Aktuelles
Lesen Sie hier jeden Monat einen neuen Beitrag aus der "chrismon"-Serie "Brief aus..." und weitere Texte.
EKD-Synode im Internet
Online-Berichterstattung seit 1996
24. Oktober 2009

Die Zeit im Internet vergeht schneller als in der "Offline-Welt", dreizehn Jahre sind für Onliner fast eine Ewigkeit. Seit dreizehn Jahren berichtet das EKD-Online-Team live von der Synode, so dass die Weböffentlichkeit das Synodengeschehen am PC nachvollziehen kann.
War die Online-Berichterstattung 1996 noch sehr textlastig, so wurden die EKD-Synodenseiten in den folgenden Jahren schnell mit Fotos bebildert. Auf der Ratswahlsynode 2003 in Trier gab es eine weitere Premiere, erstmalig berichtete ein Filmteam von der Synode. Ein TV-Redakteur und ein Kameramann vom Evangelischen Medienhaus aus Stuttgart waren für die Video-Berichterstattung in Trier zuständig. Die Filme wurden auf Briefmarkengröße herunter gerechnet, der Abruf über Modem oder ISDN-Anschluss war auch noch ruckelig, denn breitbandige DSL-Anschlüsse waren 2003 noch kein Standard.
Seitdem baute die EKD ihre Synoden-Berichterstattung kontinuierlich aus. Die Ratswahlsynode 2009 markiert dabei einen weiteren Meilenstein. Erstmalig wird die Ratswahl in diesem Jahr live im Internet übertragen. Kooperationspartner sind das Medienhaus Stuttgart und Evangelische Kirchenfunk Niedersachsen (ekn) sowie die EKD und evangelisch.de.
Start der Übertragung ist Dienstag, 27. Oktober um neun Uhr. Die Dauer und der Ablauf der Übertragung richten sich danach, wie viel Wahlgänge notwendig sind, bis die Mitglieder der Synode und der Kirchenkonferenz den neuen Rat und den oder die neue Ratsvorsitzende gewählt haben. Abrufbar ist der Live-Stream von der Ratswahl unter www.ekd.de, www.evangelisch.de, www.evlka.de und www.kirchenfernsehen.de.
Neben den bewährten EKD-Synodenseiten unter www.ekd.de/synode berichtet erstmalig auch evangelisch.de von der Synode in Ulm. Die Arbeit der im Gemeinschaftswerk evangelischer Publizistik (GEP) beheimateten Redaktion von evangelisch.de lässt sich nicht nur über ihre Artikel im Web verfolgen, sondern auch in Ulm selbst. Auf dem Stand des GEP kann jeder Synoden-Besucher der Redaktion bei ihrer Arbeit über die Schulter sehen und die Berichterstattung im Wahlstudio verfolgen.
Damit das Synodengeschehen keine kommunikative Einbahnstraße bleibt, hat die evangelisch.de-Redaktion auch einen Diskussionskreis eingerichtet. Hier können Interessierte ihre Meinung zur Synode mitteilen. Der Aufschlag ist gemacht, nun hat die Community auf evangelisch.de das Wort.
Neuer EKD-Ratsvorsitzender verteidigt Einschnitte im Sozialsystem
Huber: Bisherige Reformpläne brächten Diakonie erhebliche Sorgen
05. November 2003
Auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist der Berliner Bischof Wolfgang Huber am Mittwoch in Trier zum neuen EKD-Ratsvorsitzenden gewählt worden. Der Nachfolger des rheinischen Präses Manfred Kock sprach im epd-Interview über die Schwerpunkte seiner Arbeit. Die Fragen stellten Renate Kortheuer-Schüring und Thomas Schiller.
epd: Was sind Ihre wichtigste Aufgaben in den nächsten Jahren?
Huber: Ich stelle die missionarische Ausrichtung der Kirche an den Anfang. Dabei denke ich nicht so sehr an missionarische Einzelaufgaben, sondern an die Grundhaltung, aus der heraus wir als Kirche leben und arbeiten. Mir geht es darum, dass sich im kirchlichen Alltag die Freude der Gemeinde am gemeinsamen Gestalten und Feiern verbindet mit einer Offenheit für die Menschen im Umkreis, für die distanzierten Mitglieder genauso wie für diejenigen, die ganz außerhalb stehen.
epd: Welche Kernergebnisse ziehen Sie aus der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung?
Huber: Wir müssen als Kirche auf alle drei Gruppen in gleicher Weise ausgerichtet sein: auf diejenigen, für die die Zugehörigkeit zur Kirche zum Kern ihrer Existenz gehört, für diejenigen, die Christen sind, aber von ihrer Kirchenzugehörigkeit nur gelegentlich Gebrauch machen und für diejenigen, die außerhalb der Kirche stehen. Das ist die Grundeinsicht, die sich aus der Kirchenmitgliedschaftsstudie ergibt.
Jetzt ist erstmals auch die Einstellung von Nicht-Kirchenmitgliedern erfragt worden. Dabei sieht man, dass sie keineswegs durch Desinteresse geprägt sind, sondern dass auch sie Fragen nach dem Sinn des Lebens stellen und Erwartungen an die christliche Prägung unserer Gesellschaft haben - interessanterweise im Osten deutlicher als im Westen.
epd: Glauben Sie, in ihrer Amtszeit sinkende Mitgliederzahlen aufhalten zu können?
Huber: Man muss ganz nüchtern den demographischen Faktor sehen. Wir können die Demographie nicht kirchlich verändern, aber wir müssen fragen, wie es in der Gesellschaft um den Mut zur Zukunft bestellt ist, wenn immer weniger Paare sich für Kinder entscheiden. Hier liegt eine große Aufgabe für die Kirchen. Es geht darum, dass der Mut zur Zukunft Gestalt gewinnt.
epd: Knüpfen Sie in Ihrer Haltung zu den Sozialreformen der Bundesregierung nahtlos an die Haltung Ihres Vorgängers an?
Huber: Ich knüpfe nahtlos an das an, was Manfred Kock getan hat: sowohl in seiner grundsätzlichen Ermutigung zu Reformen als auch in der Nähe zu den Menschen und ihrer Lebenssituation. Wir sollten nicht nur abstrakt über Reformen zu reden, sondern konkreter fragen, was diese Reformen mit den Menschen tun?
epd: Wo sehen Sie bei den Plänen der Bundesregierung derzeit Defizite?
Huber: Die Situation von bestimmten Bevölkerungsgruppen wird nicht zureichend wahrgenommen. Das sieht man exemplarisch an der Situation von älteren Arbeitslosen. Wenn man die Arbeitslosenhilfe verkürzt, setzt das voraus, dass Menschen aus der Arbeitslosigkeit auch wieder herauskommen können. Dann braucht man andere Initiativen, um Älteren, die ihren Arbeitsplatz verlieren, nicht die Zwangsläufigkeit vor Augen zu stellen, dass sie nie wieder in bezahlte Arbeit zurückkehren können. Denn sonst wirkt es auf sie zynisch, wenn man ihnen nur sagt: Arbeitslos bleibst Du, aber Arbeitslosenhilfe über längeren Zeitraum hast Du nicht zu erwarten.
epd: Wird mit den Sozialreformen mehr Arbeit auf die Diakonie zukommen?
Huber: Auf die Diakonie kommt in ihren jetzigen Arbeitsfeldern ein erhebliches Maß an Sorgen zu. In dem Maß, in dem eine Nichtbewältigung der Reformaufgaben eine höhere Altersarmut zur Folge hätte, wäre dies einer der Bereiche. Aber zunächst haben wir solche Folgen zu verhindern. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass die Diakonie arbeitsfähig bleibt.
epd: Zum Kopftuchstreit: Befürworten Sie Landesgesetze, die muslimische Lehrerinnen in öffentlichen Schulen das Tragen eines Kopftuchs verbieten?
Huber: Die gesetzliche Klärung ist ganz unausweichlich geworden durch das Bundesverfassungsgericht. Ein einfacher Verzicht auf eine solche Regelung wäre nicht zu verantworten. Das würde nur aussagen: Es ist uns egal. Und egal kann uns das Thema auf gar keinen Fall sein. Die Ausgestaltung der Gesetze will ich mal auf sich beruhen lassen. Aber das Signal, das mit der Haltung «Es kümmert uns nicht» gesetzt würde, unterschätzt die symbolische Bedeutung des Kopftuchs auf jeden Fall.
epd: Sie sind als Ratsvorsitzender gleichzeitig Hauptstadt-Bischof. Steigt dadurch die Einflussmöglichkeit der evangelischen Kirche auf die Politik?
Huber: Das sollen andere beurteilen. Es hat sich zuletzt als sehr gut erwiesen, dass der Ratsvorsitzende der EKD, der Bevollmächtigte bei der Bundesregierung und der Berliner Bischof zusammenwirken konnten. Es war zu spüren, dass das in einer wunderbaren Kooperation geschehen ist. Insofern ist das kein Gesichtspunkt für die Wahl des Ratsvorsitzenden. Ich werde mir gewiss manches Mal wünschen, dass es noch jemand anderen gibt, der einen Teil der Aufgaben übernimmt, die jetzt auf mich zukommen.
epd: Kann der Strukturreform-Prozess der EKD noch kippen?
Huber: Die Strukturreform ist auf dem Weg. Ich bin zuversichtlich, dass sie erfolgreich sein wird. Ich hoffe, dass wir damit nicht zu viel Kräfte und zu viel Zeit binden. In trockenen Tüchern ist sie erst, wenn sie fertig ist.
epd: Wie lange wird das noch dauern?
Huber: Bis zur nächsten EKD-Synode dauert noch die heiße Phase. Danach werden wir noch die Zustimmung der Gliedkirchen brauchen. Also: Bis 2005 wird uns das Ganze beschäftigen.
epd: Welche Impulse wollen Sie in der evangelisch-katholischen Ökumene setzen?
Huber: Ich hoffe, dass wir Fortschritte in der gottesdienstlichen Gemeinschaft unserer Kirchen machen. Ökumene ist immer so stark, wie sie vom gemeinsamen Gottesdienst und Gebet getragen ist. Wir werden auch in Zukunft zu vielen wichtigen Fragen in der gleichen Richtung aktiv sein. Deutlich ist allerdings, dass auch Unterschiede ihr Gewicht behalten oder an manchen Stellen sogar stärker heraustreten. Ich hoffe es wird uns gelingen, beides gut miteinander im Gleichgewicht zu halten.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)
Endlich Urlaub
Wolfgang Huber - Kolumne in der B.Z.
14. Juli 2006
Die einen bleiben zu Hause, die anderen machen sich auf den Weg: Endlich Urlaub! Meine Gedanken gelten heute denen, die eine Reise vor sich haben. Lange wurde darauf gespart. Kataloge und das Internet wurden durchstöbert; zwischen Gebirge oder Meer wurde entschieden; Campingplatz, Ferienwohnung oder Hotel wurden sorgfältig ausgewählt. Ein entspannter Urlaub soll es werden, damit die Last des Arbeitsjahres abfällt und die Kräfte sich erneuern. Endlich nicht früh aufstehen, nicht in den Betrieb oder ins Büro gehen, nicht kochen und keine Betten machen! Neben die Hoffnung, von der Last des Alltäglichen befreit zu sein, treten ganz persönliche Wünsche. Die Auswahl ist groß: Mehr Sport treiben, die geschenkten Bücher lesen und vor allem Zeit für Partnerin oder Partner und für Kinder oder Enkel haben. Die Tage sollen ganz in Ruhe vergehen, damit auch Zeit bleibt, die Seele zu streicheln.
Aber was geschieht, wenn es ganz anders kommt als geplant? Regen statt Sonne, genervte Kinder statt fröhlicher Spiele, Streit über den Tagesplan statt Ferienharmonie? Manchmal wird den Kindern die elterliche Zuwendung zu viel; und auf dem engen Raum eines Ferienquartiers werden manche Gewohnheiten der nächsten Angehörigen plötzlich lästig. Ungewohnte Betten und Straßenlärm statt der ersehnten Ruhe. Wie schnell geraten die schönsten Wochen im Jahr zur familiären Belastungsprobe! "Einer ertrage des anderen Last" - die biblische Weisung für diese Woche rückt plötzlich bedrohlich nahe.
Wir haben feste Vorstellungen, wie unser Urlaubstraum sich zu erfüllen hat. Aber vielleicht machen wir uns gerade damit das Leben selbst unnötig schwer. Mehr innere Gelassenheit tut gut. Dann fällt es auch leichter, andere Menschen nicht in unser Urlaubstraumbild hineinzupressen. In unserer Verschiedenheit können wir uns mit Liebe und Nachsicht ansehen und auch an den eigenen wie an fremden Kindern, an der Partnerin oder dem Partner Neues entdecken.
Mein Tipp für erholsame Ferientage: Sich nicht zu viel vornehmen, sich für den Ort und die Menschen öffnen und sich durch die fremden Gewohnheiten bereichern lassen. Vielleicht entwickeln sich die schönsten Wochen in diesem Jahr anders als erwartet. Lassen Sie sich von dem Neuen überraschen! Wer mit einer inneren Gelassenheit aufbricht, gewinnt einen freien Blick für die Schönheit und den Reichtum des Lebens und kann einstimmen in den biblischen Psalm: "Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat."
"Von Wittenberg über Dresden nach Berlin"
Bericht über den Reformprozess auf der EKD-Ebene bis zur konstituierenden Sitzung der Steuerungsgruppe am 13. Februar 2008 in Berlin
23. Februar 2008
1. Hintergrund und Klärungen im Jahre 2007
Nach der Veröffentlichung des Impulspapiers "Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" am 6. Juli 2006 hat es eine lebhafte Debatte um den Zukunftskurs der evangelischen Kirche gegeben. Das Jahr 2007 hat daher ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die verschiedenen Handlungsebenen und Handlungsschritte auf der EKD-Ebene, aber auch in den Gliedkirchen und Kirchenkreisen über die Fortsetzung des gemeinsamen Reformbestrebens geklärt werden, so dass Verabredungen getroffen und Perspektiven eröffnet werden können.
Den Auftakt machte der sog. Zukunftskongress in Wittenberg vom 25. - 27. Januar 2007, auf dem verschiedenen Richtungen und Ansätze in der evangelischen Kirche zu sehr konstruktiven Diskursen über den Zukunftsweg der evangelischen Kirche zusammenfanden.
Im Anschluss wuchs die Einsicht, dass die Reformanstrengungen nur dann erfolgreich vorangetrieben werden können, wenn die Gliedkirchen zu "Subjekten der Bewegung" würden. Eine hohe Bereitschaft dazu zeigte sich nicht zuletzt darin, dass alle Gliedkirchen bis zum Sommer 2007 ihre zentralen Reformprojekte und -kompetenzen benannten, so dass eine Art Schaufenster der Reformanstrengungen entstand, in das alle Gliedkirchen ihre Projekte hineinstellten und ihre Bereitschaft zur intensiveren Zusammenarbeit signalisierten.
Der bestimmende Eindruck dieses Schaufensters ist die Fülle und der Reichtum an Kompetenzen und Ideen im deutschen Protestantismus, die allerdings oftmals nur von regionaler Reichweite sind. Aber gerade diese Stärke erweist sich auch als Gefahr, insofern die Vielzahl von Möglichkeiten und Anregungen zu unnötigen Doppelarbeiten führt und eine klare Orientierung erschwert. Es war daher ein unumgänglicher und substanzieller Schritt, dass sich Rat, Kirchenkonferenz und Synode im Laufe des Jahres 2007 auf die inhaltlichen Schwerpunkte einigten, die es im weiteren Verlauf besonders zu verfolgen gilt.
Nach der Grundregel, dass lediglich eine Konzentration der Themen und Kräfte die Verheißung einer wirksamen Reformumsetzung in sich trägt, haben sich sowohl die Synode der EKD als auch der Rat und die Kirchenkonferenz unabhängig voneinander, aber dennoch konvergierend mit der Frage intensiv beschäftigt, welche Kernpunkte der Reformanstrengungen aus der Fülle der Optionen gewählt werden sollten.
Die 6. Tagung der 10. Synode in Dresden beschloss eine Kundgebung mit dem Titel "evangelisch Kirche sein", aus der hervorgeht, dass die Leitbegriffe Gottesbegegnung, Lebenserneuerung und Gemeinschaft die drei Grundkategorien sind, an denen sich die evangelische Kirche in ihren Aufgaben und Handlungen messen lassen will. Im Grunde hat also die Synode mit diesen drei Themenbereichen die zentralen Felder bestimmt, innerhalb deren auch die Reformanstrengungen der Kirche vorankommen sollen. Entsprechend zielen die konkreten Beschlüsse der Synode auf eine Stärkung des "gemeinsam reden, gemeinsam handeln, gemeinsam leiten".
Parallel dazu haben sich Rat und Kirchenkonferenz in mehreren Klärungsschritten darauf einigen können, folgende drei Themen zu Schwerpunktthemen der Reformen auf der EKD-Ebene zu erklären:
- Qualität entwickeln (besonders in Gottesdienst und Kasualien)
- Missionarische Kompetenz stärken
- Leitung und Führung auf allen kirchlichen Ebenen stärken.
2. Aufbruch in der Kirche mit neuer Dynamik
Trotz der unterschiedlichen Zugangswege haben also die drei Organe der EKD-Ebene zu ganz ähnlichen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen für den weiteren Reformprozess gefunden. Gemäß dem Grundsatz, dass die Form dem Inhalt folgen solle, führte dies dazu, dass im Zusammenwirken der drei Leitungsorgane der EKD eine Steuerungsgruppe berufen wurde, für die die Synode der EKD, die Kirchenkonferenz und der Rat jeweils vier Personen vorgeschlagen haben. Die Steuerungsgruppe besteht aus folgenden Personen (in Klammer jeweils das entsendende Gremium):
- Präsidentin Brigitte Andrae (Kirchenkonferenz),
- Dr. Peter Barrenstein (Rat),
- Landesbischof Jochen Bohl (Kirchenkonferenz),
- Vizepräses Petra Bosse-Huber (Kirchenkonferenz),
- Synodenpräsident Gerhard Eckels (Synode),
- Synodenpräsidentin Margit Fleckenstein (Rat),
- Bischof Dr. Wolfgang Huber (Rat),
- Dr. Johann Daniel Noltenius (Kirchenkonferenz),
- Christoph Otto (Synode),
- Direktorin Marlehn Thieme (Rat),
- Präses Dr. Karl-Heinrich Schäfer (Synode),
- Synodenpräsidentin Heidi Schülke (Synode)
Darüber hinaus wurden mit beratender Stimme Herr Präsident Klaus-Dieter Kottnik vom Diakonischen Werk der EKD und Herr Direktor Christoph Anders vom Evangelischen Missionswerk in die Steuerungsgruppe berufen.
Die Steuerungsgruppe hat die grundlegende Aufgabe, eine Abstimmung unter den drei Leitungsorganen der EKD in der Art zu ermöglichen, dass der Reformprozess gemeinsam getragen und vorangebracht werden kann. Die Arbeit der Steuerungsgruppe zielt auf die Koordination und Verzahnung von Entscheidungen und auf die Beförderung und kritische Begleitung von Reformprojekten; unbeschadet der Kompetenz des Rates der EKD, des Arbeitsausschusses der Kirchenkonferenz und des Präsidiums der EKD-Synode hat die Steuerungsgruppe die Möglichkeit, Aufträge zur Vorbereitung von Vorlagen für Rat, Kirchenkonferenz und Synode der EKD zu erteilen. Im Einzelnen soll die Steuerungsgruppe
- die Planung des Reformprozesses in den Jahren 2008 - 2009 vorantreiben und Mitverantwortung dafür übernehmen, dass am Ende dieses Zeitraums ermutigende Ergebnisse oder Teilergebnisse zustande kommen;
- sich an der Vorbereitung von Beschlüssen von Rat, Kirchenkonferenz und Synode beteiligen und
- selbst Initiativen ergreifen und Vorschläge für einzelne Schritte, Maßnahmen und Beschlussfassungen machen.
Mit der Einrichtung der Steuerungsgruppe verbindet sich die Erwartung, dass für den gemeinsamen Reformprozess ein neuer Grad an Geschlossenheit und Verbindlichkeit in der evangelische Kirche erreichen werden kann.
Unerlässlich für die Intensivierung des Reformprozesses sind aber auch Menschen, die engagiert die Dinge vorbereiten. Es ist daher ein deutliches Zeichen der Unterstützung des Reformprozesses, dass im Kirchenamt der EKD ein Projektbüro Reformprozess eingerichtet werden konnte, das mit vier, von Landeskirchen in großzügiger Weise freigestellten und hochengagierten Personen besetzt ist. Im Projektbüro Reformprozess arbeiten mit:
- Elisabeth Gebhardt (Dipl.-Theol.; finanziert von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau)
- Jürgen- Peter Lesch (Pfarrer der Evang. Kirche im Rheinland)
- Jonas Schiller (Pfarrer z.A. der Ev.-Luth. Kirche in Bayern)
- N.N. (Pfarrer der Evangelischen Kirche in Westfalen)
Die Organisation der Projektbüros obliegt Herrn OKR Dr. Thorsten Latzel; die Leitung haben die Abteilungsleiter Finanzen OKR Thomas Begrich und Kirchliche Handlungsfelder OKR Dr. Thies Gundlach inne, womit das Projektbüro eingebunden bleibt in die Verantwortungsstrukturen des Kirchenamtes der EKD.
3. Projektbüro Reformprozess und aktuelle Arbeitsschwerpunkte
Inzwischen hat die konstituierende Sitzung der Steuerungsgruppe am 13. Februar 2008 in Berlin stattgefunden. Die Steuerungsgruppe hat den Vorsitzenden des Rates der EKD, Bischof Dr. Wolfgang Huber, zum Vorsitzenden der Steuerungsgruppe und Frau Vizepräses Petra Bosse-Huber zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.
In der Sitzung hat die Steuerungsgruppe wichtige Perspektiven für die weitere Reformarbeit benannt:
- Der Reformprozess soll möglichst transparent gemacht werden, Ergebnisse und wichtige Entwicklungen im Reformprozess sollen in angemessener Form veröffentlicht werden, Internet-Auftritte unter der Überschrift "Kirche im Aufbruch" verstärkt und die weitere Diskussion durch regelmäßige Berichte über den Stand der Reformaktivitäten in den Medien angeregt werden. So sollen eine gute Verzahnung mit den Prozessen in den Gliedkirchen und ein enger Informationsaustausch z.B. auch mit den Präsides der Landessynoden gelingen.
- Darüber hinaus soll zum 31. Oktober eine Internetplattform "Kirche im Aufbruch" freigeschaltet werden, die Informationen für die vier Ebenen Gemeinde, Kirchenkreis, Gliedkirche und EKD enthält. Diese Internetplattform wird sich dadurch auszeichnen, dass sie einen Gesamtüberblick über Ideen, Angebote und Projekte in den Bereichen Innovation, Reform und Mission auf allen vier kirchlichen Ebenen,
- ein hohes Maß an Nutzerfreundlichkeit,
- eine große Anzahl von Beiträgen für die verschiedenen Handlungsfelder und Ebenen,
- eine garantiert hochwertige Qualität der Beiträge und
- eine hohe Aktualität der Beiträge bietet.
Um die Bedürfnisses der potenziellen Nutzer genauer zu ermitteln, fanden im Februar 2008 zwei Veranstaltungen statt, bei denen sowohl Vertreter aus Gemeinden und Kirchenkreisen als auch aus den Landeskirchen ihre Überlegungen zu Konzept und Erwartungen an eine solche Plattform in den Prozess der Gestaltung einbringen konnten.
Noch weiter in die Zukunft greift die für 24. - 26. September 2009 geplante dreitägige Zukunftswerkstatt. Es handelt sich um eine Art Fachmesse, auf der "good-practice"-Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen der evangelischen Kirche präsentiert werden können. Anders als bei der Internetplattform können die Beispiele hier in der direkten Begegnung präsentiert und erörtert werden. Als eine Art Fachmesse wird sich die Zukunftswerkstatt vor allem an Multiplikatoren aus Kirchenkreisen, Gliedkirchen und Werken wenden, die in den jeweiligen Reformprozessen engagiert sind.
Über diese eher organisatorischen Reformprojekte hinaus sind von der Steuerungsgruppe vor allem noch folgende Themen erörtert und nächste Schritte eingeleitet worden:
a) Kompetenz-Zentren
Schon im Jahre 2007 gab es Befragungen zur "Vernetzung gliedkirchlicher Beiträge zum Reformprozess innerhalb der EKD" auf den drei Ebenen Gliedkirchen, gliedkirchliche Kooperationen und Gemeinschaft. Auf der Ebene der Gliedkirchen wurde gefragt, bei welchen Reformthemen eine Gliedkirche Erfahrungen an andere weitergeben kann (Botschafterthemen) und bei welchen Themen ihrerseits ein Bedarf an solchen Hinweisen von anderen besteht (Kundschafterthemen), auf der Ebene der Kooperation einzelner Gliedkirchen wurden - neben den bestehenden Kooperationen - Kooperationsangebote und Kooperationswünsche erhoben, und auf der Ebene der Gemeinschaft aller Gliedkirchen wurde nach (potenziell) EKD-weiten Kompetenz-Zentren gefragt, die in der Gliedkirche vorhanden sind bzw. deren es aus Sicht der Gliedkirche bedarf.
In der Diskussion der Steuerungsgruppe wurden unterschiedliche Hinweise zur Überarbeitung der konzeptionellen Überlegungen gegeben; dabei geht es u.a. um die Frage der Finanzierung, die Berücksichtigung der Ergebnis-Qualität neben der Arbeits-Qualität, die notwendige Beibehaltung der im Impulspapier angebahnten Unterscheidung zwischen Dienstleistungs- und Kompetenz-Zentren, die Berücksichtigung der regionalen Zentren im Zusammenhang mit den gesamtkirchlichen Herausforderungen und die Aufnahme eines zusätzlichen Kriteriums einer regelmäßigen systematischen Rückmeldung über die Aufrechterhaltung der angefragten Kompetenz.
b) Leitung und Führung
In der ersten, orientierenden Diskussion zu diesem zweiten Schlüsselthema des Reformprozesses wurde herausgestellt, dass elementare Qualifikationen im Bereich von (Personal-) Führung auch die Basis jeder spezifisch kirchlichen Führungskompetenz seien. Oftmals fehlten nicht nur die grundlegenden Kenntnisse und Qualifikationen in diesem Bereich, sondern ihre Vermittlung werde vermieden mit dem Hinweis, man müsse ja eine besondere Art "geistlicher Leitung" erlernen.
In die Arbeit an diesem Thema sollen auch die bestehenden Netzwerke Gemeindeberatung/Personalentwicklung und die nun neu mit einer Leitungsperson besetzte Führungsakademie für Kirche und Diakonie in Berlin (Sitz neuerdings im Berliner Dom) einbezogen werden.
c) Workshop zur Qualitätsentwicklung
Nicht nur die Gliedkirchen, sondern auch verschiedene Gremien und Ausschüsse an Hochschulen und Fortbildungsinstituten beschäftigen sich mit dem Thema Qualitätsentwicklung von Gottesdiensten. Um diese vielfältigen Diskussionen aufzunehmen, zu vernetzen und weiterzuführen, wird es einen ersten Workshop zu den Methoden und Kriterien gottesdienstlicher Qualitätsentwicklung am 22. und 23. Februar in Hannover unter dem Titel "Qualitätsentwicklung von Gottesdiensten - Von anderen lernen" geben. Eingeladen wurden hierzu Vertreter/innen der gottesdienstlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung in den Gliedkirchen, Universitätstheologen/innen, Vertreter/innen der Gliedkirchen, Vertreter/innen der Pfarrerschaft, Kirchenmusiker/innen, Mitarbeiter/innen des Sozialwissenschaftlichen Instituts und sog. "Externe", die aus ihren jeweiligen Verantwortungsbreichen in Hotelmanagement, in Kunstkreisen oder Unternehmensberatungen über Qualitätssicherungsmaßnahmen berichten. Ein Bericht über die Ergebnisse dieses Workshops wird baldmöglichst auf der Homepage der EKD veröffentlicht.
d) Reformdekade "Kirche im Aufbruch" - Reformationsjubiläum 2017
Im Rahmen des Reformprozesses hat sich herauskristallisiert, dass es eine Reformdekade "Kirche im Aufbruch" geben soll, die sich konkret drei Zielen zu widmen hat:
- Stärkung des Reformationstages als "originär evangelischer Feiertag";
- inhaltliche Verzahnung der Themen Reform und Reformationstag, und
- kraftvolle Inszenierung des Reformationstages mit Themen des Reformanliegens durch öffentlich weithin wahrnehmbare Reformationstagsfeiern auf EKD-Ebene und in den Gliedkirchen.
Die Steuerungsgruppe begrüßt daher die erstmalige Erarbeitung eines EKD-Materialheftes für den Reformationstag 2008, das Anregungen zur intensiveren Gestaltung des Reformationstages aus den Gliedkirchen sammelt und das theologische Impulse, Ideen und Beiträge vermittelt.
e) Wissenschaftliches Symposion zum Reformprozess
Unter der Leitfrage "Welche Theologie braucht es in den gegenwärtigen
kirchlichen Herausforderungen?" soll ein eigenes Symposion Kirchenleitung und Theologie im Blick auf den Beitrag der wissenschaftlichen Theologie zum kirchlichen Reformprozess ins Gespräch bringen. Dazu werden Vertreterinnen und Vertreter verschiedener theologischer Perspektiven (u.a. aus Diakonie und Ökumene), Disziplinen (bes. Systematische Theologie, Praktische Theologie) und Hochschulen zusammen mit in kirchenleitender Verantwortung stehenden Personen eingeladen. Der genaue Termin wird derzeit noch eruiert, die Einladungen spricht der Rat der EKD aus.
Stand: 13. Februar 2008
Zentren der geistigen Orientierung werden 60
In Bad Boll am Fuß der Schwäbischen Alb entstand erste Evangelische Akademie
27. September 2005

Vor 60 Jahren ist die erste Evangelische Akademie in Deutschland gegründet worden. Mit «Tagen der Stille» begann am 29. September 1945 im baden-württembergischen Bad Boll die Akademiearbeit. Der Einladung des ersten Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und württembergischen Landesbischofs, Theophil Wurm (1868-1953), waren damals rund 160 Juristen, Ökonomen und Theologen gefolgt. Heute gibt es mehr als 40 evangelische und katholische Akademien in der Bundesrepublik als Orte der Gespräche zwischen Theologie, Kirche, Politik, Wissenschaft und Kultur.
Auch wenn die Akademien - seit Jahrzehnten als innovative Podien in der Gesellschaft bekannt - in den letzten Jahren durch kurzatmigere Angebote im Fernsehen Konkurrenz bekommen habe, bleiben sie für viele - Prominente und nicht Prominente - aus Politik, Wirtschaft und Kultur noch immer die geschützten Räume einer gepflegten Diskussionskultur jenseits einer medienbestimmten Öffentlichkeit. Die evangelischen Akademien sind seit 60 Jahren «Räume zur Reflexion».
Aus der Geschichte der Bundesrepublik sind die Evangelischen Akademien nicht wegzudenken. Gegründet wurden sie im Nachkriegsdeutschland als «Antwort von Christen auf die Zerstörung des Geistes, den Vertrauensbruch staatlicher Macht und den Völkermord durch die Nationalsozialisten». Im Westen Deutschlands galten sie bald als unverzichtbarer Teil und Impulsgeber politischer Kultur. In der ehemaligen DDR wurden sie zu einem der wenigen Orte kritischer Diskussion und Reflexion.
Die Bildungseinrichtungen finanzieren ihre Arbeit aus kirchlichen und öffentlichen Mitteln sowie Spenden und Tagungsbeiträgen. Besonders der Einbruch der Kirchenfinanzen macht den Bildungsträgern zurzeit zu schaffen. Seit der Schließung der Evangelischen Akademie Nordelbien mit ihren beiden Standorten in Hamburg und Bad Segeberg Ende 2003 gibt es in Deutschland statt 17 noch 16 der traditionsreichen «Zentren geistiger Orientierung».
Bericht aus dem "Dampfkessel" Teheran
Deutscher Pfarrer im Iran sieht nur geringe Chancen für Reformen
17. Juni 2009

