Biogas statt Feuerholz

Indische Dorfbäuerinnen beteiligen sich am internationalen Emissionshandel

9. Dezember 2015

Die 50-jšhrige Venkatalaxmanna aus dem indischen Dorf Gollapalli in ihrer Kochecke mit Biogasherd

Gollapalli (epd). Ein paar zerzauste Palmen, Wellblechdächer, unbefestigte Straßen - in Gollapalli scheint alles von gelblichem Staub überzogen. Seit zwei Jahren hat es nicht geregnet. In einem kleinen Haus am Rand des indischen Dorfes lebt Venkatalaxmanna mit ihrer Familie. Die 50-jährige hagere Frau im gelben Sari führt ihre Besucher stolz in die Kochecke: Dort blitzt es blank poliert. Der Biogasherd ist ihr ganzer Stolz - und ihr Beitrag zum Schutz des Weltklimas.

"Es hat immer so viel Zeit gekostet, das Feuerholz zu sammeln", erzählt sie. Und sie freut sich, dass die Luft in dem Häuschen nun so viel besser ist. Wieviel Rauch und Ruß hier früher entstand, davon zeugt die tiefschwarze alte Kochstelle. Nun kommt Gas aus einem dünnen Schlauch. Gespeist wird die draußen unter der Erde befindliche Biogasanlage durch den Dung der vier Kühe, die die Familie hält. Drei Töchter wohnen noch zu Hause.

Flugreisende finanzieren Aufforstungen in Entwicklungsländern

Biogas statt Feuerholz: Dadurch verringert eine Familie in Gollapalli ihren Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) etwa um drei Tonnen pro Jahr - und kann sich diese Einsparung vergüten lassen. Es werden dafür Emissionszertifikate erstellt, die bis nach Deutschland verkauft werden. Käuferin ist zum Beispiel die kirchliche Klima-Kollekte, in die etwa ein Flugreisender für seine Emissionen einzahlen kann. Zum Ausgleich werden dafür Biogasanlagen, Aufforstungen und Spar-Öfen in Entwicklungsländern finanziert, die dort den CO2-Ausstoß reduzieren. Auch in Indien selbst können sich Fluggäste der Airline IndiGo beteiligen.

In den ersten paar Jahren wird der Biogasherd abbezahlt, aber dann kann Mutter Venkatalaxmanna jährlich mit knapp 40 Euro für ihren Klimaschutz rechnen. Rund 17.000 Biogasanlagen hat die indische Organisation Adats in der Region 100 Kilometer nördlich von Bangalore gebaut, die mehr als 250.000 Tonnen CO2 einsparen.

Klima-Gerechtigkeit ist das Ziel der von "Brot für die Welt" unterstützten Initiatoren. Dabei ändert sich auch das Verhältnis von Geben und Nehmen. Die Dorfbewohner sind nicht bloß Empfänger von Entwicklungshilfe aus dem fernen Deutschland, sondern werden für ihre Klimaschutzbemühungen entlohnt.

Die Armen sind nicht Teil des Problems sondern Teil der Lösung

"Die Leistung der Armen muss anerkannt und belohnt werden", sagt Adats-Leiter Ram Esteves (61). "Sie sind nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung." Die Armen seien nicht schuld an der Erderwärmung, litten darunter am meisten. Zum Vergleich: Ein Inder verursacht pro Jahr durchschnittlich 1,6 Tonnen CO2, ein Deutscher 9,5 Tonnen.

In Gollapalli ist der Klimawandel schon spürbar. Weil weniger Regen fällt, müssen die Brunnen schon 300 Meter tief gebohrt werden. Für den Anbau von Mais, Hirse und Erdnüssen ist es fast zu trocken geworden. Einige Bauern versuchen sich daher mit Mango- und Guavenbäumen, die mehr Hitze aushalten.

Zertifikate für eingesparte Emissionen gibt es nur nach strenger und regelmäßiger Prüfung. Gehandelt werden sie auf einem freiwilligen Markt. Er funktioniert ähnlich wie der sogenannte Clean Development Mechanism (CDM) des UN-Klimasekretariats, über den sich Firmen Emissionsreduktionen in Entwicklungsländern anrechnen lassen können. Im freiwilligen Handel zahlt zum Beispiel die Klima-Kollekte zwischen 20 und 40 Euro je Tonne eingespartes CO2. Der gesamte Markt hat ein Volumen von etwa 400 Millionen US-Dollar mit kräftig steigender Tendenz.

"Wir haben jetzt Zeit für Heimarbeiten"

Um mit dem Klimaschutz auch die Armut wirksam zu lindern, haben sich die Klima-Kollekte und andere Organisationen auf einen Gold-Standard mit besonders hohen Anforderungen verständigt. Die indische Initiative Adats will besonders die Frauen fördern. Durch Biogas und Holzspar-Öfen hat sich in Gollapalli und Umgebung bereits einiges verändert.

"Wir haben jetzt Zeit für Heimarbeiten", berichtet eine Frau im violetten Sari und lässt bei einer Dorfversammlung Teller aus getrockneten Blättern des Tamarindenbaumes herumgehen, die sich auf dem Markt gut verkaufen lassen. Feuerholz muss nur noch wenig oder gar nicht mehr gesammelt werden. Andere Frauen verkaufen selbstgenähte Kleindung. Einige Familien haben mit der Aufzucht von Seidenraupen begonnen - und festgestellt, dass der Dung der Raupen sich besonders gut für die Erzeugung von Biogas eignet.

Elvira Treffinger (epd)


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Publikationsdatum dieser Seite: 11.10.2017 16:33