können. Bildung sei nicht nur zum Anliegen der gesamten Reformationsbewegung geworden, sondern auch bis heute der Schlüssel für den Wandel zu einer friedlichen und gerechten Gesellschaft. Jedoch ist es in Indien immer noch nicht selbstverständlich, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene einen Zugang zu guter Bildung erhalten. Der Besuch einer guten Schule kostet in Indien viel Geld, daher können sich viele Familien leider keine zukunftseröffnende Ausbildung ihrer Kinder leisten.

Auch in Bangladesch wurde das Thema Bildung diskutiert. Kirchenvertreter erzählten ihr dort, dass fundamentalistische Gruppen durch den Bau einer eigenen Infrastruktur mit Banken und Schulen mehr und mehr Einfluss gewinnen. Eine gut ausgebildete Bevölkerung würde sich nicht so leicht durch fundamentalistische Gruppen manipulieren lassen.

Eindrücklich hat Margot Käßmann den Besuch der Einsturzstelle des Ran Plaza erlebt. Die achtgeschossige Textilfabrik stürzte 2013 aufgrund von Baumängeln in sich zusammen. Über 1000 Menschen kamen dabei ums Leben. Mittlerweile gibt es in der Textilindustrie in einigen Fabriken verbesserte Sicherheitsregelungen und gestiegene Löhne. Eine wesentliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen werde es aber erst geben, wenn die westliche Welt bereit ist, einen angemessenen Preis für Kleidung zu zahlen. Der deutsche Botschafter Thomas Prinz bat Margot Käßmann und die Kirchen in Deutschland in dieser Sache verstärkt ein kritisches Bewusstsein für die Produktionsbedingungen zu wecken. Viele Kinder der Opfer von 2013 fanden in einem Projekt in der Nähe einen Ort, wo sie Trauerarbeit leisten können, Zuwendung finden und ihnen geholfen wird, einen guten Weg in ihre Zukunft zu finden. Die Kinder freuten sich sehr über den Besuch der Reformationsbotschafterin und hatten extra ein Kinder-Kultur-Programm mit viel Musik vorbereitet. Auch den Kindern erzählte Margot Käßmann von Luther, der wollte, dass jedes Mädchen und jeder Junge lesen lernen sollte.

In Bangladesch besuchte Margot Käßmann ein Projekt im Landwirtschaftsbereich mit Konzentration auf Bewahrung und Wiederverwendung von Saatgut. Angehörige verschiedener Religionen arbeiten in diesem Projekt gemeinsam. Auch Brot für die Welt unterstützt die Initiative in Zusammenarbeit mit einer Partnerorganisation vor Ort.

In der Cathedral Church of Remption in Neu-Delhi traf Margot Käßmann einen Mitherausgeber des neuen "South Asian Bible Commentary", Dr. Paul Swarup. Der Kommentar ist ein Gemeinschaftsprojekt von Theologen und Theologinnen und erklärt die Bibel aus südasiatisch, theologischer Sicht. Der Kommentar wird nicht nur von Pastoren und Pastorinnen zur Predigtvorbereitung verwendet, sondern auch gerne von vielen Gemeindemitgliedern gelesen und ist somit ein großer Beitrag zum "gebildeten Glauben".

Mit Vertretern und Vertreterinnen aus verschiedenen Kultureinrichtungen, Kirchen und Religionen traf sich Margot Käßmann in Bangalore, Indien. In der Runde wurde besonders das Thema der traditionellen Ehen angesprochen. In Indien ist es noch üblich, dass Ehen zwischen jungen Menschen derselben Religion, Kaste und Region arrangiert werden. Jedoch steht momentan wesentlich die soziale Absicherung und damit die soziale Kaste im Vordergrund und nicht mehr die Religion. Im Gespräch gab es verschiedene Auffassungen zu der Rolle der Religion in der Gesellschaft. Die Reformationsbotschafterin brachte zum Punkt des Miteinanders der Religionen und Konfessionen ein, dass nach reformatorischer Lehre in Fragen von Gewissen und Glauben jeder und jede frei sei. Martin Luther habe durch seine Theologie die Idee der Toleranz in die Welt verbreitet.

Zum Thema "Remembering the Reformation: Challenges of the 2017 Centenary" referierte Margot Käßmann vor Studierenden des United Theological Seminary. Besonders die Auslegung von Luthers Tauftheologie und seine Erkenntnis, dass durch die Taufe alle gleich vor Gott sind, stieß bei den Studentinnen auf großes Interesse. Viele der jungen Studentinnen, teilweise mit Studienschwerpunkt in feministischer Theologie, fühlten sich durch die klare Aussage von Margot Käßmann ermutigt.