Der deutsche evangelische Pfarrer in Teheran, Karl Jacobi, sieht die derzeitige Lage im Iran mit einer Mischung aus Hoffnung und Sorge. Die Toten bei den Massendemonstrationen nach der Präsidentenwahl vom Freitag seien ein "schlimmes Zeichen", sagte Jacobi in einem epd-Gespräch. Auf der andere Seite sei es gut, dass junge Leute bereit seien, für Freiheit und ihre Rechte einzutreten. Ein Sturm auf die Grundfesten der Islamischen Republik könnte jedoch mit einem harten Rückschlag beantwortet werden.
Der seit sechs Jahren in Teheran tätige Pfarrer sieht unter den Jugendlichen "ein enormes Potenzial, was Erneuerungswünsche betrifft". Darauf müsse die Führung des Landes eingehen. "Mit dem Unmut muss die Politik umgehen, sonst bleibt sie auf einem Dampfkessel sitzen." Auch wenn der Wahlverlierer Mir Hossein Mussawi eine stärkere Trennung von Staat und Religion anstrebe, sei die Frage, inwiefern diese überhaupt in der Islamischen Republik Iran möglich sei.
Das von Mussawis Anhängern infrage gestellte Wahlergebnis hält Jacobi für nicht völlig falsch, selbst wenn Unregelmäßigkeiten möglich seien: "Neun Millionen Stimmen Vorsprung für Mahmud Ahmadinedschad sind doch erheblich." Ein Einlenken Ahmadinedschads in manchen Punkten hält der Theologe für durchaus möglich. "Die Frage ist aber, ob das reicht, denn die Fronten sind ziemlich verhärtet." Die Strategie des Regimes scheine zu sein, den Demonstranten einen gewissen Spielraum zu geben, um so "Luft rauszulassen", sagte Jacobi.
Viele der rund 150 Mitglieder und Freunde der deutschsprachigen Gemeinde in Teheran bekämen die Proteste vor der eigenen Haustür mit, berichtete der Pfarrer. Unter ihnen seien zahlreiche Frauen, die seit langem mit Iranern verheiratet seien und schon die Revolution 1979 erlebt hätten. Insgesamt sei eine große Nervosität unter westlichen Ausländern zu spüren, von denen nur noch rund 3.000 im Land seien.
In einer Zeit, in der alles drunter und drüber gehe, wolle die Gemeinde "möglichst viel Normalität vertreten", einen Raum zum Austausch bieten und für Frieden und Gerechtigkeit beten, sagte Jacobi, dessen Amtszeit in Teheran Ende Juli ausläuft.
Was die Situation der Christen im Land angeht, ist der Theologe grundsätzlich pessimistisch. Seit den 80er Jahren sei die Zahl der Christen von rund 200.000 auf 85.000 gesunken. "Das ist nicht nur eine Frage der Politik, sondern auch der wirtschaftlichen Einschränkungen." Dieses im ganzen Nahen und Mittleren Osten bestehende Problem der Abwanderung von Christen bedeute auch, dass die Europäer vor Ort Gesprächspartner verlören. "Der Iran hat als Staat kein Interesse, hier die christliche Gemeinschaft zu halten", so Jacobi. (epd)
Kirche: "Wir müssen über Familienethos sprechen"
EKD-Ratsvorsitzender, Bischof Wolfgang Huber, im Interview mit der "Welt"
28. Oktober 2006
Bischof Wolfgang Huber ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. WELT.de sprach mit ihm über arme Kinder, den Dialog mit den Muslimen, die Ökumene und das künftige Profil seiner Kirche.
Von Gernot Facius
WELT.de: Die "Unterschicht"-Debatte dominiert derzeit den politischen Diskurs. Welche Konsequenzen hat das für Ihr kirchliches Handeln?
Wolfgang Huber: Die evangelische und die katholische Kirche haben schon 1997 in ihrem gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialwort darauf hingewiesen, dass zu den gefährlichen Entwicklungen in unserem Land die immer deutlichere Spreizung der Lebensverhältnisse gehört und dass unsere Solidarität und Aufmerksamkeit den Menschen gebührt, die von Armut bedroht sind oder schon in Armut leben. Wir haben deshalb damals die Bundesregierung aufgefordert, einen regelmäßigen Armuts- und Reichtumsbericht vorzulegen.
WELT.de: Aber damit ist die Gefahr, dass bestimmte Gruppen den Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung deshalb verlieren, weil sie keine Chance zur Beteiligung haben, nicht gebannt ...
Huber: ... und deshalb hat die EKD "gerechte Teilhabe" zum Schlüsselbegriff der Auseinandersetzung gemacht. Die anstehende EKD-Synode in Würzburg wird dies vertiefen. Der Grundsatz der gerechten Teilhabe lautet, dass jeder Mensch die gleiche Würde hat. Keiner darf verloren gegeben werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass Kinder, weil sie in Familien mit prekären Lebensverhältnissen geboren sind, diese Lebensverhältnisse einfach fortsetzen. Die EKD wird immer den Zusammenhang zwischen Armut und Bildung thematisieren.
WELT.de: Ist das Großthema Familie nicht auch von den Kirchen recht spät erkannt worden?
Huber: Seit Jahren setzt sich die evangelische Kirche in vielfältigen Formen verstärkt für Familien ein. Aber tatsächlich ist das Thema in unserer Kirche erst spät in einer so konzentrierten Form aufgenommen worden, dass es nach außen hin bemerkbar war. Wir müssen aber nicht nur über Familienpolitik, sondern mit der gleichen Intensität über Familienethos sprechen.
WELT.de: Das heißt?
Huber: Bei allem Respekt davor, dass es eine Vielfalt von Lebensformen gibt, dürfen wir doch nicht verkennen, warum das Miteinander der Generationen auf der Basis der Zusammengehörigkeit von Mann und Frau in der Ehe auch im 21. Jahrhundert eine herausgehobene, im besonderen Sinn auch schützenswerte Lebensform ist. Die abfällige Rede von der Familie als Auslaufmodell hat niemandem genützt. Aber sie hat vielfältigen Schaden angerichtet. Es ist an der Zeit für einen Neuanfang.
WELT.de: Die Jahre 2005 und 2006 wurden in den Medien als "katholische Jahre" eingestuft. Wird es auch einmal ein "evangelisches Jahr" geben?
Huber: Das eine schließt doch das andere nicht aus. An den herausragenden Ereignissen in der katholischen Weltkirche haben wir auch als Evangelische intensiv teilgenommen. In der gleichen Zeit gab es auch herausragende evangelische Ereignisse. Die Weihe der Dresdener Frauenkirche war ein Ereignis, dessen Ausstrahlung zehn Jahre vorher niemand so erwartet hätte. Ebenfalls 2005 haben wir den großen Kirchentag in Hannover erlebt. Ich werde nie für ein "evangelisches" Jahr plädieren, jedenfalls nicht unter dem Gesichtspunkt, die katholische Kirche in irgendeiner Weise in den Schatten stellen zu wollen. Als christliche Kirchen sollten wir miteinander unserer Aufgabe nachkommen, das Evangelium zum Leuchten zu bringen. Das schließt ein, dass die Profile der Kirchen auch in ihrer Unterschiedlichkeit erkennbar sind.
WELT.de: Der deutsche Papst und die Ökumene: Konkrete Schritte nach vorn sind bisher ausgeblieben. Sind Sie enttäuscht?
Huber: Nein. Während des Besuches des Papstes in seiner Heimat wurde der bayerische Landesbischof Friedrich, der Mitglied des Rates der EKD ist, intensiv einbezogen. Zudem hat Benedikt XVI. Einsichten fruchtbar gemacht, die beiden Kirchen gemeinsam sind. Das schließt nicht aus, dass wir uns mit manchen seiner Äußerungen kritisch auseinandersetzen. Das tun wir aber nicht aus Enttäuschung, sondern weil wir ihn sehr ernst nehmen und seine Diskussionsbeiträge wertschätzen. Ich nehme mit Respekt wahr, dass Benedikt XVI. sich für die Weiterentwicklung unserer Kirche interessiert. An ökumenischer Bereitschaft fehlt es bei ihm sicherlich nicht, auch wenn er bei früherer Gelegenheit die landeskirchliche Verfassung der evangelischen Kirchen in einer Weise interpretiert hat, die unserem Selbstverständnis überhaupt nicht entspricht. Und er hat in seinem Fernsehinterview die unterschiedlichen Strömungen des Protestantismus betont, ohne deren Zusammengehörigkeit zugleich ins Licht zu setzen.
WELT.de: Sie betonen seit zwei Jahren die Schärfung des evangelischen Profils. Heißt das Abgrenzung von der römischen Kirche?
Huber: Es geht darum, das Profil und den Auftrag der evangelischen Kirche als Kirche der Freiheit aus sich heraus deutlich zu machen. Das geschieht nicht im Geist einer Abgrenzung, sondern in dem Bewusstsein, dass das, was uns verbindet, gewichtiger ist als das, was uns trennt. Auch das "evangelische Profil" hat ja keinen anderen Sinn als den, in den Dienst des Evangeliums selbst zu treten.
WELT.de: Erkennen Sie auch evangelische Defizite in der Ökumene?
Huber: Die selbstkritische Wahrnehmung unserer Situation schließt ein, dass wir gewillt sind, von anderen Kirchen zu lernen.
WELT.de: Zum Beispiel?
Huber: Ein wichtiges Beispiel für ökumenische Lernprozesse ist die wachsende Aufmerksamkeit im evangelischen Bereich für die liturgische Gestaltung des Gottesdienstes. Wir wollen erreichen, dass mehr Evangelische Freude am Gottesdienst empfinden und das Gefühl Dankbarkeit entwickeln, weil der Gottesdienst sie geistlich aufbaut. Dazu gehört ein neues Miteinander von Predigt und Liturgie, Feier und Nachdenklichkeit.
WELT.de: Die EKD führt seit zwei Jahren einen Dialog mit Muslimen. Hat sich auf Seiten des Gesprächspartners etwas verändert?
Huber: Ich bemerke drei Entwicklungen. Das eine ist das Bemühen islamischer Verbände, deutlicher mit einer Stimme zu sprechen. Das Zweite ist eine wachsende Bereitschaft, kritische Fragen anzusprechen, die in der Folge auch Rückfragen nach der Bedeutung des Korans oder der Scharia auslösen. Das Dritte ist, dass sich diejenigen Muslime deutlicher bemerkbar machen, die eine Weiterentwicklung des Islam anstreben. Ich lege großen Wert darauf, dass wir solche Bemühungen ernst nehmen. Wir können uns weder eine Verharmlosung problematischer Entwicklungen leisten, noch Gleichgültigkeit gegenüber den Stimmen, die im Islam selber eine Erneuerung anstreben.
WELT.de: In Frankreich hat sich der Staat zum Einrichter einer islamischen Institution gemacht, der für ihn Ansprechpartner ist. Wäre dieser Weg nach unserem Grundgesetz möglich?
Huber: Ein solcher Weg wäre nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Und man muss auch klar sagen: Wenn der Staat sich zum Einrichter eines islamischen Religionsunterrichts macht, inklusive dessen, dass Inhalte dieses Unterrichts staatlich verfügt werden, und sei es auch mit Hilfe der türkischen Religionsbehörde, so ist das auch ein Verstoß gegen Buchstaben und Geist des Grundgesetzes. Deshalb brauchen wir auf islamischer Seite eine Repräsentanz, die klar verantwortlich ist für die Grundsätze des islamischen Religionsunterrichts.
WELT.de: Teilen Sie Wolfgang Schäubles Hoffnungen auf einen "deutschen Islam"?
Huber: Zu der Aufgabe, einen deutschen Islam hervorzubringen, gibt es keine Alternative. Allerdings darf man sich keine Illusionen darüber machen, wie schwer diese Aufgabe sein wird. Wer sich jedoch in anderen Ländern umschaut, sieht, dass der Islam sich weiterentwickelt. Der Islam bei uns bleibt davon nicht unbeeinflusst. Diese Entwicklungen gegen den Islamismus zu stärken ist eine Schlüsselaufgabe unserer Gesellschaft.
Quelle: Die Welt vom 28. Oktober 2006
Sehnsüchte und Schmerzpunkte in der Ökumene
Chrismon-Interview mit Katrin Goering-Eckardt und Alois Glück zum Ökumenischen Kirchentag
28. April 2010
Begegnung - Katholisch? Evangelisch? Das war einmal, könnte es eines Tages heißen. Aber ist es das, was die Menschen wollen? Diese und viele andere Fragen beantworten Katrin Göring-Eckardt und Alois Glück in unserem großen Interview zum Ökumenischen Kirchentag im Mai in München. Zu dem Glaubenstreffen werden weit über 100.000 Gäste erwartet. Lesen Sie auch, warum der CSU-Politiker und oberste Laienkatholik Glück den Zölibat abschaffen will und was die grüne Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckardt an den Katholiken mag - obwohl sie allergisch gegen Weihrauch ist.
Die Fragen stellten Eduard Kopp und Bernd Buchner
evangelisch.de: Was ist, Herr Glück, evangelisch an Ihnen, dem obersten katholischen Laien in Deutschland?
Alois Glück: Ich habe viel gelernt von der evangelischen Kirche. Ich teile heute vollkommen das Verständnis des barmherzigen Gottes, und dass die Liebe Gottes nicht auf unserem Verdienst beruht. In meiner Kindheit hatte ich noch eine Leistungsreligion gelernt - wer brav ist, bekommt dafür die Gnade Gottes.
"Meine Schuhe sind viel schöner als die des Papstes"
evangelisch.de: Um was beneiden Sie die andere, die katholische Seite, Frau Göring-Eckardt?
Katrin Göring-Eckardt: Nicht um die roten Schuhe des Papstes - meine sind viel schöner. Aber im Ernst: Es gibt Momente in festlichen katholischen Messen, in denen mir der Gedanke kommt: Schade, bei uns Evangelischen geht es meist etwas karger zu. Dabei könnten wir anders, aber wir tun es nur viel zu selten. Wenn am Ende eines Gottesdienstes das Lied erklingt: "Großer Gott, wir loben dich", ein ursprünglich katholisches Lied, das ja zum Glück auch im evangelischen Gesangbuch steht, dann berührt mich das sehr.
Glück: Mich beeindruckt in den evangelischen Kirchen, wie sie sich intensiv mit der Lebenssituation der Menschen auseinandersetzen und darüber reflektieren, wie sie den Glauben immer neu den Menschen nahebringen können.
evangelisch.de: Ist die evangelische Kirche dichter an den Menschen dran?
Glück: Die evangelische Kirche ist mehr von diesem Ringen um den besten Weg geprägt. Die katholische Kirche hat im Vergleich dazu stärker den Reichtum - und die Last der Tradition.
evangelisch.de: Was können Sie an der anderen Kirche nicht ausstehen?
Glück: Dazu fällt mir auf Anhieb nichts ein ...
Göring-Eckardt: ... mich stören die autoritären Strukturen. Dass es am Ende einer Debatte einen gibt, der sagt: So wird es gemacht! Da empfinde ich auch Solidarität mit Katholiken, die sich damit schwertun.
Glück: Ich habe evangelische Freunde, die sagen: Uns fehlt ein solcher Kristallisationspunkt wie der Papst. Er gibt Orientierung.
Göring-Eckardt: Aber doch nicht als den einen, der am Ende alles bestimmt. So etwas hilft uns Evangelischen überhaupt nicht. Zum Glauben und zum Leben gehören doch das Ringen um den richtigen Weg, das Zweifeln, es gehört dazu, den eigenen Weg mit Gott zu finden.
Glück: Ein wichtiges Zeugnis ist ja auch, wie wir mit unseren Meinungsverschiedenheiten umgehen. Ich beobachte, dass es einen Trend gibt, die eigene konfessionelle Identität zu betonen, eben aus der Angst heraus, sie zu verlieren.
evangelisch.de: Hand aufs Herz - wollen Sie beide die Einheit der Kirchen? Wollen Sie, dass Ihre Kinder und Enkel nur noch eine christliche Kirche vorfinden?
"Einheit ja, Einheitlichkeit nein"
Glück: Ich würde es gut finden: eine christliche Kirche, die aber eine Vielfalt in sich hat. Einheit ja, Einheitlichkeit nein. Die christlichen Kirchen in der Welt haben ohnedies eine breite kulturelle Vielfalt. Schon die katholische Binnenpluralität ist weltweit sehr groß. Davon dürfte nichts verloren gehen. In bin gegen Uniformität. Und erst recht gegen einen Alleinvertretungsanspruch einer Konfession gegenüber allen anderen. Das ist auch manchmal das Problem unserer römisch-katholischen Kirche.
Göring-Eckardt: Wir sind getauft, wir glauben an Jesus Christus. Darin sind wir "eine Kirche". Aber Einheit im Sinne von Einheitlichkeit kann auch Verlust sein. Erst einmal ist es doch Reichtum, wenn wir unseren Glauben unterschiedlich leben können. Diese Vielfalt ist ja auch der Inhalt von Ökumene und nicht Vereinheitlichung. Wir schauen, was können wir zusammen tun, und hoffen, dass es mehr wird. Aber als Ossi habe ich ein Problem damit, wenn eine Seite der anderen beitreten soll. Was ich spätestens für meine Enkel wünsche: dass sie sich ganz zwanglos in der anderen Kirche bewegen können. Vielleicht sind wir eines Tages auch beim Abendmahl so weit.
evangelisch.de: Warum jetzt noch nicht?
Göring-Eckardt: Es gibt theologische Fragen zu klären. Ich sehe aber im Moment nicht viele, die die theologische Diskussion darüber führen wollen.
evangelisch.de: Haben Sie Verständnis für die Haltung: Auf Gemeindeebene ist manches möglich, was kirchenoffiziell nicht erlaubt ist?
Göring-Eckardt: Auf der Gemeindeebene läuft ganz viel zwischen den Konfessionen: gemeinsame Feste, Besuche bei anderen, in Baden sogar eine gemeinsame Liturgie zur Trauung, gemeinsames soziales Engagement ...
evangelisch.de: Sie wissen doch, wovon wir reden - vom gemeinsamen, unerlaubten Abendmahl.
Göring-Eckardt: Es ist doch schon einiges möglich, was offiziell auch erlaubt ist. Die Abendmahlfeier nach den Regeln von Taizé, auch wenn dort jede Konfession zu ihrem Tisch geht, auf dem die eigenen Gaben stehen. Das funktioniert. Ich finde es nicht richtig, die theologischen Unterschiede einfach zur Seite zu schieben.
"Ausschluss vom Abendmahl ist nicht nachvollziehbar"
Glück: Das ist der eigentliche Schmerzpunkt: die Situation in der konfessionsverschiedenen Ehe und Familie. Wenn man die Menschen in den Mittelpunkt stellt, müsste dieses seit Jahrzehnten virulente Problem gelöst werden. Es müsste für die Familie mehr Gemeinsamkeit erlaubt werden. Sonst kommt es eventuell zur Entfremdung von der Kirche. Der Ausschluss vom gemeinsamen Abendmahl ist für viele Menschen schlichtweg nicht mehr nachvollziehbar. Übrigens wurde früher in viel mehr Fällen in den Gemeinden entschieden, wie man sich verhält. Gegenwärtig wird manches restriktiver gehandhabt.
Göring-Eckardt: Wir haben etwas Großartiges auf dem Ökumenischen Kirchentag im Mai: ein orthodoxes Mahl an 1.000 Tischen in der Münchner Innenstadt. Bei der sogenannten Artoklasia, die in der orthodoxen Kirche traditionell am Vorabend großer Feste gefeiert wird, bekommen alle Teilnehmer gesegnetes Brot. Sie erinnert an den Wunderbericht im Matthäusevangelium mit der Speisung der Fünftausend. Es ist ein besonderes, für viele noch ungewohntes Zeichen unserer Gemeinschaft am Tisch des Herrn.
evangelisch.de: Bekanntlich spricht der Papst den evangelischen Kirchen ihr Kirchesein ab. Herr Glück, ist Frau Göring-Eckardt eigentlich Mitglied einer wirklichen, einer vollgültigen Kirche?
Glück: In meinem Verständnis ja. Ich habe da keine komplizierten theologischen Ziselierungen und Unterscheidungen. Für mich: Ja!
evangelisch.de: Sind evangelische Geistliche vollwertige Geistliche? Oder gilt immer noch: Sie haben einen (katholisch gesprochen) defectus ordinis - einen Mangel des Amtes? Fehlt da also was?
Glück: Das hängt mit dem jeweiligen Amtsverständnis zusammen. Es ist wichtig, sich gegenseitig zu respektieren. Aber wenn ich richtig informiert bin, dann wollen die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer ja gerade nicht Priester im katholischen Sinne sein. Deshalb gibt es hier eigentlich keinen Dissens. In meinem Leben gab es eine ganz selbstverständliche Zusammenarbeit mit evangelischen Christen: früher bei der Landjugend in Bayern wie in der bayerischen Politik. Ich entdecke da aber noch viel theologisches Neuland.
evangelisch.de: Frau Göring-Eckardt, können Sie verstehen, was der Vatikan sagt, nur die katholische Kirche sei Kirche im eigentlichen Sinn?
Göring-Eckardt: Das ist eine unangemessene Zuschreibung. So eine Formulierung muss von der evangelischen Seite als Abwertung, als Zurückweisung verstanden werden.
Junge Leute fremdeln mit der Kirche
evangelisch.de: Spielt die Konfession im Alltag von jungen Leuten und im Umgang miteinander überhaupt noch eine Rolle?
Glück: Leider immer weniger, die Mehrheit der jungen Leute ist den Kirchen entfremdet.
Göring-Eckardt: Ich hoffe deshalb, dass sich beim Ökumenischen Kirchentag in München ganz viele Jugendliche aus beiden Kirchen, also zum Beispiel evangelische Konfirmanden und katholische Firmlinge, zusammensetzen und miteinander reden und feiern. Und darüber reden, was sie in ihrem Glauben unterscheidet. Sie sollen auch die Fragen stellen, die wir schon hundert Mal nicht beantwortet haben. Vielleicht kommen sie auch an einen ausgesprochenen Schmerzpunkt der Ökumene: Wird eine konfessionsverbindende Ehe auch von der anderen Kirche anerkannt? Und in welchen Gottesdienst geht das Paar? In welcher Konfession erziehen sie ihre Kinder?
evangelisch.de: Der Umgang des Vatikans mit den Piusbrüdern und ihrem Holocaustleugner hat in der evangelischen Kirche für Entrüstung gesorgt. Protestanten fragen sich, wenn die Einheit der katholischen Kirche ein so hohes Gut ist, dass man dafür sogar Abstriche in der eigenen Dogmatik macht - warum ist sie dann nicht ähnlich großzügig gegenüber der evangelischen Kirche?
Glück: Diese Frage stellen sich auch viele Katholiken im Umgang mit den Wiederverheirateten. Diese barmherzige Fürsorge, die die Piusbrüder vom Papst erfahren haben, wünschen sich viele andere in der katholischen Kirche auch. Das gilt erst recht im Zusammenhang mit der Ökumene. Ein Riesenpunkt, der für Irritationen sorgt.
evangelisch.de: Die evangelische Kirche feiert 2017 ein großes Reformationsjubiläum. Manche Katholiken fühlen sich zurückgesetzt und hätten gern mitgefeiert. Gibt es da eine evangelische Profilierung auf Kosten der Katholiken?
Die Reformation ökumenisch feiern
Göring-Eckardt: Wenn wir das 500-jährige Jubiläum der Reformation feiern, freuen wir uns als Evangelische natürlich erst einmal darüber, dass es uns gibt. Aber sehr gern laden wir die ökumenischen Geschwister ein, den Weg nach 2017 gemeinsam zu begehen. Wenn wir zum Beispiel über Bildung reden wie im jetzigen Philipp-Melanchthon-Jahr, dann sind Katholiken und Protestanten dabei. Wir wollen Gemeinsames unternehmen.
evangelisch.de: Diese Schlagzeile hätte ja was - "Katholiken und Protestanten feiern gemeinsam das Reformationsjubiläum"!
Göring-Eckardt: Die Schlagzeile wird kommen. Warten Sie's ab!
evangelisch.de: Welches Bild geben die Kirchen angesichts der Missbrauchsfälle und einer zurückgetretenen Bischöfin in der Öffentlichkeit?
Göring-Eckardt: Die Kirchen haben viele gesellschaftliche Debatten in den letzten Monaten angestoßen: die Frage nach dem Frieden in Afghanistan, nach Armut und Arbeitslosigkeit. Das Thema Missbrauch überlagert diese anderen Themen. Es gibt eine besondere Situation in der katholischen Kirche, die möglicherweise auch mit dem Zölibat zu tun hat, aber es ist ein Problem für beide Kirchen. Als Protestanten sind wir natürlich unglücklich darüber, dass unsere Ratsvorsitzende Margot Käßmann zurückgetreten ist. Aber durch diesen Rücktritt hat sie Maßstäbe gesetzt. Die Sache nahm letztlich dann doch eine positive Wendung. Wenn wir mit dem Missbrauchsthema so umgehen können, dass das Tabu, darüber zu reden, fällt, dann war die Debatte nicht unnötig. Viel zu lange galt: Das darf es nicht geben, also gibt es das nicht, und wenn doch, dann ist es ein Einzelfall.
evangelisch.de: Sollte der Pflichtzölibat jetzt fallen? Sie, Herr Glück, sagen Ja!
Glück: Solche Vorschläge gibt es mehrere. Auch aus der Schweizerischen katholischen Bischofskonferenz kam ein solcher Anstoß. Der wichtigere Grund, den Pflichtzölibat zu hinterfragen, ist allerdings der zunehmende Priestermangel. Der Zölibat ist sicherlich nicht die Hauptursache des Missbrauchs. Die katholische Kirche steht auch deshalb im Scheinwerferlicht, weil sie in ihren Ordensgemeinschaften besonders viele Bildungseinrichtungen hat und nun eine breite Aufklärungsarbeit einsetzte, die es dreißig, vierzig Jahre nicht gegeben hat. Nun stehen die Opfer im Zentrum der Aufmerksamkeit und nicht mehr der Schutz der Kirche. Es gab viel zu lange eine Verdrängung des Problems.
evangelisch.de: Was tun?
"Vor allem muss den Missbrauchsopfern geholfen werden"
Glück: Die erste Priorität: den Opfern helfen. Zum ersten Mal haben Opfer den Eindruck: Sie werden ernst genommen, wenn sie über ihre Qualen berichten. Ihnen muss individuell geholfen werden. Zweitens: Vorbeugen, um so weit wie möglich Wiederholungen zu verhindern. Drittens: Die katholische Kirche muss intensiv und ohne Blockaden diskutieren: Gibt es kirchenspezifische Bedingungen, die Missbrauch begünstigen? Das können Autoritätsstrukturen sein oder - wie in der Odenwaldschule - auch der Verlust von Autorität.
Göring-Eckardt: Es gibt Missbrauch leider auch im Raum der evangelischen Kirche und an vielen Orten in unserer Gesellschaft, besonders auch in Familien.
Glück: Die Menschen erwarten von den Kirchen richtungweisende ethische Entscheidungen. Das gilt nicht minder für die Missbrauchsfälle.
evangelisch.de: Bei anderen ethischen Fragen hat es zwischen den Kirchen doch richtig geknirscht, zum Beispiel bei der Zulassung von embryonalen Stammzellen für Forschungszwecke.
Glück: Da verlaufen die Meinungen nicht nach Konfessionsgrenzen. Evangelische Bischöfe haben der Linie des früheren EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, in einem sehr engen Rahmen diese Forschung zuzulassen, vehement widersprochen. Da wird etwas als Gegensatz zwischen den Konfessionen überhöht, was so nicht konfessionstypisch ist.
Göring-Eckardt: Ich habe damals im Bundestag auch anders abgestimmt, als der Ratsvorsitzende formuliert hat. Ich habe, wenn Sie so wollen, nach der Position der katholischen Kirche abgestimmt. Das war eine Gewissensfrage. Ich befürchte, wir stoßen mit der Freigabe der Forschung eine Tür auf, die wir nicht wieder zukriegen.
evangelisch.de: Täuscht der Eindruck - die Kirchen werden sich in München beim Ökumenischen Kirchentag weniger mit sich selbst befassen und mehr mit gemeinsamen politischen Zielen?
Glück: Es wird auch ein großes religiöses Ereignis sein und es wird viel die Rede sein von den Gemeinsamkeiten und Unterschieden des Glaubens. Wir dürfen den Kirchentag nicht auf ein gesellschaftliches Ereignis reduzieren. Ich hoffe, dass sich die Menschen angesprochen fühlen, die in großer Zahl auf der Suche nach religiöser Orientierung sind, aber in unseren Kirchen nicht den Zugang dazu finden. Noch nie haben so viele Menschen nach religiösen Antworten gesucht und zugleich so wenig von den verfassten Kirchen erwartet.
Göring-Eckardt: Ich hoffe zugleich, dass alle, die nach München gehen, in ihrem Glauben gestärkt nach Hause zurückkehren.
evangelisch.de: Ein Kirchentag ohne konfessionelle Allergien?
Göring-Eckardt: Ich habe erst vor kurzem festgestellt, dass ich eine Weihrauchunverträglichkeit habe. Aber das ist natürlich nur äußerlich ...
Das Interview ist ein Vorabdruck aus der nächsten Ausgabe (5/2010) des evangelischen Monatsmagazins "chrismon". Das Heft liegt am 2. Mai dem "Tagesspiegel" bei, am 3. Mai der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", der "Süddeutschen" und den "Potsdamer Neueste Nachrichten", am 5. Mai der "Mitteldeutschen Zeitung" und der "Schweriner Volkszeitung" sowie am 6. Mai der "Zeit". Eduard Kopp ist "chrismon"-Redakteur, Bernd Buchner arbeitet in gleicher Funktion bei evangelisch.de.
Katrin Göring-Eckardt, 44, ist nicht nur grüne Bundestagsvizepräsidentin, sondern auch Chefin, "Präses", der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie ist Mitglied im Vorstand des Ökumenischen Kirchentages vom 12. bis 16. Mai in München.
Alois Glück, 70, ist seit 2009 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, des obersten gewählten Laiengremiums der katholischen Kirche in der Bundesrepublik. Davor war er in der bayerischen Landespolitik tätig: als Abgeordneter, Staatssekretär, CSU-Fraktionsvorsitzender und Landtagspräsident.
Quelle: Evangelisches Monatsmagazin "chrismon" (Ausgabe 5/2010)
Die Mehrheit der Berliner fordert gleichberechtigen Religionsunterricht
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
01. Februar 2008
Berlinerinnen und Berliner sprechen sich für ein Schulfach Religion aus. Eine deutliche Mehrheit tritt dafür ein, dass Schülerinnen und Schüler frei zwischen dem staatlichen Ethikunterricht und dem Fach Religion in Verantwortung der Kirchen wählen können. Besonders bemerkenswert: Drei Viertel der Schülerinnen und Schüler selbst wollen es so. Eine neue Forsa-Umfrage bestätigt diese Ergebnisse zum wiederholten Mal.
Heute ist der Religionsunterricht vom siebten Schuljahr an ein zusätzliches Angebot. An manchen Schulen kann er gar nicht erteilt werden. An anderen wird dafür oft die nullte oder die neunte Stunde in Anspruch genommen. Von Gleichberechtigung kann da keine Rede sein. Der Ethikunterricht ist hingegen als Pflichtfach in den Stundenplan integriert.
39.000 Unterschriften hat die Bürgerinitiative ProReli gesammelt. Sie zeigen, dass es in Berlin kein staatliches Monopol auf die Vermittlung von Werten geben darf. Das erste Ziel des Volksbegehrens ist erreicht. Nun muss das Abgeordnetenhaus entscheiden. Es ist eine Stärke der Demokratie, dass als falsch erkannte Entscheidungen korrigiert werden können. Wenn die Abgeordneten ihre Wähler vertreten wollen, sollten sie jetzt handeln.
Die Berlinerinnen und Berliner haben erkannt: Religiöse Kompetenz ist wichtig. Sie ist unentbehrlich für jeden einzelnen. Und sie wird gebraucht, damit das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen und Weltanschauungen gelingt. Man muss die Sprache einer Religion gelernt haben, wenn man auch andere Religionen verstehen will. Nur so entsteht wirkliche Toleranz. In einer Fächergruppe könnten Kinder und Jugendliche wählen, ob sie am christlichen Religionsunterricht teilnehmen, jüdischen oder islamischen Unterricht besuchen oder sich für den staatlichen Ethikunterricht entscheiden wollen.
Vor allem die Integration muslimischer Schülerinnen und Schüler ist bisher nicht überzeugend geregelt. Islamischer Religionsunterricht, wo es ihn gibt, muss bisher nicht auf Deutsch erteilt werden. Die Lehrpläne sind nicht abgestimmt. Eine staatliche Aufsicht findet nicht statt. Ein islamischer Religionsunterricht, der mit anderen Unterrichtsfächern vergleichbar wäre, könnte die Entwicklung eines aufgeklärten Islam in unserer Stadt entscheidend fördern.
Viele Religionen kennen die Einsicht, die das Alte Testament so formuliert: "Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn, und den Heiligen erkennen, das ist Verstand." Auch in den Berliner Schulen sollte diese Einsicht einen gleichberechtigten Raum erhalten.
Kriegsende vor 62 Jahren am 8. Mai 1945
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
04. Mai 2007
Als der Krieg zu Ende ging, war ich knapp drei Jahre alt. Meine Familie war wenige Monate vorher aus Straßburg in den Schwarzwald geflohen. In einem Bauernhaus hatten wir Zuflucht gefunden. Nun zogen französische Soldaten in dessen Scheune ein. Am nahe gelegenen Wald schossen sie knatternde Gewehrsalven in den Himmel. Das ist eine meiner ersten Kindheitserinnerungen. Geschah das, weil sie die Munition nicht mehr brauchten? Oder feierten sie so den Sieg?
Im Abstand von 62 Jahren gibt es gute Gründe, Gott für den Weg in die Freiheit zu danken, den Deutschland und Europa nach 1945 beschreiten konnten. Im vereinigten Deutschland und im zusammenwachsenden Europa haben wir zu einem Frieden gefunden, von dem unsere Väter und Mütter nicht einmal zu träumen wagten.
Aber es bleibt auch wichtig, sich an den Kummer und das Leiden zu erinnern, die sich um den 8. Mai 1945 ranken. Wir denken an die ungezählten Toten der langen Kriegsjahre wie der Wochen vor und nach dem Kriegsende. Durch sinnlose Durchhalteparolen und falsche Treuebegriffe wurden bis zuletzt Menschenleben gefordert. Und wer sich dem Befehl verweigerte, wurde Opfer der Militärjustiz. Mütter verloren ihre Kindern noch in den letzten Kriegstagen oder auf der Flucht. Frauen mussten ihre Männer noch hingeben, als der Krieg eigentlich schon zu Ende war. Familien mussten erfahren, dass ihre Angehörigen in den Konzentrationslagern hingemordet worden waren. Mädchen wurden zu Opfern freigelassener Rachegefühle. An all die Verwüstungen muss man sich erinnern, von denen Fotos nur noch ein blasses Abbild geben. Das Entsetzen steigt auch in uns hoch, das entstand, als die Hölle der Konzentrationslager und der Vernichtungswille gegen das jüdische Volk allen vor Augen traten.
Es ist uns Deutschen nicht gelungen, uns aus eigener Kraft von der nationalsozialistischen Herrschaft zu befreien Es waren die Alliierten, die der Willkürherrschaft ein Ende machten. Alle Menschen guten Willens wissen deshalb, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war. Der Dank für diese Befreiung bleibt gültig, auch wenn wir eingestehen, dass die Befreier keineswegs Erlöser waren, sondern Menschen, die auch zum Bösen fähig waren und anderen Schweres zumuteten.
In Berlin verkörpert der alte Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die Erinnerung an die Narben des Krieges im Gedächtnis unserer Stadt. Diese Kirche hilft uns zum ehrlichen Erinnern. Sie prägt das Gedächtnis der Stadt. So wie sie da steht, wirbt sie für ein versöhntes Miteinander der Völker. Die Zukunft Europas beruht auf der Achtung vor der gleichen Würde jedes Menschen. Das wollen wir nie wieder vergessen.
Olympiapfarrer berichtet aus Vancouver
Kirchen werben für Fairness und Teamgeist bei Olympischen Winterspielen
11. Februar 2010

Der Countdown läuft, die Spannung steigt: Am morgigen Freitag starten in Vancouver die XXI. Olympischen Winterspiele. Bis zum 28. Februar kämpfen mehr als 2.500 Athleten um die Medaillen in 86 Wettbewerben. Aus Deutschland reisen 153 Olympioniken in die westkanadische Stadt. Sie sind mit großem Tross unterwegs, müssen aber auch auf geistliche Betreuung nicht verzichten: Der evangelische Olympiapfarrer Thomas Weber ist gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Hans-Gerd Schütt Ansprechpartner für die deutsche Delegation.
Für den 49-jährigen Weber, im "normalen" Leben Gemeindepfarrer im westfälischen Gevelsberg bei Wuppertal, ist es bereits die dritte olympische Erfahrung: 2006 in Turin war er ebenso dabei wie vor anderthalb Jahren in Peking. Auch bei den Spielen in Vancouver, die das Leitwort "With glowing hearts" (Mit glühenden Herzen) tragen, steht der Olympiapfarrer dem deutschen Team als Ansprechpartner zur Verfügung - in allen seelsorglichen Fragen, aber auch dann, wenn die Sportler nach Augenblicken der Ruhe suchen, um Kraft zu tanken.
Das kirchliche Engagement bei Olympia hat auch einen theologischen Hintergrund. Im Sport erlebt der Mensch in besonderer Weise die Einheit von Körper, Seele und Geist. Die Athleten erfahren, dass sie aufeinander angewiesen sind, miteinander wetteifern und sich wechselseitig stärken können. Im Glauben wie im Sport geht es um eine gemeinsame Wertebasis, nämlich die Anerkennung der menschlichen Würde in der Person des Anderen. Verbunden ist das mit einer Absage an alle unerlaubten Hilfsmittel im Wettkampf: Im Kampf gegen Doping sind die Kirchen stark engagiert.
Dass der christliche Glaube frisch und sportlich auftreten kann, zeigt nicht zuletzt die neue Ratsvorsitzende der EKD, Bischöfin Margot Käßmann: Sie joggt regelmäßig, allerdings "nur zum Spaß", wie sie sagt: "Leistung muss ich woanders bringen." Aus dieser Haltung heraus wendet sich die Kirche auch gegen die Deformation des Sports, die aus Leistung Körperkult und aus Erfolg Siegeskult macht. Auch das werden Pfarrer Weber und sein Kollege Hans-Gerd Schütt den Sportlern in Vancouver zu vermitteln versuchen.
Regelmäßig wird Thomas Weber in den kommenden Tagen von seinen Begegnungen und Erlebnissen während der Olympischen Spiele berichten: hier auf ekd.de sowie auf evangelisch.de. Der Geistliche, der ganz im ökumenischen Geist in einer katholischen Gemeinde in Vancouver untergebracht ist, hat auch seine Fotokamera dabei und schickt seine besten Schnappschüsse über den Atlantik. Wir freuen uns auf seine olympischen Erfahrungen! Mehr zu den Spielen gibt es auch auf der offiziellen Seite (www.vancouver2010.com) und auf den Seiten der Deutschen Olympischen Gesellschaft. (Bernd Buchner)
Magister Philipps sanfte Kur
Philipp Melanchthon: Mitstreiter Luthers und Lehrer der Deutschen
15. April 2010

Zum 450. Todestag Philipp Melanchthons zeichnet Robert Leicht ein Lebensbild des großen Reformators
Im Sommer des Jahres 1530 standen die Dinge für die Reformation wieder einmal Spitz auf Knopf. Zur selben Zeit wurde die Beziehung zwischen zwei ihrer Protagonisten arg geprüft. Denn während Philipp Melanchthon auf dem Augsburger Reichstag die Sache der Lutherischen vor Kaiser Karl V. zu vertreten hatte, musste Martin Luther selber in Coburg zurückbleiben. Schließlich lebte er seit dem Wormser Edikt von 1521 unter Reichsacht und konnte sich aus dem Gebiet seines Protektors, des Kurfürsten von Sachsen, nicht hinauswagen. Coburg war die südlichst und Augsburg am nächsten gelegene kursächsische Stadt - das immerhin erleichterte den zeitweilig heftigen Briefverkehr zwischen den beiden Reformatoren.
Die Stimmung war gereizt. Als Melanchthon Ende Juni 1530 einen Entwurf des späteren Augsburger Bekenntnisses nach Coburg schickte, antwortete Luther unwirsch, er wundere sich, "was Du wohl willst; Du fragst danach, was und wie viel den Päpstlichen nachgegeben werden solle [.]. Für meine Person ist [.] mehr als genug nachgegeben worden." Doch schon wenige Tage später, in einem Brief vom 3. Juli, ist der Unmut verraucht. Er habe die Schrift "gestern ganz und gar sorgfältig von neuem gelesen, und sie gefällt mir ganz außerordentlich".
Diese jähen Schwankungen im Urteil Luthers rühren nicht nur aus der Unrast des vom unmittelbaren Geschehen Ausgeschlossenen her, sondern sie bilden wie in einer Miniatur all die Ambivalenzen in dem vertrauten Verhältnis zwischen den beiden Reformatoren ab. Ein Jahr vor dem Augsburger Reichstag schrieb Luther in einem Vorwort zu Melanchthons Kommentar des Kolosserbriefes: "Ich muss die Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen, und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muß. Aber Magister Philipps fähret säuberlich und stille daher, bauet und pflanzet, säet und begeußt mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich."
Während der Vorbereitungen für den Augsburger Reichstag würdigte Luther den Stand der Arbeiten mit dem wiederum leise zwiespältigen Lob, dies alles gefalle ihm sehr wohl, er habe nichts zu bessern, das würde sich auch "nicht schicken, denn ich so sanft und leise nicht treten kann". Das Motto suaviter in modo, fortiter in re - hart in der Sache, sanft in der Form - war Luther geradezu kreatürlich fremd.
Melanchthon wiederum verschaffte seinem Herzen erst sehr spät, nach Luthers Tod, in einem Brief Luft: "Ich ertrug auch vordem eine fast entehrende Knechtschaft, da Luther oft mehr seinem Temperament folgte, in welchem eine nicht geringe philoneikia lag, als auf sein Ansehen und auf das Gemeinwohl achtete." Immer wenn Melanchthon etwas Heikles, gar Verfängliches ausdrücken wollte, wechselte er ins Griechische - philoneikia steht für Streitsucht.
Das Erstaunliche ist nicht, dass es zwischen Luther und Melanchthon ständig Spannungen gab, sondern die Tatsache, dass die beiden dessen ungeachtet über 28 Jahre hinweg Freunde und Verbündete blieben. Hier Luther, der Geniale, der Rabiate (und zugleich doch so Zarte), der keinem theologischen Streit aus dem Weg geht ("Was kann denn der Teufel mehr tun, als dass er uns töte! Was mehr?", schreibt er von der Veste Coburg an Melanchthon nach Augsburg) - dort Melanchthon, der überaus Gebildete, der Abwägende, der, wenn es unter Wahrung der gemeinsamen theologischen Hauptsache irgend geht, einen Religionskrieg vermeiden möchte. Hier die Sprache Luthers voller Musik, dort die gemessenen Darlegungen Melanchthons, mit denen er dem Freund bei dessen Bibelübersetzung präzisierend zur Seite steht. Die stilistische und theologische Expressivität der deutschen Bibel indes bleiben allein Luthers Werk. "Die ganz großen Denker ragen wie erratische Blöcke aus ihrer Zeit und aus ihrer Tradition hervor [.]. Vielleicht war Luther einer, Melanchthon gewiß nicht." Solches schrieb sogar Heinz Scheible, der gründlichste der zeitgenössischen Melanchthon-Kenner, in seiner 1997 erschienenen Biografie.
Man muss zur Urteilsfindung sowohl auf den Anfang als auch auf das Ende sehen! Die Geschichte fängt damit an, dass Philipp Melanchthon nie Theologe werden wollte und auch nie ordinierter Geistlicher wurde. Am 16. Februar 1497 kam er als Sohn des Waffenschmieds und kurpfälzischen Rüstmeisters Georg Schwartzerdt in Bretten bei Karlsruhe auf die Welt; die Mutter Barbara war die Tochter des Brettener Bürgermeisters Johann Reuter, Tuch- und Weinhändler von Beruf. Die lange tradierte Annahme, dass deren Mutter - Melanchthons Großmutter - die Schwester des Humanisten Johannes Reuchlin war, ist inzwischen ins Reich der Legende verwiesen. Keine genetische Vorbelastung also. Früh allerdings brachte man dem Jungen Latein bei - durch drakonischen Drill.
1507 starben sein Großvater und sein Vater. Der Elfjährige kam nach Pforzheim, wo er nun in der Tat bei Elisabeth Reuchlin Aufnahme fand und wo er deren Bruder Johannes auffiel. Am 15. März 1509 schenkte ihm Reuchlin eine griechische Grammatik. In der Widmung antikisierte er den Namen des Philipp Schwartzerdt nach Humanistensitte, indem er ihn ins Griechische übertrug: Melanchthon.
Im selben Jahr noch bezog der Zwölfjährige die Universität Heidelberg, 1511 erwarb er den Grad eines Baccalaureus artium. Alsbald wechselte er nach Tübingen, wo er Astronomie, Musik, Arithmetik und Geometrie belegte, außerdem weiterhin Griechisch, Latein und nun auch Hebräisch lernte. Mit 17 Jahren, in einem Alter, in dem ein angehender Gelehrter heute noch gar nicht daran denkt, wie viele Leistungspunkte er wohl mal für den Bachelorabschluss brauchen wird, schloss Melanchthon sein Studium mit dem Magistertitel ab. 1516 veröffentlichte er eine Übersetzung der Komödien des Terenz, 1518 eine griechische Grammatik, die in vielen Auflagen verbreitet wurde.
Luther besorgt ihm eine Frau und drängt ihn zur Ehe
Bis zum Magisterabschluss finden sich also keine kräftigen Spuren theologischer Bildung. Erst in den zwei Jahren, die ein Magister nach dem Abschluss noch zu Lehrveranstaltungen verpflichtet war, hörte er vorzugsweise bei den Theologen. Als Professor Jakob Lemp das Schema der Transsubstantiationslehre an die Wandtafel malte, also das altkirchliche und bis heute katholische Dogma, wonach sich in der Eucharistiefeier Brot und Wein der Substanz nach in Fleisch und Blut Christi verwandeln (unter der Wahrung der Akzidenzien, also des bloß äußerlichen Geschmacks von Brot und Wein), fand Melanchthon das lächerlich und nannte den Dozenten einen Oberschwätzer.
Von Reformation konnte freilich noch nicht die Rede sein in Tübingen. Erst 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen zum Zwecke der akademischen Debatte, am 26. April 1518 fand die nachmals berühmte Heidelberger Disputation statt, von der Melanchthon stark beeindruckt und in die Nähe des reformatorischen Gedankenguts geführt wurde. Doch als er genau ein halbes Jahr darauf, am 25. August 1518, seine Lehrtätigkeit an der Universität von Wittenberg aufnahm, war er dort weder erste Wahl gewesen, noch war die Theologie seine erste Wahl geworden. Er wurde vielmehr als Gräzist berufen - einige Wittenberger Professoren wollten lieber einen Mann aus Leipzig, Kurfürst Friedrich der Weise hatte es auf Johannes Reuchlin abgesehen, der aber empfahl seinen Schüler und entfernt "gesippten" Schüler Melanchthon.
Von auffallend kurzer Gestalt und zudem an einem kleinen Sprachfehler leidend, hatte er die Wittenberger nicht auf den ersten Blick überwältigt. Doch als er drei Tage später seine Antrittsrede über eine nötige Studienreform hielt, waren alle hingerissen. Auch der skeptische Luther schwärmte jetzt von dem Graeculus, dem Griechlein.
Luther erleichterte Melanchthon im Jahr darauf den Erwerb des Grads eines Baccalaureaus biblicus, was ihn dazu befähigte, auch an der theologischen Fakultät zu lehren. Er wollte aber letztlich Philosoph bleiben - ein Philosoph auch in der Theologie, nicht ein Theologe in der Philosophie. Noch 1530 schreibt Luther dem sorgengeplagten Melanchthon, um ihn vom reflektierten Grübeln zum unmittelbaren Gottvertrauen zu lenken: "Ich bin auch öfters zerschlagen, aber nicht dauernd. Deine Philosophie, nicht die Theologie quält Dich so."
Sieht man auf diese Jahre, auch auf die Tatsache, dass die Wittenberger Universität das war, was man heute eine Reformuniversität nennt, sowie auf die Beratungs- und Gutachtertätigkeit Melanchthons bei Schulgründungen (etwa in Magdeburg, in Eisleben und Nürnberg), nimmt man zudem seine Lehrbücher zur griechischen und lateinischen Grammatik, zu Rhetorik, Ethik, Physik, Geschichte und Geografie hinzu, so könnte man in diesem eminenten Altphilologen einen wirkmächtigen Bildungsreformer sehen - sozusagen einen, wenn das heute nicht mit Missverständnissen versehen wäre, Hartmut von Hentig avant le nom. Dies alles schon würde den ihm beigelegten Ehrentitel Praeceptor Germaniae, Lehrer Deutschlands, vollauf rechtfertigen.
Doch zu seiner eigentlichen geschichtlichen Bedeutung kam Melanchthon dadurch, dass er in die Umsturzbewegung der Reformation hinein- und von Luther angezogen wurde. Schon zwei Jahre nach der Lehrbefugnis an der theologischen Fakultät, die er eifrig und vielfältig ausfüllte, legte er die erste Fassung seiner Loci communes rerum theologicarum vor, der ersten Dogmatik der jungen reformatorischen Theologie, an der er bis zu seinem Lebensende weiterarbeitete. Luther schrieb ihm nach Erscheinen der Erstfassung 1521 von der Wartburg herab: "Deine Loci haben mir sehr gefallen. Es gibt nichts, was meine Armut an Deinem Reichtum hier aussetzen könnte."
Noch bevor sich der leidenschaftliche Wissenschaftler tief in die Leidenschaften der Reformation verstrickte, drängte Luther, um die Gesundheit und die Junggesellenwirtschaft des Workaholics Melanchthon besorgt, auf eine zunächst höchst unwillkommene Ablenkung von der aufzehrenden Arbeit: Er nötigte ihn geradezu zur Heirat mit der 23-jährigen Katharina Krapp, die am 27. November 1520 stattfand. Vier Kinder wurden dem Paar geboren. Erst 1536 zog die Familie in jenes Haus ein, das heutzutage die Touristen als Melanchthon-Haus zu Wittenberg besuchen.
Wollte man das dogmatische und das diplomatische Wirken des Philipp Melanchthon im Reformationsgeschehen nachzeichnen, geriete man in Gefahr, sich in diesen Wirren zu verlieren. Wie wenig war die Reformation ein in sich geschlossenes Geschehen, wie vielfältig waren die Differenzen zwischen den reformatorischen Positionen, wie komplex die Verflechtungen mit der antagonistischen Fürstenpolitik im Heiligen Römischen Reich unter Kaiser Karl V.! Wer vermöchte zum Beispiel die vielen Religionsgespräche nachzubeten - das Nürnberger, Marburger, Wormser, Regensburger, um nur einige der 16 allein zu Lebzeiten Melanchthons stattgefundenen zu nennen? Wer die mancherlei Interims, die freilich nie tragfähigen Zwischenlösungen der Glaubenskonfrontationen, die vielen Konkordienentwürfe? Wer könnte all die innerreformatorischen Streitigkeiten detailliert wiedergeben - den adiopharistischen, den synergistischen, den osiandrischen, den antinomistischen, den majoristischen Streit? Die Stichwörter zeigen an, in welch turbulentem Suchprozess die Reformation in den ersten sechzig Jahren ablief. Und mittendrin Philipp Melanchthon, fast überall als Gutachter und Schlichter gefragt. Erst 1577, nach seinem Tod, konnte mit der "Konkordienformel" wenigstens für die Lutherischen ein einigendes Dokument formuliert werden.
Im Abendmahlsstreit findet er schließlich die goldene Formel
Wenn man Melanchthons Sanftheit, seine - wie Luther schrieb - lenitas hervorhebt, gilt es freilich deutlich zu sehen: Sie galt vorwiegend im Verhältnis zur alten Kirche. Da konnte er den Unterschriften zu den massiv antipapistischen Schmalkaldischen Artikeln durchaus einen Vorbehalt wie diesen beifügen: "Ich, Philippus Melanchthon, halte diese oben aufgestellten Artikel auch für recht und christlich; vom Papst aber halte ich, falls er das Evangelium zulassen wollte, dass ihm um des Friedens und gemeinsamer Einigkeit willen mit denjenigen Christen, die auch unter ihm sind und künftig sein möchten, seine Superiorität über die Bischöfe, die er iure humano hat [also nach menschlichem Recht und nicht aus dem Evangelium selber], auch von uns zuzulassen sei."
Doch wenn es um die innerreformatorischen Streitigkeiten ging, konnte Melanchthon hartherzig bis fanatisch werden. Als unter Calvins Miturheberschaft 1553 der vermeintliche Häretiker Michael Servet in Genf grauenvoll verbrannt wurde, applaudierte Melanchthon schriftlich. Was wohl der 1546 gestorbene Luther dazu gesagt hätte, der doch in Glaubensdingen das Prinzip non vi, sed verbo verkündet hatte: Nicht mit Gewalt, allein durch das Wort? Ohne sich freilich selber stets daran zu halten. Doch als Melanchthon in einem Gutachten 1528 die Todesstrafe für Wiedertäufer forderte, unterschrieb Luther mit einem bezeichnenden Vorbehalt: nicht wegen der Glaubensdifferenz als solcher, sondern nur, wenn die Beschuldigten außerdem schwerwiegend gegen staatliches Recht verstoßen haben.
Kehren wir also zum Verhältnis zwischen Luther und Melanchthon zurück. Melanchthons unermüdliches Suchen nach Ausgleich kontrastiert zu Luthers realistischer Annahme, dass es mit den Männern der alten Kirche keine Einigung geben konnte. Darin hat Luther im Grunde recht behalten, genau genommen bis auf den heutigen Tag.
Es gab freilich eine sachlich tief greifende Differenz, über welche die beiden sich nie direkt ausgesprochen haben und in der letztlich Melanchthon sich durchgesetzt hat. Dieser heikle Punkt war Luthers Lehre vom Abendmahl. Zwar lehnten beide, Luther wie Melanchthon, die katholische Transsubstantiationslehre kategorisch ab. Doch Martin Luthers Vorstellung, dass im Abendmahl Christus in Brot und Wein real präsent sei, war Melanchthon nie ganz geheuer - übrigens auch nicht Johannes Calvin, wie sehr sie alle drei wiederum Huldrich Zwinglis Auffassung vom reinen Erinnerungsmahl ablehnten. Wie aber sollte nun zwischen der katholischen Opferlehre, in welcher der Priester, also der Mensch, konstitutiv handelt, und dem reinen Gedächtnismahl, in dem nach Zwingli nur die Gemeinde, also wiederum nur der Mensch handelt, die reformatorische Einsicht formuliert werden, dass allein Christus im Abendmahl der Handelnde ist - ohne dass man mit Luther quasi substantialistisch redete?
Im Augsburger Bekenntnis von 1530 formulierte Melanchthon im Artikel X, dass der Leib Christi und das Blut Christi "wirklich zugegen sind und den Essenden beim Mahl des Herrn gereicht werden". Aus dem Reichstag von 1530 kam nichts heraus - außer übrigens der Carolina, der Peinlichen Gerichtsordnung Karls V., die zwei Jahre darauf in Kraft gesetzt wurde. So konnte Melanchthon später den Text weiter bearbeiten. 1540 erschien eine veränderte Fassung, die Confessio Augustana Variata . Dort heißt es nun, vom Mahl des Herrn werde gelehrt, "dass mit Brot und Wein Christi Leib und Blut den Essenden und Trinkenden [.] wirklich dargereicht werden". Die Differenz zwischen 1530 und 1540 lässt sich im Lateinischen festmachen an der Alternative von in pane (im Brot) und cum pane (mit dem Brot). Als dann auf einem neuerlichen Augsburger Reichstag 1555, der zum berühmten Augsburger Religionsfrieden führen sollte, die Lutherischen nicht mehr so schwach dastanden, griffen sie wieder auf die orthodoxere Formulierung von 1530 zurück, und damals erst wurde das Augsburger Bekenntnis reichsrechtlich relevant.
Wozu nun aber an solche dogmatischen Feinheiten erinnern, über vierhundert Jahre danach? Weil sie, verblüffend genug, höchst aktuell sind. Erst 1973 verständigten sich nämlich die lutherischen, die unierten und die reformierten Kirchen Europas auf einen gemeinsamen Bekenntnistext, die Leuenberger Konkordie. Dort heißt es nun endlich: "Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit (!) Brot und Wein." Cum pane: Die Lutheraner sind an diesem Punkt also über ihren Schatten gesprungen und zu Melanchthons Formel und Confessio Augustana Variata zurückgekehrt.
Was immer Martin Luther für den Durchbruch zur und in der Reformation geleistet hat - man darf darüber nie vergessen, was Philipp Melanchthon zur spät verwirklichten Einheit und Gemeinschaft der reformatorischen Kirchen beigetragen hat. Schon in seinem im Jahr 1539 aufgesetzten Testament bekannte er seine Dankbarkeit gegen Luther: "Ich habe von ihm das Evangelium gelernt." Als dann im April 1560 wirklich seine letzte Stunde nahte, notierte er in seiner letzten Aufzeichnung auf einem Zettel die Gründe, aus denen man den Tod nicht fürchten muss, unter anderem: "Du entkommst den Sünden. Du wirst befreit von aller Mühsal und der Wut der Theologen." Seine letzten Stunden verbrachte er im Gebet. Am Abend des 19. April 1560, um Viertel auf sieben, schloss er die Augen, glaubend, was er auf jenem Zettel notiert hatte: "Du wirst ins Licht kommen, Gott schauen, Gottes Sohn betrachten." (Quelle: Die Zeit)
Die EKD würdigt Philipp Melanchthon am 19. April mit einem Festakt in der Schlosskirche zu Wittenberg, bei dem sowohl der amtierende Vorsitzende des Rates der EKD, Präses Nikolaus Schneider, wie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Festvortrag halten werden.
Philipp Melanchthon im EKD-Internetangebot
"Abel steh auf"
50. "Woche der Brüderlichkeit"
27. Februar 2002

"Abel steh auf, damit es anders anfängt zwischen uns allen." Aktueller und treffender hätte das Leitwort für die diesjährige "Woche der Brüderlichkeit" vom 3. bis 10. März nicht ausfallen können, die auf ihr 50jähriges Bestehen zurückblicken kann. Die Durchführung liegt beim Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit Sitz in Bad Nauheim. Das Leitwort ruft die Erinnerung wach an Abel, der von seinem Bruder Kain erschlagen wurde. Aus purem Neid, weil Gott "sah gnädig an Abel und sein Opfer", wie es in 1. Mose 4,1ff heißt. Doch nun soll nicht der Abel unserer Tage aufstehen, um selbst zur Gewalt zu greifen, sondern um einen anderen Umgang einzuüben. Auf das christlich-jüdische Verhältnis bezogen geht es darum, dass sich Christen nie wieder zu Antisemitismus hinreißen lassen, der in Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich Mord enden kann. Seit Auschwitz, das beispielhaft für die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die nationalsozialistische Diktatur steht, ist in den Kirchen ein Prozess des Umdenkens in Gang. Das Alte Testament wird von vielen christlichen Theologen unter dem Gesichtspunkt der bleibenden Erwählung des Volkes Israel als Gottes Volk gelesen. Das hat nicht nur zu vielen Studienbänden über das Verhältnis von Christen und Juden geführt, sondern in zahlreichen Landeskirchen auch zu einer Änderung der jeweiligen Grundordnung. Die jährliche "Woche der Brüderlichkeit" hat viel dazu beigetragen, das gegenseitige Verständnis zu fördern, Vorurteile abzubauen und die Vergangenheit aufzuarbeiten.
Hinweis zu unserem Foto: Die von Friedensreich Hundertwasser umgestaltete Kirche St. Barbara in Bärnbach bei Graz ist von einem Rundgang mit Torbögen umgeben, die Symbole der sechs nichtchristlichen Weltreligionen Islam, Hinduismus, Judentum, Konfuzianismus, Buddhismus und Shintoismus als Zeichen der Achtung der Christen vor Andersgläubigen tragen.
Deutscher Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit:
www.deutscher-koordinierungsrat.de/
Als Geschöpf Gottes ist jedes Kind ein Segen
Evangelische und katholische Kirche eröffnen Woche für das Leben
21. April 2007

Mit einem ökumenischen Gottesdienst im St. Petri Dom in Bremen eröffnen die evangelische und katholische Kirche ihre gemeinsame Woche für das Leben 2007. Mit der diesjährigen Woche wird der der dreijährige Zyklus "KinderSegen - Hoffnung für das Leben" abgeschlossen. Zahlreiche Gottesdienste, Informations und Diskussionsveranstaltungen in vielen Landeskirchen und Diözesen, in Akademien, Bildungsstätten und Gemeinden werden in den kommenden Tagen im Rahmen dieser Initiative stattfinden. Bei all diesen verschiedenen Aktivitäten soll auch das Bewusstsein für die Schutzwürdigkeit und Schutzbedürftigkeit menschlichen Lebens im Allgemeinen und der Kinder im Besonderen geschärft werden.
"Mit Kindern in die Zukunft gehen" lautet das Motto der diesjährigen Woche für das Leben. Anscheinend sei es heutzutage notwendig, eine solche Selbstverständlichkeit zu thematisieren, stellt Landesbischöfin Margot Käßmann zu Beginn dieser Woche fest. Und sie fragt: "Warum wohl ist die Normalität mit Blick auf Kinder verloren gegangen in unserem Land? Wie kann es sein, dass so viele Menschen Kinder nicht mehr als Teil ihrer Lebensplanung sehen? Und wie kann in einem kinderarmen Land auch noch jedes siebte Kind arm sein?" Politisch werde gestritten um Krippen und ihre Wirkung, um berufstätige Mütter, um Bildungschancen: "Wirklich Mut zum Kind machen allerdings alle diese Debatten kaum", so die Bischöfin, die Mitglied des Rates der EKD ist. "Und Lust auf Zukunft ist offensichtlich kein Lebensgefühl in Deutschland."
Die christlichen Kirchen sagen mit der Woche für das Leben: "Kinder sind Teil des Lebens! Macht es doch nicht so kompliziert!" Es tut einer Gesellschaft gut, wenn sie durch Kinder herausgefordert wird, nur so ist sie beweglich und kreativ. Schottet Kinder nicht ab in Kleinfamilien, sondern heißt sie willkommen in unserer Welt. Hört auf, Klischees und Regeln vorzugeben, sondern freut euch doch schlicht, dass Kinder geboren werden, oft gegen alle ökonomische Vernunft. Und dann steht ihnen bei, den Müttern und Vätern und Kindern und versucht nicht, sie politisch zu etikettieren. Die "Woche für das Leben" will Mut machen zu Kindern, sie will dazu beitragen, unsere Gesellschaft, unsere Kirche bewusst kinderfreundlich zu gestalten.
Die diesjährige Woche für das Leben stellt den gemeinsamen Weg mit Kindern in den Mittelpunkt. Alle, die mit Kindern leben - Eltern, Familien, Erziehende - stehen in der Verantwortung, den Kindern etwas von dem mitzugeben, was das eigene Handeln bestimmt und was das Leben im Miteinander der Menschen trägt. Diese Perspektive eröffnet Zukunft und begründet die Hoffnung, dass Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit, Mitmenschlichkeit und Lebensfreude für alle möglich sind. Dazu Margot Käßmann: "Als Geschöpf Gottes ist jedes einzelne Kind ein Segen!"
Mit Kindern in die Zukunft zu gehen, heißt auch, mit ihnen zu entdecken und zu erkennen, was Gott dem Menschen zugedacht hat. Christliche Erziehung und Bildung machen vertraut mit der Geschichte Gottes mit den Menschen. In evangelischen und katholischen Einrichtungen für Kinder werden biblische Geschichten erzählt, fröhliche Lieder gesungen, stärkende Gebete gesprochen und festliche Gottesdienste gefeiert. Zum Glauben an Gott wird ermutigt und auch zur Rücksichtnahme auf den Nächsten. Kinder erleben Christsein als Hilfe zum Leben. Sie begegnen in unserem Glaubenszeugnis Gott, der Große und Kleine liebt, der Schwache stärkt und Gerechtigkeit und Frieden will.
Ohnmachtsanfälle im Gottesdienst
Seebad Westerland bekam vor 100 Jahren eine größere Stadtkirche
09. Juni 2008

Die alte Kirche sei völlig überfüllt, und wegen der schlechten Luft gebe es "jeden Sonntag Ohnmachtsanfälle". So begründete Anfang des vorigen Jahrhunderts der Kirchenvorstand Westerland den notwendigen Bau einer neuen Stadtkirche. Am 10. Juni 1908 wurde St. Nicolai feierlich eingeweiht. Mit einer historischen Fotoausstellung in der Sylter Inselkirche beginnen an diesem Dienstag die Festlichkeiten.
Das alte Kirchlein St. Niels wird auch heute noch genutzt. 1635 wurde es im Osten der Stadt weitab vom Meer eingeweiht. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs Westerland rasant. Wurden 1885 noch 859 Einwohner gezählt, so waren es zehn Jahre später bereits doppelt so viele. 1905 erhielt Westerland die Stadtrechte.
Stärker noch stieg die Zahl der Kurgäste, seit Landvogt von Levetzow 1855 die ersten Badekarren aufgestellt hatte. Dabei war die Anreise recht beschwerlich und führte über das damals noch deutsche Hoyer per Schiff nach Munkmarsch bei Keitum. Erst 1927 wurde der Hindenburgdamm für den Bahnverkehr geöffnet.
180.000 Reichsmark musste die Gemeinde für ihre neue Stadtkirche aufbringen. Umgerechnet entspricht dies heute etwa acht Millionen Euro. Für 9.000 Reichsmark kaufte sie ein Grundstück. Was damals weite, leere Fläche war, ist heute in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof begehrte Top-Lage. Eineinhalb Jahre lang wurde an der Kirche gebaut. Die beiden Weltkriege überstand sie schadlos, doch Wind und Seeluft nagen stetig am Gebäude. So rosteten die Eisenglocken und wurden vor zwei Jahren durch drei neue Bronzeglocken ersetzt.
Der Festgottesdienst zum Jubiläum wird am 15. Juni um 10 Uhr mit Bischof Hans Christian Knuth gefeiert. Die Ausstellung mit rund 400 historischen Fotos ist vom 3. Juli an im Westerländer Rathaus zu sehen.
Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Westerland/Sylt
EKD-Synode tagt
Mit Calypso und Halleluja Synode in Braunschweig eröffnet
5. November 2000
Mit einem Gottesdienst im Braunschweiger Dom ist die diesjährige Tagung der EKD-Synode eröffnet worden. Eine besonderes musikalisches "Highlight" boten die Kinder der Jugendkantorei der Braunschweiger Domsingschule, die ein für die "normalen" Gottesdienste ungewohnt swingendes "Karibisches Halleluja" im Calypsostil präsentierten, das bei den Gottesdienstbesuchern sichtlich gut ankam. Anschließend versammelten sich die TagungsteilnehmerInnen in der Stadthalle Braunschweig zum Auftaktplenum. Das Synodenpräsidium konnte prominente Gäste begrüßen: Bundesfamilienministerin Christine Bergmann als Vertreterin der Bundesregierung, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel und für die Deutsche Bischofskonferenz den Hildesheimer Bischof Josef Homeyer sowie weitere Gäste aus der weltweiten Ökumene.
Höhepunkt des Eröffnungstages ist traditionell der Bericht des Ratsvorsitzenden Manfred Kock am Vormittag, in dem er wichtige kirchliche und gesellschaftliche Fragen anspricht. Hierzu gehören auch Themen wie Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus, Verhältnis von evangelischer und katholischer Kirche, Ehe und Familie sowie Fragen der Friedensethik und des Lebensschutzes. Kock fordert, sich entschieden für die "christliche Position des Lebensschutzes in Verantwortung vor Gott und im Respekt der Würde des Menschen einzusetzen. Dabei übt Kock namentlich Kritik am Nobelpreisträger James Watson, der den Glauben an Gott als das eigentliche Hemmnis der menschlichen Evolution bezeichnet hat.
Armut und Scham
Sozialwissenschaftiches Insitut der EKD stellt Studie zu Armut auf dem Land vor
22. Februar 2010
Das Sozialwissenschaftliche Institut (SI) der Evangelischen Kirche der Deutschland (EKD) präsentiert am morgigen Dienstag die Ergebnisse der Studie "Armut in ländlichen Räumen" Außerdem beginnt eine vom SI veranstaltete Tagung unter dem Titel "Das Ende der Idylle?" in der Evangelischen Akademie Loccum, auf der Vertreter der Kirchen, der Diakonie und der Politik Handlungsoptionen zum Thema "Armut im ländlichen Raum" diskutieren. Dazu Institutsdirektor Professor Gerhard Wegner: "Von Armut bedrohte Menschen in ländlichen Regionen müssen teilhaben können an gesellschaftlichen Prozessen." Bei der Studie handelt es sich um eine qualitative Untersuchung, Kooperationspartner sind die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und das Diakonische Werk der hannoverschen Landeskirche.
Diakoniewissenschaftlerin Marlis Winkler und Pastorin Anna Küster befragten für die Studie Sozialarbeiterinnen, Pastoren, Kirchenvorsteher und interviewten 30 Frauen und Männer, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Die Gespräche mit den 19- bis 78-jährigen fanden in den Landkreisen Aurich, Cuxhaven, Lüchow-Dannenberg, Nienburg und Uelzen statt. Das Sozialwissenschaftliche Institut veröffentlichte bereits 2007 eine Studie zur städtischen Armut - am Beispiel von Hamburg-Wilhelmsburg. "In vielen Punkten gibt es Ähnlichkeiten zwischen Stadt und Land", berichtete SI-Projektleiterin Marlis Winkler und nennt als Beispiel das Thema Schulden, die Arbeitslosigkeit, Suchtproblematik und das Gefühl, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein. Auffällig für den ländlichen Raum sei, so Winkler, dass von Armut bedrohte Menschen nicht als arm identifiziert werden wollen. "Sie tun sehr viel, um den Mangel zu verbergen. Aus Scham werden Hilfsangebote nicht genutzt oder Ansprüche gar nicht geltend gemacht."
Knapp 16 Prozent der Bevölkerung in Deutschland gelten als arm beziehungsweise als von Armut bedroht. Ein Teil von ihnen lebt auf dem Land. Über sie ist bislang wenig geforscht worden. In der Studie des SI kommen Hartz IV-Bezieher, Alleinerziehende, Familien und Alleinlebende ausführlich zu Wort. "Es ist mir wahnsinnig schwer gefallen, zur Tafel zu gehen. Ich habe mich jedes Mal umgesehen, ob da keiner ist, der mich sieht", gesteht Sibylle (63). Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern fühlt sich als Asoziale, wenn sie sich Lebensmittel bei der Tafel abholt. Für Britta (30) ist es auf dem Land schlimmer als in der Stadt, "hier weiß jeder von jedem, was für eine Unterhose er trägt." Die soziale Kontrolle wird als belastend erlebt. Ben (29) beobachtet, dass "normale Leute, die nicht Hartz-IV beziehen, Abstand halten". Das Gefühl "du bist nichts mehr wert" grenzt aus und wirkt lähmend. Einige der Befragten fühlen sich ausgeschlossen aus der Dorfgemeinschaft und "wie ein Aussätziger" behandelt. Cordula (44), alleinerziehende Mutter von drei Kindern, nennt als Erklärung mehrere Punkte: sie ist nicht im Schützenverein, wohnt in einem unverputzten Haus und geht selten in die Kirche. Ausgegrenzt und abgehängt - so bringen die Befragten ihre Situation auf den Punkt. Vor allem die schlechte Infrastruktur und unzureichende Bus- und Bahnverbindungen erschweren den Alltag. Wer ins Krankenhaus muss, bekommt oft keinen Besuch. Die Fahrt zum Arzt, zur Schule und zum Einkaufszentrum kostet Geld und vor allem viel Zeit. Sven (24) brauchte für einen Vorstellungstermin in der Stadt allein sieben Stunden Reisezeit. Ein Leben ohne Auto bedeutet in abgelegenen Regionen weniger Chancen, Bildungs- und Kulturangebote können nicht oder nur selten genutzt werden.
"Die von Armut bedrohten Menschen auf dem Land haben klare Vorstellungen, wie ihre Situation sich verbessern kann", sagt Projektleiterin Marlis Winkler. Mütter wünschen sich Nachhilfeangebote von Kirchengemeinden, Fahrdienste in der Ferienzeit und Musikunterricht. "Kirche könnte auch mal einen Sportverein übernehmen oder einen Turnanzug sponsern", meint Andrea (42), verheiratet, drei Kinder. Arbeitslose plädieren für Minikredite und für eine bessere Zusammenarbeit von Ämtern und freien Trägern, um die Jobsuche zu erleichtern. An Ideen mangelt es nicht. SI-Projektmitarbeiterin Anna Küster wird sich im Raum Lüchow-Dannenberg weiterhin mit dem Thema Armut beschäftigen. Die Projektergebnisse erscheinen in Kürze als Buch in der Reihe "Protestantische Impulse für
Gesellschaft und Kirche" im LIT-Verlag.
22. Februar 2010
Pressestelle der EKD
Reinhard Mawick
Weitere Informationen und etwaige Rückfragen bitte an:
Sozialwissenschaftliches Institut der EKD
Marlis Winkler und Renate Giesler
0511 / 554741-0
www.si-ekd.de
Ein "Dürer" für 65 Cent
Der Verkauf der Weihnachtsmarken zugunsten von hilfsbedürftigen Menschen hat begonnen
25. November 2008

Christine Chudy setzt auf Tradition. Schon seit 22 Jahren verkauft die Berlinerin Wohlfahrtsmarken. Die Einnahmen durch den Porto-Zuschlag tragen dazu bei, den Alltag in der Kindertagesstätte "Maria Gnaden" schöner und bunter zu machen. Chudy leitet die katholische Einrichtung und weiß aus leidvoller Erfahrung, "dass der massiv gekürzte Etat für viele Wünsche der Kinder nicht mehr ausreicht". Der Verkauf der Marken, deren Zuschläge zwischen 20 und 55 Cent sie für Spiele, Bücher, Bastelmaterial oder neue Möbel verwenden kann, kommt da gerade recht.
Über 400 Euro waren es 2007, berichtet Chudy und beschreibt den seit Jahren unveränderten Ablauf: Sie wirbt mit Plakaten und Prospekten in der Einrichtung und nimmt anschließend bei Elternabenden die Briefmarkenbestellungen entgegen. "Es ist mühselig, aber es lohnt sich", sagt die Kita-Leiterin. Ganz oben auf der aktuellen Wunschliste: ein Sonnensegel und eine mobile Lautsprecheranlage.
Wie Christine Chudy bringen bundesweit Tausende Helfer die Zuschlagsmarken unters Volk. Jetzt beginnt für sie wieder die hektische Zeit des Jahres: Die neuen Weihnachtsmotive kommen in den Handel. Die Marken zeigen Szenen der "Geburt Christi" von Albrecht Dürer (45 plus 20 Cent) und der "Anbetung der Könige" von Raffael (55 plus 25 Cent). Über den Erlös, den Haupt- und Ehrenamtliche in den Einrichtungen erzielen, können sie selbst bestimmen. Meist wird das Geld vor Ort verwendet.
Dagegen fließen die Zuschlagseinnahmen aus den Postfilialen zur weiteren Verteilung an das "Sozialwerk Wohlfahrtsmarken", eine Einrichtung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), die seit 1949 besteht. Längst vertreiben deren Mitglieder das "Porto mit Herz" aber auch über eigene Portale im Internet.
Insgesamt wurden seit 1949 über 3,9 Milliarden Wohlfahrts- und Weihnachtsmarken verkauft. Dadurch flossen etwa 590 Millionen Euro an die Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas, der Diakonie, des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, des Deutschen Roten Kreuzes und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Dennoch sind die Verbände alarmiert, denn zuletzt gingen die Markenverkäufe zurück.
Von der Wohlfahrts- und Weihnachtsmarken-Serie 2006/2007 wurden den Angaben zufolge 41 Millionen Postwertzeichen verkauft. Das war gegenüber dem Vorjahr ein Rückgang um 1,1 Millionen Stück (minus 2,6 Prozent). Mit 27,9 Millionen verkauften Marken erzielten die Verbände etwa das gleiche Ergebnis wie mit der Vorjahresserie. Insgesamt lagen die Zuschlagseinnahmen bei rund 12 Millionen Euro. 2001 waren es noch über 17 Millionen Euro. "Beim Absatz der Marken über die Deutsche Post beläuft sich der Rückgang auf zirka 7,5 Prozent, davon sind Wohlfahrtsmarken (minus 10 Prozent) stärker betroffen als die Weihnachtsmarken (minus 4 Prozent)", heißt es im Jahresbericht 2007 der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtpflege. Aus dem Postverkauf wurden dennoch knapp 3,6 Millionen Euro an die BAGFW ausbezahlt, was 96 Prozent des Vorjahresergebnisses entspricht.
Diese Probleme liegen für Michael Stratmann in weiter Ferne. Der Leiter der katholischen Marienschule in Brilon im Sauerland schreibt mit den Schülern seine Erfolgsgeschichte des Briefmarkenverkaufs fort. Seit rund 15 Jahren, "aus kleinen Anfängen heraus", konnten sie die Erlöse "fast kontinuierlich steigern", berichtet der Pädagoge. Zwischen 3.000 und 4.000 Euro jährlich kommen zusammen, wenn die Schüler der 6. Klassen freiwillig von Haustür zu Haustür ziehen, um Marken zu verkaufen. Stratmann ist voll des Lobes für die Jugendlichen: Auf 70 bis 80 Prozent des Jahrganges schätzt er die Zahl der Schüler, die das Projekt unterstützten. Alle seien mit Elan dabei und versuchten stets, "das Vorjahresergebnis noch zu übertrumpfen".
Die Erlöse fließen seit zehn Jahren in das südliche Chile, wo in Puerto Montt katholische Schwestern ein Waisenhaus und eine Schule unterhalten - eine Einrichtung, zu der die Marienschule schon seit 35 Jahren eine Patenschaft unterhält. Dass Stratmann das Geld nicht in neue Möbel für seine eigene Schule steckt, geschieht aus Überzeugung: "Die Kinder sollen auch an Andere denken, wenn sie etwas Gutes tun." (epd)
Pop meets Paul Gerhardt
Chorsängerfestival zum 400. Geburtstag
10. September 2007

"Geh aus mein und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit" - auch wenn Klimakatastrophe und persönliches Empfinden bei vielen zu der steilen Aussage führen, es gäbe gar keinen Sommer mehr, das Lied des Dichters Paul Gerhardt ist immer noch in aller Munde. Spannend wäre es, einmal herauszufinden, welche Lieder wirklich bekannter sind: "Love me tender" vom Rock-King Elvis, "Hey Jude" der Pilzköpfe aus Liverpool oder "Like a virgin" von Madonna. Vielleicht wären auch die "99 Luftballons" von Nena oder eine Liebesschnulze aus der unüberschaubaren Schlagerwelt im deutschen Sprachraum weit vorne. Aber eines ist sicher: Die Lieder eines Songwriters, der vor 400 Jahren in Graefenheinichen geboren wurde, wären ganz vorn mit dabei. Und all die anderen Songs aus dem 20. Jahrhundert müssen erst noch zeigen, dass sie auch in drei Jahrhunderten in Kindertagesstätten und bei Seniorennachmittagen, auf Wanderungen und beim Gottesdienst angestimmt werden. Da sind dann plötzlich die Texte aus dem 30jährigen Krieg nicht mehr "verdammt lang her" (BAP), sondern ziemlich gegenwärtig. Viele Menschen kennen den ersten Vers auswendig und kommen beim zweiten in Stottern, die Melodie aber hat sich, einem Ohrwurm gleich, festgesetzt.
Dabei war Paul Gerhardt gar kein Songwriter im strengen Sinn. Von ihm sind dien Texte, aber meist stammt die Melodie von seinen Zeitgenossen Crüger und Johann Georg Ebeling. Die beiden gingen dabei auch nicht anders vor als heutige Popstars: Sie griffen auf bekannte Tonfolgen und Melodien zurück, so dass die Lieder sich schnell im Ohr festsetzten und dort blieben. Das allein reichte weder damals noch heute. Paul Gerhardts Liedtexte drückten Gefühle und Erfahrungen, Trauer und Freude, Sehnsucht nach Frieden und Erschrecken vor der Welt aus, wie es sonst nur wenig populäre Liederdichter geschafft haben: "Nun ruhen alle Wälder" - "Befiehl du deine Wege" - "Lobet den Herren, alle die ihn ehren."
So treffen beim Chorfestival anlässlich des 400. Geburtstag von Paul Gerhardt am 15. und 16. September in Ferropolis - ganz in der Nähe von Graefenheinichen über 2.700 Chorsänger auf Musiker, die sich eher dem Jazz und dem Pop verschrieben haben: die Sängerin Sarah Kaiser, der Musiker und Produzent Dieter Falk - bekannt unter anderem als Jury-Mitglied von "Popstars" auf Pro Sieben - und der Rockpoet Heinz R. Kunze, - poetisch-lyrischer Songwriter, der sich auch gern mal musikalisch mit Shakespeares Dramen auseinander setzt. Neben diesen Solisten kommt die Gruppe "Allee der Kosmonauten", die mit lebensnahen Texten von sich reden gemacht haben. Sie alle stimmen gemeinsam "A Tribute to Paul Gerhardt" an. Dabei begegnen sich nicht unterschiedlich musikalische Welten, sondern Popmusiker dieser Tage treffen auf Popmusik aus dem 17. Jahrhundert.
Paul-Gerhardt-Seiten im EKD-Internetangebot
EKD-Web-Portal zu Paul Gerhardt
Paul Gerhardt Festival in Ferropolis
»Glauben ist mehr als ein Körperzustand«
Interview des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, mit der ZEIT
12. Mai 2005
Mit den Versuchen von Psychologen und Hirnforschern, Religion naturwissenschaftlich zu erklären, hat der Berliner Bischof Wolfgang Huber kein Problem. Er interpretiert nur die Resultate anders als die Forscher
DIEZEIT: Papst Benedikt XVI. beklagt die Erosion des Christentums in Europa. Halten Sie es für möglich, dass wir irgendwann ganz ohne Glauben auskommen?
Wolfgang Huber: Es gibt historisch kein Beispiel für eine glaubensfreie Gesellschaft. Ich rechne auch nicht damit. Ich bin im vergangenen Herbst sehr beeindruckt von einer Reise nach China zurückgekommen, wo man in der Zeit der Kulturrevolution versucht hat, eine religionslose Gesellschaft herbeizuführen. Die chinesischen Christen haben von einer Unterdrückung des Glaubens berichtet, die weit über das hinausgeht, was wir aus Europa kennen. Und trotzdem hat die Religion überdauert; der christliche Glaube erlebt in China derzeit ein ziemlich beachtliches Wachstum. Ich halte eine Gesellschaft ohne Religion auch normativ nicht für wünschenswert. Tocqueville sagte: Die Tyrannei kommt ohne Glauben aus, die Freiheit nicht. Damit nahm er ein Denken vorweg, das der Verfassungsrichter Ernst Wolfgang Böckenförde in die berühmte Formel gekleidet hat: Der freiheitliche demokratische Rechtsstaat ist auf Voraussetzungen angewiesen, die er nicht selbst hervorzubringen vermag.
ZEIT: Wer nicht an Gott glaubt, glaubt vielleicht an die Wissenschaft oder politische Ideologien. Was unterscheidet einen solchen Glauben vom religiösen Glauben?
Huber: Jeder, der darüber urteilt, tut dies auch nur als Mensch, der immer schon an dieser Frage beteiligt ist. Ich halte es mit Martin Luther: Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott. Dann steht jeder vor der Frage, ob er sein Herz an einen selbst gemachten, selbst gewählten Götzen hängt - oder ob er Gott als den tragenden Grund von Welt und Leben verehrt. In diese kritische Unterscheidung muss sich jeder hineinbegeben.
ZEIT: Kann man von einem »Glauben« an sich sprechen, jenseits kirchlicher Ausprägungen? Und wenn ja, wie könnte man ihn definieren?
Huber: Es ist historisch eine relativ späte Entwicklung, zu meinen, man könne Glauben schlechthin definieren. Aus christlicher Perspektive muss man sagen: Glauben ist immer etwas Bestimmtes, nämlich die menschliche Antwort darauf, dass man von Gott angeredet wird. Diese Beziehung, die Gott von sich aus angefangen hat und die durch Begriffe wie Gnade oder Segen gekennzeichnet ist, ist das Besondere am christlichen Glaubensverständnis. Jede verselbstständigte Definition hat dagegen das Problem, den Glauben als Aktivität zu beschreiben, die den Adressaten selbst hervorbringt. Damit läuft sie in die offenen Messer der Feuerbachschen Religionskritik.
ZEIT: Manche Hirnforscher versuchen neuerdings, religiöse Gefühle mit bestimmten neuronalen Zuständen zu erklären, mit einer Art Gottesmodul im Gehirn. Was halten Sie von solchen Erklärungen?
Huber: Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass Glauben eine körperliche Entsprechung hat; ich sehe auch keinen Grund dafür, das als eine Beeinträchtigung des Glaubens anzusehen. Allerdings ist dieser mehr als nur ein körperlicher, somatischer Zustand. Glauben ist nicht ein separierter geistiger Vorgang, sondern ein Lebensakt, der den Menschen in bestimmten Situationen so sehr bestimmt, dass ich mir ohne Schwierigkeiten vorstellen kann, dass man das auch an Hirnströmen nachweisen kann. Insofern sehe ich einen Fehler nur in der Vorstellung, zu meinen, mit solchen Versuchen den Glauben in Gänze erklärt zu haben. Das ist genau derselbe Fehler, mit dem wir es in der ganzen Debatte um die Hirnforschung zu tun haben: Man meint, mit dem Nachweis entsprechender neuronaler Vorgänge sei schon die Freiheit abgeschafft oder der Glaube hinwegdefiniert.
ZEIT: Der Genforscher Dean Hamer behauptet wiederum, es gäbe eine Art »Gottes-Gen« und eine erbliche Disposition für Gläubigkeit. Sind manche aus biologischen Gründen spirituell begabter als andere?
Huber: Das ist der Gedanke von Max Weber, dass manche Menschen »religiös unmusikalisch« seien. Meiner Auffassung nach ist die Unterschiedlichkeit der Menschen eher ein Hinweis darauf, dass manche zu bestimmten Ausdrucksformen des Glaubens einen leichteren Zugang haben als andere. Die einen sind eher zielorientiert, teleologisch; sie neigen zur Aktivität, etwa zur Hinwendung zum Nächsten. Andere haben eher eine meditative Begabung und neigen den mystischen Versenkungen eines Meister Eckarts zu. Deshalb drückt sich Glaube auch immer in einer Pluralität von Frömmigkeitsformen aus. Mir ist sehr wichtig, dass wir das eine nicht gegen das andere ausspielen, sondern die Übergänge als fließend ansehen.
ZEIT: Die Vorstellung, jemand könnte genetisch bedingt glaubensunfähig sein, teilen Sie nicht?
Huber: Das halte ich für eine Form von genetischem Determinismus, den ich generell nicht akzeptiere - also auch im Hinblick auf den Glauben nicht.
ZEIT: In der Menschheitsgeschichte spielt das Religiöse eine wichtige Rolle. Paläoanthropologen sehen rituelle religiöse Betätigungen, wie etwa Begräbnisriten, geradezu als Ausweis modernen menschlichen Denkens an. Die Frage ist: Was war zuerst da, Gott oder das Bedürfnis nach Gott?
Huber: Ein Glaube an Gott, der sich vorstellt, dass dieser Glaube früher da gewesen ist als Gott selbst, ist widersprüchlich. Glaube gewinnt Klarheit nur, indem er sich klar macht, dass Gott vor meiner eigenen Möglichkeit zu glauben gewesen ist. Das kommt im Alten Testament zum Ausdruck. Dort wird die Glaubensgeschichte des Volkes Israel so dargestellt, dass dieser Glaube in der Befreiungserfahrung aus Ägypten zu seiner Klarheit gekommen ist. Aber dieser Glaube muss sich selbstverständlich so auslegen, dass er ein Glaube an den Schöpfer der Welt ist - und nicht etwa derjenige an einen besonderen Stammesgott, den das Volk Israel in Ägypten zufällig gefunden hat.
ZEIT: Aus dem Blickwinkel eines Anthropologen aber hat sich der Glaube an einen monotheistischen Gott historisch entwickelt und auf Vorläuferreligionen aufgebaut.
Huber: Ich hab ja nicht gesagt, dass die Menschheit zu allen Zeiten die Klarheit hatte, von der ich jetzt rede. Auch die Christen hatten diese Klarheit nicht zu allen Zeiten - ich behaupte auch nicht, dass ich sie zu allen Zeiten hätte. Aber im Hinblick auf die Anstrengung des Glaubens scheint mir nur das eben beschriebene Verständnis eine konsequente Konzeption. Wichtig ist aber auch die Feststellung, dass dieser Glaube auf Offenbarung angewiesen ist. Er kann sich also gerade nicht darauf beziehen, dass er sich alles selbst so trefflich ausgedacht hat. Das kommt auch in dem Begriff Religion zum Ausdruck. Er wird oft auf religare (lat., zurückbinden) zurückgeführt. Ich halte es aber für sehr viel wahrscheinlicher, dass Religion ethymologisch zurückgeht auf religere (lat., wieder lesen, etwas immer wieder tun). Man versichert sich eines tragenden Grundes für das eigene Leben dadurch, dass man dieses Grundes in regelmäßig wiederholten Handlungen gewiss wird, dass man Gott in wiederkehrenden Riten und in einem als verbindlich anerkannten Handeln verehrt. Es gehört ja zu den Kennzeichen unserer Zeit, dass diese Dimension des Glaubens wieder verstärkt ins Bewusstsein tritt.
Die Fragen stellten Ulrich Bahnsen und Ulrich Schnabel
Quelle: DIE ZEIT vom 12. Mai
Huber: Barmer Thesen sind Dokument evangelischer Freiheit
epd-Interview mit dem EKD-Ratsvorsitzenden
28. Mai 2004
Hannover (epd). Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, würdigt die am 31. Mai 1934 verabschiedete Barmer Theologische Erklärung als Dokument evangelischer Freiheit. Mit den Barmer Thesen wiesen evangelische Christen den Machtanspruch der NS-Diktatur zurück, sagte Huber in einem epd-Interview. Die Fragen stellte Stephan Cezanne:
epd: Welche Bedeutung hat die Barmer Theologische Erklärung für heutige Christen?
Huber: Die Barmer Thesen von 1934 sind ein markanter und starker Text. Sie bilden bis heute eine hervorragende Quelle evangelischer Orientierung. Sie argumentieren von der Mitte christlicher Theologie her und behandeln einen Kernbestand von zentral wichtigen Fragen, mit deren Beantwortung die Kirche steht oder fällt. Als Schlüsseltext für evangelisches Selbstverständnis ist die Barmer Theologische Erklärung im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt und damit allen im Gottesdienst und vielen auch zu Hause zur Hand.
Jesus Christus wird darin als der einzige Herr der Kirche bekannt, neben dem es keine Macht gibt, die an Christinnen und Christen einen weiter reichenden Anspruch erheben kann. Die Botschaft von der Gnade Gottes wird als die alles entscheidende Vorgabe der Kirche hervorgehoben. Sie auszurichten an alles Volk wird darum als die zentrale Aufgabe der Kirche bezeichnet. Nicht nur ihre Botschaft, sondern auch ihre äußere Gestalt soll sich ausschließlich an diesem Ziel ausrichten. Deshalb darf die Kirche nicht von innen her gesellschaftlichen oder politischen Zielen unterworfen oder ihnen von außen her gefügig gemacht werden.
Die Barmer Erklärung ist somit ein Dokument evangelischer Freiheit. Sie verpflichtet die Kirche dazu, diese Freiheit wahrzunehmen, und sie richtet die Erwartung an den Staat, diese Freiheit zu achten. Sie erinnert alle, die politischen Repräsentanten nicht weniger als die Staatsbürger, an ihre Verantwortung vor Gott und an ihre gemeinsame Pflicht, für Recht und Frieden einzutreten.
Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung hatten solche Feststellungen etwas Aufrührerisches. Ihre politische Bedeutung war auch in den Hinsichten klar, in denen sie nicht ausdrücklich formuliert wurden.
epd: In den Barmer Thesen werden weder die beginnende NS-Diktatur noch die Rassenpolitik direkt kritisiert. Hätten Sie sich eine deutlichere und vielleicht auch mutigere Sprache gewünscht?
Huber: Die Stärke der Barmer Theologischen Erklärung liegt in ihrer Konzentration. Ihre Verwerfungssätze lassen auch die Bedingungen der damaligen Zeit deutlich aufscheinen, wenn beispielsweise die falsche Lehre verworfen wird, die Kirche könne und müsse als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben dem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen. Dass der «Führerstaat» damit unvereinbar war und dass eine Ideologie von «Blut und Boden» sich damit nicht vertrug, musste jedem deutlich sein. Der unbeschränkte Machtanspruch der nationalsozialistischen Diktatur wurde auf diese Weise deutlich abgewiesen.
Aus heutiger Sicht wäre jedoch sehr zu wünschen, dass das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem einen Wort Gottes sich damit verbunden hätte, dass dieser Jesus Jude war und deshalb, wie Dietrich Bonhoeffer später sagte, auf der Seite seiner schwächsten und wehrlosesten Brüder und Schwestern, also der Juden, stand. Einzelne Christinnen und Christen haben sich dieser Einsicht entsprechend gegenüber Judenchristen und Juden verhalten. Aber die Kirche als Ganze hat erst spät, zum Beispiel in einer Denkschrift der Bekennenden Kirche an Hitler 1936 oder in den Beschlüssen der altpreußischen Bekenntnissynode von 1943 in Breslau versucht, das Versäumte nachzuholen. Aus heutiger Sicht muss man sagen: Die Wirkung blieb zu schwach.
epd: Braucht die Kirche auch heute wieder ein modernes «Bekenntnis», das sich gegen aktuelle Fehlentwicklungen richtet?
Huber: Die Barmer Theologische Erklärung ist nicht aus der Überlegung heraus entstanden, ob es wohl an der Zeit sei, ein «modernes Bekenntnis» zu formulieren. Sie entstand aus der Not und der Bedrängnis ihrer Zeit. Angesichts dieser Situation haben sich auch Menschen an Formulierung und Verabschiedung dieses Bekenntnistextes beteiligt, denen jeder «Modernismus» denkbar fern lag. Auch politische Opposition war nicht das ursprüngliche Ziel. Manche der damaligen Synodalen hofften sogar darauf, dass Hitler der Bekennenden Kirche bei der Abwehr des Reichsbischofs Ludwig Müller und der Deutschen Christen zu Hilfe kommen werde. Nicht weil sie auf der Höhe der damaligen Zeit waren, sondern weil sie sich zur Konzentration auf das Evangelium verpflichtet wussten, schufen die Synodalen von Barmen einen Text, der auch heute noch von Bedeutung ist.
Das ganze christliche Leben sei Bekenntnis, hat Martin Luther gesagt. Die Kirche braucht deshalb immer glaubwürdige Formen des Bekennens, bezogen auf die aktuelle Situation. Ob dabei auch Bekenntnisse entstehen, die über die Zeiten hinweg eine so lang anhaltende Wirkung entfalten wie die Barmer Theologische Erklärung, hat niemand von uns in der Hand.
Barmen kann man als eine Auslegung des Ersten Gebots verstehen: «Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.» Das Erste Gebot wird auch heute verletzt: überall dort beispielsweise, wo der persönliche Besitz oder der wirtschaftliche Erfolg wie ein Götze verehrt wird. Um dem entgegenzutreten, braucht man nicht unbedingt ein neues Bekenntnis. Die Erinnerung an das Erste Gebot kann bereits zur nötigen Klarheit verhelfen.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)
28. Mai 2004
Land der vielen Kulturen sucht Weg aus der Gewalt
Weltgebetstag der Frauen stellt Guyana in den Mittelpunkt
03. März 2008

Als Sozialarbeiterin ist Waveney Benjamin oft in den Süden Guyanas gereist: "Wir haben Mütterberatung bei den Ureinwohnern gemacht." Für sie als Küstenbewohnerin sei die Arbeit auch wegen des Klimas anstrengend gewesen, erinnert sie sich. Hygiene und Ernährungslehre waren wichtige Lehrinhalte, die sie im Auftrag der anglikanischen Kirche unterrichtete. Die Sozialarbeit hat sie längst in jüngere Hände gelegt. Jetzt ist die Pfarrerswitwe mit ganzem Herzen Präsidentin des nationalen Komitees für den Weltgebetstag der Frauen. Der ökumenische Aktionstag stellt dieses Jahr Guyana in den Mittelpunkt und wird am 7. März begangen.
Vor allem katholische Orden sind fern der Küste unter den Ureinwohnern des südamerikanischen Landes, den sogenannten Amerindians, tätig. Die Ursulinen haben im Hinterland eine Missionsstation, wo indische Mitschwestern, Angehörige der Adivasi, mit den Ureinwohnern arbeiten. "Ich weiß, wie es ist, in der Gesellschaft wenig zu gelten", sagt eine Schwester aus Indien, die seit zwei Jahren in Guyana lebt. Die Erfahrung, selbst herabgesetzt worden zu sein, helfe ihr zum Beispiel, wenn die amerindischen Dorfbewohner von abfälligen Bemerkungen ihrer Landsleute berichteten.
Die Oberin des Ursulinen-Konvents in der Hauptstadt Georgetown, Schwester Mary Peter, ist Guyanerin chinesischer Abstammung. Weil ihre Mutter nach dem frühen Tod des Vaters mit der Kindererziehung überfordert war, wuchs sie bei den katholischen Schwestern auf. Heute leitet die 70-Jährige ein Mädchenwaisenhaus in Georgetown.
Einige der 70 Mädchen sind Waisen, andere wurden von den Behörden eingewiesen, erklärt Mary Peter, die in Großbritannien Mathematik studiert und bis zu ihrer Pensionierung an höheren Schulen in verschiedenen Ländern gelehrt hat. "Viele Mädchen haben schreckliche Gewalt erlebt und sind tief verstört." Mit viel Liebe und noch mehr Geduld versuchen die Schwestern und Betreuerinnen, den Kindern ein Heim zu schaffen. "Das ist manchmal nur mit Gottes Hilfe zu schaffen", sagt sie.
Häusliche Gewalt ist ein großes Problem in Guyana. "Das hat mit dem Machismo in der karibischen Kultur zu tun", erklärt Deborah Bakker. Die Oppositionspolitikerin und Anwältin hat sich auf Familienrecht spezialisiert. "Unsere Gesellschaft, die glaubt, dass echte Männer gewaltbereit sind und 'gute' Mädchen sich die Gewalt gefallen lassen, muss sich schleunigst ändern, sonst können wir unsere blutige Vergangenheit nie bewältigen."
Die ethnisch motivierten Auseinandersetzungen zwischen den indisch-stämmigen und den afrikanisch-stämmigen Bewohnern haben eine lange Geschichte. Die Malerin und Essayistin Bernadette Indira Persaud verarbeitet sie in ihren leuchtend bunten Bildern und malt und schreibt gegen den Hass. Dabei stellt sie nicht nur grausame Szenen dar.
In den verschiedenen Religionen der Bevölkerung Guyanas versucht die Kunstprofessorin das Heilende und Verbindende zu finden. "Nie hatten wir Auseinandersetzungen aus religiösen Gründen", erklärt sie. "Wir könnten also das Versöhnende im Christentum, im Hinduismus, im Islam oder in den Naturreligionen einsetzen, um unser Land zu befrieden, die Schmerzen zu lindern und Hoffnung für die Zukunft schaffen."
Für die Christinnen des Weltgebetstages steht fest, dass ohne Gottes Hilfe Guyana dem Teufelskreis der Gewalt und Gegengewalt nicht entfliehen kann. Am 7. März werden sie zusammen mit Menschen in 170 Ländern weltweit dafür beten.
Sieben Gulden waren Grundstock für ein Lebenswerk
Vor 275 Jahren starb August Hermann Francke
07. Juni 2002