Wie es in manchen Gemeinden deutscher Sprache im Ausland üblich ist, Gemeindeveranstaltungen im Wohnzimmer zu feiern, so referiert auch Margot Käßmann im Wohnzimmer einer deutschen Familie in Bangalore über das Reformationsjubiläum. In kleiner Runde kamen Fragen auf wie: Wo die Kirche in Deutschland heutzutage reformiert werden müsse? Margot Käßmann priorisierte hierbei den Gottesdienst. Sie betonte, wie wichtig es wäre, dass die Leute wieder gerne in die Kirche gehen, denn "Gottesdienst darf Spaß machen". Im weiteren Gespräch wurde nicht nur die Gestaltung des Gottesdienstes, sondern auch über Sorgen wie die Homosexualität der eigenen Kinder und die Position der evangelischen Kirche dazu gesprochen. Auch die Flüchtlingskrise und die Bilder aus Deutschland bewegen die Menschen in Indien und Margot Käßmann erzählt von dem vielen Engagement und der großen Bereitschaft der Kirchengemeinden, die das christliche Gebot der Nächstenliebe sehr ernst nehmen.

Bei den Vorträgen von Margot Käßmann in Indien wurde besonders deutlich, wie Ihre Aussagen aus Sicht der indischen Bevölkerung provokativ wirken können. Beispielsweise erzählte Sie von einem gemeinsamen Essen zwischen Muslimen und Christen in Deutschland, an dem Sie teilgenommen hatte. Diese kurze Erwähnung wurde jedoch später zum großen Tischgespräch, denn eine solche gemeinsame Mahlzeit wäre für viele Menschen in Indien nicht vorstellbar.

Zwei Stunden dauerte es vom Flughafen bis in die Innenstadt Jakartas. Stau auf den Straßen bestimmt das Leben in der 10-Millionen-Metropole, der Hauptstadt Indonesiens. So fing auch der Vortrag von Margot Käßmann in der Christian University in Jakarta eine Stunde später an als geplant, denn die Dozenten und Studierenden trudelten erst nach und nach ein. Vor 500 jungen Leuten sprach Margot Käßmann schließlich darüber, was das Erbe der Reformation für Gesellschaften im Wandel bedeute. Das Miteinander der Religionen, Religionsfreiheit und die Rolle von Religion in Friedensprozessen stellte sich als vorrangiges Diskussionsthema heraus. Ähnlich war es in der Diskussion nach dem deutschsprachigen Vortrag in der Deutschen Botschaft über die Herausforderung der Reformation heute.

Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Es gebe zwar fundamentalistische Gruppen, aber das Zusammenleben der verschiedenen Religionen klappe sehr gut, so war es in Gesprächen rund um beide Veranstaltungen in Jakarta zu hören. Es sei nicht zu beobachten, dass der Fundamentalismus zunehme, auch wenn extremistische Gruppen immer mal wieder Gewalt im Land verbreiten, wie es im Januar in Jakarta durch ein Attentat schmerzlich zu fühlen war. Eine breite Masse der Bevölkerung  stelle sich gegen islamistische Gewalt und die Arabisierung ihrer Kultur und ihres Glaubens.

Die moderaten Kräfte in den Religionen müssten gestärkt werden und gemeinsam müsse man sich für Frieden in der Welt einsetzen. Religionsfreiheit sei unerlässlich und im Miteinander der Religionen gehe es um Respekt, betonte Margot Käßmann. Auf eine Frage nach den Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen in der Folge der Reformation erzählte sie aus ihrem reichen Erfahrungsschatz aus der Arbeit des Ökumenischen Rates der Kirchen. Inzwischen seien grundlegende Konflikte zwischen den Konfessionen überwunden. Das Modell der versöhnten Verschiedenheit habe sich als ein fruchtbares Modell des ökumenischen Miteinanders bewährt.

Im Pfarrgarten werden immer wieder die leckersten Äpfel von den Kindern aus der Nachbarschaft geklaut. Schließlich hängt der Pfarrer ein Schild in den Baum, mit der Aufschrift "Gott sieht alles!" Am nächsten Tag steht ein Kommentar auf dem Schild: "Aber er petzt nicht!". Mit diesem Witz brachte Margot Kässmann in ihrer Predigt bei der ökumenischen Andacht am 22. Februar am Evangelischen Gemeindehaus in Pattaya auf den Punkt, was die zentrale Einsicht der Reformation war. Deren 500-jähriges Jubiläum wird im Jahr 2017 gefeiert -  datiert nach dem Jahr, in dem Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel in der veröffentlichte. Er stieß damit eine Entwicklung an, die schließlich zur Bildung verschiedener "protestantischer" Kirchen neben der katholischen Kirche führte. Diese reformatorische Entwicklung machte ein für die Menschen Europas bis dahin unbekanntes Grundgefühl innerer Freiheit möglich. Das verdeutlihte Margot Kässmann auch in ihrem englischsprachigen Vortrag am 23. Februar in der Chulalongkorn-Universität: Wenn jedermann die Botschaft der Bibel selber lesen konnte (was durch die Übersetzung der Bibel in die Landessprachen und den gerade erfundenen Buchdruck möglich wurde), dann relativierte das nicht nur die geistliche und weltanschauliche Dominanz des kirchlichen Lehramtes, sondern legte auch die Grundlagen für demokratische Staatsverfassungen.