Als August Hermann Francke (1663-1727), 1692 als Pastor nach Glaucha (einem Vorort Halles) gekommen war, kümmerte er sich um Waisen und um verwahrloste Familien mit ihren unversorgten Kindern. Er gründete 1695 mit 7 Gulden, die eine begüterte Frau gespendet hatte, eine Armenschule, in der ein armer Student die Kinder unterrichtete. Francke trennte bald die "zahlenden" von den armen Kindern und hatte nun eine Armen- und eine Bürgerschule. Das Unterrichtsgeld vermehrte er, indem er bei christlich-pietistischen Gönnern um weitere Mittel warb, sie auch erhielt, so dass er zwei Häuser kaufen konnte. 1695 legte er ebenfalls den Grundstein zu einem Waisenhaus, indem er Waisen zunächst bei sich selbst aufnahm und unterrichtete. Als sich herausstellte, dass einige dieser Kinder sehr begabt waren, unterrichtete er sie in Sprachen (Latein) und Wissenschaften; hier liegt die Wurzel seiner Lateinschule. 1698 wurde mit dem Bau der neuen Anstalt, den späteren "Franckeschen Stiftungen" begonnen, es kamen neben den Schulanstalten eine Buchdruckerei, eine Buchhandlung und eine Apotheke hinzu, die viel Geld einbrachten, das wiederum in die Stiftungen floss.
Die Stiftungen, sein Lebenswerk, überstanden mehrere Kriege. Doch nach fast 250 Jahren hob die damalige Provinz Sachsen 1946 ihre juristische Selbstständigkeit auf und unterstellte sie der Universität. Die Gebäude verfielen. Erst 1992 konnten die Stiftungen wiedergegründet werden. Eine neue Satzung wurde verabschiedet, die die christlichen Wurzeln der einst von August Hermann Francke gegründeten Einrichtung nicht verleugnet. Bislang hat die vor zehn Jahren begonnene Sanierung umgerechnet rund 50 Millionen Euro gekostet. Für den Abschluss des Wiederaufbaus ist den Angaben zufolge noch einmal der gleiche Betrag nötig. Zur Erinnerung an den Gründer ist an dessen Todestag eine Gedenkfeier auf dem Stadtgottesacker in Halle geplant, bei der die neugestaltete Familiengruft Franckes der Öffentlichkeit übergeben werden soll. Francke starb am 8. Juni 1727.
Der Sonntagsschutz ist eine Zukunftsfrage
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
16. November 2007
Manche sagen, es sei doch egal, an welchem Tag der Woche man frei hat. Hauptsache freie Zeit. Andere nehmen gern die Sonntagszuschläge mit; man kann das Geld brauchen. Aber wie sieht es in Familien aus, in denen der Vater am Dienstag, die Mutter am Donnerstag und das Kind am Wochenende frei hat? Wann finden Familien Zeit, miteinander zu reden? Wann sollen Freunde etwas zusammen unternehmen? Was wird aus dem gemeinsamen Gottesdienst?
"Du sollst den Feiertag heiligen!" So heißt das dritte Gebot. Jesus hat es sehr eindeutig ausgelegt: "Der Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbats willen." Er hat freilich nicht gesagt: "Der Sonntag ist um der Wirtschaft willen da."
In Berlin kann man seit einem Jahr diesen Eindruck haben. Nur um wirtschaftlicher Interessen willen wurde die Sonntagsöffnung der Geschäfte erweitert. Weit mehr als in jedem anderen Bundesland. Zehn Sonn- und Feiertage werden dafür zur Verfügung gestellt. Darunter sind alle Adventssonntage. Für den, der noch schnell Weihnachtsgeschenke kaufen will, mag das eine Erleichterung sein. Für diejenigen, die am Sonntag arbeiten müssen, ist es eine zusätzliche Last.
So weit wie irgend möglich muss der Sonntag ein freier Tag bleiben. An ihm zeigt sich, wie wir mit unserem Leben umgehen. Zeit und Aufmerksamkeit füreinander zu haben, ist ein hohes Gut. Kaufen kann man es nicht. Aber man kann es bewahren: "Du sollst den Feiertag heiligen."
In unserem Land stehen die Sonn- und Feiertage ausdrücklich unter dem Schutz der Verfassung. Der Staat achtet sie als Tage der Arbeitsruhe und der "seelischen Erhebung". So heißt es etwas altmodisch, aber durchaus treffend im Grundgesetz.
Damit passt es nicht zusammen, wenn in Berlin jeder fünfte Sonntag verkaufsoffen sind. Im Dezember ist der Sonntag sogar nur noch ausnahmsweise geschützt. Das ist in Deutschland einmalig. Die Kirchen haben jetzt dagegen beim Bundesverfassungsgericht Verfassungsbeschwerde eingelegt. Leichten Herzens tun sie das nicht. Aber die Berliner Maßlosigkeit verstößt gegen die Religionsfreiheit.
Natürlich gibt es Arbeit, die für den Sonntag wichtig ist: Gottesdienste und kulturelle Veranstaltungen, Gaststätten und Verkehrsbetriebe sind Beispiele dafür. Natürlich muss die Krankenversorgung gewährleistet sein; und manche Betriebe arbeiten sowieso rund um die Uhr. Aber so weit es irgend geht, sollen die Menschen sagen können: "Gott sei Dank, es ist Sonntag!"
Die Bibel und ihre Propheten
1. September 1997
Eine unendliche Geschichte - die Geschichte der Propheten, die im Alten Testament beginnt. Jona, Amos, Hesekiel, Jesaja, hinter diesen und den anderen Namen verbergen sich interessante Geschichten, oft spannender zu lesen als mancher "Reißer" in den Bücherregalen: Wurde Jona denn wirklich von einem Wal verschluckt? Was hat Nathan mit David und Batseba zu tun? Warum tritt Elija mit vierhundert heidnischen Baal-Priestern in einen Wettstreit? Was hat Hosea mit einer Tempeldirne zu schaffen? Welches Angebot erhält Jeremia von Kaiser Nebukadnezar? Fragen, auf die wir ab heute Antworten geben wollen, denn wir beginnen mit der Veröffentlichung der neuen Serie "Propheten der Bibel" , für deren Abdruckgenehmigung wir dem "JS - Magazin für junge Soldaten", seiner Chefredakteurin Barbara Kamprad und dem Autor Hans-Albrecht Pflästerer, Redakteur der Wochenzeitung "Das Sonntagsblatt (DS)" danken. Vielleicht geben die Texte einen Anreiz dazu, selber wieder einmal die Geschichte der Propheten in der Bibel original, quasi im "O-Ton" nachzulesen. Also, nehmen Sie doch ruhig wieder einmal die Bibel, das Buch der Bücher zur Hand und entdecken Sie diese spannenden Texte wieder einmal neu für sich.
Für ein Europa mit gemeinsamen Werten und einer gemeinsamen Hoffnung
Ein offener Brief kirchenleitender Persönlichkeiten Europas an die Politikerinnen und Politiker in Europa
14. Dezember 2006
Am Vorabend des 50-jährigen Jubiläums der Römischen Verträge sind wir, kirchenleitende Persönlichkeiten und andere Teilnehmende aus 50 Kirchen und 28 Ländern ganz Europas, am 12. und 13. Dezember 2006 auf Einladung der Kommission Kirche und Gesellschaft der Konferenz Europäischer Kirchen in Brüssel zusammengekommen. Dieses Treffen fand an einem entscheidenden Zeitpunkt in der Debatte über die Zukunft Europas und des Europäischen Verfassungsvertrages statt.
Derzeit bereiten wir uns mit unseren Kirchen auf die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung in Sibiu, Rumänien, im September 2007 vor. Dort werden Frauen und Männer aus fast allen Kirchen Europas darüber nachdenken, was Kirche-Sein in Europa heute bedeutet.
Nach unserer Überzeugung vertraut der Glaube durch Jesus Christus auf Gott als einer aktiv gestaltenden Kraft im täglichen Leben. Wir sind der Meinung, dass das spirituelle Erbe des Christentums eine starke Quelle der Inspiration und Bereicherung für Europa ist. Religion ist ein lebendiger, konstruktiver Teil des öffentlichen Lebens.
Wir möchten mit Ihnen, den verantwortlichen Politikerinnen und Politikern Europas, unsere Sorgen und unsere Hoffnungen für die Zukunft Europas und unserer Aufgabe darin teilen. Wir möchten insbesondere betonen, dass der Prozess der europäischen Integration auf der Grundlage gemeinsamer Werte und einer gemeinsamen Vision fortgesetzt werden muss.
Europa - ein Kontinent in Vielfalt geeint
Im Verlauf der europäischen Integration spiegelten sich die zugrunde liegende gemeinsame Vision und die Verpflichtung auf gemeinsame Werte in den Institutionen wider, die diesen Prozess vorangetrieben haben. Der Europarat und die OSZE fördern ein Europa, das auf der Sicherung der Menschenrechte, der Glaubensfreiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit beruht. Versöhnung und Solidarität waren die Grundsteine der heutigen Europäischen Union.
Grundwerte müssen lebendig erhalten und als Richtlinie für Politikgestaltung in die Praxis umgesetzt werden. Auch wenn heute die Mehrheit der Menschen in Europa nicht mehr mit Krieg und gewaltsamen Auseinandersetzungen konfrontiert ist und Freiheit und grundlegende Menschenrechte genießt, die negativen Auswirkungen des geteilten Europas sind doch nach wie vor spürbar und erfordern, wenn sie überwunden werden sollen, eine volle Umsetzung dieser Grundwerte. Die europäischen Institutionen und ihre Mitgliedstaaten sind für die Aufrechterhaltung dieser Werte mitverantwortlich.
Während manche Teile Europas sich auf eine engere Einheit zu bewegt haben, ist auch die Vielfalt für die Identität des Kontinents wesentlich. Die Vielfalt der Kulturen, Traditionen und religiösen Identitäten muss respektiert werden. Europa ist nicht gleichbedeutend mit der EU. Die EU steht in der Verantwortung, mit allen europäischen Ländern zusammenzuarbeiten und sicherzustellen, dass ihre Nachbarschaftspolitik zu gerechten, fairen und unterstützenden Beziehungen mit ihren Nachbarn führt.
Wir rufen alle europäischen Politikerinnen und Politiker dazu auf, sich neu auf eine gemeinsame europäische Vision, auf gemeinsame Werte und gemeinsame Strategien zu verpflichten.
2. Europa - ein Kontinent der gemeinsamen Werte
2.1 Frieden und Versöhnung
Die europäische Integration trägt noch heute viel zu Frieden und Versöhnung unter den Mitgliedstaaten der EU bei. Die Erweiterung der EU nach Ende des Kalten Krieges gibt Anlass zu der Hoffnung, dass Kriege und gewaltsame Konflikte in der Zukunft zwischen allen europäischen Ländern gleichermaßen undenkbar werden. Die EU spielt eine stetig wachsende Rolle bei der Prävention und Lösung von Konflikten. Wir rufen dazu auf, die jüngsten Erweiterungen der militärischen Kapazitäten auch durch eine Stärkung nicht-militärischer Initiativen - etwa durch die Einrichtung eines europäischen Friedensinstituts - zu ergänzen, die die gemeinsamen Bemühungen der europäischen Länder um Konfliktprävention, Vermittlung und gewaltlose Konfliktbewältigung prüfen, unterstützen und stärken.
2.2 Europäische Integration
Die europäische Integration lädt die Menschen dazu ein, Beziehungen zu entwickeln, die nicht auf die wirtschaftliche und politische Dimension reduziert werden können. Die Vertiefung und die Erweiterung dieser Gemeinschaft sind untrennbar verbunden und müssen Hand in Hand gehen. Wir begrüßen darum den Beitritt Rumäniens und Bulgariens zur EU im Januar 2007.
In den Ländern des westlichen Balkans und in der Türkei hat die Aussicht auf einen EU-Beitritt Hoffnungen geweckt und einen Reformprozess eingeleitet. Im Zusammenhang des fortschreitenden Beitritts- und Assoziierungsprozesses ist die Verpflichtung auf die vereinbarten Prinzipien, die Charta der Grundrechte und die Unterstützung der jeweiligen Bevölkerung wesentlich.
Da in Europa Menschen unterschiedlicher Kulturen und Traditionen aufeinander zugehen, möchten wir die große Bedeutung des interkulturellen und interreligiösen Dialogs betonen. Europa ist die Heimat vieler Nationen, Kulturen und Religionen. Wir laden andere Religionen zu einem Dialog über gemeinsame Anliegen ein. Europa ist zugleich ein Zufluchtsort für ImmigrantInnen, Flüchtlinge und Asylsuchende. Wir möchten die Bedeutung des Schutzes der Menschen vor Verfolgung, vor gewaltsamen Konflikten oder ungerechten wirtschaftlichen Strukturen hervorheben. Wir möchten einen Beitrag zum Jahr des interkulturellen Dialogs 2008 leisten. Solche sinnvolle einmalige Initiativen sind jedoch nicht ausreichend. Wir rufen die politischen Verantwortlichen zur Unterstützung von Maßnahmen für einen langfristigen Dialog auf und sind bereit zur Zusammenarbeit mit ihnen.
2.3 Europa und Globalisierung
Der Reichtum Europas steht in scharfem Gegensatz zu den Lebensbedingungen der Menschen in vielen Teilen der Welt. Die EU und andere europäischen Staaten haben eine besondere Verantwortung, auf eine ausgewogene Weltwirtschaft mit gerechten Handelsbeziehungen und fairer Migrationspolitik und ohne wirtschaftliche Ausbeutung hinzuarbeiten. Derzeitige europäische Maßnahmen erwecken bei den Menschen in Entwicklungsländern allzu oft den Eindruck, in die entgegen gesetzte Richtung zu wirken.
Die Ungleichheit in der Verteilung des Reichtums in Europa muss angegangen werden. Europas Reichtum stehen auch die Arbeitslosigkeit in Europa und die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen gegenüber. Die Kirchen und ihre sozialen Programme sehen die Auswirkungen dieser Entwicklung an der Basis, denn oft sind sie die letzte Zuflucht derer, die durch das soziale Sicherungsnetz fallen.
Europas Reichtum führt auch zum unverantwortlichen Umgang mit Ressourcen. Als Reaktion auf den Klimawandel muss die EU ihre führende Rolle wahrnehmen und sicherstellen, dass alle Mitgliedstaaten ihre Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll erfüllen und sich eindringlich um Maßnahmen für die Zeit nach dem Kyoto-Protokoll bemühen. Es ist dringend notwendig, neue Initiativen zur Erschließung erneuerbarer Energiequellen voranzutreiben. Die Energiepolitik der EU muss sich mit den Umwelt- und Wirtschaftsaspekten an den Standorten der Energieproduktion befassen.
Soziale, wirtschaftliche und ökologische Fragen sind mit dem Prozess der Globalisierung eng verknüpft - einem Prozess, der Chancen und Herausforderungen mit sich bringt. Der Kontrast zwischen Armut und Reichtum wird durch ein materialistisches wirtschaftliches Wertesystem mit schädlichen Konsequenzen auf menschliche Beziehungen, Kulturen und menschliche Identität aufrecht erhalten. Wir rufen die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker dazu auf, ein besseres Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen, sozialen und umweltpolitischen Maßnahmen zu finden. Sozial- und Umweltpolitik dürfen nicht zum Anhängsel der Wirtschaftspolitik werden, sondern müssen integraler Bestandteil der politischen Gesamtstrategie sein. Diese Frage sollte im Mittelpunkt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft und G8-Präsidentschaft 2007 stehen.
2.4 Europa für die Menschen
Die Menschen in Europa sehen sich von den komplexen Entscheidungsprozessen auf europäischer Ebene immer weiter entfremdet. Deshalb begrüßen die Kirchen Bemühungen, mit den Bürgern Europas in Dialog zu treten, wie z. B. durch den "Plan D", der Demokratie, Dialog und Debatte fördern will. Uns bereiten allerdings die geringen praktischen Auswirkungen solcher Initiativen Sorge. Als Kirchen unterstützen wir gerne die Initiative "Europa für Bürgerinnen und Bürger", hoffen aber auf zusätzliche Bemühungen um einen wirklichen Dialog mit allen Teilen der Gesellschaft. Damit würde der "offene, transparente und regelmäßige Dialog" umgesetzt, den Artikel I-47 und I-52 des EU-Verfassungsvertrages vorsehen.
Die Kirchen in Europa haben sich sehr aktiv in den Entstehungsprozess des Verfassungsvertrages eingebracht und das Dokument kritisch gewürdigt. Kirchen fordern die Politikerinnen und Politiker jedoch dazu auf, auch die Stimmen der Menschen ernst zu nehmen, insbesondere jener, die meinten, dass den militärischen Projekten zu viel und der Förderung sozialer Maßnahmen zu wenig Raum gegeben wurde. Wir verpflichten uns und werden uns aktiv bemühen, den Dialog und die Beteiligung der Menschen auf lokaler Ebene in ganz Europa zu unterstützen, um die zukünftige Gestalt Europas zu entwickeln.
Die vergangenen und zukünftigen Erweiterungen der EU brauchen wirksamere und transparentere Entscheidungsprozesse. Wir rufen die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker dazu auf, eine rechtsverbindliche Vereinbarung anzustreben und zu verabschieden, die auf der Vision eines gerechten, nachhaltigen und zur Teilnahme ermutigenden Europas gegründet ist.
3. Europa -Hoffnung und Verpflichtung
Europas Geschichte ist nicht allein durch Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen (an denen zum Teil auch Kirchen beteiligt waren) geprägt, sondern auch durch neue Auf- und Durchbrüche in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Eine stetige Erneuerung des christlichen Glaubens wird europäischen Gesellschaften in der Bewahrung ihrer Identität unterstützen und dazu beitragen Werte zu entwickeln die den Kern der europäischen Kultur bilden.
Wir sind entschlossen, Grundwerte gegenüber allen Eingriffen zu verteidigen und jedem Versuch zu widerstehen, Religion für politische Zwecke zu missbrauchen. Wir wollen unsere Anliegen und Visionen gegenüber den säkularen europäischen Institutionen einbringen und dies soweit wie möglich gemeinsam tun. In diesem Sinne verpflichten wir uns, unseren Beitrag zur Zukunft Europas und zu seiner Rolle als Kontinent der Hoffnung zu leisten. Unsere Hoffnung gründet auf Gott, wie es im Brief des Apostel Paulus an die Römer zum Ausdruck gebracht wird, der den Geist den Charta Oecumenica zusammenfasst.
"Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes."
Brüssel, 12./13. Dezember 2006
Phantasievoll - kreativ - spannend
"Du sollst nicht ehebrechen" ausgezeichnet
14. Juli 2006

Wer wöchentlich die bunten Blätter der Yellowpress und täglich die Boulevardzeitungen liest, könnte auf die Idee kommen, Treue ist aus der Mode gekommen. "Du sollst nicht ehebrechen" steht in den Zehn Geboten. Junge Menschen haben die Sehnsucht nach verlässlichen, von Treue geprägten Beziehungen, doch das Scheitern vieler Beziehungen wird durch die jährliche Statistik geschiedener Ehen vorgeführt.
So mag es ein besonderes Zeichen sein, dass der Film "Du sollst nicht ehebrechen" von Irina Popow aus der Reihe "Unsere Zehn Gebote" jetzt mit dem Erich-Kästner-Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Aus insgesamt 33 Einreichungen von zwölf Sendern und Produzenten hatte die Jury (Margret Albers, Michael Demuth, Annette Friedmann, Tomy Wigand, Hagen Winterhoff) zuerst drei Beiträge ausgewählt: "Alles für die Show" (eingereicht vom RBB), die bereits mehrfach preisgekrönte Spielfilmproduktion "Die Blindgänger" (eingereicht vom ZDF) und Folge 6 der TV-Reihe "Unsere zehn Gebote" (eingereicht vom MDR). Gewonnen hat den Erich-Kästner-Fernsehpreis letztendlich die Regisseurin Irina Popow. Der von ihr inszenierte Beitrag "Du sollst nicht ehebrechen" überzeugte die Jury, weil es darin am besten gelungen sei, ein im Geiste des Namensgebers anspruchsvolles Programm für Kinder zu bieten: phantasievoll, kreativ, spannend, gewaltfrei.
Da mögen erfahrene Kästnerleser zuerst ein bisschen mit dem Augen zwinkern, leben doch die Protagonisten und Helden in den Kinderbücher von Erich Kästner häufig nicht als Kinder gelingender Beziehungen: Anton und Emil leben jeweils nur mit einem Elternteil, das doppelte Lottchen lebt getrennt, weil sich die Eltern getrennt haben. Doch das ist nicht die Botschaft der Kinderbücher des Schriftstellers, sondern eher die Beschreibung einer Wirklichkeit.
Die Fernsehserie "Unsere zehn Gebote" ist eine Produktion der Kinderfilm GmbH in Koproduktion mit MDR, SWR und BR für den Kinderkanal von ARD und ZDF: KI.KA. Die zehn Serienteile wurden gefördert durch die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) und die Tellux-Gruppe und die Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Bisher wurde die Serie vom KI.KA und dem Bayerischen Fernsehen ausgestrahlt. Weitere Dritte Programme wollen die Serie noch ausstrahlen. Ergänzend zu den Ausstrahlungen im Fernsehen kann die Serie auch als didaktische DVD für den Unterricht bzw. als home DVD bei der Matthias-Film gGmbH in Stuttgart erworben werden. Weitere Informationen und pädagogische Unterstützung sind auch auf www.unsere-zehn-gebote.de zu finden.
www.unsere-zehn-gebote.de/
www.matthias-film.de/
"Offen für Andere(s)"
Handbuch zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien erschienen
15. August 2007

Viele Vorurteile gegen Aussiedler existieren in der einheimischen Bevölkerung: Was hat es mit den Kindern und Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien auf sich? Warum sind sie so anders? Und überhaupt: "Das sind doch keine Deutschen!", ist immer wieder zu hören. Mal wird gesagt, sie seien Wirtschaftsflüchtlinge, mal haben viele die Befürchtung, dass Aussiedler oder Aussiedlerinnen bevorzugt werden oder Arbeitsplätze wegnehmen. Doch das schärfste Vorurteil ist wohl, dass viele einheimische Bürger das Gefühl haben, Aussiedler würden sich nicht integrieren.
Die EKD engagiert sich an vielen Stellen für die Integration von Aussiedlern. Der Rat der EKD hat für diesen Arbeitsbereich eigens einen Beauftragten. Eine Stelle, die in diesen Tagen neu besetzt wird: Zum 1. September wird der Dessauer Kirchenpräsident Helge Klassohn (63) neuer Aussiedlerbeauftragter der EKD und übernimmt die Aufgabe des Ratsbeauftragten für Fragen der Spätaussiedler und Heimatvertriebenen. Er folgt damit Bischof i. R. Klaus Wollenweber, der dieses Amt über Jahre hinweg engagiert wahrgenommen hat.
Die Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Jugend in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (aej) hat zusammen mit dem Amt für evangelische Jugendarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern , das Handbuch "Offen für Andere(s)", herausgebracht, in dem die Integrationsschwierigkeiten zwischen jungen Aussiedlern und der angestammten Bevölkerung betrachtet werden. Denn nicht nur die einheimischen Bürger haben Fragen und Vorurteile, sondern auch viele Russlanddeutsche fühlen sich in Deutschland nicht wohl und vergleichen das Leben ihres Geburtslandes mit ihrem Leben in Deutschland. Viele der Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien vermissen die individuelle Freiheit, die sie in ihrer Heimat kannten: "Hier ist alles verboten, man darf hier gar nix machen. Musik laut aufdrehen, da kommen die Nachbarn direkt und beschweren sich. In Kasachstan darf man alles machen, also fast alles ist erlaubt", sagt ein Jugendlicher aus Kasachstan. Viele vermissen zudem ihre Verwandten und Freunde, die sie in ihrer Heimat zurücklassen mussten. Aufgrund der Sprachdefizite fällt es schwer, sich mit Einheimischen anzufreunden und so bildet man meist eine Gruppe von Gleichgesinnten und lässt auch niemanden mehr an sich heran und verschließt sich vor dem "Fremden".
Kinder und Jugendliche aus Aussiedlerfamilien haben wie alle Gleichaltrigen Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Sie sind auf der Suche nach Freunden, einer Clique mit der sie etwa ihre Musik - auch in der gewünschten Lautstärke - hören können. Über 60 Prozent der Jugendlichen gehören der evangelischen Kirche an und können sich selbstverständlich zur Evangelischen Jugend zählen. Doch trotzdem sind sie anders. Sie haben einen Migrationshintergrund. und andere kulturelle Wurzeln. Die evangelische Jugendarbeit möchte Kinder und Jugendliche aus Aussiedlerfamilien unterstützen, ihnen helfen und sie beschäftigen.
Für diese besondere Herausforderung werden in dem 80 Seiten umfassenden Handbuch Hinweise und Hilfestellungen gegeben. Das Handbuch soll das Interesse an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus Aussiedlerfamilien in der evangelischen Jugendarbeit wecken und den Weg für die eigene Auseinandersetzung mit Themen wie Integration, interkultureller Dialog oder kulturelle Begegnung bahnen.
Zu Anfang des Handbuches werden Begriffe wie "Aussiedler", "Spätaussiedler" und "Russlanddeutsche" erläutert sowie Daten und Fakten zusammengestellt. In einem zweiten Teil reflektieren verschiedenen Autorinnen und Autoren aus Forschung, Wissenschaft und Praxis relevante Themen für die Arbeit mit Aussiedlerjugendlichen. Im dritten Teil informieren Praktikerinnen und Praktiker aus verschiedenen Einrichtungen, Gemeinden, Dekanaten und Verbänden über ihre Erfahrungen.
Hinweis:
Das Handbuch kann über die aej-Geschäftstelle, Otto-Brenner-Straße 9, 30159 Hannover, über Telefon 0511/1215-141 oder über E-Mail: Martina.Seehaus@evangelische-Jugend.de, bestellt werden.
Handbuch "Offen für Andere(s)" als pdf-Datei
Crossbot findet Nadel im Heuhaufen
Evangelische Kirche startet christliche Suchmaschine
28. August 2003

Die Suche nach christlichen Themen im Internet wird einfacher. Mit der neuen, christlichen Suchmaschine http://www.crossbot.de/ bieten das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbh (GEP) und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Internetnutzern einen neuartigen Service. Crossbot durchsucht nur angemeldete Internetseiten, die den christlichen Glauben zum Inhalt haben. Aktualität und Qualität der Seiten werden redaktionell geprüft. Betreiber einer eigenen Homepage können crossbot als Suchfunktion auf ihrer Seite integrieren. Bislang sind schon mehr als 300.000 Einzelseiten erfasst, bis Ende des Jahres sollen es eine Million sein.
Natürlich kann man auch in herkömmlichen Suchmaschinen nach christlichen Begriffen suchen. Aber Crossbot liefert nach Relevanz sortiert zehn Ergebnisse und daneben Verweise auf drei entsprechende Kategorien, in denen man mehr Informationen finden kann.
Die Startseite bietet einen Katalog mit 19 Kategorien wie etwa "Glaube & Gesellschaft", "Gemeinden im Internet" oder "Spiritualität", die auf thematisch sortierte Links verweisen. Die Volltextsuche ermöglicht die Recherche nach einem bestimmten Begriff in allen aufgenommenen Seiten.
"Crossbot hilft den Internet-Nutzern, die berühmte Nadel im Heuhaufen zu finden", sagt Tom Brok, Leiter der Internetarbeit im Kirchenamt der EKD. Vor allem die Qualitätssicherung hat für das crossbot-Team hohe Priorität: "Wir prüfen alle Seiten, die sich für eine Aufnahme bei crossbot anmelden. Nur seriöse Seiten, die den christlichen Glauben zum Inhalt haben, werden in den Katalog aufgenommen."
Die Internetarbeit der EKD, die crossbot gemeinsam mit der Multimedia Agentur <i-public> entwickelt hat, nutzt die christliche Qualitätssuchmaschine zukünftig als interne Suchfunktion. Wer auf http://www.ekd.de/ einen Suchbegriff eingibt, erhält seine Ergebnisse von crossbot. Die technische Entwicklung der Suchmaschine leistete die Neusser Abacho AG, gefördert wird das Projekt von der Evangelischen Kreditgenossenschaft (EKK).
"Die Neuanmeldungen laufen gut", so Markus Eisele von <i-public>. "Mit jetzt schon mehr als 300.000 angemeldeten Seiten ist Crossbot die größte und umfassendste christliche Suchmaschine weltweit."
Zur erweiterten Crossbot-Suche auf EKD.de
PAULUS - RELIGIONSFREIHEIT TÜRKEI
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
04. September 2008
In der Sehitlik-Moschee am Berliner Columbiadamm predigte letzte Woche der Imam gegen Gewalt. Die Polizei war dabei. Vor der Moschee präsentierte sie ihre Initiative gegen Jugendgewalt in Kreuzberg. Auf Integration und gutes Zusammenleben zielen solche Bemühungen.
Trotzdem wird immer wieder über neue Moscheen gestritten. Ihre Zahl ist beachtlich. Ihre Ausmaße gehen manchmal weit über das hinaus, was durch die Größe der örtlichen Gemeinde zu rechtfertigen ist. Auch in Berlin haben Pläne unterschiedlicher Träger für Moscheebauten öffentliche Auseinandersetzungen hervorgerufen. In Neukölln, Pankow oder Charlottenburg gab es unlängst derartige Debatten.
Wir bekennen uns in Deutschland zur Religionsfreiheit. Sie gilt für Muslime, für Christen und für Glaubenslose in gleicher Weise. Dass Muslime aus den Hinterhöfen herauskommen und ihre Gotteshäuser bauen können, verdient Zustimmung. Sie haben ein Recht auf würdige Gotteshäuser. Das fördert den Dialog und dient der Integration.
In der Türkei haben es Christen freilich ungleich schwerer. Christliche Gemeinden dürfen keine Kirchen bauen, keine Gottesdienste ohne staatliche Genehmigung feiern, keine Grundstücke erwerben. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten mehr als zwei Millionen Christen in der Türkei. Heute sind es nur noch etwa 100.000. Das ist kaum ein Prozent der türkischen Bevölkerung.
Dabei hat das Christentum im Orient eine lange Tradition. Auf den Apostel Paulus gehen viele christliche Gemeinden in der heutigen Türkei zurück. Dort, nämlich in der Stadt Tarsus, wird er geboren und Saulus genannt. Bald streitet er als strengreligiöser Jude gegen die Christen. Doch vor Damaskus kommt er zu neuer Einsicht; diese Erkenntnis trifft ihn wie ein Blitz. Der Verfolger wird zum Verfechter des Christentums. Aus Saulus wird ein Paulus. Sogar in seinem Namen schlägt sich die neue Einsicht nieder. "Ich schäme mich des Evangeliums nicht"; dazu bekennt er sich von nun an. Er wird der erste Missionar, der den christlichen Glauben außerhalb des jüdischen Volkes verbreitet. Auf das Jahr 8 nach Christus wird die Geburt des Paulus datiert; das Jahr 2008 ist deshalb ein Paulusjahr.
Religionsfreiheit ist immer auch die Freiheit der Andersgläubigen. Unser Verständnis von Freiheit können wir nicht davon abhängig machen, ob sie in anderen Ländern gewährt wird oder nicht. Manchem Anwohner würde jedoch die Zustimmung zum Bau von Moscheen bei uns leichter fallen, wenn auch in Saudi Arabien christliche Gottesdienste einen guten Ort fänden und die Christen in der Türkei ein leichteres Leben hätten.
Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ist vollendet
Einst Mahnmal gegen den Krieg, heute Symbol der Versöhnung
14. Oktober 2005

Die barocke Frauenkirche wurde von 1726 bis 1743 nach Plänen des Dresdner Ratszimmermeisters George Bähr gebaut. Mit ihrer glockenförmigen Sandsteinkuppel prägte sie über 200 Jahre lang die Dresdner Stadtsilhouette und zählte zu den bedeutendsten Sakralbauten des Protestantismus. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Frauenkirche bei den Luftangriffen am 13. Februar 1945 zerstört. Nur ein spärlicher Augenzeugenbericht erzählt von den letzten Momenten der ausgebrannten Kirche. Zunächst sei da ein "leises Knistern" zu hören gewesen. Dann stürzte die über 200 Jahre lang bewunderte Kuppel mit einem "ungeheuren Krachen" ein, "nachtschwarze Staubwolken" hüllten die Umgebung ein. Das Wahrzeichen Dresdens hatte den alliierten Angriffen eineinhalb Tage zuvor noch getrotzt. Doch dann barsten die ausgeglühten Pfeiler. Zurück blieb ein Trümmerhaufen mit zwei bizarr aufragenden Mauerresten.
Mehr als 60 Jahre später steht die Frauenkirche wieder und gilt als ein Symbol der Versöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern. Der Bau unter dem Leitspruch "Brücken bauen - Versöhnung leben" wurde auch aus den USA und Großbritannien gefördert. So bezahlte etwa ein britischer Verein das goldene Turmkreuz, an dessen Herstellung der Sohn eines der Bomberpiloten der Luftangriffe auf Dresden 1945 beteiligt war. Der Gedanke der Versöhnung verlieh dem Wiederaufbau ein hohes symbolisches Prestige. Dabei wird sich erst noch erweisen müssen, ob das riesige Interesse an der neuen Kirche tatsächlich ein Signal für eine "Wiederkehr der Religion" ist - oder nicht doch nur ein religiöser Medienevent des Jahres 2005.
Irritiert waren die DDR-Behörden, als sich ab 1982 an jedem 13. Februar, dem Gedenktag der Zerstörung Dresdens, unabhängig von der Staatsmacht Menschen zum stillen Kerzengedenken an der Frauenkirche versammelten. Die Ruine wurde zu einem wichtigen Ort und Symbol für die DDR-Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Mitten in der friedlichen Revolution wurde dann aber auch der Gedanke des vollständigen Wiederaufbaus wiedergeboren. Eine Bürgerinitiative schickte einen "Ruf aus Dresden" in die Welt, der lange Zeit auf ein geteiltes Echo stieß. Kritiker machten politische, finanzielle und kunsthistorische Gründe gegen den Wiederaufbau geltend. Doch mit dem Wiederaufbau ab 1994 setzte eine ungeahnte Euphorie ein. Im In- und Ausland gründeten sich Unterstützervereine. Gleichzeitig verfolgten die Medien die spektakuläre Rekonstruktion in einer nie gekannten Weise über Jahre hinweg. Für die etwa 179 Millionen Euro teuren Arbeiten mit alten und neuen Steinen wurde weltweit die bemerkenswerte Spendensumme von etwa 100 Millionen eingeworben.
Am 30. Oktober soll die Frauenkirche nun mit einem Gottesdienst eingeweiht werden. (www.frauenkirche-dresden.de)
Informationen zum ZDF-Fernsehgottesdienst
Polizeigottesdienst: Reithalle wurde zum Kirchraum - mit Martinshorn und Festnahme
Die Ordnungshüter und die menschliche Sehnsucht nach Gerechtigkeit
28. Mai 2005
Ein ungewöhnlicher Gottesdienstraum, selbst für einen Kirchentag: Hier werden sonst Pferde bewegt, vielleicht auch Hunde, denn in den angrenzenden Gebäuden ist die Hunde- und Reiterstaffel der Polizeidirektion Hannover untergebracht. Für den Gottesdienst anlässlich des Kirchentages hat man die allseits bekannten Papphocker verteilt, einen Altar aufgebaut, und das Polizeimusikkorps Niedersachsen hat sich auf die Begleitung der Lieder eingestellt.
Der Polizeialltag ist Thema des Gottesdienstes. Zwei Anspiele zeigen die unterschiedliche Situation: Zuviel Polizei gab es einst in der DDR. Gegenseitiges Bespitzeln war an der Tagesordnung. Die Alternative, zu wenig Polizei, wirkt auch nicht verlockend. Was ist, wenn man die Ordnungshüter braucht und sie können nicht kommen? Lebhaft wird es, als plötzlich ein Streifenwagen mit Martinshorn heranbraust und die Verhaftung eines Straftäters simuliert wird. Zwei Polizisten mit Hund stellen einen flüchtenden Täter. Sogar handgreiflich wird es, einige Kinder bekommen Angst und weinen.
In ihrer Predigt geht Pastorin Claudia Kiehn auf die Frage ein: "Warum brauchen wir die Polizei?" Sie deute auf die Grundsehnsucht aller Menschen nach Gerechtigkeit hin. Auch der Prophet Jesaja künde von dieser Sehnsucht: "Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird." Erst wenn das Realität sei, werde man weder Polizistinnen und Polizisten benötigen noch Geistliche, sagte die Pastorin. Aber noch sei dies keine gerechte Welt. Dies wurde auch bei der Ansage der Kollekte deutlich: Gesammelt wurde für die Polizeistiftung Niedersachsen, die Polizeibeamten und ihren Familien unbürokratisch hilft, wenn sie in ihrem Beruf verletzt wurden und dadurch besondere Unterstützung brauchen.
28. Mai 2005
Nachrichtenredaktion Kirchentag
"Glück ist auch der Duft von Flieder"
Prominente beschreiben was für sie Glück ist
27. Mai 2002
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"Zufriedenheit und Harmonie - und wenn die mir liebsten Menschen um mich sind."
Anni Friesinger, Eisschnellläuferin
"...lebenssatt sterben zu können. Denn wer selig stirbt, kann glücklich leben."
Peter Hahne, ZDF-Moderator
"Drei Varianten vom Glück erzeugen bei mir Lebensfreude und Lebensmut: Glück haben mit Familie und Freunden, Chancen und Erfolgen. Glück spüren und erleben an Sonnentagen, in der Musik und durch Gottes Geleit. Glück weiterschenken aus dem Fundus eigener glückhafter Erfahrungen und Kräfte."
Hildegard Hamm-Brücher, Politikerin
"Glück ist, mit dem zufrieden zu sein, was ist, und sich nicht nach dem zu sehnen, was nicht ist."
Amelie Fried, Fernsehmoderatorin
"Ich empfinde es als Glück, dass die Menschen, die ich lieb habe, leben und gesund sind, und dass der Flieder im Frühling immer noch so duftet wie in meiner Kindheit."
Hannelore Hoger, Schauspielerin
"Glück besteht aus Glaube, das ist das Wichtigste - denn wer nicht glaubt, hat kein Heim. Zum Glück gehören auch Dankbarkeit, Zufriedenheit und anderen Menschen zu helfen. Es ist ein steiniger Weg zum Glück. Wer es empfinden will, muss viel dafür tun."
Rudolph Moshammer, Modemacher
"Ich fürchte, Glück ist meistens ein Zustand, den man erst dann zu beschreiben und zu erkennen vermag, wenn man ihn verloren hat."
Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur des Tagesspiegels
"Integrieren statt ignorieren"
Gemeinsames Wort zur Interkulturellen Woche
21. September 2004
Gemeinsames Wort zur Woche der ausländischen Mitbürger / Interkulturelle Woche 2004 vom 26. September bis 2. Oktober 2004
Wo ist dein Bruder Abel?« - diese Frage Gottes an Kain bleibt überzeitlich aktuell. Aktuell bleibt auch die Antwort Kains: »Ich weiß es nicht, bin ich der Hüter meines Bruders?« (Genesis 4,9) Wo diese Grundhaltung um sich greift: »Was geht mich der andere Mensch an?«, da wird menschliches Miteinander zerstört, da hat der Mensch kein Zuhause mehr. Vor diesem Hintergrund rückt das Schutzgebot gegenüber Fremden und Flüchtlingen in das Zentrum des Evangeliums.
Die Woche der ausländischen Mitbürger/Interkulturelle Woche steht auch in diesem Jahr unter dem anspruchsvollen Motto »Integrieren statt ignorieren«. Sie erinnert uns daran, dass es sich bei der angestrebten Integration nicht um ein herablassend gewährtes Geschenk handelt, das wir nach Belieben anbieten oder verwehren können. Zuwanderer gehören zur Wirklichkeit unserer Gesellschaft. Wir können und dürfen sie als unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht einfach ignorieren, übersehen, links liegen lassen. Das lehrt uns auch der Blick auf die eindeutigen Aussagen der Bibel, wo es z.B. heißt: »Er (der Herr, euer Gott) liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung; auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.« (5. Mose 10,19)
Vor mehr als einem halben Jahrhundert wurden in Deutschland die ersten sogenannten »Gastarbeiter « angeworben. Vor mehr als 25 Jahren stellten die Kirchen fest: »Die Bundesrepublik ist zu einem Einwanderungsland geworden«. Über Jahrzehnte hinweg wurde die Politik aber von der gegenteiligen These bestimmt. Deutschland sei kein Einwanderungsland, so hieß die Behauptung. Die Realität der Einwanderung wurde verdrängt. Noch immer ist das Ausländer- und Asylrecht weithin in erster Linie auf die Abwehr von Migranten eingestellt.
In dem Entwurf für ein Zuwanderungsgesetz deutet sich - wie bereits vorher mit dem Bericht der unabhängigen Kommission Zuwanderung - ein Konsens aller politisch und gesellschaftlich prägenden Kräfte über die rechtliche Regelung einer begrenzten Zuwanderung und verstärkter Integrationsbemühungen an. Am Ende des langwierigen Verhandlungsweges über das Vermittlungsverfahren wird ein Kompromiss zwischen den Parteien sichtbar, der jedoch nicht dazu führen darf, den Flüchtlingsschutz gegenüber dem Gesetzentwurf abzuschwächen. Auch im Bereich der europäischen Migrationspolitik geben einige restriktive, einseitig auf die Abwehr von Migranten zielende Tendenzen Anlass zur Wachsamkeit.
Umso wichtiger ist es, sich auch in diesem Jahr durch die Woche der ausländischen Mitbürger/ Interkulturelle Woche an die grundlegenden, im biblischen Zeugnis verwurzelten Werte erinnern zu lassen. Leitend für die Kirchen ist das christliche Menschenbild, wonach jeder menschlichen Person als Ebenbild Gottes die gleiche Würde zukommt. Wenn wir die Arbeitskraft von Migranten in Anspruch nehmen wollen, müssen wir ihren elementaren Rechten Rechnung tragen; wenn wir ihre Integration wollen, müssen wir auf ihre eigene kulturelle und religiöse Tradition Rücksicht nehmen. Wohl erwogene eigene Interessen dürfen uns nicht blind dafür machen, wenn aus Gründen der Menschlichkeit unsere Hilfsbereitschaft gefordert ist. Deshalb setzen sich die Kirchen unter anderem für Menschen ohne gültige Papiere ein und verwenden sich dafür, dass die humanitäre Hilfe für sogenannte »Illegale« nicht in den Geruch der Strafbarkeit kommt. Unser Grundsatz heißt, dass kein Mensch der absoluten Rechtlosigkeit ausgeliefert werden darf. Jedem, der Menschenantlitz trägt, soll ein Mindestmaß an rechtlicher Anerkennung zukommen. Ebenso ist der Schutz von Ehe und Familie für die Kirchen ein hohes und wichtiges Gut. Wenn minderjährige Kinder aus ausländischen Familien nicht zu ihren Eltern kommen können, gibt es kaum Gründe, die ein solches Verbot rechtfertigen. Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, haben Anspruch darauf, dass ihr Flüchtlingsschicksal gewissenhaft geprüft wird; dazu gehört auch die Möglichkeit der gerichtlichen Überprüfung. Es ist auch nicht hinzunehmen, wenn viele Ausländer, die schon seit Jahren in Deutschland leben, keinen gesicherten Aufenthaltsstatus erhalten und infolgedessen von elementaren Erfordernissen wie z.B. der realen Möglichkeit von Arbeit oder dem Anspruch auf Kinder- oder Erziehungsgeld ausgeschlossen bleiben.
Die Sicht der Kirchen ist nicht nur durch grundsätzliche Erwägungen, sondern vor allem durch die tägliche Erfahrung in der Arbeit mit zuwandernden Menschen und dem Eintreten für ihre Rechte geprägt. Die vielfältigen Erfahrungen, die die Kirchen dabei über Jahrzehnte hinweg gesammelt haben, werden auch in diesem Jahr in die Veranstaltungen zur Woche der ausländischen Mitbürger/ Interkulturellen Woche einfließen. In zahlreichen Gottesdiensten, Feiern und Informationsveranstaltungen werden Ausländer und Deutsche, Zugewanderte und Einheimische gemeinsam deutlich machen, wie integrieren statt ignorieren praktisch gelebt werden kann. Menschlicher Zuwendung und Anteilnahme kommt eine zeichenhafte Bedeutung für die Zukunft unserer Gesellschaft zu. Daher rufen wir zu einer regen Beteiligung an der Woche der ausländischen Mitbürger/ Interkulturellen Woche auf und erbitten dafür Gottes Segen.
Bischof Wolfgang Huber
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland
Karl Kardinal Lehmann
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
Metropolit Augoustinos
Griechisch-Orthodoxer Metropolit von Deutschland
Hinweis:
Eingebettet in die Interkulturelle Woche ist der "Tag des Flüchtlings" am Freitag, 1. Oktober.
Woche der ausländischen Mitbürger / Interkulturelle Woche 2004 im Internet.
Werte eines ehrbaren Kaufmanns
Finanzkrise: "Renditejagd um jeden Preis ist von Übel"
19. September 2008

Die EKD hat in ihrem Papier "Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive" auch die dramatischen Veränderungen auf den Kapitalmärkten behandelt. Matthias Böhni hat Thomas Begrich, Ökonom und EKD-Finanzleiter, dazu befragt.
Reformierte Presse: In der EKD-Denkschrift heißt es, "christliche Werte eines ehrbaren Kaufmanns" seien wichtig. Was kann er bei den Börsenbeben noch ausrichten?
Thomas Begrich: Hinterher kann er nichts mehr machen, er muss es vorher tun. Wie der alte Senator Buddenbrook in Thomas Mann Roman geraten hat, sollte er am Tag gute Geschäfte machen, aber nur solche, die ihn in der Nacht auch gut schlafen lassen. Vor allem muss er sie übersehen, verstehen und sich auch bescheiden können. Renditejagd um jeden Preis ist von Übel. Man soll niemanden über den Tisch ziehen.
Sie sprechen jene Finanzprodukte an, die so kompliziert sind, dass sie keiner versteht.
Genau. Auch die EKD wurde angefragt, ob sie in Derivate oder Hedge-Fonds investieren wolle. Wir sagten auch deshalb Nein, weil wir diese Finanzprodukte nicht genug verstehen. Manche sind wie böhmische Dörfer, die die Wirtschaft nun enorm schädigen.
Die Banken hätten sich aus ihrer Verantwortung für die Stabilität des Finanzsystems gelöst, analysiert die Denkschrift. Sind die Banken alleine schuld?
Nein. Aber die Finanzwirtschaft hat eine große Verantwortung, weil sie viel Geld sehr schnell bewegt. Eine solche Abwärtsspirale, wie wir sie nun erleben, ist schwer zu stoppen. Zehntausende Arbeitsplätze verschwinden, der Staat verliert Riesensummen. Sie und ich können keinen solchen Schaden anrichten.
Soll der Staat Banken retten oder zusehen, wie der Markt sich selber korrigiert?
Die Korrektur des Marktes kommt zu spät und entspricht der Philosophie, dass Gewinne privatisiert, Verluste vergesellschaftet werden. Aber ich habe Verständnis, dass die US-Regierung die Bank Lehman Brothers nicht gerettet hat. Denn ob eine staatliche Stützung etwas gebracht hätte, ist nicht unbedingt mit Ja zu beantworten.
Kann man diese Krise evangelisch interpretieren?
Nein, wäre ich katholisch, würde ich gleiche Schlüsse ziehen. Entscheidend ist, dass der Kaufmann schon am Anfang ehrbar ist.
Quelle: Reformierte Presse
Wie gewinnt man eigentlich Freunde?
Lassen Sie uns gemeinsam Antworten finden
01. August 2002

Mit viel Zeit und Ausdauer! Bei Kindern werden andere Kinder oft innerhalb einer Stunde zu "Freunden". Sie können bis zu einem gewissen Alter den Begriff noch nicht recht definieren. Später erfahren sie wie wir alle, dass Freundschaften nicht einfach so vom Himmel fallen, sondern wachsen müssen, Zeit beanspruchen, viel Pflege, Offenheit und vor allem Vertrauen bedürfen. Freunde leben in einem ständigen Geben und Nehmen. Freundschaften, die über viel Zeit gewachsen sind, halten - oft ein Leben lang.
Manchmal merkt man selber, dass man auch von längeren Bekanntschaften als "Freunde" spricht. Aber Freunde, wahre Freunde hat man, wenn man richtig überlegt, in der Regel oft nur eine Handvoll. Und merkwürdig: wenn auch abgedroschen, so gilt oft der Spruch: "In der Not zeigen sich die wahren Freunde". In Situationen, in denen es einem schlecht geht, tragen Freunde oft das belastende Päckchen mit. Sie hören zu, sie beraten, sie sind einfach da wenn sie gebraucht werden Und Freunde halten sich aus. Auch wenn zwei Freunde sich aus einem vermuteten Fehler des jeweils anderen sogar Jahre aus dem Weg gehen, so trägt eine wahre Freundschaft dennoch, sobald beide wieder aufeinander zugehen. Und dann merkt man schnell, wie sehr einem der Freund gefehlt hat! Und wie passt nun Gott zu diesem Thema? Gott will der Freund eines jeden von uns sein, von Geburt an. Wir müssen nur lernen, ihn anzunehmen - ein Leben lang.
Wie haben Sie eigentlich Freunde gewonnen?
"Misch mit!"
Die Interkulturelle Woche 2009 - Woche der ausländischen Mitbürger
14. September 2009

Die Interkulturelle Woche ist eine Initiative der EKD, der Deutschen Bischofskonferenz und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie. Sie wird von den Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden, Kommunen, Ausländerbeiräten und Integrationsbeauftragten, Migrantenorganisationen und Initiativgruppen unterstützt und mitgetragen. An der Interkulturellen Woche beteiligen sich zahlreiche Gemeinden, Vereine, Vertreter von Kommunen und Einzelpersonen in mehr als 270 Städten mit insgesamt etwa 3.000 Veranstaltungen.
Als Termin für die Interkulturelle Woche 2009 unter dem Motto "Misch mit!" wird der Zeitraum vom 18. September bis 3. Oktober 2009 empfohlen. Am Freitag, den 18 September 2009, wird in München die bundesweite Auftaktveranstaltung, beginnend um 17:00 Uhr mit einem Ökumenischen Gottesdienst in der griechisch-orthodoxen Allerheiligenkirche, stattfinden. Im Rahmen der Interkulturellen Woche findet am 2. Oktober auch der Tag des Flüchtlings unter dem Motto "Mit Menschenrechten darf man nicht spielen" statt.
Im Gemeinsamen Wort der Kirchen zur Interkulturellen Woche heißt es:
"In diesem Jahr begehen Christen in aller Welt die 2000-Jahrfeier der Geburt des Völkerapostels Paulus. Sein missionarisches Engagement hat entscheidenden Anteil daran, dass aus der Urgemeinde in Jerusalem eine weltweite Christenheit werden konnte. Prägnant hat Paulus die universale Perspektive des Glaubens ins Wort gefasst: »Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus« (Galater 3,28).
Das Auftreten des Paulus in Athen zeigt, wie er die Menschen im Glauben zusammengeführt hat: Er erkundet nach seiner Ankunft in Athen die Stadt und ihre Bewohner; er nimmt die religiösen Strömungen, Angebote und Heiligtümer wahr; er sucht das Gespräch mit den ihm begegnenden Menschen. Schließlich mischt er sich auf dem Areopag, dem Forum für öffentliche Diskussionen, in den Diskurs der Politiker und Philosophen ein. Auch wenn dieser erste Auftritt in Athen zunächst erfolglos schien, setzte er doch langfristig Veränderungen in Gang.
An diese Erfahrungen des Paulus knüpft das Motto der Interkulturellen Woche/Woche der ausländischen Mitbürger 2009 an. Es lautet kurz und knapp: Misch mit! Dieses Wort richtet sich sowohl an die einheimischen als auch an die zugewanderten Mitbürgerinnen und Mitbürger. Denn Kooperation und Integration müssen von beiden Seiten gewollt und angestrebt werden. Einmischen, Mitgestalten, Mitbestimmen - darum geht es nicht nur im Wahljahr 2009. Deutschland, Europa und die Welt stehen vor großen Herausforderungen, die nur gemeinsam bestanden werden können".
"Have a good time!"
Bischof Wolfgang Huber: "Mauern zwischen Menschen einreißen"
14. August 2009

In Berlin findet vom 15. bis 23. August 2009 im Olympiastadion die 12. IAAF Leichtathletik-WM statt - das größte Sportereignis dieses Jahres, nicht nur in Deutschland. Die EKD und die Deutsche Bischofskonferenz werden zusammen mit der sportmissionarischen Organisation "SRS - Für Sport. Für Menschen. Für Gott" ein geistliches Angebot während der Weltmeisterschaft anbieten.
Sportbeauftragter der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz ist Prälat Bernhard Felmberg, der Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der EU. Auf die Frage "Was haben die Kirche und die Leichtathletik-WM miteinander zu tun?" antwortet er: "Die Kirche hat als Wesensäußerung einen Seelsorgeauftrag. Dieser gilt natürlich auch den Sportlern."
Im Zentrum des kirchlichen Angebots steht die Kapelle im Berliner Olympiastadion. Sie wird während der gesamten Spiele für alle akkreditierten Besucher geöffnet sein - und es werden dort Andachten und Gottesdienste stattfinden. Es ist das erste Mal bei einer Leichtathletik WM, dass im Stadion eine Kapelle zur Verfügung steht.
Prälat Felmberg betont: "Wir haben im Leistungssport immer als Thema den Leistungsdruck. Das Umgehen mit Niederlagen, Verletzungen aber auch mit Siegen ist nicht einfach. Zentral ist dabei das geistliche Angebot. Vielen Sportlern ist es wichtig, vor und nach den Wettkämpfen zu beten, Andachten zu besuchen und Andachten mit dem Pfarrer oder in einer kleinen Gruppe zu sprechen. Das ist im Leistungssport heute schon oft Standard, weil die Sportlerinnen und Sportler merken, dass sie die Entlastung, also die Botschaft des Evangeliums brauchen: Die Zusage, dass man etwas wert ist, auch wenn man nicht auf dem Siegertreppchen steht, ist wesentlich. Die eigene Würde hängt nicht an Sieg und Niederlage."
Ferner wird in jedem Athletenhotel eine Oase der Stille eingerichtet. Dort gibt es die Möglichkeit zum stillen Gebet, zum seelsorglichen Gespräch oder zur gemeinsamen gottesdienstlichen Feier. Für die Athletinnen und Athleten stehen Sportlerseelsorger zum Gespräch zur Verfügung.
Anlässlich der Eröffnung der Leichtathletik-WM fand am 13. August 2009 ein ökumenischer Gottesdienst im Berliner Dom statt. Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, und der Trierer Weihbischof Jörg Michael Peters gestalteten ihn gemeinsam mit Prälat Felmberg, dem katholischen Sportbeauftragten Hans-Gerd Schütt und Domprediger Friedrich-Wilhelm Hünerbein unter dem Motto "Mit einem Ziel vor Augen". Bischof Huber predigte über 1. Korinther 9, 24-27: Dort zieht Paulus den Vergleich zwischen der "Kampfbahn" und dem Leben des Christen an sich. Lauft so, dass ihr den Siegespreis erlangt, sagt er. Aber Paulus weist darauf hin, dass wir als Christen nicht in Bewegung sind, um den vergänglichen Siegerpreis zu erringen, sondern den unvergänglichen durch den Glauben zu erlangen.
"Willkommen in der Wirklichkeit"
Interview des EKD-Ratsvorsitzenden mit dem Kölner Stadt-Anzeiger
10. November 2006
Der EKD-Ratsvorsitzende wünscht sich einen Dialog mit dem Philosophen.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Bischof, der CDU-Mann Jürgen Rüttgers ehrt Jürgen Habermas, eine Art Ikone der 68er. Und dieser entdeckt als - wie er sagt - "religiös unmusikalischer" Mensch die Bedeutung von Religion neu. Was passiert da?
WOLFGANG HUBER: In seiner Rede zur Verleihung des NRW-Staatspreises hat Jürgen Habermas seine neue Wertschätzung für die Religion besonders markant intoniert: Religiöse Zeitgenossen sollten nicht als Exemplare einer aussterbenden Spezies gesehen werden. Ich frage mich allerdings: Wer hat das denn vorher getan - und warum?
Die von Habermas mitgeprägte Generation zum Beispiel.
HUBER: Zum Teil stimmt das. Dass es hier in Bezug auf die Bedeutung der Religion tatsächlich zu einer Revision kommt, freut mich. Zumal wenn dies an so prominenter Stelle und von einem so prominenten Sprecher wie Habermas geschieht.
Also stehen wir schon an einem mentalen Wendepunkt?
HUBER: Es gibt eine neue Aufmerksamkeit für das Phänomen Religion. Aber es ist nicht so, dass die intellektuelle Diskussion darüber der gesellschaftlichen Wirklichkeit vorauseilte. Vielmehr kommt jetzt bei den Intellektuellen an, was wir in den Kirchen erleben und was Meinungsforscher bereits seit fünf oder sieben Jahren beschreiben.
Der ultimative Sieg der Religion über die Linke und die Moderne?
HUBER: Das Links-rechts-Schema passt schon deshalb nicht, weil es über die Jahrzehnte immer auch Christen gab, die politisch "linke" Positionen vertreten haben. Die Entstehung der Grünen in Deutschland etwa wäre ohne die starken Einflüsse aus dem Christentum gar nicht vorstellbar gewesen. Aber diesem religiösen Hintergrund politischer Bewegungen hat Habermas früher keine besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Insofern beruht seine Rede von einer "säkularen Gesellschaft" auch zu einem Gutteil auf einer Fiktion - als träten wir nach einer Phase, in der Religion gesellschaftlich keine Rolle mehr gespielt hätte, jetzt in eine "postsäkulare Phase" ein, in der Religion unversehens wieder en vogue ist. Das ist ein sehr unscharfer Umgang mit dem Begriff der Säkularisierung.
Wie sehen Sie es?
HUBER: Auf den Staat und das Recht bezogen, sage ich: Gott sei Dank haben wir eine säkulare Ordnung, in der Menschen unterschiedlicher (religiöser) Überzeugung ein gleiches Heimatrecht haben. Wir haben Gott sei Dank einen Staat, der für seine Autorität keiner religiösen Legitimation bedarf, sondern sie von den Wählern bezieht. All das bejahen Christen genauso wie ihre Mitbürger ohne religiöse Verwurzelung. Und weil das so ist, kann ich auch nicht so wie Habermas zwischen "christlichen Bürgern" und "säkularen Bürgern" unterscheiden. Ich selbst verstehe mich als Christen und säkularen Bürger zugleich - in der gerade beschriebenen Loyalität zu unserer Verfassungsordnung.
Sie sprachen von der "Fiktion" einer Gesellschaft ohne Religion. Das war ja nun explizit eine Utopie auch liberaler Strömungen.
HUBER: Dass bestimmte, eher vulgäre Spielarten des Marxismus die These vom "Absterben der Religion" propagiert haben - geschenkt. Aber ich habe nie verstanden, wieso Liberale so etwas je für eine Vision oder - wie Sie sagen - Utopie haben halten können. Herausragende Vertreter des Liberalismus haben immer wieder auf die Wechselbeziehung von Freiheit und Glaube hingewiesen. Alexis de Tocqueville sagt: "Despotismus kommt ohne Glauben aus; die Freiheit nicht." Und deshalb ist es gut, dass die Religion als persönliche Überzeugung und gesellschaftlicher Faktor präsent ist und bleibt. Der Glaube schränkt den Vernunftgebrauch des Menschen nicht ein, sondern gibt ihm Orientierung.
Sie verbinden das mit einer selbstkritischen Sicht auf Unvernunft in der Kirchengeschichte.
HUBER: Unbedingt. Deswegen beziehe ich es auch nicht auf mich, wenn Habermas kritisch vermerkt, das Plädoyer für eine vernunftgemäße Religion dürfe keinen exklusiven Anspruch einer "an eine westliche Traditionslinie gebundenen Religion" geltend machen. Selbstverständlich muss die Verbindung von Vernunft und Religion, die sich notwendig mit einer Ablehnung von Gewalt im Namen Gottes und der Religion verbindet, für alle Religionen gelten. Allerdings ist nicht zu bestreiten, dass gegenwärtig wichtige Teile der islamischen Welt damit außerordentliche Schwierigkeiten haben. Aber auch das Christentum hat das Verhältnis von Religion und Gewalt erst allmählich in dem von mir beschriebenen Sinn geklärt.
Dann heißt Ihre Forderung an den Islam: "Seid bitte mindestens so vernünftig wie wir Christen!"?
HUBER: Richtig - vorausgesetzt, dass alle Christen so vernünftig sind. Was die Wahrung unserer Verfassungs- und Rechtsnormen betrifft, sind alle Religionen aus Vernunftgründen daran gebunden.
Das hört Habermas bestimmt gern. Obwohl er sowohl den Papst als auch Sie milde tadelt, es mit dem "Vernunftstolz" ein wenig zu übertreiben. Fühlen Sie sich ertappt?
HUBER: Insofern ja, als wir zuletzt vor allem über die notwendige Verbindung von Glauben und Vernunft debattiert haben. Dass der Glaube sich - wie die Bibel sagt - auf einen Frieden bezieht, "der höher ist als al le Vernunft", mag da für einen Beobachter wie Habermas in den Hintergrund getreten sein. Als Christen haben wir - bei aller Wertschätzung der Vernunft - Grund, in Demut von der endlichen, also begrenzten Vernunft des Menschen zu sprechen.
Wann ehrt die EKD Jürgen Habermas mit einem eigenen Preis?
HUBER: Unter Intellektuellen sollte man zuallererst dem Dialog die Ehre geben. Ich würde mich über eine Gelegenheit dazu sehr freuen.
Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger vom 10. November 2006
Evangelische Schulen über dem Durchschnitt
Erste Studie zu konfessionell gebundenen Schulen
03. Juni 2005

Die Qualität von Schulen in evangelischer Trägerschaft ist oft erkennbar besser als die im staatlichen Bildungswesen. Beispielsweise sind Vorteile im Bereich des Leseverständnisses gegenüber staatlichen Schulen feststellbar. Außerdem ist der Anteil von so genannten Risikoschülern deutlich geringer als im staatlichen Bildungswesen, was nicht nur auf den sozialen Hintergrund der Familien, sondern auch auf die Qualität der Schulen zurückzuführen ist. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie mit dem Titel "Erträge von Erziehungs- und Bildungsprozessen an Schulen in evangelischer Trägerschaft in Deutschland". Der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, sowie die Autoren der Studie, Professor Annette Scheunpflug (Universität Erlangen-Nürnberg) und Professor Olaf Köller (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, Berlin), stellten die Untersuchung jetzt vor.
Evangelische Schulen vertreten den Anspruch, sich von staatlichen Schulen zu unterscheiden. Drei gemeinsame Anliegen in der pädagogischen Arbeit lassen sich ausmachen: Es ist erklärtes Ziel, in besonderem Maße zur Qualifikation junger Menschen beizutragen. Zweitens wird besonderer Wert auf ein diakonisches Bildungsverständnis, das heißt auf eine umfassende Sozialerziehung gelegt. Das dritte Ziel ist die Milieubindung: Konfessionelle Schulen haben in einer Zeit allgemein zunehmender "Entkirchlichung" den Anspruch, einen Ort zu verkörpern, der den Glauben stärkt. Werden evangelische Schulen ihren eigenen Ansprüchen gerecht? Diese Frage stand im Mittelpunkt des in Kooperation mit dem Deutschen PISA-Konsortium durchgeführten Forschungsprojektes.
"Schulen in kirchlicher Trägerschaft leisten einen substanziellen Beitrag im Bildungswesen, der in seiner Bedeutung in der öffentlichen Meinung zuweilen unterschätzt wird", betonen die Autoren. Bei aller Vielfalt der privaten Träger machen konfessionelle Schulen den größten Anteil im Privatschulwesen aus. Etwa fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler an Realschulen und 7,5 Prozent der Gymnasiasten in Deutschland besuchen konfessionelle Privatschulen. Insgesamt gehen rund 70.000 Schülerinnen und Schüler in Deutschland auf evangelische Schulen.
Hinweis: Die Untersuchung erscheint in Kürze im Waxmann-Verlag, Münster: Claudia Standfest/Olaf Köller/Annette Scheunpflug: lernen - leben - glauben: Zur Qualität evangelischer Schulen. Münster 2005
Berliner Mauer
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
14. August 2008
28 Jahre lang war Berlin durch die Mauer zerschnitten, die auf Ulbrichts Befehl am 13. August 1961 errichtet wurde. Inzwischen sind die Zeichen der Teilung an vielen Stellen aus dem Stadtbild getilgt. Es hat Berlin gut getan, neue Straßen und Brücken zwischen Ost und West zu bauen. Die Teilung hatte nicht das letzte Wort. Das war befreiend.
Doch Schießbefehl und Mauerstreifen dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Die junge Generation muss die Wahrheit über die Mauer erfahren. Auch für Ältere gibt es keinen Grund, die Vergangenheit zu verklären. Vielmehr muss das wahre Ausmaß des Unrechts im Bewusstsein bleiben. Gedenktage können nicht der einzige Anlass sein, die Geschichte der DDR ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Wer gestern, am Jahrestag des Mauerbaus, in der Stadt unterwegs war, stieß auf unterschiedliche Formen des Erinnerns. Beispielsweise auf den immerwährenden Trubel um den Checkpoint Charlie. Junge Männer in Uniformen der US-Marines, der Sowjets und der DDR-Volkspolizei lassen sich von Touristen aus aller Welt ablichten. Mit dem Gedenken an die Berliner Mauer hat das nur wenig zu tun. Im Gegenteil: Teilweise wird hier Geschichtsfälschung betrieben. Der Checkpoint war ein US-Kontrollpunkt, an dem weder DDR-Volkspolizisten noch sowjetische Soldaten Wache schoben.
Kunstprojekte beschäftigen sich mit dem Mauerbau und seinen Folgen. Ein Beispiel ist die erlebbare Mauer der Künstlerinnen Teresa Reuter und Tamiko Thiel. Ihr Projekt wurde gestern vorgestellt. In einer Computersimulation rückt einem die Mauer in ihrem Verlauf nahe. Kunst ist eine wichtige Brücke zur Vergangenheit.
Am wichtigsten ist für mich die Erinnerung an die Menschen, die an der Mauer zu Tode kamen. Mindestens 136 Menschen wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder verloren in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ihr Leben. Das sind mehr Opfer als bisher angenommen. Für jedes von ihnen gilt das Gebot: "Du sollst nicht töten." Auch ein Schießbefehl kann dieses Gebot nicht außer Kraft setzen. In der Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße wird der Mauertoten regelmäßig gedacht - so auch gestern. Den häufig unbekannten Opfern wird ihre Geschichte zurückgegeben. Die Hinterbliebenen haben einen Ort des Gedenkens. Für uns alle ist das eine wichtige Mahnung.
Noch in diesem Jahr soll die Stiftung Berliner Mauer gegründet werden. Denn die Arbeit der Gedenkstätte an der Bernauer Straße braucht eine solide rechtliche und finanzielle Grundlage. Die Erinnerung an die Berliner Mauer bleibt nur lebendig, wenn es Orte gibt, an denen sie anschaulich wird.
Kirche - eine fröhliche und zuversichtliche Gemeinschaft
Wolfgang Huber gibt vor der Synode Bericht
06. November 2005

Die Kirche könne den Menschen Gewissheit vermitteln, erklärte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, im Ratsbericht vor der Synode. In dieser fröhlichen und zuversichtlichen Gemeinschaft der Glaubenden habe auch die Barmherzigkeit mit den Zweiflern und mit eigenen Zweifeln Raum.
Neue Herausforderungen, Erfahrungen in der Kirche, die Situation der Menschen und den Weg der weltweiten Christenheit hat Huber in seinem Bericht angerissen. Er beschreibt spürbare Veränderungen in der Mediengesellschaft, in der ein neues Fragen und Suchen nach Religion zu spüren sei: "Es fällt uns gerade in der evangelischen Kirche nicht leicht, diese Veränderungen angemessen zu deuten." Neue Herausforderungen würden die kirchliche Lage prägen, beschreibt der Ratsvorsitzende die Situation. Viele Menschen seien auf ungewohnten Pfaden zu den Fragen und Antworten des Glaubens unterwegs. "Die Reaktion auf die großen Katastrophen zeigt das ebenso wie der Boom moderner Ratgeberliteratur, christliche Literatur durchaus eingeschlossen. Das Interesse an christlichen Bildungsangeboten weist ebenso in diese Richtung wie die neue Zuwendung zur Spiritualität," so Wolfgang Huber. Der christliche Glaube sei eine Weggemeinschaft und alles Nachdenken über die Zukunft der Kirche müsse sich am Auftrag zur Weitergabe des Glaubens ausrichten; alle Perspektivarbeit braucht deshalb eine theologische Grundlegung. Strukturüberlegungen, die sich nur am Rückgang der Gemeindegliederzahlen und der finanziellen Möglichkeiten orientieren, griffen zu kurz.
Der Tod und die Neuwahl des Papstes wie auch der Weltjugendtag haben in den vergangenen Monaten enorme mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, so Huber im schriftlichen Teil seines Berichtes. "Die auch an anderen Orten in der Gesellschaft beobachtbare Wiederkehr des Religiösen in die öffentliche Diskussion ist ein Gewinn für die Kirchen in unserem Land." Damit einher gehe eine Tendenz zur konfessionellen Profilierung. Die "Ökumene der Profile" bedeute aus evangelischer Sicht einerseits, "die sich aus der Besinnung auf die protestantischen Wurzeln ergebenen Einsichten klar und gelassen zu verdeutlichen." Zugleich sollten sich evangelische Christen bewusst bleiben, dass die Bibel die gemeinsame Grundlage aller Christen und Grundlage des missionarischen Auftrages zur Verkündigung von Gottes Wort sei. Auf dieser Grundlage seien Wege zu immer größerer Einheit in der Vielfalt der Christen in aller Welt zu suchen. Bei der Trauerfeier für den Gründer der Gemeinschaft von Taizé, den Protestanten Roger Schutz, am 23. August habe sich die neue Atmosphäre in der ökumenischen Situation gezeigt, so der Ratsvorsitzende. "Die Repräsentanten protestantischer und orthodoxer Kirchen waren teilweise von der Teilnahme an der Mahlfeier ausdrücklich ausgeladen."
Als dramatisch bezeichnete der Ratsvorsitzende im Plenum in Berlin die Lage der Familie: Das Lebensmodell Familie befinde sich in einer Krise. Dabei sei die notwendige Korrektur nicht mit Einzelmaßnahmen zu erreichen, sondern es brauche einen Mentalitätswandel: "Nur wenn Menschen von sich aus Ja zur Familie sagen, werden sie in einer Familie leben."
Zur aktuellen Debatte über Sterbebegleitung und die Verbindlichkeit, Reichweit und Wirksamkeit von Patientenverfügungen habe die Kammer der EKD für Öffentliche Verantwortung mit der auf Bitten des Rates erstellten Text "Sterben hat seine Zeit. Überlegungen zum Umgang mit Patientenverfügungen aus evangelischer Sicht" einen wichtigen Beitrag geleistet. Der Text betone, dass die Selbstbestimmung des Patienten und die Fürsorge für ihn verbunden und aufeinander bezogen werden müssen. Die Kammer plädiere dafür, auch nonverbale Aussagen zu beachten. "Zur sachgemäßen Auslegung und Anwendung von Patientenverfügungen wird deshalb ein gemeinsames Gespräch von Ärzten, Angehörigen, Pflegepersonen, Seelsorgern und Betreuern empfohlen."
Der Bericht des EKD-Ratsvorsitzenden
Zur Berichterstattung über die 4. Tagung der 10. Synode der EKD
Vertrag mit US-Kirche unterzeichnet
Begegnung mit der Vielfalt amerikanischer Evangelikaler
28. September 2007
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In unbeschreiblichem Rot mit einem Drang zu Orange senkt sich die Sonne über der architektonisch beeindruckenden Skyline zwischen Searstower und Hancock-Hochhaus. Die Hochhäuser der "windy city" sind in den warmen Ton der untergehenden Sonne getaucht. Am Stadtrand von Chicago sitzt die Delegation des Rates der EKD im elften Stock des Lutheran Centers, des Sitzes der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika (ELCA). Die große Fensterfront des Sitzungszimmers gibt den Blick auf "downtown" der Millionenstadt in Illinois frei, doch die neun Delegierten aus Deutschland schauen höchstens kurz aus dem Fenster - sie blicken konzentriert zurück auf die zehntägige Reise durch die USA mit den Stationen Washington, New York und eben Chicago.
Weder das durch die Natur und menschliche Baukunst entstehende Schauspiel noch die scheinbar knapp am Fenster vorbei fliegenden großen Flugzeuge, die in O'Hare starten und landen, lenken die Vertreter der evangelischen Kirchen aus Deutschland ab. Sie erinnern sich an die Besuche in den deutschsprachigen evangelischen Kirchengemeinden in Washington und New York, an die Gespräche mit der lutherischen und der unierten Kirche in den USA, an die Treffen mit Vertretern anderer - in der USA zahlreichen - christlichen Denominationen und kirchlichen Zusammenschlüsse und an die Diskussionen über die Lage im Nahen Osten und im Sudan, über die Menschenrechte, die Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen und die Herausforderungen durch den Klimawechsel.
Höhepunkt der Reise - darin ist sich die Delegationsgruppe einig - war die Unterzeichnung eines Vertrages zwischen de ELCA und der EKD. In einem Gottesdienst haben der Vorsitzende Bischof der ELCA, Mark S. Hanson, der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, und der Auslandsbischof der EKD, Martin Schindehütte, die Vereinbarung unterschrieben. Dem Akt des Unterschreibens war eine Tauferinnerung vorausgegangen. Der amerikanische Bischof erinnerte an das einigende Zeichen der einen Taufe. Der deutsche Ratsvorsitzende betonte in seiner Predigt, dass die Vertragsunterzeichnung kein Endpunkt unter die seit 1991 bestehende Partnerschaft sei, sondern der Aufforderung entspreche, die auch an Elia gerichtet wurde: "Steg auf und iss, denn der Weg ist weit..."
In dem Vertrag wird die gemeinsamen Glaubensgrundlage ausgesprochen und anschließend geregelt, dass die Kirchen in den USA und in Deutschland gegenseitig ihre Mitglieder, so weit sie sich auf Dauer oder auf Zeit im jeweils anderen Land aufhalten, pastoral begleiten, betreuen und versorgen. Dazu sollen die anderssprachigen Kirchengemeinden im jeweiligen Land den engen Kontakt mit der jeweilig zuständigen Gliedkirche oder Diözese suchen und pflegen. Geregelt wird außerdem, dass EKD und ELCA in Wittenberg, der Ursprungsstätte der Reformation, eng kooperieren wollen.
"Steh auf und iss", wurde Elia aufgefordert. Auf einen gemeinsamen weiteren Weg wollen sich auch ELCA und EKD einlassen. Um sich für diesen Weg zu stärken, haben die Vertragspartner im Anschluss an die Unterzeichnung miteinander Abendmahl gefeiert: Zeichen der 1991 bestehenden Verbundenheit und nun bekräftigten Kanzelgemeinschaft der beiden Kirchen.
"... der Weg ist weit", lautet die Aufforderung an Elia weiter. Um auf dem gemeinsamen Weg weiter zu gehen, wurden nach dem Gottesdienst die ersten weiteren Schritte besprochen. So soll eine gemeinsame Arbeitsgruppe eingerichtet werden, wie in der Lutherstadt Wittenberg die Präsenz der amerikanischen Lutheraner als auch des Lutherischen Weltbundes (LWB) in den Aktivitäten der EKD zusammen mit der dortigen Landeskirche - Kirche der Kirchenprovinz Sachsen - und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD) gewährleistet und gestaltet werden kann.
Im Lutherisch-Theologischen Seminar, einer theologischen Hochschule in Chicago, erinnerte der Ratsvorsitzende in einer Vorlesung an die Wurzeln der Reformation und deren Zusammenhang mit der Leuenberger Kirchengemeinschaft. Die Leuenberger Kirchengemeinschaft hat im europäischen und südamerikanischen Umfeld in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geholfen, die konfessionellen Unterschiede zwischen lutherischen, reformierten und unierten Kirchen gerade auch beim Abendmahlsverständnis theologisch zu überwinden. Nach Ansicht von Wolfgang Huber könnte diese Kirchengemeinschaft auch ein Modell sein, der in vielerlei Ausprägungen aufgesplitterten evangelischen Kirchen in den USA zu begegnen und unter Lutheranern, Episkopalen, Reformierten, Unierten, Presbyterianern, Gemeinsames zu entdecken.
In Gesprächen mit Vertretern evangelikaler Institutionen und Einrichtungen sowie durch Informationen über die in USA sehr stark gewachsenen Bewegung evangelikaler und wiedergeborener Christen wurde den Delegierten aus Deutschland deutlich, dass "die Evangelikalen" in Amerika kein so monolithischer Block sind, wie es aus Europa manchmal den Eindruck hat. Die unterschiedlichen und sich manchmal fremd gegenüberstehenden kirchlichen Organisationen von dem viele traditionelle evangelische und die orthodoxe Kirchen der USA vereinigenden Nationalen Kirchenrat (NCCC) über die nationale Vereinigung der Evangelikalen (NEA) bis zu der neu entstandenen, sowohl evangelikale Kirchen als auch die römisch-katholische Kirche einschließenden Aktion "Christian Churches Together" (CCT) und die in diesen unterschiedlichen Verbänden organisierten Kirchen sind so vielfältig, dass sie für die Mitglieder der deutschen Delegation kaum zu überblicken sind. Dabei spiegeln auch die evangelikalen Kirchen und Kirchengemeinden eine große Vielfalt mit unterschiedlichsten Schwerpunkten und stark divergierendem Engagement wider.
Die Sonne war längst hinter den Hochhäusern Chicagos verschwunden - sozusagen auf dem Weg nach Europa -, als die Delegation des Rates der EKD zum Flughafen aufgebrochen ist, um mit den Erfahrungen von zehn Tagen USA und auch mit neuen Aufgaben nach Deutschland zurück zu kehren.
Der Vertrag zwischen EKD und ELCA im Wortlaut
Was würde Jesus dazu sagen? Deutsche Einheit und das Zusammenwachsen Berlins
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
05. Oktober 2006
Das Brandenburger Tor gilt als der zweitwichtigste Ort in unserem Land. Zwischen dem Kölner Dom und der Schlosskirche in Wittenberg wurde es bei einem entsprechenden Wettbewerb platziert.
Wir in Berlin haben an der Bedeutung des Brandenburger Tors keinen Zweifel. Es ist das wichtigste Symbol für die Einheit der Stadt, für die Einheit Deutschlands, für die Einheit Europas. Jahrzehntelang war es nach Westen durch die Mauer abgeschirmt. Wer es von Westen aus sehen wollte, musste dafür auf ein Podest steigen. Für Staatsgäste war das ein Pflichttermin. Das Tor war zum Symbol der Teilung geworden.
Deshalb wurde hier auch der Fall der Mauer besonders heftig gefeiert. Ich habe es selbst am 10. November 1989 erlebt - damals noch als Gast unserer Stadt. Nie werde ich das vergessen. Groß war der Jubel auch, als am 22. Dezember 1989 ein Grenzübergang geöffnet wurde und der Durchgang durch das Tor wieder möglich war. Der Jubel wiederholte sich erst recht, als am 3. Oktober 1990 die deutsche Einheit zu feiern war.
Keine andere Stadt in Deutschland verfügt über ein Symbol, das so stark den Wandel von der getrennten zur vereinten Nation anzeigt. Kein anderes Bauwerk verkörpert die sechzehn Jahre des Zusammenwachsens unserer Stadt und unseres Landes so wie dieses Tor.
Viele kleiden ihre Erinnerung an diese Jahre in den Ton der Klage. Wenn es um die deutsche Einheit geht, entsteht oft ein Wettstreit darum, wer es am schwersten hat. Wir vergleichen, ohne im Sinn zu behalten, wie Jesus das Vergleichen bewertet hat: "Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein." Es geht nicht darum, alles besser zu können als die anderen. Es geht aber auch nicht darum, Weltmeister im Klagen zu sein. Die Frage heißt: Was dient dem gemeinsamen Leben? Dazu müssen wir auch das Gute anerkennen, das wir erlebt haben.
Einen Wandel im Frieden haben wir erlebt. Jeder kann seine Meinung frei äußern. Unser Land hat eine anerkannte Stellung in der Welt und nimmt seine internationale Verantwortung wahr. Deutsche aus Ost und West haben in großer Zahl im jeweils anderen Teil eine neue Heimat gefunden. Auf dieser Grundlage könnten wir auch mit den anstehenden Schwierigkeiten selbstbewusster umgehen: die Arbeitslosigkeit beharrlich bekämpfen, die notwendigen Reformen beherzt angehen. Wir sollten nicht die eigene Lage madig machen; wir sollten nach dem besten Weg Ausschau halten.
Heute steht das Brandenburger Tor offen. Es ist ein Zeichen für die Einheit unseres Landes. An ihm treffen sich Menschen vom Schwarzwald bis nach Usedom. Wir sollten nicht nur unsere Sorgen miteinander vergleichen. Wir sollten auch dem Dank und der Freude gemeinsam Ausdruck geben.
Zeichen setzen für ein gerechtes Europa
16. Aktion "Hoffnung für Osteuropa" startet in Ulm
28. Februar 2009

"Hoffnung für Osteuropa" eröffnet am 1. März 2009 die 16. Spendenaktion mit einem feierlichen Gottesdienst im Ulmer Münster. Gastgeberin dieser bundesweiten Eröffnung ist die Evangelische Landeskirche in Württemberg. Unter dem Motto "Zeichen setzen für ein gerechtes Europa" rufen die evangelischen Kirchen in diesem Jahr dazu auf, insbesondere Menschen im Osten Europas zu unterstützen, die sich sozial engagieren und dafür sorgen, dass Alte, Kranke, Behinderte und sozial Schwache nicht unter die Räder der jungen Marktökonomien dieser Länder kommen. "Sie tragen dazu bei, ihren Gesellschaften Werte wie Barmherzigkeit und Gemeinwohlorientierung ins Herz zu pflanzen - Tugenden, die Europa dringender denn je braucht", so Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin der Spendenaktion beim Diakonischen Werk der EKD.
Mit dem Verschwinden des "Eisernen Vorhangs" vor knapp 20 Jahren begann in Europa ein Umbruch, der das Leben der Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten tiefgreifend veränderte und bis heute prägt.
Der Kollaps der politischen Strukturen brachte wirtschaftliche Systeme und soziale Sicherungen zum Zusammenbruch. Vielen Millionen Menschen wurde buchstäblich die Existenzgrundlage entzogen. Unzählige wurden in tiefe Armut gestürzt. Viele können bis heute nicht an dem Wirtschaftsaufschwung teilhaben, der allmählich entsteht, weil ihre Kräfte nicht ausreichen, die Regierungen keine Mittel haben oder nicht in den Aufbau sozialer Sicherungen investieren.
Die Osterweiterung der Europäischen Union (EU) führte im Mai 2004 zum Beitritt von Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, der Slowakei, von Ungarn und Slowenien; im Januar 2007 folgten Bulgarien und Rumänien. Damit verbunden sind neue Hoffnungen auf mehr Wohlstand und mehr soziale Sicherung in diesen Ländern. Doch Erfahrungen zeigen: Die EU kann keine schnelle Hilfe bringen. Die Gesetze von Binnenmarkt und Wettbewerb schaffen neue Verlierer. Leidtragende bleiben vor allem Kranke, Behinderte, Alte, Kinder und Familien.
Nicht zu schweigen von den Menschen, die in den neuen Schwellenländern zur EU, auf dem Balkan, in Georgien, Moldawien, der Russischen Förderation und Ukraine oder in Weißrussland weiter in unvorstellbarer Armut leben. Die zerbrechliche politische Stabilität in vielen Regionen sowie ethnische und konfessionelle Konflikte verschlimmern ihre Not.
Zwei Beispiele aus der praktischen Arbeit der Aktion:
Trainingscamps als Chance für Russlands Ureinwohner
"Der Herzschmerz ist immer in meiner Seele. Was für eine Zukunft erwartet uns? Wird die Welt uns in 20 Jahren noch kennen?" Diese Fragen stellen sich viele Ureinwohner in der Russischen Föderation. Ihr Überleben hängt an einem seidenen Faden. Armut, Krankheit, Hoffnungslosigkeit und Diskriminierung bestimmen ihren Alltag. Ihre Sprachen sterben aus, ihre Lebensweise und Kulturen gehen verloren. Alkoholismus und Selbstmord sind häufige Folgen. Die massive Umweltzerstörung ihrer traditionellen Lebensräume trägt entscheidend dazu bei. Denn das Land der Ureinwohner wird heute weiträumig verpachtet: an Öl- und Gasunternehmen, Forstwirtschaft, Fischerei- und Tourismusindustrie. Dann können die Indigenen dort nicht mehr jagen, nicht fischen, nicht sammeln und auch ihre Herden nicht weiden. "Aber davon leben wir doch!" - Der Aufschrei der wenigen, die ihren Mut und ihre Hoffnung noch nicht verloren haben, wird selten gehört. Auch an den Gewinnen der Industrie werden sie kaum beteiligt. Kein Wunder, ist die Armut in ihren Dörfern groß. Oft reicht das Geld nicht einmal für das Nötigste. Um Russlands Ureinwohner zu stärken, unterstützt "Hoffnung für Osteuropa" Informations- und Fortbildungszentren für die Urvölker, die in Karelien, Krasnojarsk, Kemerowo und in der Republik Altai leben. Bei sechswöchigen "Trainingscamps" lernen sie ihre Rechte kennen und wie sie sich in der Öffentlichkeit und bei den Behörden besser Gehör verschaffen können.
Ein Hospiz für Sibiu - Damit unheilbar kranke Kinder und Erwachsene bis zuletzt in Würde leben können
Mit Spendenmitteln von "Hoffnung für Osteuropa" konnte in Sibiu/Hermannstadt, Rumänien, ein Hospiz errichtet werden. Ortrun Rhein, die seit der Eröffnung im September 2006 Direktorin des Hauses ist und bereits seit vielen Jahren das nahe gelegene Alten- und Pflegeheim "Dr. Carl Wolff" der Hermannstädter Diakonie leitet, ergriff die Initiative. Denn die Not todkranker Menschen und ihrer Angehörigen ist in Rumänien groß. Zur Finanzierung des weiteren Betriebs bittet "Hoffnung für Osteuropa" dringend um weitere Spenden, denn für die Menschen dort ist das Hospiz zum Symbol der Hoffnung und neuen Lebensmutes geworden.
Reisen ist Suche nach Sinn
Ideen für kirchliche Arbeit an Urlaubsorten
09. Februar 2005

Reisen ist heute die populärste Form von Glück, schrieb der Schriftsteller Sigismund von Radecki bereits vor über einem halben Jahrhundert. Gern hilft die Tourismusbranche diesem Glück auf, versucht, die Träume und Wünsche der Menschen zu verwirklichen. Die Erfolgskurve ist ungebrochen.
Die Träume und Sehnsüchte, die Menschen auf den Weg bringen, haben mit der Suche nach Entfaltungsmöglichkeiten, nach heiler Natur und einem sinnvollen Leben zu tun. Von daher leitet sich eine tiefe Verbindung her zwischen Reisen und Religion.
Die evangelische Kirche begleitet die Menschen in dieses andere Leben. Dazu hat sie im Bereich von Freizeit, Erholung und Tourismus eine Vielzahl von Diensten und Angeboten geschaffen. Schließlich waren die ersten Reisenden Pilger - unterwegs nach religiösen Zielen. Und die Bibel ist nicht zuletzt - auch - ein Reisebuch. Die Begleitung von Menschen, die auf der Reise sind, gehört von jeher zu den Aufgaben der Kirche.
Der "Evangelische Arbeitskreis Freizeit, Erholung, Tourismus in der EKD" hat nun unter dem Titel "Das Leben ist eine Reise" ein Buch veröffentlicht, das Erfahrungen und Ideen aus der kirchlichen Arbeit an den Urlaubsorten präsentieren und Impulse für die konkrete Arbeit weitergeben möchte.
Das Buch ist zu beziehen über die Geschäftstelle des Arbeitskreise im Kirchenamt der EKD zum Preis von 9,80 Euro, E-Mail: versand@ekd.de
Zum Tod Papst Johannes Pauls II.
Erklärung des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Huber
02. April 2005

Erste Reaktion des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, zum Tod von Papst Johannes Paul II.:
"Mit Papst Johannes Paul II. hat die Welt einen eindrücklichen Zeugen des Evangeliums verloren", erklärte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, in einer ersten Reaktion auf den Tod des Kirchenoberhauptes am 2. April. Johannes Paul II. werde als einer der bedeutendsten Päpste in die Kirchengeschichte eingehen.
Unter seinem ungewöhnlich langen Pontifikat habe die römisch-katholische Kirche weltweit an öffentlicher Präsenz und Ansehen gewonnen. Huber würdigte die charismatische Persönlichkeit des Papstes. "Seine Menschlichkeit und seine Frömmigkeit haben den Papst aus Polen zu einem bedeutenden geistlichen Führer und einer moralischen Instanz gemacht." Johannes Paul II. habe dem Papsttum über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus eine außerordentliche Popularität verschafft.
Dankbar erinnere sich der Ratsvorsitzende an die persönlichen Begegnungen mit dem Papst, zuletzt bei einer Privataudienz im August 2004 in Castel Gandolfo. "Die Evangelische Kirche in Deutschland trauert mit ihren katholischen Brüdern und Schwestern um Papst Johannes Paul II. Durch seinen Tod ist die Welt ärmer geworden, sie hat einen großen Menschen verloren. Gott schenke seiner Seele Frieden in der Freiheit von allem körperlichen Leid."
Kondolenzschreiben des EKD-Ratsvorsitzenden an Kardinal Lehmann
Deutschlandfunk-Interview des EKD-Ratsvorsitzenden zum Papsttod
30 Jahre Friedenspädagogik
Prominente setzen Zeichen
13. November 2006

Politiker aller Parteien, Kirchenvertreter, Künstler und Wissenschaftler wollen in Deutschland mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Friedenserziehung. Sie unterstützen die Aktion "Promote Peace Education", die das Tübinger Institut für Friedenspädagogik anlässlich seines 30jährigen Jubiläums initiiert.
Seit 30 Jahren ist das Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V. (ehemals Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V.) als bundesweit einmalige Einrichtung eine treibende Kraft bei der Konzeption, Entwicklung und Umsetzung friedenspädagogischer Lernarrangements. Die Vermittlung von Sachwissen über Krieg und Frieden, die Förderung von Konfliktfähigkeit und die Befähigung zu friedenspolitischem Handeln und Zivilcourage stehen im Zentrum der Arbeit. Das Institut für Friedenspädagogik führt in seinem interdisziplinären Ansatz Forschungsergebnisse mit Erfahrungen der Bildungspraxis zusammen. Die daraus entstehende Expertise ist in Öffentlichkeit und Fachkreisen gefragt und trägt seit Jahrzehnten zur Fundierung aktueller Diskussionen über Gewalt in Familie, Schule, Gesellschaft sowie zu Friedensaspekten in der Weltpolitik bei.
Die Durchführung friedenspädagogischer Projekte gehört seit 1976 zu den in der Satzung verankerten Aufgaben. Dabei geht es um Ansätze zur Überwindung von Gewalt, um Modelle gegen Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, um den richtigen Umgang mit gewaltsamer Vergangenheit oder um Projekte, mit denen gerechtes und faires Zusammenleben der Menschen in Deutschland und weltweit gefördert werden kann.
Im Mittelpunkt der Projektarbeiten steht seit Jahren die systematische Entwicklung von Bildungsmedien. Dazu gehören Printmedien, Fachbücher, Broschüren, didaktische Materialien, CD-ROMs und Videos. Alle Medien werden in einem eigenen Verlag veröffentlicht. Die rund 200 bislang erschienenen Publikationen erreichen Auflagenhöhen von weit über zehntausend Exemplaren. Viele gelten in Fachkreisen und Bildungspraxis als Standardwerke, zum Beispiel für die Ausbildung von Streitschlichtern an Schulen.
Die Serviceleistungen des Instituts sind vielfältig: Beratung für Multiplikatoren und Multiplikatorinnen, Angebote von Fort- und Weiterbildung im Rahmen von Seminaren und Kursen, Lehraufträge, Vorträge im In- und Ausland oder Mitarbeit in Beiräten und Beratungsgremien. Ein umfangreiches Informationsangebot ist über das Internet abrufbar und wird täglich von rund 5.000 Besuchern genutzt (http://www.friedenspaedagogik.de).
Das Institut verfügt in Tübingen über eine Geschäftsstelle, einen großzügigen Seminarraum, eine öffentliche Leihbibliothek mit über 10.000 Publikationen sowie eine Mediothek. Gefördert wird die Tätigkeit des Instituts von der privaten Berghof Stiftung für Konfliktforschung, seinen über 200 Mitgliedern, von staatlichen Einrichtungen auf Bundes- und Länderebene, von Nichtregierungsorganisationen sowie der Stadt Tübingen.
Die weiterhin beunruhigenden Gewaltpotenziale in der eigenen Gesellschaft und die anhaltende Friedlosigkeit in vielen Teilen der Erde sind Anlass genug, um die Notwendigkeit friedenspädagogischen Denkens und Handelns in Gesellschaft und Politik noch deutlicher zu machen. Denn trotz aller Erfolge und Fortschritte ist es bislang nicht in einem befriedigenden Maße gelungen, Friedenspädagogik systematisch in der Aus- und Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern oder anderen Zielgruppen zu verankern. Noch immer gibt es an keiner deutschen Universität einen Lehrstuhl für Friedenspädagogik und nachhaltig angelegte Förderung der Friedenspädagogik lässt zu wünschen übrig.
Vor diesem Hintergrund wurde mit einer bemerkenswerten Publikation die Aktion "Promote Peace Education. Viele Stimmen für den Frieden!" gestartet. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens dokumentieren ihre Anerkennung für die Arbeit des Instituts und formulieren ihre Erwartungen an Friedenspädagogik. Zu den über 50 Autorinnen und Autoren gehören die Politikerinnen Annette Schavan und Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Bischöfe Wolfgang Huber und Gebhard Fürst, der DFB-Präsident Theo Zwanziger, Buchautor Felix Huby, der Theologe Hans Küng und die Friedensforscher Dieter Senghaas und Volker Rittberger.
Concordia weckt Erwartungen
Das Evangelisches Predigerseminar in Wittenberg öffnete für den UEK-Empfang seine Pforten
27. April 2010

"Mit unterschiedlichen Traditionen gemeinsam leben und lernen unter einem Dach." Dies sei ein evangelisches Programm, nicht nur im sogenannten Verbindungsmodell in der Evangelischen Kirche in Deutschland und nicht nur in der Leuenberger Kirchengemeinschaft. Im Kleineren und zukunftsweisend sei es Programm auch für das Predigerseminar Wittenberg. Mit diesem Gedanken eröffnete Martin Schindehütte, EKD-Auslandsbischof und Leiter des Amtes der Union Evangelischer Kirchen (UEK) in der EKD, den Empfang der UEK am Vorabend des Melanchthon-Gedenktags. Die UEK hatte eingeladen - und viele waren gekommen.
Die Räume des Augusteums in der Collegienstraße in Wittenberg verströmen historisches Flair. Seit dem Reformationstag 1817 beherbergt das Gebäude ein Predigerseminar, daneben auch dessen kostbare reformationsgeschichtliche Bibliothek. Wurden im Wittenberger Predigerseminar zu früheren Zeiten die Pfarramtskandidaten aus den Kirchenprovinzen der preußischen Union ausgebildet, so hat sich seit dem Jahr 2005 der geographische und konfessionelle Radius erweitert: Die Vikarinnen und Vikare, die hier über eine Spanne von gut zwei Jahren in den einschlägigen Kursen miteinander arbeiten und ihr gemeinsames Leben gestalten, kommen heute nicht mehr allein aus Anhalt, Berlin, Brandenburg, der Provinz Sachsen und der schlesischen Oberlausitz, sondern auch aus dem lutherischen Sachsen und aus Thüringen.
Direktorin Hanna Kasparick schildert die vielfältigen Weisen, in denen sich die angehenden Pfarrer im geistlichen Leben einüben: Stundengebete wechseln mit Taizé-Andachten. Das regelmäßige Singen fördert eine musikalische Spiritualität, wie sie seit Reformationszeiten in Wittenberg besonders intensiv gepflegt wird. Die jungen Theologinnen und Theologen sollen in ihren Gemeinden zu Grenzgängern werden, die die Abschottung verschiedener Lebenskulturen und Sprachwelten überwinden helfen, erklärt die Direktorin. In ihren unterschiedlichen kirchlichen Prägungen sollen sie voneinander lernen und einander ertragen, respektvoll - und mit Humor.
Drei Vikare des letzen Kurses gaben an diesem Abend beim UEK-Empfang eine anspielungsreiche und witzig überzeichnete Kostprobe davon, wie es sich lebt in einer solchen reformatorischen Wohngemeinschaft. Sie schlüpften in die Rolle eines Martin (Luther), eines Philipp (Melanchthon) und eines Johannes (Calvin). Gerade herrscht große Aufregung: Martin will jovial schulterklopfend den ängstlichen Philipp endlich unter die Haube bringen, während Johannes sich vor allem um Sitte und Ordnung im "Reformhaus" sorgt. Mitten im verbalen Getümmel um überquellende Abfalleimer, Gegensätze im Abendmahlsverständnis und Tipps für das erste Date läutet die Türglocke: Die anmutige Concordia betritt den Raum und trifft sogleich mit Philipp eine Verabredung: "Wir sehen uns dann - in Leuenberg!"
Vielfalt wissenschaftlicher Arbeit
Bericht von der Pfingsttagung der Evangelischen Forschungsakademie 2009
05. Juni 2009
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Die Evangelische Forschungsakademie (EFA) veranstaltete vom 29. Mai bis 1. Juni 2009 ihre 123. Tagung im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck, unweit von Wernigerode im Harz. Die Pfingsttagungen der EFA dienen der Darstellung und Diskussion von Forschungsergebnissen ihrer Mitglieder und Gäste. In neun Vorträgen wurden die Breite und die Vielfalt der wissenschaftlichen Arbeit der zur Forschungsakademie gehörenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deutlich.
Am Anfang stand der Vortrag von Hermann Michael Niemann, Alttestamentler in Rostock, zum Thema "Archäologie im Rahmen der Bibelwissenschaft?" Niemann gab einen Überblick über die Entwicklung der archäologischen Forschung und über das Verhältnis der durch Ausgrabungen gewonnenen Ergebnisse zu biblischen Aussagen. Niemann erläuterte das am Beispiel der Beziehung zwischen "Erzählter Geschichte" (story) und vergangener Geschichte (history).
Vicco von Bülow, Kirchenhistoriker und Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD, stellte seinen Beitrag zum 500. Geburtstag des Genfer Reformators Johannes Calvin unter den Titel "Erstaunlich modern, dieser Calvin". Ein zentraler Aspekt war die Auseinandersetzung mit dem durch Stefan Zweig in seinem 1936 verfassten Buch "Ein Gewissen gegen die Gewalt" entstandenen und sehr wirkmächtig gewordenen Calvinbild, das die Abhängigkeit historischer Wertungen von jeweils aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen deutlich machte. Von Bülow stellte das Leben Calvins und die besonderen Aspekte seiner Theologie dar und setzte sich kritisch mit geläufigen Vorurteilen, etwa zum Thema Prädestinationslehre oder zu dem angeblich durch Calvin initiierten "wilden Kapitalismus", auseinander.
Ebenfalls Calvin war der Vortrag des Neutestamentlers Andreas Lindemann (Bielefeld) gewidmet. Thema war Calvins Auslegung der Heiligen Schrift; dazu wurden die hermeneutischen Grundentscheidungen vorgestellt, aber auch Beispiele für konkrete Textauslegungen in den Kommentaren zum Neuen und zum Alten Testament sowie in Predigten des Genfer Reformators.
Jörg Kärger, Experimentalphysiker in Leipzig, erinnerte an das 600jährige Bestehen der Universität Leipzig und stellte dazu aktuelle Forschungsergebnisse zur Diffusion in porösen Materialien vor. Sein Vortrag, der unter dem Stichwort "Wandern ohne Ziel" stand, veranschaulichte eindrucksvoll, wie sich beim Stofftransport von Molekülen in mesoskopischen Systemen Fragen der Grundlagenforschung mit aktuellen technologischen Herausforderungen verbinden. Kärger berichtete auch vom aktuellen Stand der Arbeit internationaler Forschungsverbünde in deutschen und niederländischen Universitäten.
Der Informatiker Bernd Freyer (Berlin) stellte Prinzipien und Anwendungen der Satellitennavigation dar. Er erläuterte Positionsbestimmungen mit Hilfe des Global Positioning Systems (GPS) und informierte über das sich ständig erweiternde Feld realisierter Anwendungen der Satellitennavigation, u.a. bei der Mauterhebung auf Autobahnen (TollCollect). Hier ergab sich eine interessante Verbindung zum Eröffnungsvortrag, denn auch in der heutigen archäologischen Forschung spielt die satellitengestützte Ortsbestimmung der Fundorte eine wesentliche Rolle.
Anette Schmidt, Germanistin aus Leipzig, stellte die Ergebnisse ihrer Rekonstruktion der Texte vor, die in dem im 13. Jahrhundert geschaffenen und zum Halberstädter Domschatz gehörenden "Karls- oder Philosophenteppich" zum Teil nur verstümmelt zu lesen sind bzw. fehlen. Ihre These ist, dass die philosophischen Sprüche aus dem Spruchgut der Zeit entnommen sind und nach den Maßstäben zeitgenössischen Denkens den amicus fidelis preisen, den treuen Freund, auf dessen Rat auch der Herrscher, in diesem Fall Carolus rex (Karl der Große noch als König) angewiesen ist.
Der Bildhauer Helmut Heinze aus Kreischa berichtete über das Kölner Domfenster im Werk seines Studienkollegen und Freundes, des aus Dresden stammenden Malers Gerhard Richter. Er stellte das 2007 eingeweihte Südfenster im Kölner Dom in den Rahmen der frühen Arbeiten Richters, insbesondere der 1957 entstandenen Monotypien des "Elbe"-Zyklus' und 1966 bzw. 1974 entstandenen Farbtafelbildern, in denen der Zufall eine wesentliche Rolle spielt.
Kathrin Pötschick, Fachärztin für Humangenetik in Berlin, sprach über die sogenannten "Gentests", besser zu bezeichnen als "diagnostische Untersuchungen der Gene". Die Referentin betonte in ihrem Vortrag, der in dem Untertitel die Frage stellte, ob solche Untersuchungen als "Die neue Büchse der Pandora?" seien, die ethische Problematik der Genuntersuchungen. Sie seien eben auch unter dem Aspekt des "Rechtes auf Nicht-Wissen" zu bewerten; denn sie könnten einerseits von großem Nutzen bei der Früherkennung von Erbkrankheiten sein, andererseits aber auch gefährliche Auswirkungen haben, weil die Gefahr drohe, dass Menschen mit einer Behinderung ausgegrenzt würden. Die Pränataldiagnostik könne ohnehin nur Wahrscheinlichkeitsurteile fällen.
Eva-Maria Fabricius, Mikrobiologin in Berlin, stellte den multifaktoriellen Prozess des Alterns aus zellbiologischer Sicht dar. Anhand der Verschleiß- und Programmtheorie erläuterte sie, wie das "Altern" zu verstehen und zu definieren sei. Das sowohl in Stamm- wie in Krebszellen auftretende Enzym Telomerase beeinflusst den bei jeder Zellteilung auftretenden Verlust von Telomersequenzen. Die Telomeraseaktivität wird somit zu einem wesentlichen Bestandteil der Krebsdiagnostik und -therapie.
Auf einer von dem Berliner Geobotaniker Ernst-Manfred Wiedenroth geleiteten Exkursion lernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung die Pflanzenwelt und die geologischen Gegebenheiten der Landschaft am Fuße des Harzes kennen.
Im Gottesdienst am Pfingstsonntag in der St. Vituskirche im Kloster Drübeck predigte Wilhelm Hüffmeier, wobei er Zusammenhänge aufzeigte zwischen dem biblischen Pfingstereignis und der vor 75 Jahren, am 31.5.1934 in Barmen von der Bekenntnissynode in Kraft gesetzten Theologischen Erklärung.
Die Evangelische Forschungsakademie ist eine Einrichtung der Union Evangelischer Kirchen (UEK) in der EKD. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler christlichen Glaubens aus unterschiedlichen Fachgebieten beraten hier über Fragen, die sich aus dem christlichen Lebensverständnis für das wissenschaftliche Arbeiten und umgekehrt aus Arbeitsergebnissen der Wissenschaften für das christliche Lebensverständnis ergeben. Mitglieder der Evangelischen Forschungsakademie können akademisch oder in der Praxis tätige Wissenschaftlerinnern und Wissenschaftler werden, die in ihren Fachgebieten selbständige Forschungsarbeit betreiben und sich dementsprechend ausgewiesen haben. Gegenwärtig gehören der EFA 85 ordentliche Mitglieder aus Deutschland und den Niederlanden an. Nähere Informationen über die Organisation und Tätigkeit der EFA sind im Internet unter www.evangelische-forschungsakademie.de zu finden.
Die Schubkraft der Umkehr
An Pfingsten feiern Christen den heiligen Geist
10. Mai 2008