Welche - zum Teil auch gewaltsamen - Auswirkungen diese reformatorischen Umbrüche auf die Länder Europas hatten, stellten die Vertreter/innen der Botschaften der Tschechischen Republik, der Schweiz sowie Österreichs und Deutschlands in ihren Wortbeiträgen heraus.

Und was sind die Herausforderungen, denen sich evangelische Kirchen in der Gegenwart stellen? Diese Frage zog sich schließlich durch die verschiedenen Wortmeldungen bei einer Diskussion im Begegnungszentrum Pattaya, zu dem sich mehr als 140 Besucher versammelt hatten. Im Blick auf den gegenwärtigen Zustrom von Flüchtlingen nach Europa betonte Margot Kässmann, dass nach dem Zeugnis der Bibel Flüchtlinge ein Recht auf Aufnahme und Schutz haben. Sie wies darauf hin, dass Deutschland ein reiches Land ist und dass sich gerade Kirchengemeinden dort für die Unterstützung und Integration von Flüchtlingen engagieren.

Singapur und Hong Kong waren die beiden letzten Etappen auf der Asienreise der Reformationsbotschafterin. In beiden Orten kam sie mit Studierenden an theologischen Universitäten ins Gespräch, die sowohl an der derzeitigen Situation von Kirche und Gesellschaft in Deutschland interessiert waren, als auch die Bedeutung der Reformationsbotschaft in ihrem eigenen Kontext diskutierten. Margot Käßmanns Vortrag in der deutschen Außenhandelskammer in Singapur über das Thema: "Was hat die Reformation in der Wirtschaft zu sagen" war eines der Highlights der Asienreise. Sie plädierte vor deutschen Vertretern aus Wirtschaft und Handel für sozialverantwortliches wirtschaftliches Handeln. Nächstenliebe und Barmherzigkeit seien Grundsätze des christlichen Glaubens und Freiheit gebe es immer nur im Zusammenleben mit anderen. Jeder und jede sei in bestimmten Lebensphasen auf andere angewiesen und die Starken müssten für die Schwachen einstehen, betonte Margot Käßmann. Im Stadtstaat Singapur leben Menschen aus vielen Regionen der Welt friedlich zusammen. Es gibt sozialen Wohnungsbau und eine gelingende Integrationspolitik für Einwanderergruppen. So werden beispielsweise die Wohnungen in einem Stadtviertel in dem Verhältnis an Bevölkerungsgruppen verkauft oder vermietet, den ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmacht; jedoch stehen die Sozialwohnungen nicht den Wanderarbeitern offen. Die Menschen aus armen Ländern Asiens, wie z. B. Bangladesch, arbeiten auf Baustellen und wohnen in Massenunterkünften. Sie leben am Rand des Existenzminimums, so auch die Wanderarbeiter und Wanderarbeiterinnen die in Gartenanlagen und Privathaushalten leben. "Wir brauchen Menschen die die Vision haben, es könnte besser werden in dieser Welt", betonte Margot Käßmann. Ihre Botschaft kam bei der Zuhörerschaft an, der Applaus war immens.

"In Hong Kong ist jeder busy" und nur, wer viel leistet lebt gut. Enormer Zeit- und Leistungsdruck belastet die Menschen in Hongkong wie auch auf dem chinesischen Festland. Viele haben mehrere Jobs um leben zu können. Die Mieten sind horrend hoch und ganze Familien wohnen in Zweiraumwohnungen in einem der Hochhäuser. "Die Rechtfertigungsbotschaft war für mich sehr befreiend", erzählte eine junge Chinesin. "In unserer Gesellschaft muss man immer ganz viel tun, um anerkannt zu werden." In der deutsch-schweizerischen Schule befragten Schüler Margot Käßmann: "Warum sollten junge Leute glauben, es lasse sich doch auch ohne Glauben gut leben?" Jeder brauche so etwas wie ein Handgepäck für das Leben, mit dem man durchs Leben komme auch wenn alles andere verloren gehe, antwortete sie.

Die Vorträge haben auch den deutschsprachigen Gemeinden einen Aufwind gegeben. Zum einen, weil sie sich selber mit der Reformationsbotschaft auseinandergesetzt haben, aber auch, weil ihre Stellung in den deutschen Communities und den Kirchen vor Ort gestärkt wurde.

Von Sonja Poppe


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Publikationsdatum dieser Seite: 11.10.2017 16:33