Strahlender Sonnenschein, grüne Wiesen, blühende Gärten und Wälder voller Laub: Das Pfingstfest zeigt sich - zumindest wettermäßig - von seiner besten Seite. All die Sonnenstrahlen sind jedoch nichts anderes als ein Sinnbild für das, was Christen am Pfingstfest - 50 Tage nach Ostern - feiern. Sandra (23) hat dies bei einer Straßenumfrage so zusammengefasst: "Gott hat seinen Heiligen Geist über die Jünger Jesu ausgeschüttet." Recht hat sie - und wie der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, dies erklärt ist in diesem Jahr in der Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg) zu lesen. Oder auch hier im Internet:
Bei jedem Flug gibt es den Augenblick, bei dem ich unwillkürlich die Luft anhalte. Es ist der Augenblick der Landung. Ich warte nicht so sehr, ob die Räder richtig auf der Landebahn aufsetzen. Ich warte auf die Schubumkehr. Wenn die Räder aufgesetzt haben, spüre ich, welcher gewaltigen Kraft ich mich anvertraut habe. Der Pilot muss das Tempo verlangsamen. Es gäbe eine Katastrophe, wenn die Triebwerke das Flugzeug nicht mit derselben Kraft abbremsten, mit der sie es auf Geschwindigkeit gebracht haben. Erst wenn diese Umkehr der Kraft, die in dem Flugzeug steckt, gelingt, verlangsamt es seine Fahrt. Schubumkehr nennen die Techniker es, wenn die Beschleunigungskraft in eine Bremskraft verwandelt wird. Ich atme erleichtert auf, wenn ich das Gefühl habe, dass dies gelingt.
Pfingsten ist ein Fest der Schubumkehr. Das Kommen des Geistes Gottes bewirkt die Umkehr vom rasenden Weg ins Verderben zu einem neuen Anfang. Natürlich kommt das Wort "Schubumkehr" in der Bibel nicht vor. Doch das Pfingstwunder ist die Umkehr der babylonischen Sprachverwirrung: Fremde können sich verstehen. Das Ende, das Jesu Weg auf Erden findet, kehrt sich um in den Beginn des Weges der christlichen Kirche durch die Zeiten.
Pfingsten gehört zu den großen Festen im Kirchenjahr. Hinter Weihnachten und Ostern steht es nicht zurück. Doch das Kommen des Geistes ist nicht so leicht anschaulich zu machen wie das Wunder der Geburt in der Krippe; es ist unscheinbarer als die dramatischen Ereignisse von Kreuz und Auferstehung. Aber das Kommen des Geistes ist deshalb nicht weniger wichtig. Es bewirkt eine Schubumkehr. Und diese Schubumkehr kann Leben retten.
Deshalb sollten alle Pfingsten feiern. Niemand sollte es sich selbst verbieten, von Gottes Geist überrascht zu werden. Wir alle bleiben ein Leben lang auf der Suche nach Antworten auf die großen Fragen, die der Lauf des eigenen Lebens aufwirft. Wer ist mir Freund? Wo finde ich Glück? Wozu lebe ich? Wem kann ich meine tiefsten Nöte und Fragen anvertrauen? Im Umgang mit diesen Fragen brauchen wir die Kraft, die Geister zu unterscheiden - den "Geist der Welt" und den "Geist aus Gott". Der Geist aus Gott - das ist ein Geist, der in uns den Sinn Christi weckt, der von Glaube, Liebe und Hoffnung bestimmt ist. Er führt uns über das Sichtbare und Machbare hinaus. Wir brauchen diesen Geist, damit wir nicht versinken in einen Geist des Kleinmuts, der wechselseitigen Abgrenzung und der Resignation.
Der Geist von Pfingsten ist der Geist der Freiheit. So wie Christen die Taufe als Fest der Begabung des einzelnen Menschen mit Gottes Geist feiern, so feiert die Christenheit an Pfingsten die Sendung des Geistes Gottes für alle. Diesen Geist kennzeichnet der Apostel Paulus folgendermaßen: Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.
Dieser Zusammenhang zwischen dem Pfingstfest und der Taufe ist bedenkens- und bemerkenswert. Deshalb veröffentlicht die Evangelische Kirche in Deutschland zu Pfingsten 2008 eine grundlegende Orientierungshilfe zum Verständnis der Taufe. Die evangelische Kirche schenkt dem Anfang des Christseins im Leben eines Menschen und dem Grund des christlichen Glaubens besondere Aufmerksamkeit. Menschen sollen dazu ermutigt werden, ihr Leben in der Taufe Gott anzuvertrauen. Ich freue mich darüber, dass dieses gute Beispiel evangelischer Elementartheologie genau zu Pfingsten der Öffentlichkeit vorgestellt wird.
Am ersten Pfingstfest überkam der Geist der Freiheit die Gemeinde in Jerusalem wie mit Feuerflammen. Die Glut dieses Feuers ist nicht erloschen. Selbstbewusst und fröhlich sagen wir als evangelische Kirche: Ein direkter Weg führt vom ersten Pfingstfest bis heute und hierher nach Deutschland. Wir feiern das Fest gemeinsam mit den Schwestern und Brüdern in der weltweiten Christenheit. Der Geist Christi verbindet uns miteinander; er öffnet füreinander; er lässt uns verschiedene Gaben entwickeln und Glieder an einem Leib sein. Der Gründungstag der christlichen Kirche stellt uns vor Augen, dass wir unseren christlichen Glauben nicht allein leben können. Wir stehen in einer Gemeinschaft der Glaubenden. Wir stehen auf den Schultern derer, die vor uns geglaubt haben. Wir halten die Hände derer, die mit uns glauben. Und wir bieten hoffentlich auch die Schultern für diejenigen, die nach uns glauben wollen.
Die christliche Kirche ist eine Verantwortungsgemeinschaft für die Weitergabe des Glaubens. Sie ist eine Gemeinschaft, die Sprachen, Völker und Kontinente umgreift. Pfingsten ermutigt dazu, aus der Freiheit zu leben und anderen den Zugang zu dieser Freiheit zu eröffnen.
Der Geist des Friedens im Glanz der Ringe
Paare auf Bildern aus den ersten Olympiatagen
12. August 2008

Sein persönliches Bild des Tages schickt der evangelische Olympiapfarrer Thomas Weber ab und zu von seinem Handy nach Deutschland. Passend zu den anderen Geschichten vom Rand der olympischen Spiele, die er per Handy nach Deutschland berichtet. An den ersten Wettkampftagen war dies auch eine Aufnahme der beiden Olympiapfarrer - evangelisch und katholisch -, Hans-Gerd Schütt und Thomas Weber auf der chinesischen Mauer. Dort in der Nähe, wo das Straßenrennen der Radfahrer zum Zerplatzen einer ersten deutschen Medaillenhoffnungen führte. Das Bild auf der Mauer, aber ohne Mauer dazwischen ist ein schönes Zeichen der ökumenischen Eintracht der beiden Seelsorger in der Teamkleidung der olympischen Mannschaft.
Für viele, die Bilder von den Spielen in Peking zu Hause im Fernsehen wahrnehmen können, gab es in den ersten Wettkampftagen ein anders Bild des Wochenendes: Zwei Frauen in rot-weißen Trainingsanzügen umarmen und küssen sich. Auch wenn die beiden Trainingsanzüge die gleichen Farben vereinen, ist doch deutlich, die beiden vertreten unterschiedliche Nationen. Es ist nicht die übliche Umarmung der Medaillengewinnerinnen nach der Siegerehrung auf dem höchsten Treppchen, denn die beiden, die Silber und Bronze gewonnen haben, lassen die Chinesin, die in diesem Wettbewerb der Schützinnen gewonnen hat, links liegen. Natalja Paderina (Russland) und Nino Salukwadse (Georgien) umarmen sich, weil sie damit im Geist der olympischen Spiele dem Kriegstreiben zwischen ihren Heimatländern widersprechen. So wird der Glanz der olympischen Ringe zum Geist des Friedens - entgegen der gewaltsamen und menschenverachtenden Auseinandersetzung im Kaukasus, die nahezu zeitgleich mit dem Sportfest in Peking begann. Ein Bild, das hoffentlich über den Tag hinaus ein Zeichen bleibt.
Ein Frauenpaar ziert auch das erste sportliche Bild des olympischen Spiele für alle, die auf deutsche Medaillen warten. Wer auf manche Sportler gebaut hat, die als Favoriten gehandelt wurden und vom Namen her bekannt waren, ist bei der deutschen Medaillenausbeute an den ersten Tagen enttäuscht worden. Aber ein Frauenpaar aus einer Sportart, die sonst eher übersehen wird, haben das erste Edelmetall geholt: Ditte Kotzian und Heike Fischer haben beim Kunstspringen vom Drei-Meter-Brett Bronze geholt. Damit die Bilder des Tages mit Frauenpaaren nicht in Überzahl geraten, haben es ihnen Patrick Hausding und Sascha Klein einen Tag später vom Zehn-Meter-Brett gleich in Silber nachgemacht.
Der evangelische Olympiapfarrer Thomas Weber weiß allerdings mehr zu berichten als die Bilder des Tages anzeigen, auch wenn die Sprachbarrieren Begegnungen mit den Einheimischen schwer machen. "Wenn die Chinesen in ihrer Sprache loslegen, erahne ich noch nicht einmal im Entferntesten, worum es geht," berichtet er nach Deutschland. Er weiß, wie wichtig deshalb Begegnungen mit Deutschen sind, die in Peking leben und arbeiten. Und manchmal wundert er sich, dass in öffentlich Verkehrsmittel wenig Rücksicht auf andere genommen wird. Nicht umsonst stehe deshalb als Hinweis an den Haltestellen - und das auch auf Englisch: "Civilly boarding" - "Zivilisiert einsteigen". Thomas Weber hat sonst noch einiges vom Rand der olympischen Spiele zu berichten. Als Seelsorger weiß er von dem Druck, der auf den Athletinnen und Athleten lastet, die teilweise enttäuscht sind davon, kein Edelmetall gewonnen zu haben. Was er bisher - auch über seinen Tagesablauf - zu berichten hat, ist im Internet zu hören - vier Folgen und immer werden es mehr.
Auf der Zielgeraden zur Synode
Der Aufbau in Würzburg läuft auf Hochtouren
01. November 2006

Das Synodenteam vom Kirchenamt der EKD ist in Würzburg angekommen. Seit Mittwoch Nachmittag werden auf den Fluren des Congress Centrums in Würzburg Holzkisten geschoben, Bürostühle zugeteilt, Drucker und Internetanschlüsse eingerichtet - kurz: das Tagungsbüro, der Saaldienst, der Empfang, die Tagungsdruckerei und die Pressestelle bereiten sich auf die jährliche Synodentagung vor, die am Sonntag beginnt.
Innerhalb kürzester Zeit sind die 54 großen Holzkisten, mit denen insgesamt 52 Kubikmeter Material von Hannover nach Würzburg transportiert wurden, an die richtigen Stellen verteilt und ausgepackt. Obwohl dieser Großumzug nur einmal im Jahr ansteht, sitzt inzwischen jeder Handgriff. Die meisten der 19 Mitarbeitenden waren schon bei mehreren Synoden dabei. Unaufgeregt werden Aufgaben verteilt, Tische gerückt, die Technik angeschlossen. "Lass uns das doch so einrichten wie letztes Jahr in Berlin", ist einige Male zu hören. Die Ausstattung durch das Maritim Hotel, an das das Congress Centrum Würzburg grenzt, lässt keine Wünsche offen. "Prima, die Journalisten haben auf der Empore im Plenarsaal genug Platz", freuen sich die Mitarbeitenden der Pressestelle. Die technischen Angebote verheißen sorgenfreies Arbeiten für die Medienvertreter. Ein wichtiges Kriterium, immerhin haben sich schon mehr als 150 Journalisten angemeldet.
Am Nachmittag kommt der erste Reporter vorbei: Ein Redakteur der Würzburger Mainpost will über die Ankunft des Synodenteams berichten. Wenig später schickt er einen Fotografen vorbei. Plötzlich finden sich einige Kollegen aus dem Kirchenamt in einer ungewohnten Rolle wieder: "So, jetzt den Tisch bitte noch mal hier entlang tragen. Und jetzt bitte die Kiste vom Wagen laden," erklingen die Regieanweisungen.
Wenig später laufen die ersten Emails in den Computern auf - die Verbindung zum Kirchenamt in Hannover steht. Jetzt ist es fast wie im Büro an der Leine, doch der Blick aus dem Fenster zeigt den Main.
Noch einige weitere Mitarbeitende werden in den nächsten Tagen zum Team dazu kommen, unter anderem die Kollegen, die für die Filme im Internet zuständig sind. Weltweit können interessierte Internetnutzer dann nicht nur nachlesen, was auf der Synode debattiert wird, sondern sich über die bewegten Bilder und über das Podcast-Angebot einen lebendigen Eindruck von der Atmosphäre auf der 5. Tagung der 10. Synode verschaffen. 120 Delegierte aus den Gliedkirchen der EKD diskutierten vom 5. bis 9. November unter anderem über das Schwerpunktthema "Gerechtigkeit erhöht ein Volk - Armut und Reichtum", den Bericht des Vorsitzenden des Rates der EKD und über das Impulspapier "Kirche der Freiheit".
Schulferien
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
16. Juli 2009
Endlich Schulferien! Erleichterung bei Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern! Endlich Urlaub! So denken viele, die sich jetzt auf den Weg machen können. Einmal ausspannen und dem Druck der Verpflichtungen entkommen. Was lange aufgeschoben wurde, ist nun möglich: Man kann sich den Freunden widmen, gemeinsam mit der Familie Unternehmungen planen oder sich einfach ausruhen. Viele werden in den Urlaub fahren. Hoffentlich spielt das Wetter mit!
Besonderen Anlass zur Freude haben die Abiturientinnen und Abiturienten. Für sie beginnt jetzt eine neue Lebensphase. Zugleich werden auch große Herausforderungen auf sie zukommen, sei es im Zivildienst oder im Wehrdienst, in der Berufsausbildung, beim Studium oder im freiwilligen sozialen Jahr.
In unserer Stadt machen inzwischen etwa 40 Prozent eines Altersjahrgangs Abitur. Berlin hat damit eine der höchsten Abiturientenquoten Deutschlands. Dies ist eine gute Nachricht, denn im europäischen Vergleich liegt Deutschland eher im unteren Bereich. Wir brauchen jedoch viele junge Menschen, die sich auf eine qualifizierte Ausbildung oder ein Studium einlassen. Ebenso wichtig ist, dass sie es gut zum Abschluss bringen. Eine solide, umfassende Schulbildung ist dafür die beste Voraussetzung.
Beim Abitur haben in diesem Jahr die Schülerinnen und Schüler evangelischer Schulen besonders gut abgeschnitten. Den besten Abi-Durchschnitt in Berlin hatten das Gymnasium zum Grauen Kloster in Charlottenburg und die Evangelische Schule Frohnau. Dies zeigte übrigens auch der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, der vor kurzem zum Abschluss kam. Auch hier belegten Schülerinnen und Schüler dieser evangelischen Schulen Spitzenpositionen.
Die beiden Schulen fördern nicht nur geistige Leistungen, sondern stärken auch soziale Verantwortung. Im Gymnasium zum Grauen Kloster sind im 11. Schuljahr Sozialpraktika für alle Schülerinnen und Schülern verpflichtend. Denn über Verantwortung kann man nicht nur reden, man muss sie einüben. Erst die Verbindung zwischen geistigen und sozialen Kompetenzen befähigt junge Menschen dazu, künftige Aufgaben kreativ zu lösen.
Ich freue mich mit denen, die stolz und erleichtert in die Ferien fahren können. Aber ich habe auch die im Sinn, die mit Sorgen auf das neue Schuljahr schauen. In der Bibel heißt es: "Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit." Der Sommer ist für mich die richtige Zeit zum Lachen und Tanzen. Allen, die sich auf den Weg in den Urlaub machen, wünsche ich einen guten Ferienbeginn.
Golz fragt ... Landesbischöfin Margot Käßmann
Der Sport-Journalist Wolfgang Golz spricht mit Hannovers Landesbischöfin über Fußball
07. Juli 2005
Der bekannte Sport-Journalist Wolfgang Golz fragt an dieser Stelle regelmäßig prominente Fußballspieler, Trainer, Fans und Experten nach ihren Erwartungen an die WM 2006 in Deutschland. Diesmal spricht er mit Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann über Fußball als Ersatzreligion und die Frage, ob es einen Fußballgott gibt.
Frau Bischöfin Käßmann, warum wird Deutschland 2006 Weltmeister?
Wahrscheinlich, weil die Fans die Mannschaft so grandios anfeuern. Was habe ich 1974 mitgefiebert! Aber lassen wir doch einmal Kenia vor Glück jubeln oder Südafrika - ich könnte mich von Herzen mitfreuen und viele andere Deutsche auch.
Weil Deutschland in der Vergangenheit bei Weltmeisterschaften oft mit Glück überschüttet wurde, entstand der geflügelte Satz: Der Fußballgott muß ein Deutscher sein.
Ist das nicht großartig, dass Gott über all unseren Nationalitäten steht? Glauben verbindet doch Völker. Doch wenn die Deutschen viele Dankgebete sprechen - mich würde es freuen.
Gibt es einen Fußballgott?
Gott im Trikot - Nummer 1, Sportschuhe gesponsert von - eine interessante Vorstellung. Trotzdem ist die Antwort: Nein! Ich denke, Gott freut sich mit den Gewinnern und stärkt den Verlierern den Rücken und sagt allen - vor allem den Hooligans - hey, es ist ein Spiel! Es geht um Spaß an der Sache.
Diego Maradona erzielte 1986 mit der Hand ein eigentlich irreguläres Tor gegen England und sprach danach von der "Hand Gottes"... und Argentinien wurde auch noch Weltmeister.
Ach, ich denke, Gott hat Wichtigeres zu tun. Und Diego Maradona hat sich ja nicht nur einmal allzu wichtig - bzw. den Mund allzu vollgenommen.
Vor großen Finals besinnen sich manchmal selbst abgezockte Profis auf Gott und gehen in die Kirche und erbitten göttlichen Beistand. Was empfinden Sie dabei - ärgert Sie das? Oder sagen Sie: Hauptsache, dass sie mal wieder da sind. Der verlorene Sohn?
Ich freue mich über alle, die beten und in der Kirche ist mir jeder und jede herzlich willkommen. Allerdings sollten sie nicht vergessen, dass Gott gerade den Schwachen zu Seite stehen will. Es heißt in der Bibel: Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Also nicht so verbissen, sondern fröhlich dabei sein. Möge die bessere Mannschaft gewinnen.
Moderne Stadien werden oft verzückt als Fußball-Kathedralen oder Tempel des Fußballs bezeichnet.
Begeisterung für Fußball, für eine Mannschaft kann ich verstehen. Aber das ist schon traurig, wenn der Sinn des Lebens in Fußball besteht. Wer wird da angebetet? Und Asche im Stadion verstreuen, wie in England, finde ich ziemlich trostlos.
Ich kenne jemanden, der mich manchmal provozieren will - der sagt dann: Am Sonntag, da sind die Leute im Stadion und nicht bei Ihnen in der Kirche. Aber was war am 11. September 2001? Oder am Tag des Erfurt-Massakers? Und im Winter, als der Tsunami wütete? Da haben die Menschen nicht in Stadien Trost und Orientierung gesucht, sondern in Kirchen. Das heißt, die meisten wissen schon noch, was der Unterschied ist.
Im Stadion des FC Barcelona ebenso wie beim FC Schalke existieren Kapellen für stille Andachten. Ein Vorbild für andere?
Ja, das finde ich eine gute Idee! Wir haben inzwischen eine Kapelle am Flughafen Hannover. Ich werde bei Hannover 96 mal anfragen. Spieler, Trainer, Fans haben ja durchaus Kummer, Fragen, das Bedürfnis nach einem stillen Gespräch mit Gott.
Die Schalker Fans behaupten: Schalke sei kein Verein, sondern eine Religion.
Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott, sagt die Bibel. Wenn aber Schalke verliert? Wenn ich nicht weiter weiß oder krank bin und sterbe, hält mir dann der FC Schalke die Hand, tröstet und begleitet mich? Da verlasse ich mich doch lieber auf den Gott der Bibel, der bei mir ist in guten und in schlechten Zeiten.
Stellen Sie sich vor, der FC Bayern München oder Hannover 96 aus Ihrer Stadt bittet Sie vor den Profis eine Predigt zu halten - reizvoll für Sie?
Aber sicher! Einige lassen sich übrigens durchaus mal im Gottesdienst sehen. Vielleicht würde ich predigen über "Die ersten werden die letzten sein"? Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Nein, Lust am Fußball, Spielbein in Aktion, aber mit dem Standbein wissen, wo ich stehe, wo ich Halt finde, darum geht es.
Fußball findet nicht nur auf höchster Ebene, sondern im kleinsten Verein und auf dem Bolzplatz um die Ecke statt. Soziale Integration also - das ist ja auch das Anliegen der christlichen Kirchen.
Ja, da leistet der Sport ganz viel. Ich bin sehr dafür, dass Kirche und Sport mehr zusammen arbeiten. Wir haben hier etwa einen Nordseelauf unter dem Motto "Mach nicht halt, lauf gegen Gewalt". Beim Hannover-Marathon laufen wir - inklusive Bischöfin - beim 10-Kilometer-Pro-Toleranzlauf mit. Und es gibt eine Aktion "fair trade - fair play" mit kleinem Soccer-Court, der Fußball in den Gemeinden nutzt, um ins Gespräch zu kommen.
Der alte Römer Juvenalis wusste schon: Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Wie wichtig ist Sport für Sie?
Ich bin kein Sport-As, aber begeisterte Joggerin, radle und schwimme gerne. Und ich kann durchaus mitfiebern, wenn Sportler wetteifern. Für mich ist der Körper ein Geschenk Gottes und beim Sport pflegen wir das sozusagen.
Haben Sie selbst auch mal gegen den Ball getreten?
Beim Kick-off zu der genannten Aktion "fair play - fair trade". Ziemlich hoffnungslos, was die Taktik betrifft, aber immerhin mit Sandalen das Tor getroffen. Dafür hat mir der niedersächsische Fußballbund ein T-Shirt von Stefanie Gottschlich geschenkt - das fand ich natürlich klasse und das trage ich jetzt beim Joggen. Dass die Frauen die Fußballweltmeisterschaft gewonnen haben, fand ich natürlich auch toll!
Auch Fußballprofis, siehe Bayern Münchens Brasilianer Lucio oder Zé Roberto, bekennen sich öffentlich zu Gott.
Wenn sich Gerald Asamoah vor dem Spiel bekreuzigt, finde ich das schön. Wenn die Kenianer nach einem Tor auf die Knie gehen und Gott danken, kann ich mich richtig mitfreuen. Und wenn ich sehe, wie Hannovers Nationalspieler Per Mertesacker als Zivi bei unserem Evangelischen Kirchentag mitgeholfen hat, ganz bescheiden, dann berührt mich das.
Beten scheint sowieso im Kommen zu sein, regelrecht trendy, wie manche Zeitschriften verkünden.
Wenn beten zum Trend wird, kann ich nichts dagegen haben. Nur: Zu welchem Gott wird gebetet? Dem Vater von Jesus Christus oder zu einem diffusen Gottesbild? In der Individualisierung erscheinen da oft zusammengebastelte Gottesbilder.
Grundsätzlich ist Beten doch zu begrüßen?
Das Beten war in Deutschland eine ganze Zeit verloren gegangen. Es erschien der Eindruck, daß man alles sich selbst zu verdanken habe.
Sehen Sie auch eine Rückkehr der Religionen?
Ein bisschen Hinduismus, ein bisschen Buddhismus, das ist es nicht. Christentum heißt auch, sich ein wenig anzustrengen, sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um den Nächsten kümmern.
Sie kennen den Begriff des Gesundbetens. Ein amerikanischer Herzspezialist behauptet, beten würde die Patient viel schneller gesund werden lassen.
Gesundbeten ist der falsche Begriff. Wer an Gott glaubt, hat eine andere Grundlebenshaltung. Wenn du krank bist, bist du Gott näher. Und wer tapfer mit einer Krankheit umgeht, weiß mehr vom Glauben als Gesunde.
Sollte es ein Fußballer bei einem Schienbeinbruch vielleicht mal mit Gesundbeten probieren?
Gott ist keine Maschine. Gott kann helfen, eine Krankheit zu tragen, wie dem gelähmten Turner, der nach seinem Unfall vom Hals an querschnittgelähmt ist.
Sie wurden im - wohlgemerkt katholischen - Magazin "Publik Forum" mit der Schlagzeile bedacht: "Habemus Mamam". In Anlehnung an den Satz nach der erfolgreichen Wahl eines neuen Papstes: Habemus Papam. Ein schönes Kompliment, oder?
(Die Bischöfin lächelt.) Jeder Christ und jede Christin ist in die Verantwortung gestellt, in die Nachfolge zu treten. Und daß auch Humor dazu gehört, ist klar. Denn nichts ist schlimmer als traurige Christen. Bei meinen Predigten wird manchmal sogar laut gelacht.
Sie werden gerne so beschrieben: Das Herz im Himmel, die Füße auf dem Boden und den Kopf in der Realität - gefällt Ihnen das?
Das höre ich so heute zum ersten Mal, aber ehrlich gesagt: ja, gefällt mir.
Dr. Margot Käßmann
geboren 1958 in Marburg, wo sie auch Abitur machte. Verheiratet, vier Töchter; Studium in Tübingen, Göttingen, Edinburgh und Marburg. 1985 zur Pastorin ordiniert, seit 1999 Landesbischöfin in Hannover. Autorin mehrerer Bücher. Ihr neustes mit dem Titel "Wurzeln, die zu Flügeln werden" war auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover ein Bestseller. Bischöfin Käßmann hält sich mit Jogging (um die 10 Kilometer) fit: "Nur so zum Spaß. Leistung muß ich woanders bringen."
07. Juli 2005
Quelle: http://www.wm2006.deutschland.de/
Öffentliche Werbung für "Orte der Anbetung"
Während der Spiele haben die Religionen einen eigenen Treffpunkt
14. August 2008

Die beiden Olympiapfarrer im Beijing Science and Technology University Gymnasium mit der deutschen Fahne in der Hand illustriert als Bild eine Reportage über die beiden Seelsorger auf www.peking.ard.de. Die Judowettbewerbe werden zur Zeit der Aufnahme in dieser Halle ausgetragen - eine der Sportarten, in denen das deutsche Olympiateam sich zu Beginn der Spiele Medaillen ausgerechnet hat, die dann erst später, dann aber in Gold erreicht wurden. Der evangelische Olympiapfarrer Thomas Weber zusammen mit seinem katholischen Kollegen Hans-Gerd Schütt ist dabei, wenn Athleten gewinnen und verlieren. Dabei sehen sie - trotz der Flagge in der Hand - nicht den nationalistisch geprägten Vergleich im Mittelpunkt, so wichtig der bei olympischen Spielen auch sein mag. Die beiden Pfarrer stehen den Sportlerinnen und Sportlern, den Verantwortlichen und Funktionären als Gesprächspartner zur Verfügung, wenn durch Sieg und Niederlage Fragen auftauchen, die nur mit dem Blick auf Gott, vielleicht nur im Glauben zu beantworten sind - da spielen Grenzen der Nationen keine Rolle, vielleicht eher die Grenzen der Sprache.
Deshalb gibt es im Olympischen Dorf auch ein religiöses Zentrum direkt neben einem der großen Speisesäle. Für die unterschiedliche Religionen sind dort klimatisierte Räume eingerichtet: Seelsorger und Gesprächspartner der Christen, der Buddhisten, der Muslime und der Taoisten stehen für Gespräche bereit. Allerdings - und dies weicht von der Praxis bei manchen anderen sportlichen Großveranstaltungen ab - sind dort nur Seelsorger aus China im Einsatz. Pekings protestantische Gemeinden haben, so weiß Thomas Weber zu berichten, mehrere Geistliche ins religiöse Zentrum entsandt. Auch wenn er nicht in dem Zentrum mitarbeiten kann, kommt er mit den Kollegen, die dort ihren Dienst tun, ins Gespräch. Die erste Überraschung - aus Pekinger Sicht - hält ihm eine Kollegin gleich bei der ersten Begegnung entgegen: Eine Broschüre über Pekinger "Orte der Anbetung". Vorgestellt werden evangelische und katholische Kirchen, muslimische Moscheen, taoistische und buddhistische Tempel: "So eine Werbung in aller Öffentlichkeit ist vor Jahren noch undenkbar gewesen. Wir sind froh über diese Öffnung," schildert sie dem Kollegen aus dem fernen Land, in dem öffentliche Hinweise auf sakrale Orte selbstverständlich ist.
Die christlichen Gemeinden in China haben großen Zulauf, die Zahl der Christen in dem über Jahrzehnte maoistisch geprägten Land wächst stetig. So erfährt Thomas Weber, dass die Bibeldruckerei der protestantischen Kirche in Nanjing 50.000 zweisprachige Bibeln herstellen durfte, die kostenlos verteilt werden sollen. Auf die Frage, warum die Zahl der Christen so stetig steige, erklären die beiden Seelsorger, die zu dieser Zeit ihren Dienst im Religiösen Zentrum wahrnehmen: "Unsere Gesellschaft ist im Umbruch, frühere Strukturen sind verloren gegangen. Die Menschen in China suchen nach Werten und Halt in ihrem Leben." Das gelte der christliche Glaube, der lange Jahre verboten war, als interessant und modern. "Die Menschen, die zu uns kommen erwarten Trost in den zunehmenden Unsicherheiten des Lebens." Und die beiden Vertreter der protestantischen Gemeinde in Chinas Hauptstadt sind sich sicher: "Wir, die Pekinger Gemeinde sind jedenfalls schon jetzt Gewinner der Olympischen Spiele:"
Zeit und Raum für seelsorgerliche Gespräche mit den deutschen Sportlerinnen und Sportlern gibt es für den evangelischen Seelsorger in der olympischen Mannschaft Deutschlands trotzdem. Davon berichtet die ARD auf ihren Internetseiten, davon erzählt Thomas Weber auch bei seinen Handyinterviews "Olympia süß-sauer", die von EKN produziert werden.
Das Pop-Art-Evangelium
Der russische Maler Dmitri Wrubel setzt biblische Szenen um
21. Januar 2008

Konzentriert zeichnet Dmitri Wrubel die letzten Striche seiner Grafik. Das Bild, dem ein Foto zugrunde liegt, zeigt eine bedrückende Szene. Zu sehen sind zwei obdachlose Jugendliche, die "lachen, obwohl es eigentlich überhaupt nichts zu lachen gibt", wie der Moskauer Künstler erklärt. Den Jugendlichen fehlen einige Zähne, sie sind verwahrlost und schmutzig. Vielleicht stehen sie unter Drogeneinfluss, mutmaßt Wrubel.
Unter dem Bild steht ein Bibelvers: "Da liefen ihm entgegen zwei Besessene; die kamen aus den Grabhöhlen und waren sehr gefährlich, so dass niemand diese Straße gehen konnte." Mit seinem Bild und dem Zitat aus dem Matthäus-Evangelium will Dmitri Wrubel Zustände der Gegenwart illustrieren. Zugleich will er die Bibel in einen modernen Kontext stellen.
Der russische Pop-Art-Künstler hat es sich zur Aufgabe gemacht, seinen Landsleuten auf diese Art die Bibel näher zu bringen. Insgesamt 80 Bilder im Großformat sollen im April ausgestellt werden. Der bekannte Galerist Marat Gelman will sie zur orthodoxen Osterwoche in Moskau präsentieren. Bereits jetzt ist absehbar, dass Wrubels Auffassung von der Bibel Diskussionen in Russland hervorrufen wird.
Wrubel, Jahrgang 1960, liebt es zu provozieren. Im Frühjahr 1990 malte er auf der Berliner Mauer den "Bruderkuss" zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker nach und wurde mit dieser Persiflage über Nacht berühmt. "Als die Fotografie 1981 gemacht wurde, blieb sie unbemerkt, aber wir haben es hinbekommen, dass das Bild bekanntwurde und die Fotografie danach auch", erzählt der Moskauer Künstler über seinen Erfolg.
Vieles hat sich seither geändert. Die Sowjetunion ist untergegangen, die wilden 90er Jahre, in denen Russland von neuer Freiheit, Anarchie und Armut gekennzeichnet war, sind einer stabileren, aber auch restriktiveren Zeit gewichen. Wrubel ist seinem Stil treu geblieben. Die Objekte seiner Kunst entstammen heute wie damals der Aktualität: Politiker, Sportler, Oligarchen. Er malt den US-Präsidenten George W. Bush gemeinsam mit dem Terroristen Osama bin Laden, oder den russischen Präsidenten Wladimir Putin in einer Breschnew-Ordensjacke.
Meist dienen Fotos als Objekt der Verfremdung. "Vom Frischen das Ewige herauszusuchen", so umschreibt Wrubel seine Zielsetzung bei dem Bibelprojekt. Als Technik nutzt er dabei die Kombination von Foto und Zeichnung. Die Idee zu den "Evangelien" stammt bereits aus dem Jahr 1993. Doch damals scheiterte das Projekt an technischen Hürden. "Die Digitalisierung war einfach noch nicht weit genug, daher war die Suche nach den Fotos viel zu aufwendig", sagt Wrubel.
Inzwischen kann er die Fotoarchive der Nachrichtenagenturen weltweit durchstöbern, um das passende Motiv für den jeweiligen Bibelvers zu finden. Die Bilder illustrieren die Heilige Schrift bis in die Gegenwart auf teils erschreckende Weise. Der Kindermord des Herodes im Matthäus-Evangelium findet sein Äquivalent im Blutbad einer Schule im südrussischen Beslan. Das Wehklagen der Mütter im biblischen Rama lässt sich auf die weinenden Mütter von Beslan übertragen, die ihre Kinder beim Geiseldrama verloren haben.
Auf einem anderen Bild sieht man eine verzweifelte muslimische Bosnierin, die nach dem Massaker von Srebrenica unter einer Vielzahl von Gräbern ihre Angehörigen sucht. "Und die Engel sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben", (Johannes 20, 13) steht darunter. Andere Bilder sind eher ironisch, wenn beispielsweise die Verlegenheit der Jungfrau Maria im Gespräch mit Gott mit einem Bild von Paris Hilton unterlegt wird.
"Ich verstehe die Heilige Schrift über Bilder", sagt Wrubel. Daher will er auch seinen Landsleuten die Bibel mit Hilfe von Bildern näher bringen. Gott sei nicht nur in der Kirche und spreche in einem den Russen unverständlichen Kirchenslawisch. "Alles, was in der Bibel beschrieben wurde, ist auch heute noch aktuell und erlebbar. Dies ist die Aussage meines Projekts", erklärt Wrubel.
Ostern: Vom Staub zur Hoffnung
03. April 2010

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider reflektiert in seinem Video-Ostergruß über den Kern der christlichen Auferstehungsbotschaft, die alle Grenzen überschreitet.
Viel Hoffnung, aber wenig Struktur
EKD ernüchtert von den Beobachtungen und Gesprächen im Südsudan
28. November 2005

Es zeichne Freunde aus, dass sie in kritischer Zeit zu Besuch kommen, erklärte zum Abschied der Ratsdelegation der EKD der stellvertretende Governor - eine Art Regierungspräsident - der Region Ecuatoria im Südsudan. Für einen Tag ist die Delegation unter Leitung des Vorsitzenden des Rates, Bischof Wolfgang Huber, nach Juba, der Hauptstadt des Südsudans geflogen. Dort hat über 20 Jahre der vergessene Bürgerkrieg stattgefunden. Im Januar 2005 haben die Südsudanesische Befreiungsbewegung (SPLM) und die sudanesische Regierung das "Umfassende Friedensabkommen" (CPA) geschlossen. Die EKD-Delegation war die erste hochrangige kirchliche Delegation, die nun die Bürgerkriegsregion besuchte. Wie im Friedensabkommen vorgesehen wurde vor wenigen Wochen die südsudanesische parlamentarische Versammlung und die südsudanesische Regierung eingerichtet. Doch nicht nur diese politischen Maßnahmen interessierten die Kirchenvertreter aus Deutschland, sondern auch wie die Voraussetzungen sind, dass die Absprachen des Friedensabkommen umgesetzt werden, Frieden und Versöhnung Raum gewinnen und strukturelle Vorbereitung für die Bürgerkriegsflüchtlinge getroffen sind.
Gespräche mit Mitgliedern des südsudanesischen Parlaments, dem Präsidenten der Südsudanesischen Regierung Salva Kiir, der damit auch Vizepräsident der Einheitsregierung des Sudans ist, und Besuche in den Flüchtlingslagern in Juba ernüchtern die Gäste aus dem fernen Deutschland. Es gehe langsam voran, meinte Salva Kiir, den Friedensvertrag umzusetzen. Die Spannungen zwischen dem muslimisch-arabisch dominierten Norden und dem christlich-afrikanisch geprägten Süden sind in vielen Begegnungen zu spüren.
Auf der einzigen geteerten Straße des Südens, die quer durch Juba führt, sind immer noch zahllose bewaffnete Uniformierte zu sehen, sowohl der Regierungstruppen als auch der ehemaligen Rebellen. Die Demilitarisierung und die Frage, wie die beiden Armeen zusammen geführt werden sollen, bleiben unbeantwortet. In den einfachen Hütten wohnen nicht nur die, die in Juba geblieben sind, sondern auch zahlreiche Flüchtlinge, aus den Gebieten in denen in den letzten 20 Jahren gekämpft wurde. Eine Rückkehr ist schwierig, weil Landminen es nahezu unmöglich machen, das Land zu bestellen. Eine Infrastruktur für die Flüchtlingslager, wie sie in den Lagern rund um Khartum zu beobachten waren, gibt es nicht. Vor einer Hütte auf verstaubten Teppichen sitzen, Kinder, stillende Mütter und ältere Frauen - der "Chief" dieser Flüchtlingsgruppe erklärt, dass sie alle krank sind. Doch ärztliche Versorgung und Medikamente gibt es nicht. So sitzen die über zwanzig Menschen in der tropisch-feuchten Hitze, die in Juba herrscht. In einer der wenigen Schulen in den Flüchtlingslager erfahren die Besucher aus Deutschland, dass dort manche Klassen von mehr als 100 Schülern besucht wird, doch die Klassenräume sind eng.
Bildung scheint neben der Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten, das herausragende Problem zu sein. Eine Parlamentarierin, die bis vor kurzem noch in der Befreiungsarmee des Südsudans gekämpft hat, äußert dies klar im Gespräch mit den Vertretern der EKD: "Wir haben die Waffen niedergelegt und sollen nun den Südsudan verwalten." Sie brauche Bildung und Begleitung, weil sie dies bisher nicht lernen konnte, erklärt die Frau. Sie spricht aus, was zu erkennen ist, blickt man auf die Biographien derer, die nun die politische Verantwortung im Südsudan und die Mitverantwortung im Gesamtsudan - einem Gebiet größer als Westeuropas - übernommen haben. In jungen Jahren sind diese Männer und Frauen der Befreiungsbewegung oder der Befreiungsarmee beigetreten und haben nun über Jahrzehnte militärisch gekämpft, kommandiert und im Kampf überlebt. Wie ein Gebiet dieser Größe mit Millionen verarmten Menschen, 700.000 Flüchtlingen, die dorthin zurück wollen, und ohne jegliche Infrastruktur regiert und geführt werden kann, hat ihnen keiner erklärt. Sie hoffen auf die Unterstützung der Geberländer, die die Unterstützung des Sudans zugesagt haben, aber ob es gelingt das CPA wirklich zu einer fruchtbarer Basis für die Zukunft des Südsudans und des Sudans zu machen und damit die Einheit des größten afrikanischen Staates zu bewahren, bleibt Hoffnung und letztendlich offene Frage. Der stellvertretenden Govenor der Region Equarorial die EKD-Delegation mit der Bitte "Pray for us" verabschiedet - mehr als Verpflichtung für alle die das Elend in dieser Stadt und diesem Land gesehen haben.
Weitere Berichte und Nachrichten von der Sudan-Reise der EKD-Delegation
Von Berlin nach Beirut
Ein neuer Pfarrer für die deutschsprachige evangelische Auslandsgemeinde
12. Oktober 2009

Während es in Deutschland merklich herbstlich und spürbar kühler wird, liegt über Beirut noch die Hitze. Jonas Weiß-Lange sitzt mit seiner Gattin Chris auf dem Balkon und schaut über die Skyline der Stadt, die nun für die nächsten Jahre ihr neues Zuhause sein wird. Von "B nach B" sozusagen, denn bis Ende August lebten die beiden in Berlin.
Ein deutlicher Wechsel in vielerlei Hinsicht. Zumal es für die Eheleute Weiß-Lange der erste längere Aufenthalt im Nahen Osten ist. Im Gewimmel der libanesischen Hauptstadt haben sich die beiden rasch an einige der orientalischen Sitten und Alltäglichkeiten gewöhnt. Dabei hilft, dass der Libanon in vielem wahrnehmbar europäisch geprägt ist und eine deutliche Brückenfunktion zwischen den Kulturräumen ausübt. Über vieles staunt das Ehepaar aber doch, lässt sich herausfordern, locken und seine Neugier wecken.
Beim Einleben hilft engagiert die Kirchengemeinde: eine quirlige Schar von Deutschen und Deutschsprachigen, die vor allem im Großraum Beirut lebt. Eine kleine, aber lebendige Gemeinde. Sie hat es geschafft, 14 Monate ohne festen Pfarrer aktiv zu bleiben, da sich nach dem Dienstende des letzten Pfarrehepaars zuerst kein Nachfolger fand. Jeweils für einige Wochen sprangen ehemalige Pfarrer der Gemeinde ein. Zahlreiche Gemeindeglieder übernahmen Dienste und engagierten sich außerordentlich.
Die Gemeinde im Libanon und in Syrien, die seit 1856 besteht, ist bunt zusammengesetzt. Über die regulär eingeschriebenen Gemeindeglieder hinaus zählt sich ein großer Kreis an Menschen, die aus verschiedenen Gründen keine offiziellen Mitglieder werden können, dennoch zur Gemeinde. Zu ihnen gehören beispielsweise die zahlreichen mit libanesischen oder syrischen Muslimen verheirateten deutschen Frauen, die dem Gesetz nach zwar zum Islam konvertiert sind, nicht selten aber lebendigen Kontakt zur Kirche halten. Zum Gemeindeleben zählen schließlich auch die Menschen, die in der Kirche eine deutsche Kultur- und Gesellschaftseinrichtung sehen.
Als nächstes steht für Pfarrer Weiß-Lange der Gang zur syrischen Botschaft auf dem Plan. Es heißt, ein Dauervisum zu beantragen, denn jeden Monat hält der Beiruter Geistliche Gottesdienst in Damaskus, vierteljährlich zudem auch in Aleppo.
An diesem Sonntag wurde aber zunächst in Beirut ein fröhlicher Gottesdienst gefeiert: Pfarrer Weiß-Lange wird vom zuständigen EKD-Oberkirchenrat Jens Nieper in sein Pfarramt eingeführt. Die kleine historische Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Sie steht in einem Hinterhof, umringt von den für Westbeirut typischen graubraunen Hochhäusern - eines davon gehört der Gemeinde und beherbergt neben einer Reihe von Mietapartments die Pfarrwohnung und die Gemeinderäume. Auch hierher wird der Gottesdienst übertragen, weil nicht alle Interessierten im Gotteshaus Platz fanden.
Auf den Kirchbänken haben Vertreter vieler anderer im Libanon vertretenen Konfessionen Platz genommen. In der ersten Reihe sitzt auch ein sunnitischer Sheikh, mit dem die Gemeinde seit Jahren den interreligiösen Dialog führt.
Bei der Segnung des deutschen Pfarrers wirken auch der Pfarrer der französisch-reformierten Gemeinde und die Generalsekretärin des Verbundes der evangelischen Kirchen im Libanon mit: Frau Kassab hat besonders freudig ihr Mitwirken zugesagt und betont: "Ich bin so froh, dass es die deutschsprachige evangelische Kirchengemeinde hier gibt, denn sie lebt der libanesischen Gesellschaft und den Kirchen vor, dass Frauen und Männer gleichberechtigt vor Gott sind."
Surfen durchs christliche Internet
Online-Abstimmung für den Webfish 2010 eröffnet
09. März 2010

Auch 2010 schwimmt der Webfish in ökumenischen Gewässern. Nachdem letztes Jahr das katholische Kloster Nütschau den Webfish in Gold gewonnen hat, sind auch diesmal wieder katholische Angebote in der engeren Auswahl.
Eine Jury aus Medienexperten aus Kirche und Gesellschaft - in diesem Jahr unter dem Vorsitz der Präses der EKD-Synode und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Katrin Göring-Eckardt - hat eine Vorauswahl der mehr als 100 eingereichten Websites getroffen und stellt die zehn nach Ansicht der Jury besten christlichen Internet-Angebote für den Webfish 2010 nun zur Online-Abstimmung. Unter den nominierten Angeboten wird der Webfish in Gold, Silber und Bronze im Mai vergeben. Wer dann auf dem Ökumenischen Kirchentag in München im Mai den Preis in Händen hält, darüber entscheidet das Online-Voting mit. Alle Internetnutzer können bis zum 1. April durch ihre Stimme Einfluss nehmen, welche nominierten Webseiten zu den Preisträgern gekürt werden.
Das christliche Internet ist ökumenisch und multimedial. Aber das christliche Internet kommt in die Jahre. Mit www.unserezeiten.de ist eine evangelische Senioren-Community für die Generation 59plus unter den zehn besten Internetangeboten des Jahres 2010. Natürlich gehört das kirchliche Web nicht nur den sogenannten Silver Surfern, der Generation 59plus, sondern auch die Jugend ist wieder dabei: In der evangelischen Jugend in Berlin-Karow "chillt" Gott im Web 2.0. Ein interessantes Bibel-Web-Projekt ist dabei: in Gestalt des Volxbibel Wiki, an dem jede/r Interessierte mitschreiben kann. Auch die Grenzen zwischen den Medien Rundfunk und Internet verschwinden: Mit www.wie-kann-ich-beten.de und www.crosschannel.de sind zwei Radio-Websites nominiert Schon "Frisia non cantat" ist gelogen, aber erst recht "Frisia non surfat": Vielmehr kommen aus Ostfriesland sehr gute Internetseiten, wie es das Kloster Ihlow zeigt. Der Sprung vom Norden in die Mitte Deutschlands zeigt die ebenfalls nominierte neue Internetseite der aus den Landeskirchen Thüringen und Kirchenprovinz Sachsen fusionierten Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland www.ekmd.de. Nicht auf landeskirchlicher, sondern auf Bistumsebene ist die Kirchensite angesiedelt, die tagesaktuell und hintergründig über das kirchliche Leben im Bistum Münster und darüber hinaus berichtet. spurensuche.info möchte Menschen anregen, gemeinsam im Alltag Gott zu entdecken, und www.wertvollwort.de nimmt wieder die Bibel in Blick und zum Nachdenken auf.
Soweit ein kurzer Rundgang durch die zehn nominierten Webseiten. In den Zeiten vom Mitmach-Internet kann jeder selbst den Online-Spaziergang machen, sich die Webauftritte ansehen und dann selbst dem besten Auftritt seine Stimme geben.
Surfen Sie mit und stimmen Sie bis Gründonnerstag, 1. April 2010 ab.
Briefmarke wirbt fürs Ehrenamt
Neue Sonderbriefmarke im Kirchenamt der EKD vorgestellt
01. Juli 2008

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat zur Vorstellung einer neuen Sonderbriefmarke zum Ehrenamt festgestellt: "Die Gesellschaft wäre kälter, wenn es das Ehrenamt nicht gäbe", Im Kirchenamt der EKD wurde die von Corinna Rogger (Biberach) gestaltete Marke vorgestellt und gleichzeitig die Ausstellung "Zeichen setzen" über die Geschichte der Sonderpostwertzeichen eröffnet. Er verdanke es seinem Amtsvorgänger Theo Waigel, so Peer Steinbrück, dass die Vorstellung der Sonderpostwertzeichen eine der wenigen Gelegenheiten sei, als Finanzminister nicht über Finanzfragen sprechen zu können. Seit der Auflösung des Bundespostministeriums ist das Finanzressort für die Herausgabe von Sondermarken zuständig.
Diese Marke ist nach den Worten von Peer Steinbrück mit dem Ziel entstanden, das Ehrenamt zu würdigen und zugleich Menschen zum Nachahmen anzuregen. Die Gesellschaft lebe davon, dass Menschen sich über die vorgeschriebenen Pflichten hinaus für andere einsetzten und ihre Zeit dafür opferten, sagte Steinbrück. Der Gegenwert dafür sei die Begegnung mit anderen Menschen und ein größerer persönlicher Radius. Diese wirke sich auch im beruflichen Leben aus: "Auch Arbeitgeber wollen heute wissen, ob sich Jugendliche ehrenamtlich einbringen", sagte der Minister.
Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann sprach davon, dass die Vorstellung der neuen Briefmarke einer doppelten Kostbarkeit gewidmet sein. So warb sie dafür, wieder mehr Briefe zu schreiben. "Wer einen Brief schreibt, nimmt sich Zeit", sagte sie in einem Grußwort. Briefe seien deshalb zu einer Kostbarkeit geworden, und Briefmarken wirkten im Zeitalter der elektronischen Kommunikation fast einem Anachronismus gleich: "Hätte der Apostel Paulus E-Mails geschickt statt Briefe, wären sie sicherlich schon gelöscht", so die Bischöfin. So aber prägten sie die Kirche bis heute. Gerade die Kirche lebe davon, das Ehrenamtliche sie mitgestalteten, verwies das Mitglied des Rates auf die andere Kostbarkeit. Gerade Ehrenamtliche bringen Zeit ein, um für andere Menschen da zu sein.
Die neue Sondermarke zeigt die Gesichter von Menschen dreier Generationen und nennt gesellschaftliche Bereiche wie Sport, Bildung und Kirche, in denen sich Ehrenamtliche engagieren. Sie ist seit Mitte Juni in einer Stückzahl von rund acht Millionen im Handel..
Der Präsident des EKD-Kirchenamtes, Hermann Barth, rief dazu auf, die Sondermarke zum Ehrenamt ausgiebig zu nutzen. "Sie sind wichtige Botschafter", sagte er. Nutzer könnten mir ihr den Wert des Ehrenamtes in breite Kreis hinein vermitteln. Im EKD-Kirchenamt wurde mit der Präsentation die Ausstellung "Zeichen setzen" zur Geschichte der Briefmarke eröffnet.
Mehr Informationen zum Thema "Briefmarken"
Werben und Warnen für die Demokratie
Jürgen Schmude erhält den Karl-Barth-Preis
02. Mai 2009

Was mag in Jürgen Schmudes Kopf vor sich gegangen sein? Im Foyer des Frankonia-Saals sitzt er ganz vorn in der ersten Reihe. Ein leichtes Lächeln, ein kurzes Nicken, ein kleiner Schulterblick: Ja, es sind viele, die sich hinter ihm versammelt haben, die Stuhlreihen sind voll besetzt. Nichts würde Schmude ferner liegen, als die Zahl der Gäste zu erfassen, um daraus auf das das Ausmaß seiner Würdigung zu schließen. Und nichts macht die Dankbarkeit und Hochachtung vieler Menschen in der Evangelischen Kirche in Deutschland deutlicher als die große Zahl von Gratulanten, die gekommen sind, um ihn, den aktuellen Preisträger des Karl-Barth-Preises der UEK zu ehren.
Bevor Schmude sagen kann, was in seinem Kopf vorgeht, kommen erst einmal die anderen dran; das gehört sich so für eine Preisverleihung. Große Worte sind da zu vernehmen für einen, der nie große Worte gemacht hat: Dass er "mit seinem Wirken in Politik und Kirche durch Jahrzehnte hindurch ein beeindruckendes Beispiel" davon gegeben habe, "was es heißt, die politische Bedeutung des Evangeliums in der Tradition der Barmer Theologischen Erklärung zu entfalten", so heißt es in der Begründung der Jury des Karl-Barth-Preises. Der Vorsitzende der UEK-Vollkonferenz, Landesbischof Ulrich Fischer, kleidet sein Lob in eine kleine Tierkunde. Er erinnert an Schmudes Verdienste als Vorsitzender des "theologischen Ausschusses der Evangelischen Kirche der Union (EKU) - West zu Barmen V" und daran, dass Schmude einmal lakonisch bemerkt habe, er sei sich damals unter all' den namhaften Theologen zuweilen vorgekommen wie eine Schildkröte unter Flamingos".
Nun mag man das Schmudesche Schildkrötengefühl subjektiv vielleicht nachvollziehen können - sollte das langsame Schalentier aber wirklich geeignet sein, diesen Zweimeter-Christen zu charakterisieren? Doch, es passt genau, behauptet Fischer, denn: "Eine Schildkröte ist ja ein ganz besonderes Tier." So habe sie einen "einzigartigen Rücken- und Brustpanzer", ein nicht biegsames Rückgrat, ausgesprochen sensible Sinnesorgane und "einen hervorragenden Orientierungssinn, der sich mit zunehmendem Lebensalter sogar noch zu verbessern scheint". Schildkröten, erklärt Fischer weiter, "reden nicht so viel", und "schon in der Antike konnten Mathematiker mühelos nachweisen, dass eine Schildkröte, wenn sie nur einmal einen gewissen Vorsprung hat, niemals von einem Läufer eingeholt werden kann". Am Ende sind die Zuhörer, die zunächst möglicherweise verwirrt waren, restlos überzeugt: Dem großen Mann aus Moers, der so viele Zeitgenossen überragt, entspricht die Schildkröte wie kein anderes Tier.
Dazu passt, was der Laudator, Bundesminister a. D. Manfred Stolpe, ganz ohne Rückgriff auf die Fauna über Schmude sagt. Dass der neue Preisträger "nie konfrontativ" gewesen sei, "nie aggressiv, eher flüsternd als laut". Aus dem Herzen spricht Stolpe den Anwesenden auch mit der Feststellung, dass Schmude es "mit hintergründigem liebevollem Humor" versteht, "Wahrheiten zu sagen ohne zu verletzen".
25 Jahre war Jürgen Schmude Mitglied des Deutschen Bundestages, mehrere Jahre Bundesminister. Der Synode der EKD stand er 18 Jahre als Präses vor. Immer wieder übernahm er Verantwortung im kirchlichen wie im politischen Bereich und lebte seine Überzeugung, "dass dem Glauben ein aktives Handeln entsprechen muss, sowohl in der Kirche und für die Kirche als auch in der politischen Verantwortung", wie Stolpe über Schmude sagt. "Er sieht einen tiefen Zusammenhang zwischen Evangelischer Kirche und Demokratie, die als menschenwürdigste Staatsform zu bejahen und mit zu tragen ist".
Wie sehr der Laudator damit ins Schwarze getroffen hat, wird klar, als zum Ende der Lobeszeit der Geehrte selbst ans Mikrofon tritt. "Berührt und befangen" dankt Schmude zunächst für die "Würdigungen meiner Bemühungen", für das gehörte "Zuviel des Guten". Er sei kein "besonders zu würdigender Mensch" geworden, "nicht mehr als andere auch". Da ist sie: Bescheidenheit à la Schmude, und es ist natürlich auch noch mehr, denn nun kommt er zur Sache. Die Sache, um die es ihm geht, heißt: Übernahme von politischer Verantwortung in der Demokratie. Jürgen Schmude will seine Zuhörer nicht in Wohlgefallen entlassen, es reicht ihm nicht, "dass ein Mensch gewürdigt wird und zufrieden nach Hause geht".
Er selber habe in seinem Leben besondere Chancen nutzen können, aber diese Chancen hätten andere auch. Allerdings sei vor allem für die Politik offensichtlich die Schiedsrichterrolle populär: "Viel und schnell urteilen, sich aber bloß nicht in das Spiel einmischen". Schmude verweist auf die Demokratiedenkschrift der EKD von 1985 mit dem Titel "Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe". "Ziel der heutigen Preisverleihung sollte es sein, auf die Annahme dieses Angebots durch möglichst viele Menschen hinzuwirken." Schmude wirbt: Die politische Arbeit mit all ihren Mühen auf sich zu nehmen, sagt er, sei "eine heute besonders nötig gebrauchte Form von Nächstenliebe". Und er warnt: "Erfolg und Bestand der Demokratie sind nicht garantiert. Für den Bestand der Demokratie könnten nur aktive Demokraten sorgen, an denen es der Weimarer Republik leider gefehlt habe.
Am Ende kommt er nochmal auf den Namensgeber seines Preises zurück: Karl Barth, meint Schmude, würde heute ebenfalls mahnen, "dass man als Christ die demokratische Regierungsform auch nicht aus Bequemlichkeit und Verantwortungsscheu mit allerlei Ausreden aufs Spiel setzen darf". Wie sagte Ulrich Fischer über die Schildkröte? Sie redet nicht viel. "Aber wenn sie dann doch einmal einen Laut von sich gibt, dann tut man gut daran, genau darauf zu achten; dann ist nämlich Gefahr im Verzug." Bleibt zu hoffen, dass die Warnung Jürgen Schmudes gehört wird.
"Gott will im Dunkel wohnen"
Erinnerung und Hoffnung gibt neue Sichtweise auf Gegenwart frei
27. November 2009

Der Briefkasten zu Hause wird immer voller. Die Zahl der Briefe, die im Büro ankommen und keinen tatsächlichen geschäftlichen Inhalt haben, nehmen zu. Beides sind untrügliche Zeichen, dass es nur noch wenige Wochen bis Weihnachten sind. Die einen verfallen in fragendes Suchen, weil sie noch kein Weihnachtsgeschenk für die Lieben haben, die sie so gern beschenken möchten. Die anderen lassen abends auch einmal den Fernseher aus, zünden eine Kerze an. Bei Bratäpfeln und den ersten "Vorproben" des Weihnachtsgebäcks lässt sich manches bereden, was das Jahr über liegen geblieben ist.
Wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, genießen in Europa viele Menschen den Advent. Wer im Sommer die langen Tage und kurzen Nächte auf der Terrasse, dem Balkon oder im Biergarten genießen kann, sitzt im Winter bei Kerzenschein und Glühwein beisammen: Alles hat seine Zeit und der Advent ist die Zeit der Ruhe und der Besinnlichkeit. Das hat gute, wenn auch nicht uralte Tradition: Die Adventszeit als Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest ist erst im 4. Jahrhundert entstanden Von Anfang an hatte die Adventszeit den Charakter der Bußzeit als Vorbereitung auf den "Geburtstag" des Messias.
Und wie es im christlichen Glauben häufig der Brauch ist: Menschen schauen zurück, um zu erkennen, was die Zukunft bringen wird. Wer sich während dieser vier Wochen an die Geburt Jesu erinnert, wie sie in der biblischen Tradition überliefert ist, denkt auch voraus auf die zukünftige Ankunft des Herrn als Herrscher dieser Welt . Daran erinnert besonders der zweite Adventssonntag: "Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht". So ist die zweite Adventswoche überschrieben. Mit diesem Satz beschreibt Jesus seinen Jüngern, wie es sein wird, wenn der Menschensohn wiederkommt.
Es mag nicht überraschen, wenn zwischen der Erinnerung an das, was war, und der Hoffnung auf das, was kommt, die Gegenwart besonders bewusst wird. Manche fragen sich, wie die Gesellschaft sich gerechter gestalten ließe, so dass Menschen miteinander und nicht gegeneinander leben können. Wieder andere haben die große und weite Welt im Blick: Wie feiern die Menschen in den unzähligen Flüchtlingslagern unserer Welt Advent und Weihnachten?
"Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern", heißt es im Adventslied von Jochen Klepper. Der christliche Dichter, der an der Brutalität seiner Zeit gescheitert ist, meinte damit kaum die nächtlichen Stunden der Adventszeit, sondern die dunkle Seite des Menschseins - ihm blieb die Hoffnung: "Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt". Das ist die Erfahrung, die Menschen erleben können, wenn sie an einem Abend in der Adventszeit die Kerzen am Adventskranz anzünden: Auch wenig Licht kann in den Herzen ganz schön hell machen und mancher der Briefe, die in diesen Tagen ankommen, schenkt neues Licht.
EXPO-Weltreise geht zu Ende
Christus-Pavillon war Besuchermagnet
27. Oktober 2000
Mit dem alten Zisterzienser-Motto "Porta patet - cor magis" (Die Tür steht offen - mehr noch das Herz) hat das EKD-Online-Team von Beginn der Weltausstellung "EXPO 2000" an die Gäste in Hannover begrüßt. Noch wenige Tage, dann werden die Türen zur EXPO und damit auch zum Christus-Pavillon geschlossen, fünf Monate Weltausstellung sind vorüber. Mehr als 1,7 Millionen Gäste haben den Christus-Pavillon besucht, nahmen an den zahlreichen Veranstaltungen teil und erlebten Momente der Einkehr, der Besinnung und Ruhe. Auch wenn die realen Türen geschlossen sein werden, die der Kirche stehen nach wie vor offen. Viele Menschen haben diese Tür neu für sich entdeckt. Vielleicht erst aus Neugierde, dann in den Räumlichkeiten des Pavillons, in der Ruhe der Krypta, in vielen Gesprächen, in Begegnungen mit Menschen und in der Auseinandersetzung mit Eindrücken. Gab es im Vorfeld Diskussionen, ob denn die Kirche überhaupt auf der EXPO vertreten sein sollte, so wird dieses Engagement heute als "eindrucksvoll" und "unverzichtbar" bewertet. Die zahlreichen ehrenamtlichen MitarbeiterInnen des Christus-Pavillons können stolz auf das sein, was sie für die Menschen auf der EXPO geleistet haben. Aber für sie werden die Erfahrungen der vergangenen fünf Monate eine persönliche Bereicherung bleiben, auch wenn sie etwas wehmütig auf den 31. Oktober, den Schlusstag, schauen. Der Christus-Pavillon wird sicher ein Anziehungspunkt bleiben, auch wenn die EXPO-Weltreise dieser Tage zu Ende geht. Der Kirchen-Pavillon wird im thüringischen Kloster Volkenroda zur Weiternutzung wieder aufgebaut und trägt bestimmt zu dem bei, mit dem das dortige Internetangebot überschrieben ist: "Ein altes Kloster erwacht zu neuem Leben".
Es begab sich aber zu der Zeit ...
Frohe und gesegnete Weihnachten
24. Dezember 2003

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die aller erste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
(Lukasevangelium 2, 1-14)
Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock liest die bekannte Geschichte aus dem Lukasevangelium
An Pfingsten feiern die Kirchen Geburtstag
Fest des Heiligen Geistes
06. Juni 2003

An Pfingsten feiern Christen den Geburtstag der Kirche und den Beginn der Ausbreitung der christlichen Botschaft. Pfingsten markiert zugleich den spirituellen Ursprung des Christentums: Der Bibel zufolge empfingen die Jünger Jesu 50 Tage nach Christi Auferstehung an Ostern den Heiligen Geist. Daher wird Pfingsten auch als "Fest des Heiligen Geistes" bezeichnet. Es ist nach Weihnachten und Ostern der dritte Höhepunkt im Kirchenjahr.
Der Heilige Geist wird auch als "Lebensatem" der Kirche bezeichnet. Ohne ihn erstarre das Christentum, heißt es. Durch den Heiligen Geist handelt Gott Theologen zufolge in der Welt und teilt sich den Menschen mit. In einigen Gottesdiensten wird die Ausgießung des Heiligen Geistes durch das Herablassen einer Taube dargestellt.
"Und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen", heißt es im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte im Neuen Testament. Weil nach der Bibel das Evangelium so in andere Sprachen übertragen wurde, spricht man vom "Pfingstwunder". Nach Christi Auferstehung und Himmelfahrt wurde damit auch eine neue Gemeinschaft unter den Christen gestiftet.
Besonders an Pfingsten werden die Christen in den Predigten ermutigt, sich für die Gegenwart Gottes zu öffnen. Religiöse Empfindungen, mystische Erfahrung und transzendente Erlebnisse seien auch für den modernen Menschen unbedingt notwendig, mahnen Seelsorger und Psychologen: Die Verkümmerung der "emotionalen Dimension" des Glaubens könne zu einem Verlust an Menschlichkeit führen.
Der Name Pfingsten geht zurück auf das griechische Wort "pentekoste" (der fünfzigste), weil das Pfingstfest seit Ende des vierten Jahrhunderts fünfzig Tage nach Ostern gefeiert wird. Pfingsten gilt auch als Beginn der weltweiten Mission. Gleichzeitig endet am Pfingstmontag der österliche Festkreis.
Patientenverfügungen können nicht alles regeln
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
20. Juni 2008
Elfriede R. ist einfach in ihrer Wohnung umgefallen. Der Notarzt kam nach wenigen Minuten und konnte die 54jährige wiederbeleben. Doch ihr Gehirn ist unwiderruflich geschädigt. Seitdem liegt sie im Wachkoma. In einer solchen Situation soll ihr Mann für sie entscheiden. Das hat sie klar festgelegt. Aber was kann er tun?
Klaus M. hatte schon zwei Schlaganfälle. Nun geschieht es zum dritten Mal. Er wird künstlich ernährt und muss beatmet werden. Schriftlich hat Klaus M. verfügt: "An mir sollen keine lebensverlängernden Maßnahmen vorgenommen werden, wenn ich sterben muss." Trifft diese Verfügung auf die vorliegende Situation zu?
Beispiele, mitten aus dem Leben. Kein Fall ist wie der andere. Kann der Gesetzgeber helfen? Reicht es zu fordern, dass Patientenverfügungen "eins zu eins" umzusetzen sind?
In dieser Forderung besteht der Kern eines Gesetzentwurfs, über den der Deutsche Bundestag in der nächsten Woche debattiert. Er sieht vor, dass dem schriftlichen Willen des Patienten unabhängig von der aktuellen Situation zu folgen ist. Nur so sei die Selbstbestimmung des Patienten zu gewährleisten.
Möglicherweise hätte Elfriede R. in einer schriftlichen Patientenverfügung die Einstellung von lebenserhaltenden Maßnahmen gefordert. Doch entspricht dies noch ihrem derzeitigen Willen? Gilt das auch, wenn sie noch auf nächste Angehörige reagiert? Klaus M. hat durch eine schriftliche Erklärung vorgesorgt. Doch wie steht es mit dem weiteren Krankheitsverlauf? Kann es nicht sein, dass er sich noch einmal erholt? Seine Verfügung lässt sich nur schwer auf die konkrete Situation anwenden.
Die Beispiele zeigen deutlich: Schriftliche Patientenverfügungen sind ein wichtiger Ausdruck menschlicher Selbstbestimmung. Doch sie können nicht alles regeln. Der Patient kann nicht mehr mit dem Arzt sprechen; über Diagnose und Therapie erfährt er nichts. Wie soll dann die lange vorher getroffene Festlegung unabhängig von Art und Stadium der Krankheit gelten?
Eine Patientenverfügung kann nicht für sich allein betrachtet werden. In vielen Fällen ist eine Vorsorgende Vollmacht das Allerwichtigste. Ein naher Angehöriger oder ein verlässlicher Freund soll Gesprächspartner des Arztes sein, wenn der Patient nicht mehr für sich selbst sprechen kann. Nur so kann es gelingen, die Selbstbestimmung des Patienten und die Fürsorge für sein Leben in Einklang zu bringen.
Das menschliche Leben ist zu keinem Zeitpunkt verfügbar. Denn es gilt die biblische Einsicht: "Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit."
Winterliche Sportwettkämpfe
Gottesdienst zur Rennrodelweltmeisterschaft
22. Januar 2008

Auf einer kleinen Plastikschale mit zwei Stahlkufen stürzen sie sich ins Tal. Unterwegs auf der etwa einen Kilometer langen Strecke erreichen sie Spitzengeschwindigkeiten von 120 Stundenkilometern: Rennrodelweltmeisterschaft im thüringischen Oberhof. Doch bevor die Weltmeisterschaft offiziell eröffnet wird, feiern Sportler, Zuschauer und Organisatoren einen ökumenischen Gottesdienst. Gestaltet wird der Gottesdienst in der evangelischen Kirche von Oberhof von den beiden Sportpfarrern Christoph Reichstein (evangelisch) und Richard Hentrich (katholisch) zusammen mit dem Posaunenchor aus Zella-Mehlis. Die 40. Rennrodel-WM dauert bis zum 27. Januar.
Weltmeisterschaften im Wintersport finden in diesen Wochen allenthalben statt: Gerade eben trafen sich die Schnellsten auf dem Eis zur Spurt-WM im niederländischen Heerenveen, in wenigen Wochen laufen und schießen die Biathleten im schwedischen Östersund um die Wette, die Bobfahrer treffen sich in Altenberg und die Skiflieger in Oberstdorf - und all die anderen, die gerade keine Weltmeisterschaft haben, toben ihre Leistungsstärke in den nach unterschiedlichen Disziplinen sortierten Weltcup aus.
Zwischen all den Vorbereitungen und dem Training, zwischen Wettkämpfen, Siegehrungen, Interviews und den vielen Reisen auch noch Zeit für einen Gottesdienst? Auch bei den Gottesdiensten anlässlich von großen Sportereignissen wird es sein, wie beim Sonntagsgottesdienst in der eigenen Gemeinde: Die einen kommen, die anderen nicht - aber eingeladen sind alle. "Wir wollen deutlich machen, dass uns die biblische Botschaft in allen Lebenssituationen etwas zu sagen hat - also auch im Sport", betont Christoph Reichstein, der für den Gottesdienst in Oberhof verantwortlich zeigt.
Zusammen mit seinem katholischen Kollegen will er bei dem Gottesdienst anlässlich der Rodel-WM das Rennrodeln symbolisch in den Texten des Gottesdienstes vorkommen lassen. So soll es darum gehen, dass das Leben für viele Menschen meist in vorgezeichneten Bahnen verläuft, dass es auf einen guten Start ankommt und auf die richtige Technik. In dem Gottesdienst sollen Seligpreisungen aus sportlicher Sicht zu hören sein, wie etwa: "Glücklich, wer im anderen immer den Menschen sieht, nicht nur den Gegner." oder "Glücklich, wer ohne Neid den zweiten Platz einnimmt." Außerdem erbitten die Gottesdienst-Teilnehmer im Gebet einen guten und fairen Verlauf der Weltmeisterschaft.
Das gilt auch für all die zu Hause am Fernseher die Sportereignisse verfolgen: Bei aller Begeisterung für die Erfolge der deutschen Sportler, und die sind beim Rennrodeln nicht gerade selten, gilt doch zuerst und vor allem um die Begeisterung für den Mut, die Risikobereitschaft, das sportliche Talent und die Ausdauer aller, die sich dem Kampf um Weltmeistertitel und Medaillen stellen.
Und dann ist es nicht so schlimm, wenn im Biathlon mal ein Schuss daneben geht, wenn der Rodler aus Südtirol schneller ist und wenn der Österreicher oder der Pole weiter durch die Lüfte fliegt. Natürlich drücken die deutschen Fernsehzuschauerinnen und Fernsehzuschauer den deutschen Sportlerinnen und Sportler die Daumen - aber wichtiger als Sieg und Platz ist allemal ein fairer und guter Wettkampf und die Gewissheit, dass die, die heute Gegner sind, morgen sich noch in die Augen schauen können.
Erinnern, nicht vergessen!
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
25. Januar 2008
"Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Das sagt der Kölner Bildhauer Gunter Demnig. Er antwortet damit auf die Frage, wie es zu der ungewöhnlichen Idee kam, die er nun schon 13.000mal verwirklicht hat. Im Jahr 2003 begann der Künstler damit, Messingplatten in der Größe eines Pflastersteins in Bürgersteigen zu verlegen, auch in Berlin. Jeder dieser "Stolpersteine" erinnert an das Schicksal eines Menschen. Vor einem Haus am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg erfährt man beispielsweise: "Hier wohnte Horst Lothar Koppel, Jahrgang 1924, deportiert 1942, 29. Osttransport".
In 280 deutschen Städten finden sich inzwischen solche Steine. Sie erinnern an Opfer der Gewaltverbrechen in der Nazizeit. Sie nehmen die Spur von Menschen auf, die deportiert und in Konzentrationslagern ums Leben gebracht wurden. Jeder einzelne Stein ruft ein persönliches Schicksal wach.
Diese Steine erinnern insbesondere an deutsche Bürger jüdischen Glaubens. Sie wurden nach 1933 zunächst schikaniert und ausgegrenzt. Bald durften sie ihre Berufe nicht mehr ausüben. Ihre Geschäfte wurden zerstört oder zwangsweise verkauft. Wenn sie sich nicht rechtzeitig selbst auf die Flucht begeben hatten, wurden sie aus ihren Wohnungen geholt und in Ghettos oder Vernichtungslager abtransportiert. Das alles geschah ganz öffentlich. Die Nachbarn sahen zu. Trotzdem war das nachträgliche Erschrecken groß. Die Nationalsozialisten ermordeten nahezu sechs Millionen jüdischer Kinder, Frauen und Männer. Darunter 160.000 deutsche Juden.
Gunter Demnig holt mit seinen Stolpersteinen einige der Opfer in unseren Alltag zurück. Die Steine erinnern uns auf Schritt und Tritt an Menschen, die ums Leben gebracht wurden. Auch der Holocaust-Gedenktag am kommenden Sonntag ruft diese Opfer ins Gedächtnis. Er erinnert an die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945. Deshalb wurde er zum Gedenktag erklärt. Ein Stolperstein im Kalender.
Wir brauchen solche Stolpersteine besonders, weil die Zeitzeugen nach und nach sterben. Der Holocaust-Gedenktag und die Stolpersteine halten die Erinnerung für uns, unsere Kinder und Enkel lebendig. Sie vergegenwärtigen das unfassbare Geschehen. Und sie erinnern an unsere Verantwortung für alle Menschen. In der Bibel steht, dass Gott jeden Menschen bei seinem Namen gerufen hat und ihn liebt. Kein Mensch ist namenlos oder gar wertlos. Deshalb setzen Christen sich dafür ein, dass niemand herabgesetzt wird. Auch nicht wegen seiner Herkunft, seines Glauben oder seiner Nationalität . Die Mahnung ist aktuell. Gut, dass es Stolpersteine gibt. Auf unseren Straßen und in unserem Kalender.
Glück und Freude, Enttäuschung und Leid liegen bei Olympia nah beieinander
Erfahrungen des Olympiapfarrers
22. August 2008

"Nur der vierte Platz" heißt es und die Medien kritisieren den Sportler, dass er keine Medaille gewonnen hat. Olympiapfarrer Weber findet dieses Urteil zu einfach. Er hat mit Trainern und Sportlern gesprochen, die knapp am Medaillenrang vorbei geschlittert sind. Statt Verzweiflung konnte der Seelsorger beim Trainer Stolz heraushören auf den fünften Platz, den die von ihm betreute Sportlerin erreicht hatte. Auch damit gehört sie zu den weltbesten Sportlerinnen in ihrer Disziplin, auch wenn die Medien diese Platzierung nicht so werten.
Gerade für so genannte Randsportarten ist Olympia wichtig. So freut sich ein Sportler, dass sein Wettbewerb im Fernsehen übertragen wurde, denn so viel Aufmerksamkeit erhält sonst sein Sport nicht. Nur zu Olympia, wenn es um Medaillen geht, ist das Interesse einmal da, ist übertragen worden. Gäbe es die olympischen Spiele nicht, dann gäbe es auch unsere Sportart nicht mehr, kommentiert ein Trainer, aber mit dem Ziel Olympia bereiten sich die Sportlerinnen und Sportler intensiv vor.
Als Seelsorger kann der Olympia-Pfarrer zuhören und er kennt die Geschichten, was die Sportler aufgeben, um bei der Olympiade dabei zu sein. Viele Menschen denken, mit dem Sport ist gut Geld zu verdienen, denn wenn man so oft in der Zeitung steht, muss man auch reich sein. Dies trifft aber nur auf ganz wenige Sportler zu. Viele von ihnen studieren und auch wenn sie Sporthilfe erhalten, so leben sie doch wie normale Studenten. Andere sind bei der Bundespolizei oder Bundeswehr angestellt, einige haben auch mit ihrem Beruf für ein Jahr ausgesetzt. Olympia ist ein Wendepunkt für sie alle, meist haben sie sich ein Jahr vorbereitet, aber nach der Olympiade beginnt ein anderes Leben, zurück ins Studium oder in den Beruf, in dem man ein Jahr pausiert hat.
Dankbarkeit für das, was der Sport einem gibt, hört der Pfarrer bei vielen heraus, unabhängig davon, ob die Medaillenhoffnung aufging oder nicht.
Aber gute Vorbereitung und hartes Training können nicht Gold, Silber oder Bronze garantieren, den deutschen Ruderern machte ein Virus einen Strich durch ihre Rechnung. Die Ärzte entschieden auf Abbrechen und das deutsche Boot musste abgemeldet werden. Tiefe Enttäuschung bei den Sportlern, die ein Jahr lang auf diesen Wettkampf hingelebt hatten. Nun müssen sie ohne die Chance um den Sieg rudern zu können wieder nach Hause. Werden sie in vier Jahren eine zweite Chance haben? Werden sie sich wieder ein Jahr zur Vorbereitung nehmen können? Und wie werden sie Zuhause empfangen, wie an ihrem Arbeitsplatz begrüßt, wo sie doch gar nicht gerudert sind?
Der Olympiapfarrer spricht mit Gewinnern und Verlierern, auch im Sport besteht das Leben aus Höhepunkten und Tiefpunkten, Glück und Freude, Enttäuschung und Leid liegen nah beieinander, dies ist eine Erfahrung aus seinen Gesprächen.
Aber das Leben besteht aus mehr als nur Sport, viele Sportler haben ihre Familie dabei, häufig auch die Kinder, da noch Schulferienzeit in Deutschland ist. Als die deutschen Handballer verloren, kamen nach dem Spiel die Frauen und Kinder der Spieler aufs Feld und trösteten sie. Wichtiger als der Sieg sind Menschen, die zu einem stehen.
Ergebnisoffen und zukunftsorientiert
Lern- und Anregungskongress in Wittenberg
24. Januar 2007

Aus Kiel reisen sie an und aus München. In Speyer machen sie sich auf den langen Weg und aus Dresden haben sie es nicht so weit: Über 300 Menschen der evangelischen Kirche hat der Rat der EKD zum Zukunftskongress in die Stadt der Reformation nach Wittenberg eingeladen. In der Stadt, in der Martin Luther mit Katherina von Bora die längste Zeit seines Lebens gelebt, mit Philipp Melanchthon und seinen Studenten diskutiert, und wo Hans Lufft seine Schriften gedruckt hat, treffen sich Bischöfe, Präsides, Kirchenpräsidenten, leitende Juristen, Synodenpräsidenten, Theologen und Angehörige anderer Berufe, Hauptamtliche und ehrenamtlich Engagierte, an kirchlichen Fragen Interessierte und für kirchliche Themen Verantwortliche. Drei Tage sitzen sie zusammen - nicht um sich an die Geschichte vor knapp 500 Jahren zu erinnern, sondern um über die nächsten 30 Jahre der evangelischen Kirche nachzudenken.
Die Herausforderungen sind deutlich: Die Alterspyramide der deutschen Gesellschaft verändert sich. Als demographischen Wandel bezeichnen Fachleute die Tendenz, dass die Menschen älter und gleichzeitig weniger Kinder geboren werden. Die Bindung der Kirchenmitglieder an ihre Kirche hat sich zwar nicht tiefgreifend verändert, das zeigen die seit 40 Jahren durchgeführten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen, aber die Zahl der Mitglieder sinkt. Die mittelfristige Finanzplanung zeigt - gerade auch aus wirtschaftlichen und steuerrechtlichen Gründen - das zukünftig der evangelischen Kirche weniger Geld zur Verfügung steht. Die Antwort darauf kann nicht sein, so weiter zu machen wie bisher, dessen war sich der Rat sicher.
So sind die Tage in Lutherstadt Wittenberg als Lern- und Anregungskongress angelegt: Kreativität steht im Vordergrund der Beratung im Plenum und in verschiedenen Foren. "Von anderen lernen" wollen die Teilnehmende ebenso wie ihre eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen einbringen; gemeinsam werden sie auf die Stimmen derer hören, die ihre Lebenserfahrung einbringen können; jede und jeder einzelne wird seine Phantasie einbringen, wie die evangelische Kirche im Jahr 2030 aussehen könnte - und ihre Gedanken und Äußerungen der gegenseitigen Kritik aussetzen.
Ein Weg, der so in der EKD bisher nicht gegangen wurde, soll nach dem im Sommer 2006 veröffentlichten Impulspapier des Rates der EKD um einen Schritt weiter gegangen werden. In der Stadt, in der vor knapp 500 Jahren die Hammerschläge eines unbekannten Mönches, der 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche anbrachte, die Kirche ins Nachdenken über sich selbst brachte, berät die evangelische Kirche über ihre Zukunft: ergebnisoffen, zukunftsorientiert, lebenserfahren, jugendbewegt - eben so, wie die evangelische Kirche sich selbst versteht.
Der Ablauf des Kongresses in Wittenberg ist geplant, damit die über 300 Teilnehmenden wissen können, wann und wo sie sich treffen, und was auf der Tagesordnung steht. Aber für alle Beteiligte - Rat, Lenkungsgruppe, Organisatoren, Team, Teilnehmende und berichtende Journalisten - bleibt es offen, ob der suchende Blick der Neugier, der Geist der Wahrheit, eine zuversichtliche Hoffnung und der Funke des Mutes durch die Tagungsräume in Wittenberg weht und mit zurück in die Landeskirchen, Kirchengemeinde, Kirchenämter, Gemeindevorstände und Synoden genommen werden kann.
Raststätten für die Seele
Autobahnkirchen ziehen eine Million Besucher an
10. Juli 2010

"Lieber Gott, danke, dass du meine Eltern beschützt. Fahr bitte mit meinem Vater immer im Auto mit", schrieb ein Junge vor wenigen Tagen in das Anliegenbuch der evangelischen Autobahnkirche im nordrhein-westfälischen Vlotho-Exter. Philipp gehört zu der rund eine Million Menschen, die jedes Jahr in die Kirchen und Kapellen an deutschen Autobahnen einkehren: Sie wollen zur Ruhe kommen, rasten, nachdenken, ein Gebet sprechen, eine Kerze anzünden. Am Sonntag machen die Gotteshäuser an den Schnellstraßen mit dem bundesweiten "Tag der Autobahnkirchen" auf sich aufmerksam.
"Immer wieder bringen die Besucher den Dank für eine sichere Reise und die Bitte um Schutz für liebe Menschen zum Ausdruck", sagt Pastor Ralf Steiner aus dem ostwestfälischen Exter. Seine schmucke Dorfkirche unweit der A 2 wird nicht nur von den Einheimischen, sondern jährlich auch von 32.000 automobilen Reisenden aufgesucht. Er findet es "schön, zwei Gemeinden zu haben und nächsten Sonntag noch eine dritte, die Fernsehgemeinde". Denn dann sendet das ZDF seinen TV-Gottesdienst erstmals aus einer evangelischen Autobahnkirche.
Für Pastor Steiner und seine Kolleginnen und Kollegen in den 37 deutschen Autobahnkirchen und -kapellen beginnt mit den Sommerferien die Hochsaison. In Vlotho-Exter verdoppelt sich die Besucherzahl von täglich 50 Gästen auf 100, dazu kommen drei bis fünf Reisebusse pro Woche. Für Gruppen, die sich anmelden, hält Steiner Andachten und führt durch die in ihren Ursprüngen aus dem 17. Jahrhundert stammende weiß getünchte Kirche.
Die ersten Besucher steuern das Gotteshaus schon morgens um sieben an. Männer in Schlips und Kragen entsteigen ihren schweren Limousinen: Geschäftsleute, die einen harten Tag vor sich haben und "hier noch mal zehn Minuten auftanken wollen", so Steiner.
Überhaupt sind Männer unter den Gästen der Autobahnkirchen in der Mehrheit, fanden Forscher der Katholischen Fachhochschule Freiburg heraus. Zwei Drittel der Kirchenbesucher sind über 50 Jahre alt. Den größten Anteil der Gäste stellen Urlauber, gefolgt von Fahrern, die zu Verwandten oder Freunden unterwegs sind, und beruflich Reisenden. Fast alle gehören einer christlichen Kirche an - überwiegend der katholischen - allerdings halten zwei von fünfen eher Distanz zu Kirche und Gemeinde.
Je zur Hälfte haben die Besucher den Stopp an der Kirche geplant oder fahren spontan von der Autobahn ab, nachdem sie eins der Hinweisschilder gesehen haben. Etliche werden dann zu "Stammkunden", so wie das Ehepaar aus Soest, das auf dem Rückweg von Rügen stets Station in Exter macht: "Danke für diesen Kraftort Autobahnkirche", schrieben sie in das Anliegenbuch.
Solche Kraftorte sind offenbar gefragt, denn ständig entstehen neue: "Binnen eines Jahres sind Autobahnkirchen und -kapellen in Hamm-Rhynern, Kassel, Wittlich und Bochum hinzugekommen", sagt Birgit Krause von der Akademie Bruderhilfe/Familienfürsorge (Kassel). Das kirchliche Versicherungsunternehmen vernetzt seit rund 20 Jahren die früher isoliert voneinander arbeitenden Projekte.
Wie Krause berichtet, sind es stets örtliche Initiativen aus Gemeinden oder von Privatleuten, die sich dafür einsetzen, eine Kapelle zu bauen oder ein bestehendes Gotteshaus für die zusätzliche Funktion als Autobahnkirche zu öffnen. Die evangelischen Landeskirchen oder katholischen Diözesen müssen den Vorhaben aber zustimmen, ebenso das Bundesverkehrsministerium.
Voraussetzung für die Bestimmung als Autobahnkirche ist die direkte Anbindung an eine Abfahrt oder Raststätte. Mehr als einen Kilometer entfernt von der Schnellstraße darf die Kirche nicht liegen, hat die ökumenische Konferenz der Autobahnkirchenpfarrer festgelegt. Der Gründungs-Boom geht weiter: In Leutkirch hat die Konferenz jüngst einem neuen Projekt im bayerischen Trockau an der Autobahn Berlin-München zugestimmt. Im Siegerland plant ein Trägerverein für September die Grundsteinlegung für eine Kirche auf dem Autohof Wilnsdorf an der A 45.
Die Besucherzahl in den Autobahnkirchen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen. Für Ralf Steiner ist das eine Folge des allgemein steigenden Verkehrsaufkommens und des Zwangs zu mehr Mobilität im Berufsleben. Die mobile Gesellschaft sei "immer auf Achse", ohne Rast und Ruhe. "Jedes Auto muss regelmäßig zur Tankstelle, aber was ist mit unserer Seele?", fragt der Pastor. Er möchte die Gäste der Autobahnkirche nicht bloß "fitmachen für den ganz normalen Wahnsinn des Alltags".
Wer in Exter Rast macht, soll verändert - und sicherer - weiter fahren. "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken", verkündet der Bibelvers am Altarbogen der alten Dorfkirche. Darüber will Steiner am Sonntag im Fernsehgottesdienst predigen.
Hinweis: Zum "Tag der Autobahnkirchen" am 11. Juli überträgt das ZDF ab 9.30 Uhr den Fernsehgottesdienst live aus Vlotho-Exter. Die Autobahnkirche liegt an der A 2 Köln-Hannover, Ausfahrt Exter. Um 14 Uhr wird in den deutschen Autobahnkirchen eine Kurzandacht mit Reisesegen angeboten.
Weitere Informationen zu den Autobahnkirchen
Amjao lernt Englisch und Gemeinschaft
Familie, Glaube, Bildung, Gemeinschaft
18. Mai 2007

Amjao Vahedi ist siebzehn Jahre alt. In London besucht er eine Schule der anglikanischen Kirche. Als er dort vor vier Jahren eingeschult wurde, konnte er außer "Hello" kein Wort Englisch. Wenn man denn "Hello" ein überhaupt als ein englisches Wort bezeichnen will.
Die Chancen für Amjao standen damals schlecht. Er lebt im Londoner Stadtteil Kilburn. Dieser Stadtteil ist von Armut geprägt. Nicht nur Amjao hat damit schwierige Startbedingungen. Seinen Mitschülern ging es nicht besser. Die Sitten waren rau, auch in dem aus vielen Nationen und Kulturen zusammen gewürfelten Klassenverband. Aber sie rauften sich zusammen. Sie erlebten ein gutes Erziehungsklima. Jeder sollte ans Ziel kommen. Keiner musste befürchten, sitzen zu bleiben.
Vor wenigen Tagen überreichte der anglikanische Bischof von London, Richard Chartres, Amjao eine Auszeichnung. Er hatte die Schule nicht nur mit herausragend guten Leistungen abgeschlossen. Er war auch eine von Schülern und Lehrern gleichermaßen geachtete Persönlichkeit geworden.
Was war geschehen? Bischof Richard Chartres, der Bischof in London und damit Partner des evangelischen Berliner Bischofs Wolfgang Huber, hat diese erstaunliche Entwicklung mit vier einfachen Worten erklärt: Familie, Glaube, Bildung, Gemeinschaft. Der Londoner Bischof ist überzeugt, diese vier Faktoren hätten das Wunder vollbracht.
Eine liebende Familie ist das erste. So armselig die Verhältnisse auch sind, Amjao fühlt sich in seiner Familie geborgen, angenommen und begleitet. Das vermittelt Sicherheit und Kraft. Auch unter noch so schwierigen Bedingungen entsteht ein Bewusstsein der eigenen Würde. Der Glaube ist das zweite. Amjao ist Moslem; er findet Halt in seinem Glauben. In dieser christlichen Schule in London spürt er: Nicht nur sein Glaube wird toleriert; er selbst wird akzeptiert. Auch die vierzig Prozent Schüler, die Muslime sind, werden in ihrer religiösen Haltung geachtet. Das wirkt Wunder. Bildung ist wichtig. Auch wer mit 13 Jahren noch nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfügt, kann mit 17 ein guter Schüler sein. Bei Amjao ist das gelungen. Jetzt plant er mutig seine Ausbildung. Sport und Freizeit sind das Gebiet, mit dem er sich beschäftigen möchte. Und schließlich Gemeinschaft! Keiner von uns lebt für sich allein. Jeder braucht eine Gemeinschaft, in der er sich geborgen weiß. Das hat Amjao erlebt. Die Schule der Anglikaner in London legt auf Gemeinschaftsbildung besonders viel Wert. Gewalt findet nicht statt. Der achtungsvolle Umgang miteinander wird täglich geübt. Einer steht für den anderen ein. Auch Amjao hat das geholfen.
Als Bischof Chartres dies Bischof Huber erzählte, war zu spüren: Der Bischof von London hatte den muslimischen jungen Mann lieb gewonnen. Jesus hätte das gefallen. Er hätte dazu gesagt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."
Ermunterung für ein Leben mit Kindern
Woche für das Leben 2005 eröffnet
05. April 2005

Die Woche für das Leben vom 9. bis 16. April will unter dem Jahresmotto "Mit Kindern - ein neuer Aufbruch" Ermutigung dazu sein, die großartige Chance eines Lebens mit Kindern zu nutzen und sich auf diesen neuen Aufbruch einzulassen. Jeder Aufbruch im Leben erfordert Mut und Zuversicht. Das gilt selbstverständlich auch für das Leben mit Kindern. Kinder als Segen Gottes anzunehmen und mit ihnen neu ins Leben aufzubrechen, erfordert den ganzen persönlichen Einsatz.
Mit der Woche für das Leben 2005 wollen die evangelische und die katholische Kirche Mut machen, diesen neuen Aufbruch mit Kindern zu wagen. Sie richten den Blick auf die große Chance, die Kinder für ihre Eltern, darüber hinaus aber auch für alle Erwachsenen und für die ganze menschliche Gesellschaft bedeuten: Die Chance, die Welt noch einmal mit neuen Augen zu sehen, an der Entfaltung eines Menschen noch einmal vom Anfang an teil zu haben und sich so auch selbst als Person weiter zu entwickeln.
Die Woche für das Leben 2005 ist eine Einladung zum Gespräch darüber, was diesem Neuaufbruch mit Kindern seine Besonderheit verleiht. Sie ist jedoch auch eine Einladung zum Nachdenken darüber, was sich ändern muss und was getan werden kann, damit junge Paare den Mut zu diesem Aufbruch finden.
Nicht zuletzt ist die Woche für das Leben 2005 ein klares Bekenntnis zu einem entscheidenden Aspekt des christlichen Menschenbildes: Jedes Kind ist ein Segen. Es ist ein Geschenk Gottes, das die Botschaft seiner Liebe in sich trägt. An den Menschen liegt es, diesem Geschenk im eigenen Leben Raum zu geben. Die zentrale Eröffnung fand am 9. April in Kassel statt.
(Unser Foto zeigt Bischof Huber und Kardinal Lehmann bei der Vorstellung des Anliegens der diesjährigen Woche für das Leben am 28. Februar in Berlin)
Programm der Eröffnung in Kassel
EKD-Siegel ARBEIT PLUS für mehr Beschäftigung
30. April 2000
Aus Anlass des Tages der Arbeit am 1. Mai weist die EKD auf ihre Initiative ARBEIT PLUS 2000 hin. Mit dem Siegel ARBEIT PLUS werden - wie schon im Vorjahr - Unternehmen ausgezeichnet, die sich im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit verdient machen. Dabei geht es nicht um spektakuläre Einzelaktionen. ARBEIT PLUS zielt auf praktizierte Verantwortung im Alltag der Unternehmen: mutig Arbeitsplätze schaffen, Beschäftigung in Krisen sichern, Standards der Zusammenarbeit setzen. Präses Manfred Kock, der Vorsitzende des Rates der EKD erklärt zu ARBEIT PLUS 2000: "Am Tag der Arbeit gilt es erneut darauf hinzuweisen, dass die Gesellschaft sich nicht an die
Beschäftigungskrise gewöhnen kann und darf. Mit ARBEIT PLUS will die evangelische Kirche positive Beispiele unternehmerischen Handelns auf dem Feld der Beschäftigungsförderung vorstellen.(...) Soziale Marktwirtschaft findet in den Unternehmen statt oder sie findet nicht statt. Unternehmen mit dem Zertifikat ARBEIT PLUS entwickeln erfolgreich die Kultur der Sozialen Marktwirtschaft weiter."
1918 - 1938 - 1989 - der 9. November
Ein Tag deutscher Geschichte
09. November 2006

Der 9. November ist ein facettenreiches Datum in der deutschen Geschichte. Mit ihm sind Hoffnung und Freude ebenso verbunden wie die Erinnerung an abgrundtiefen Schrecken und menschenverachtende Grausamkeit. Dieser Tag spiegelt wie kein anderer den mühsamen Weg zur Demokratie und in die Verantwortung, die mit der Freiheit verbunden ist.
Am 9. November 1918 wurde in Berlin die Republik ausgerufen. Der Erste Weltkrieg war verloren, der deutsche Kaiser musste abdanken und die Hoffnung auf eine Mitbestimmung des Volkes an der künftigen politischen Entwicklung erfüllte die Menschen. Das Fenster zur Demokratie war geöffnet, der Blick ging in eine Zukunft, in der die Menschen in Würde und Freiheit leben und das Wohl des Gemeinwesens gestalten sollten.
Am 9. November 1938 brannten die Synagogen. Jüdisches Eigentum wurde von den Nationalsozialisten in Flammen gesetzt, um die "Rassenverfolgung" auch durch die Vernichtung von Hab und Gut deutlich zu machen. Die Erinnerung daran darf nicht verblassen. Wie erschreckend aktuell sie sind, zeigen die Erkenntnisse einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Nach dieser Studie sehnen sich rund 15 Prozent der Bundesbürger nach einer dominanten Führungsfigur in der Politik, die mit starker Hand regiert. Antisemitische und ausländerfeindliche Einstellungen sind nicht nur am Rand der Gesellschaft vertreten, sondern weit verbreitet. Wenn man in Betracht zieht, dass im Nahen Osten die Leugnung des Holocaust bis in höchste Regierungs- und Religionsvertreterkreise salonfähig wird, kann die Konsequenz nur heißen: Wir dürfen nicht nachlassen in unserer Verantwortung für die Würde jedes Menschen.
Am 9. November 1989 und in den Tagen danach erfüllte Jubel die Straßen deutscher Städte. Noch kurz zuvor wäre undenkbar gewesen, was in der Nacht vom 9. auf den 10. November eintrat. Die Berliner Mauer wurde geöffnet, innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich die Stadt in ein riesiges Straßenfest. Hupende Autokorsos, tanzende Menschen auf der Mauer am Brandenburger Tor, an der Stunden zuvor noch hätte geschossen werden können: Das sind unvergessliche Bilder. Friedensgebete vor allem in evangelischen Kirchen waren dem vorausgegangen. Auf den Demonstrationen mit Kerzen war der Ruf ertönt: "Keine Gewalt - denn selig sind die Friedfertigen", wie es in der Bergpredigt Jesu heißt. All das trug dazu bei, dass sich diese Revolution vollzog, ohne einen Tropfen Blut zu fordern.
1918, 1938, 1989: durch diese drei Jahreszahlen wird der 9. November zu einem deutschen Datum. Er symbolisiert den mühsamen Weg zur Demokratie. Er hält im Bewusstsein, wie alle Humanität in den Gewaltverbrechen der nationalsozialistischen Zeit mit Füßen getreten wurde. Er erinnert daran, zu welcher Freude die wieder gewonnene Einheit unseres Landes in Freiheit führte. Das ist ein spannungsvoller Zusammenklang. Gerade so ist der 9. November ein Kristallisationspunkt für die Einsicht, dass man Freiheit nicht nur genießen kann, sondern auch verantworten muss. Auch wenn heute manchmal von Politikverdrossenheit die Rede ist. In keiner Staatsform hat jede und jeder von uns mehr Mitspracherecht, als in der Demokratie.
Webfish 2009 entschieden
Benediktiner-Kloster Nütschau auf Platz eins
06. April 2009

Über 140 christliche Internetangebote hatten sich für den diesjährigen Internetpreis der evangelischen Kirche beworben, 3400 Online-User beteiligten sich am Online-Voting und ergänzten so die Entscheidungsfindung der Jury. Nun steht fest, welches der zehn nominierten christlichen Webangeboten den Webfish erhält.
Den goldenen WebFish erhält in diesem Jahr das katholische Benediktiner-Kloster Nütschau (Travenbrück in Schleswig-Holstein) für seine Internetseiten. Beim Online-Auftritt http://www.kloster-nuetschau.de, dem diesjährigen Gewinner des mit 1.500 Euro dotierten goldenen Webfish, überzeugte die Jury der ästhetische Gesamteindruck der Website. Das Screendesign mit seiner Fotoauswahl lässt die spirituelle Gemeinschaft eines Lebens im Koster auch im Netz fühlbar werden.
Den silbernen Webfish erhält die Blogseite Pastor Buddy. Mit http://www.pastorbuddy.de hat die Jury erstmalig ein Blog prämiert. Der mit 1.000 Euro dotierte silberne Webfish zeichnet ein Projekt aus, dessen Autorenteam aus Theologen und Laien aus verschiedenen christlichen Traditionen pointiert Themen setzt und zu Kommentaren einlädt. So werden gelungene christliche Inhalte auch in diesem Bereich des Internet, der so genannten Blogosphäre, publik gemacht.
Der Webfish in Bronze (500 Euro) würdigt das Angebot der Eben-Ezer Gemeinschaft in Berlin. Den Webfish in Bronze gewinnt die landeskirchliche Gemeinschaft Eben-Ezer in Berlin für ihre Webseiten zur Gottesdienstvorbereitung. Unter http://www.gottesdienstexperiment.de stellt die landeskirchliche Gemeinschaft im Internet Ideen für themenbezogene Gottesdienste zur Diskussion und lädt Interessierte zur Gottesdienstvorbereitung und -gestaltung mit ein. Die Jury sieht in dieser Website einen gelungen Brückenschlag, übers Internet zur der vor Ort versammelten Gemeinde einzuladen.
Den Den von der Evangelischen Kreditgenossenschaft (http://www.ekk.de) gestifteten Innovationspreis erhält das Fundraisingprojekt Himmlische-Paten.de. Die evangelische St. Anna Kirchengemeinde in Augsburg bindet das Internet gezielt in ihr Fundraisingkonzept ein und ermöglicht so den Spendern, online nachzuvollziehen, an welcher Stelle ihr Geld bei den Sanierungsmaßnahmen eingesetzt wird.
Ebenfalls 500 Euro Preisgeld als Webfish-Förderpreis erhält Menschjesus.de. Die Jury hält die Idee, mit grafisch gestalteten Jesus-Zitaten neue Schlaglichter auf die biblische Botschaft zu werfen, für interessant und ausbaufähig.
Der Webfish-Wettbewerb - davon hat sich die Jury überzeugt - macht deutlich, wie vielfältig und qualitativ hochwertig christliche Online-Angebote sind. Die ausgezeichneten und auch die nominierten Internetseiten geben dabei Orientierung und setzen Maßstäbe für christliche Präsenz im World-Wide-Web. Ein virtueller Spaziergang durch die prämierten, nominierten und eingereichten Webseiten zeigt, dass kirchliche und christliche Internetseiten auch auf der Höhe der Zeit sind: Chrisliche Kanäle auf YouTube, Videos auf Gemeindehomepages und Blogs sind im christlichen Internet angekommen.
"Ein Job wie ein Stammplatz bei Real Madrid"
Hans-Georg Ulrichs als WM-Pfarrer eingeführt
10. Dezember 2004

Mit der symbolischen Übergabe eines Fußballes ist der badische Sportpfarrer Hans-Georg Ulrichs in dieser Woche vom EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, in sein Amt als Koordinator kirchlicher Aktivitäten in Vorbereitung auf die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland eingeführt worden. Für ihn sei es ein Traumjob, "wie ein Stammplatz bei Real Madrid", kommentierte Ulrichs seine neue Aufgabe, die er offiziell ab dem 1. Januar 2005 inne hat.
Ein Aufgabenbereich von Ulrichs wird die Koordination der kirchlichen Aktivitäten an den verschiedenen Spielorten der WM sein, erklärte der Ratsvorsitzende. "Da werden sicher viele gute Pässe hin und her gespielt werden." Außerdem sei daran gedacht, dass der kirchliche WM-Koordinator ein Materialheft für alle Gliedkirchen erstellt, in dem gelungene Gottesdienste zum Themenbereich Sport und Fußball gesammelt werden.
Nach der WM 1974 freut er sich nun auf seine zweite WM im eigenen Land. Er glaubt, dass Jürgen Klinsmann auf dem richtigen Weg ist und dass die deutsche Mannschaft sicherlich für die ein oder andere Überraschung sorgen wird. Vor allem aber freut er sich auf die Wochen, wenn "die Welt bei Freunden zu Gast" sein wird. Und: Ulrichs ist nach wie vor selber aktiver Fußballer, er ist Spieler der badischen Pfarrerauswahl und Freizeitkicker.
Gospels erklingen über der Stadt
4.000 Sängerinnen und Sänger treffen sich in Hannover
05. September 2008

"Amazing Grace" oder "Oh Happy Day" beginnt in vielen zu klingen, wenn die Sprache auf Gospelmusik kommt, doch vielfältiger und bunter sind die Lieder dieser christliche afro-amerikanische Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Dabei bedeut das englische Wort "Gospel" zuerst einmal nichts anderes als das ins Deutsche eingegangene griechische Wort "Evangelium" - gute Nachricht! Zur deutschen Hauptstadt der Gospelbewegung wird am Wochenende Hannover mit dem 4. Gospelkirchentag: 4.000 Sängerinnen und Sänger, rund 200 Chöre aus elf Ländern und in mehr als 30 Kirchen der niedersächsischen Landeshauptstadt wird zu Gospelkonzerten eingeladen.
Als "paradiesischen Zustände" für Hannover bezeichnen Sängerinnen und Sänger aus der Leinestadt diesen musikalischen Ausnahmezustand von 5. bis 7. September - für die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann, die mit ihrer Landeskirche vor drei Jahren Gastgeberin des "großen" Kirchentags war, ist dies ein "Fest des Glaubens, das der Kirche gut tut". Neben den Chören sind in den Kirchen und auf den Bühnen in der Innenstadt auch eine Reihe international und national renommierter Sängerinnen und Sänger, Musikerinnen und Musiker zu hören: Die Zweitplatzierte des von Stefan Raabs Casting-Show auf Pro 7, die Südafrikanerin Bonita, der amerikanischer Grammygewinner Kirk Franklin oder die Jazzsängerin Sarah Kaiser. Dabei steht nicht nur das Zuhören auf dem Programm, sondern am Samstag soll unter der Leitung von dem dänischen Komponist, Texter, Produzent, Festivalgründer und Workshopleiter Hans Christian Jochimsen, dem norwegischen erfolgreichen Gospelchorleiter Tore W. Aas und dem deutschen Musikproduzenten und Casting-Show-Juror Dieter Falk die AWD-Halle zum S(ch)wingen gebracht werden: "Chortraining mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern" steht im Programm, nachdem der Vorsitzende des Rates der EKD; Bischof Wolfgang Huber - erstmalig bei einem Gospelkirchentag - mit einer Gospelbibelarbeit, den Tag eröffnet hat.
Eröffnet wird der 4. Internationale Gospelkirchentag am Vorabend durch Landesbischöfin Margot Käßmann, Ministerpräsident Christian Wulff, Stadtsuperintendent Wolfgang Puschmann und Oberbürgermeister Stephan Weil. Dieser Abend verbindet das internationale Gospeltreffen mit der in Hannover schon zur Tradition gewordenen "Langen Nacht der Kirchen": in 31 Partnerkirchen werden 61 Gospelchöre der Nacht einen neuen Sound geben.
Ende des 19. Jahrhunderts ist der Begriff "Gospelsong" aufgekommen - entwachsen aus den "Negro Spirituals" der als Sklaven nach Amerika verschleppten Amerikaner, verbunden mit Elementen aus dem Blues und dem Jazz. Seither hat diese kirchliche Musikrichtung sich Anleihen bei verschiedensten musikalischen Richtungen geholt gleichzeitig aber auch die Popmusik nachhaltig geprägt: Country- und Dixieland-Musik kann im Gospel ebenso zu Hause sein wie Rap oder Hip-Hop-Elemente. Und die Einflüsse der Gospelmusik auf die aktuelle Rock- und Popmusik ist kaum zu beschreiben und zeigt sich auch darin, dass mancher weltlich wirkende Popsong der Aufguss eines Gospels ist
Gospelkirchentag 2008 in Hannover
"Solidarität und Wettbewerb"
EKD legt gesundheitspolitische Stellungnahme vor
14. Oktober 2002

Bereits 1994 hat die Sozialkammer der EKD eine Studie "Mündigkeit und Solidarität" vorgelegt, in der sie Reformen im Gesundheitswesen anmahnte und sozial-ethisch begründete. Inzwischen hat es auch durchaus einige zaghafte Reformen gegeben, die mit den damals geäußerten Vorstellungen vereinbar waren. Der Wettbewerb zwischen Krankenkassen wurde grundsätzlich zugelassen, ein Wettbewerb durch Unterschiede in den Leistungen aber ausgeschlossen. So sind die erwarteten Erfolge ausgeblieben. Man hat deshalb wieder Zuflucht zu einzelnen Interventionen gesucht, obwohl die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass sich die Probleme so nicht lösen lassen.
Der Rat der EKD hat es deshalb als notwendig angesehen, daran zu erinnern, dass eine strukturelle Reform im Gesundheitswesen nach wie vor dringlich ist. Ausgangspunkt ist die damalige Studie, in der begründet wird, warum ein solidarisches Gesundheitssystem gerade in einer modernen Gesellschaft nötig ist, in der aber auch klar gemacht wird, dass es notwendig ist, das Dreiecksverhältnis von Leistungsanbietern im Gesundheitswesen, Krankenkassen und Patienten grundsätzlich neu zu bestimmen. Dabei muss man insbesondere auf den mündigen Patienten setzen und seine Position stärken.
Im ersten Abschnitt der vorgelegten Erklärung (Ziffer 1-10) werden noch einmal die wichtigsten Grundsätze der damaligen Studie, die immer noch aktuell ist, in Erinnerung gerufen. Im zweiten Abschnitt (Ziffer 11- 23) werden die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte aufgezeigt, die inzwischen durch nationale und internationale Studien gut dokumentiert sind. Der dritte Abschnitt (Ziffer 24-33) geht über die damalige Studie hinaus. Er ist deutlich konkreter geworden. Zwar kann es nicht Aufgabe von Kirche sein, einzelne detaillierte Reformvorschläge vorzulegen. Sie kann nur Probleme aufzeigen und Richtungen angeben, in denen Lösungen erfolgen müssen. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt aber, dass man nicht zu allgemein bleiben darf, wenn man in der Diskussion wahrgenommen werden will; deshalb benennt Ziffer 30 sehr konkrete Überlegungen zu wichtigen Problemfeldern.
Der Kirche in den Medien Gehör verschafft
Vor 100 Jahren wurde der evangelische Publizist Robert Geisendörfer geboren
30. August 2010

Als Robert Geisendörfer am 26. Februar 1976 überraschend starb, sprach der damalige ARD-Vorsitzende Werner Hess persönlich den Nachruf in der Spätausgabe der "Tagesschau". Hess, der mit Geisendörfer befreundet war, sagte, der Publizist gehörte "zu jenem Typ von Theologen, die es entschieden ablehnen, die Kirche in ein Ghetto zu begrenzen, sondern die sich dem Auftrag verpflichtet fühlen, als Vertreter dieser Kirche ihr Wort deutlich in die Problematik der Welt hineinzusprechen".
"Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen" - das war das Credo Geisendörfers, das bis heute Richtschnur für die evangelische Publizistik ist. Geisendörfer, der vor 100 Jahren am 1. September 1910 geboren wurde, baute die evangelische Publizistik in Deutschland nach dem Krieg mit auf und hatte prägenden Einfluss im Evangelischen Presseverband für Bayern (EPV). Später sorgte er als erster Fernsehbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für regelmäßige kirchliche Sendeplätze und war Gründungsdirektor des überregionalen Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt am Main.
Die Anfänge 1947 in München waren bescheiden: Der Presseverband hatte nur provisorische Räume, in die bei starkem Regen Nässe drang: "Wir legten Ziegelsteine und Bretter aus, um nicht an unseren Schreibtischen mit den Füßen im Wasser zu sitzen", erinnerte sich Geisendörfer. Mit wenigen Mitarbeitern gab er mehrere Zeitschriften heraus. In der Anfangsphase mussten beim Versand der Direktor, seine Frau Ingeborg und die kleine Tochter Ursula mit Hand anlegen. 1960 zog der inzwischen auf mehr als 100 Beschäftigte angewachsene Presseverband in ein neugebautes Medienzentrum in München um. Dieses Pressehaus am Rande der Innenstadt, das in zwei Gebäuden die Redaktionen von Kirchenzeitung, Nachrichtenagentur, Fachpublikationen und eine eigene Druckerei beherbergte, war damals ohne Beispiel in der kirchlichen Medienlandschaft.
Seine organisatorischen Fähigkeiten, seine Beharrlichkeit und sein Vermögen, Talente an sich zu binden und Strukturen zu schaffen, kamen Geisendörfer auch beim Aufbau des überregionalen Gemeinschaftswerks der evangelischen Publizistik zugute. Nach langen Vorarbeiten und mühseligen Gremien-Diskussionen im traditionell dezentral organisierten deutschen Protestantismus konnte Geisendörfer am 5. Juli 1973 das Gemeinschaftswerk in Frankfurt starten. Damit waren alle wesentlichen publizistischen Kräfte innerhalb der EKD zum ersten Mal unter einem Dach vereint.
Bei seinen Bestrebungen, den kirchlichen Journalismus zu bündeln und zu profilieren, ging Geisendörfer von einer glasklaren theologischen Grundlage aus. Wie die Kirche insgesamt habe auch die kirchliche Publizistik die Aufgabe, Stellvertreter zu sein für Menschen, die in der Gesellschaft am Rand stehen.
Voraussetzung für diese journalistische Stellvertreteraufgabe war die journalistische Unabhängigkeit. Diese Freiheit von Ansprüchen der Kirchenleitung vertrat Geisendörfer beharrlich und unerschrocken. Genauso energisch ging der GEP-Direktor auch gegen den Einfluss der Parteien in den Rundfunkanstalten vor. In einem Brief an die Parteivorsitzenden von CDU, CSU, SPD und FDP warnte er im November 1973 eindringlich vor einem "Journalismus mit Parteibuch" und stellte als EKD-Fernsehbeauftragter die Frage, ob der "Rundfunk seinen Verfassungsauftrag in Unabhängigkeit und Staatsferne erfüllen kann, wenn es von den Parteien allein abhängt, wer an welchem Platz welche Aufgaben wahrzunehmen hat".
Diese Unabhängigkeit hat Geisendörfer immer wieder selbst vorgelebt. Weil ihm beispielsweise das Zeitdiktat von Zugfahrplänen zuwider war, ging er grundsätzlich bei seinen vielen Dienstreisen ohne jede Vorbuchung auf den Bahnhof und nahm den nächsten Zug, der kam.
Großen wirtschaftlichen Einfluss im deutschen Filmgeschäft erlangte Geisendörfer mit dem Ende 1948 begründeten evangelischen "Filmbeobachter": Für die Kinobesitzer galt das Prinzip der "Blockbuchung", was bedeutete, dass sie einen interessanten Streifen als Hauptfilm nur zusammen mit anderen Filmen vorführen durften, die sie jedoch noch nie gesehen hatten. Die nötigen Informationen über diese Begleitfilme lieferte ihnen der "Filmbeobachter". Bis heute gehören der Fachdienst "epd medien" und die Zeitschrift "epd film" zu den Markenzeichen des Gemeinschaftswerks.
Im Alter von 65 Jahren starb Robert Geisendörfer in Frankfurt an einem Herzinfarkt. Auf seiner Grabsäule steht der biblische Spruch aus dem 139. Psalm: "Von allen Seiten umgibst Du mich." (epd)
"Meine Schwester ist ein Engel?"
Sterben und Tod im Bilderbuch
23. November 2001

Wer sich heute mit Sterben und Tod (nicht nur als Thema in der Kinderliteratur) befasst, stößt auf einen eigentümlichen Widerspruch. Einerseits ist der "natürliche" Tod eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft. Trotz veränderter Alterspyramide und Hospizbewegung bleibt er im öffentlichen Leben weitgehend verborgen. Andererseits steht uns der gewaltsame Tod durch Krieg, Katastrophe und Verbrechen - multimedial vermittelt ständig vor Augen.
Vor dem Hintergrund dieser Spannung berührt das Sterben und der Tod nahestehender Menschen jeden Lebensweg. Auch Kinder sind davon nicht ausgenommen, die Realität des Todes trifft sie ebenso wie Erwachsene. Dennoch rührt allein die Wort-Verbindung "Sterben und Tod im Bilderbuch" starke Emotionen an. Für viele erwachsene LeserInnen gilt die alte Floskel "wie im Bilderbuch" noch als Bezeichnung für den Idealfall, das Heile und Traute des Lebens. Dabei hat das Bilderbuch seine Kuschelecke lange schon verlassen und sich allen Themen, vielfältigen Techniken und neuen Zielgruppen zugewandt. Diese Entwicklung nimmt eine Veröffentlichung des Deutschen Verbandes Evangelischer Büchereien e.V. (DVEB) auf, die wir Ihnen vorstellen möchten.
Dort sind Bücher ausgewählt, die in Bild und Text Geschichten über Erfahrungen mit dem Tod erzählen. Dabei wird "Bilderbuch" als Buchgenre mit hohem Bildanteil für verschiedene Altersgruppen definiert. Diese offene Definition soll den Blick weiten für eine breite Rezeption der Bücher über die vordergründig zentrale Zielgruppe der 4-6jährigen Kinder hinaus. Wir denken, dass es lohnt, diese Bücher in Schulen und Bibliotheken, bei Elternabenden und in Gemeindegruppen, im Gespräch mit ErzieherInnen und zur Diskussion mit älteren Menschen, in Therapie und Beratung, im Gottesdienst und im Kindergarten einzusetzen.
Sterben und Tod im Bilderbuch
Soll man Bettlern vorbehaltlos helfen?
"Du kannst den reinen Luxus haben ...."
22. August 2006

"Du kannst den reinen Luxus haben, du darfst nur kein Problem damit haben, dass du ein Schmarotzer bist", erzählte Anja einem Reporter. Und über die Anbiederung beim Betteln sagte sie: "Ich bin schon im Schleim ersoffen beim Schnorren, aber in drei Stunden hab ich 70 Mark zusammen."
Anja war Bettlerin. Sie gab ihr Interview, als sie 15 Jahre alt war, drei Jahre vor ihrem Tod. Als 13-Jährige war sie der bürgerlichen Enge daheim im Odenwald entflohen. Sie bevorzugte das Leben unter bettelnden Punks und geriet in eine Abwärtsspirale. Fünf Jahre überlebte Anja auf der Straße. Ihre Mutter, zu der sie ein gutes Verhältnis hatte, versuchte sie heimzuholen. Sie kämpfte um Anja. Vergeblich. Mit 18 Jahren setzte sich das Mädchen den "goldenen Schuss", eine Überdois Heroin.
Vielleicht wäre Anja noch am Leben, wenn sie nicht so großen Erfolg beim Betteln gehabt hätte. Das Leben auf der Straße erschien ihr von Anfang an so einfach, dass ihre Mutter sie nicht von den Vorzügen des bürgerlichen Lebens überzeugen konnte. Dies wurde Anja zum Verhängnis.
Soll man Bettlern vorbehaltlos helfen? Oder soll man abwägen, ob sie wirklich das Geld brauchen? Sozialarbeiter warnen oft davor, Bettlern großmütig Geld zuzustecken. In Deutschland gebe es ausreichend staatliche Hilfe für Bedürftige. Wer Bettler unterstütze, verstärke ihre Unfähigkeit, Struktur in ihr Leben zu bringen, Behördengänge zu planen oder die Hilfe von Beratern in Anspruch zu nehmen. Schlimmstenfalls unterlaufe der Spender Versuche, die Lage des Bettlers von Grund auf zu ändern.
Nord- und Mitteleuropäern aus protestantisch geprägten Regionen eilt der Ruf voraus, gegenüber Bettlern hartherzig und überheblich zu sein. Sie würden den Bettlern viel zu häufig unterstellen, vom eingenommenen Geld nicht etwa Nahrung, sondern Alkohol zu kaufen. Mehr noch: Sie wollten Bettler dazu erziehen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, auf der Straße deshalb lieber gar nichts geben und ihre Spenden allenfalls an Hilfsorganisationen überweisen.
Tatsache ist: Protestanten haben im Laufe der Jahrhunderte ein Denken ausgeprägt, das Außenstehenden auf den ersten Blick hartherzig vorkommen könnte. Sie berufen sich dabei gar auf Bibelzitate. So heißt es bei Paulus im 2. Thessalonicherbrief (3,10): "Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen." Da kommt schnell die Vermutung auf: Entweder knüpfen Protestanten ihre Hilfe an Forderungen oder sie unterstützen andere nur dann, wenn es Hilfe zur Selbsthilfe ist.
Zu den Werken der Gerechtigkeit, in denen sich Christen nach dem Matthäusevangelium (Kapitel 25) bewähren müssen, zählt tatsächlich nicht, dass man Bettlern Geld geben muss. Vielmehr sollen Christen Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde bei sich aufnehmen, Nackte bekleiden sowie Kranke und Gefangene besuchen. Und so ist es historisch immer gewesen: Protestanten organisieren seit Jahrhunderten kostenlose Essensausgaben, helfen bei der Integration von Fremden, bauen Krankenstationen und resozialisieren Strafgefangene. Wenn es um solche Hilfen geht, waren und sind Protestanten schon immer ausgesprochen großzügig.
Vielleicht verhalten sich Protestanten trotz allem Großmut und bei aller Effizienz ihrer Hilfe zuweilen überheblich. Vielleicht haben sie eines zu wenig gepflegt: sich spontan vom Elend anderer anrühren zu lassen. Denn auch dies ist eine christliche Tugend. Sie wird auf eindrucksvolle Weise in einer Heilungsgeschichte im Markusevangelium (1, 40-42) beschrieben. Da bat ein Aussätziger Jesus um Hilfe. Den ergriff ein starkes Mitgefühl, wörtlich übersetzt: "Es traf ihn in die Eingeweide." Diese Haltung gilt im Christentum als vorbildlich.
" Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb", schreibt Paulus im 2. Korintherbrief (Kapitel 9). Ausdrücklich wehrt der Apostel das Missverständnis ab, man solle spenden, um sich ein schlechtes Gewissen zu ersparen. Im Islam zählt die Armenabgabe zu den Hauptgeboten der Religion. Doch für Christen besteht nicht ausdrücklich die Pflicht, Bettlern ein paar Münzen zuzuwerfen. Aber es gibt ja vielfältige Wege der Hilfe: Ob man mit dem Bettler das Gespräch sucht, ihm etwas Geld zukommen lässt oder ihn zum Essen oder ins Kino einlädt, das mag jeder selbst entscheiden.
Quelle: Burkhard Weitz, chrismon 12/2005. Das Buch zur Serie "Religion für Einsteiger" kann über www.chrismon.de bestellt werden.
EKD-Pressemitteilung: "Erstmalig Denkschrift der EKD über Armut in Deutschland"
EKD-Co-Vorsitz der Meißen Kommission wechselte
Friedrich Weber löst Jürgen Johannesdotter ab
26. November 2009

Auf der 19. Gemeinsamen Sitzung der Meißen Kommission in Whalley Abbey, in Großbritannien wurde der Schaumburg-Lippische Landesbischof, Jürgen Johannesdotter nach 7jähriger Tätigkeit als EKD Co-Vorsitzender ("Co-Chair") der gemeinsamen Meißen Kommission anlässlich seines bevorstehenden Ruhestandes verabschiedet. Auf dieser Sitzung wurde auch die ökumenische Zusammenarbeit zwischen beiden Kirchen auf anstehende Ziele ausgerichtet.
Sein Partner, der Co-Vorsitzende der Kirche von England, der Bischof von Croyden, Nicholas Baines dankte ihm für die seine freundliche und offene Zusammenarbeit. Johannesdotter habe die Anliegen der Meißen-Ökumene in gegenseitiger Wertschätzung auf dem Weg nach mehr Nähe und Einheit beider Kirchen erfolgreich vertreten. Auch seine biblisch fundierten und auf die Zuhörer ausgerichteten Predigten hätten ihn zu einem wichtigen Repräsentanten der EKD in der Kirche von England werden lassen.
Als seinen Nachfolger hat der Rat der EKD Landesbischof Friedrich Weber ernannt. In seiner Braunschweiger Landeskirche hat Weber bereits durch die intensive Partnerschaft zur Diözese Blackburn auf der Basis der Meißener Erklärung viele Erfahrungen gesammelt. So ist Landesbischof Weber von Bischof Nicholas zum Canon an der Kathedrale von Blackburn berufen worden. In diesem Amt teilt er sich sie die geistliche Zuständigkeit für die Kathedrale mit den örtlichen Kollegen.
"Die Meißen-Kommission ist mir ein ökumenisches Herzensanliegen, weil wir hier an Weichenstellungen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit mit der anglikanischen Kirche von England arbeiten", sagte Landesbischof Weber im Blick auf sein neues Amt in der Kommission. "Ich freue mich, dass ich in diese Arbeit meine Erfahrungen aus der intensiven Partnerschaft einbringen kann, die von der Landeskirche Braunschweig seit vielen Jahren mit der Diözese Blackburn gepflegt wird. Ich erwarte darüber hinaus, dass wir durch Impulse aus der Meißen-Kommission auf zentralen kirchlichen Handlungsfeldern voneinander lernen: zum Beispiel wie wir missionarische Initiativen entwickeln, die Reform unserer Kirchen voranbringen, oder den religiösen Dialog insbesondere mit den Muslimen gestalten können."
Der Braunschweiger Pfarrer Woldemar Flake ist ein gutes Beispiel für die lebendige Gemeinschaft zwischen der EKD und der Kirche von England. Er ist seit drei Jahren als lutherischer Pfarrer in der Gemeinde St. Mary's Trawden, die zur Kirche von England gehört, tätig. Die Gemeindeglieder akzeptieren ihn als "ihren" Pfarrer und besuchen seine Abendmahlsgottesdienste. Englischen Jugendlichen erteilte er Konfirmandenunterricht, die - wie in der Kirche von England üblich - vom Bischof konfirmiert wurden. Ein entsprechender Aufenthalt eines anglikanischen Geistlichen in Braunschweig ist vorgesehen.
Weitere Themen der Gemeinsamen Sitzung der Meißen-Kommission konzentrierten sich auf die Präsentation der bereits erreichten Erfolge und Annäherungen. Die intensive Vernetzung zwischen Landeskirchen, Diözesen, Kirchenkreisen und Gemeinden und theologischen Ausbildungsstätten der Kirche von England und der Evangelischen Kirche in Deutschland in hat in den letzten 20 Jahren viel gebracht. Gemeinsame Abendmahlsfeiern sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Beide Kirchen zehren von einer enormen liturgischen Bereicherung. Die ökumenische Praxis forciert die theologischen Bestrebungen die Differenzen im Amtsverständnis zu klären.
Weitere Verständigung und Zusammenarbeit suchen beide Kirchen in ihren Beziehungen zum Islam und bei der anstehenden Gedenkfeiern zum 100jährigen Jubiläum der ersten Weltmissionskonferenz in Edinburgh von 1910, die im nächsten Jahr in Edinburgh an historischer Stelle begangen werden.
Steuermoral
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
29. Februar 2008
Hand aufs Herz: Sind Sie immer ehrlich, wenn es um Ihre Lohn- oder Einkommensteuer geht? Haben Sie noch nie ihr Auto "unter der Hand" reparieren lassen, um die Mehrwertsteuer zu sparen? Kennen Sie sich aus mit der "Nachbarschaftshilfe" bei den Schönheitsreparaturen in der Wohnung? Von all dem sagen wir, es seien Kavaliersdelikte. Mit Diebstahl habe das nichts zu tun. Aber genau darum handelt es sich: Diebstahl an der Gemeinschaft.
Aber derzeit geht es um andere Dimensionen, um die der ehemalige Postchef Klaus Zumwinkel und andere Topmanager den Staat betrogen haben sollen. Es geht um Millionenbeträge, die am Fiskus vorbeigemogelt wurden. Die Staatanwaltschaft ermittelt gegen die Verdächtigen; hoffentlich werden die Kanäle, durch die das Steuergeld ins Ausland fließen kann, wirksam verstopft. Zunächst kann man darüber staunen, wie schnell jetzt die Geständnisse nur so purzeln und 27,8 Millionen Euro Steuern im Nu nachgezahlt wurden. Da haben sich die schlappen 5 Millionen Euro für eine DVD mit Daten aus Liechtenstein wirklich gelohnt.
Kein Zweifel: Die Steuerhinterziehung durch Steuermillionäre verstärkt die Vertrauenskrise gegenüber der Wirtschaftselite in unserem Land. Diese Krise war schon lange zu spüren. Abfindungen oder Spitzengehälter in schwindelnden Höhen haben dazu beigetragen. Aber es gibt offenbar Leute, die auch in dieser Gehaltsklasse nie genug bekommen können. Deshalb müssen manche von ihnen auf unlautere Weise auch noch an den Steuern sparen. Wenn das nachgewiesen wird, handelt es sich nicht um ein "Kavaliersdelikt". Es handelt sich um einen Bruch des Rechts. Es handelt sich um Diebstahl an der Gemeinschaft. Jesus ist an dieser Stelle ganz klar. Er zeigt auf eine Steuermünze mit dem Bild des damaligen Staatsoberhaupts und sagt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!"
Doch ist unser Ärger wirklich ehrlich? Auch an ein anderes Wort Jesu muss man sich erinnern: "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit sind in unserer Gesellschaft längst zu einer Massenerscheinung geworden. Das Schuldbewusstsein hält sich in Grenzen. Man wird in der Grauzone zwischen noch erlaubt und schon verboten schon durchkommen. Mehr als die Hälfte der deutschen Bürgerinnen und Bürger hat kein Problem damit, bei der Steuererklärung zu betrügen. Natürlich geht es bei den meisten nicht um Millionenbeträge, sondern um ein paar Hundert Euro im Jahr. Trotzdem: Von der Hand, mit deren Zeigefinger wir auf andere zeigen, weisen drei Finger auf uns selbst zurück.
"Wir müssen Brücken bauen"
Enno Haaks ist seit Januar 2001 Pastor in Santiago de Chile an der evangelisch-lutherischen Versöhnungsgemeinde
06. Februar 2009

Was habe ich Anfang Januar unter meinem Talar geschwitzt! Gerne hätten wir Beatriz, unser jüngstes Gemeindemitglied, im Freien getauft, aber leider steht im Pastoratsgarten kein Swimmingpool. In Santiago de Chile ist jetzt Hochsommer. Von Weihnachten bis Ende Februar haben wir Sommerferien.
Beatriz' Taufe war am ersten Sonntag im neuen Jahr. Gleich danach fuhr ich mit über 30 Kindern und Jugendlichen ins Sommerlager ans Meer. Diese Freizeit ist auch ohne Werbung immer schnell ausgebucht. Diesmal ging es um das, was der Hebräerbrief die "Wolke der Zeugen" nennt. Um die Menschen, die ihren Glauben überzeugend gelebt haben. Um Vorbilder wie den heiligen Laurentius, um Elisabeth von Thüringen, Dietrich Bonhoeffer.
Wir sind eine engagierte, eine lebendige Gemeinde. Und Santiago ist eine anstrengende, schnell wachsende Stadt. Vor wenigen Jahren wurden die Stadtautobahn ausgebaut und das Metronetz erweitert. Das Leben hat sich dadurch noch einmal beschleunigt. Sechs Millionen Menschen sollen hier inzwischen leben, fast jeder zweite Chilene. "Santiago ist Chile und Chile ist Santiago", sagen die Leute. Alles konzentriert sich auf die Hauptstadt in der Mitte dieses langgestreckten Landes am Pazifik. Santiago ist Verkehrsknotenpunkt, politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum, das übrige Land ist eher dünn besiedelt. Alle Probleme finden sich in konzentrierter Form in der Metropole: Umweltverschmutzung, wachsende Kriminalität und große soziale Unterschiede. Es heißt, man könne im reichen Norden der Stadt leben, ohne jemals die völlig andere chilenische Realität im Süden der Stadt gesehen zu haben. Meine kleine Gemeinde hat sich mit dieser Ungerechtigkeit nie abgefunden.
Kurz nach dem Militärputsch im September 1973 gegen Salvador Allende kam es in der lutherischen Kirche zu heftigen Auseinandersetzungen: Wie sollte man sich zur neuen Militärregierung unter Augusto Pinochet stellen? Viele begrüßten sie. Andere meinten, die Kirche müsse Flüchtlingen und politisch Verfolgten helfen und gegen die soziale Ungerechtigkeit kämpfen. Es kam zum Bruch. Seitdem gibt es zwei lutherische Kirchen in Chile. Die kleinere heißt Evangelisch-Lutherische Kirche in Chile (IELCH - Iglesia Evangélica Luterana en Chile). Zu ihr gehören Gemeinden aus Armenvierteln, aber auch unsere Gemeinde im reichen Norden von Santiago, die sich 1975 bei ihrer Gründung bewusst Versöhnungsgemeinde nannte. Die größere Lutherische Kirche in Chile heißt ILCH: Iglesia Luterana en Chile.
Eine der Gründerinnen unserer Versöhnungsgemeinde ist die inzwischen 86-jährige Gisela Schmidt-Hebbel. Sie stammt aus einer deutsch-chilenischen Familie. Mit den anderen Gründern entschied sie, Kirche könne nur Kirche sein, wenn sie sich für andere einsetze. Wenn sie sich nicht mit der gesellschaftlichen Ungleichheit zufriedengebe. Sie gründete zwei Kindergärten in Armenvierteln. Wegen ihres Engagements zerbrachen Freundschaften. Selbst mit Teilen ihrer Familie überwarf sich Gisela. Man warf ihr vor, sie habe sich zu stark mit "den Linken" eingelassen. In der ILCH galt es damals schon als verdächtig, sich in einer Población, einem Armenviertel, zu engagieren. Heute ist das anders.
"Wir müssen Brücken bauen", entschied Gisela damals, "damit wir einander besser verstehen." Was sie sich damit vorgenommen hat, wird deutlich, wenn man Gustavo besucht. Er wohnt mit seiner Mutter und vier Geschwistern in einer einfachen Holzhütte von 18 Quadratmetern. Die Kinder stammen von drei verschiedenen Vätern, die alle nicht mehr da sind.
Gustavo könnte nie auf die Deutsche Schule gehen, die monatlich 320 Euro Schulgebühr kostet. Er besucht unsere gebührenfreie Schule "Belén" in der Población Villa O'Higgins im südlichen Stadtteil La Florida, der auch ein Kindergarten angeschlossen ist. Der Staat gibt uns monatlich pro Kind umgerechnet 35 Euro, sofern der Schüler auch wirklich den ganzen Monat anwesend ist. Das ist eigentlich zu wenig. Trotzdem hielt Gisela immer an diesem Projekt fest. "Christus stellt uns an die Seite der Armen", sagt sie. Und: "Was wären wir ohne Belén? Und was wäre Belén ohne die Versöhnungsgemeinde?"
Für meine Familie und mich war der Beginn hier vor acht Jahren nicht einfach. Wir alle mussten Spanisch lernen. Die Gemeinde zählte nur ungefähr 50 Mitglieder. Gerade hatte sie eine eigene Kirche bekommen. Das Pfarrhaus lag weit entfernt. Wir mussten als Erstes ein Pfarrhaus neben der Kirche bauen, in das wir dann zwei Jahren später einziehen konnten.
Doch nach und nach hat sich eine lebendige Gemeinde gebildet. Lange schon gibt es eine wunderbare Kindergottesdienstarbeit mit einem Mitarbeiterkreis aus konfirmierten Jugendlichen. Einer von ihnen, Immanuel, feiert seit kurzem mit einigen Freunden Taizé-Andachten. Ein Gemeindechor singt hin und wieder in den Gottesdiensten. Unterschiedliche Bibelgruppen treffen sich. Die Versöhnungsgemeinde ist auf 170 eingetragene Mitglieder angewachsen, mit Kindern sind wir gut 300. Hauptsächlich sind es Deutsche und Deutsch-Chilenen, aber auch einige Chilenen. Wir sprechen Deutsch und Spanisch.
Und immer wieder versuchen wir, weitere Brücken zu bauen. Etwa zur Deutschen Schule. Dort erteile ich an zwei Tagen evangelischen Religionsunterricht und erzähle den Schülern auch von Belén - für sie eine völlig andere Welt. Außerdem unterstützt uns das Sozialwerk der Deutschen Schule. Etwa mit Altkleidern, die wir verkaufen und mit deren Erlös wir neulich ein Kopiergerät für die Schule anschaffen konnten. Mit der großen jüdischen Gemeinde in Santiago gedenken wir jährlich der Reichspogromnacht. Ihr gehören zahlreiche Schoah-Überlebende an. Rabbiner Samuel Szteinhendlers Großeltern waren in Auschwitz. Eine Dame namens Ana Veghazi hat mir von ihrem Hungermarsch in Ungarn erzählt, den sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt hat.
Einmal im Jahr schließen wir unsere Kirche ab und feiern mit der alten lutherischen Nachbargemeinde gemeinsam den Volkstrauertag. Dort erinnert vor der Kirche ein Gedenkstein an die Gefallenen beider Weltkriege. Für Gisela und andere Gemeindegründer bedeutet dieser Gottesdienst in ihrer früheren Heimatgemeinde sehr viel.
Auch zur katholischen Mehrheitskirche bauen wir Brücken, indem wir unsere Kinder ein ähnliches Fest feiern lassen wie ihre Klassenkameraden: eine Kommunion. So nennen wir den Abschluss des ersten Konfirmandenjahres am ersten Advent, wenn die Kinder neun und zehn Jahre alt sind. Kurz danach beginnen unsere Krippenspielproben für Heiligabend. Weihnachten feiern wir dann im heißen Hochsommer. Lustig, wenn wir "Es ist ein Ros entsprungen" singen und sich während der Liedzeile "...mitten im kalten Winter" die Tannenbaumkerzen in der Hitze biegen!
Die meisten Gemeindemitglieder sind jung, und so geht es auf unseren Treffen immer sehr lebendig zu. Anfangs feierten wir alle fünf Jahre ein Fest unter dem Motto "Wir leben noch". Jetzt ist die Gemeinde schon 33 Jahre alt, immer wieder kommen weitere Menschen hinzu. Manche nur zeitweise, wie unsere sechs Praktikanten aus Deutschland, die sich in unserem Kindergarten und der Schule Belén im Armenviertel engagieren. Dort leben sie auch. Das ist nicht ungefährlich. Vor einem Jahr wurden zwei unserer Praktikantinnen nachts überfallen und ausgeraubt. Zum Glück ist ihnen weiter nichts passiert. Gut ist auch, dass sie regelmäßig in unseren Gottesdiensten präsent sind und dort von ihren Erfahrungen erzählen, auch von den schwierigen. So werden auch sie zu Brückenbauern zwischen unserer Gemeinde und der diakonischen Arbeit in Belén.
"Aufgefahren in den Himmel"
Christi Himmelfahrt - der "Vatertag" zwischen Ostern und Pfingsten
24. Mai 2006

"Und es geschah, als Jesus seine Jünger segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel" - so heißt es am Schluss des Lukasevangeliums (24,51) und ähnlich am Beginn der Apostelgeschichte (1,9). An diese Erzählung knüpft das Fest "Christi Himmelfahrt" an, das Christen seit der Mitte des 4. Jahrhunderts feiern. Das genaue Datum schließt sich an das Osterfest an - 40 Tage nach Ostern, also immer an einem Donnerstag, in diesem Jahr am 25. Mai.
In Deutschland wird in neuerer Zeit an diesem Tag der sog. "Vatertag" meist lautstark und bierselig begangen. Vielen Menschen ist nicht mehr bewusst, dass es sich um einen kirchlichen Feiertag handelt. Und doch: Auch wenn die "Herrentouren" nichts mit dem eigentlichen Sinn dieses Tages zu tun haben, können auch Christinnen und Christen von einem "Vatertag" sprechen und ihn guten Gewissens und sogar gerne feiern. Denn durch die Himmelfahrt kehrte Jesus zu seinem Vater zurück, wie er es in seinen Abschiedsreden (Johannes 14,12) gesagt hatte: "Denn ich gehe zum Vater." Insofern ist der Himmelfahrtstag auch aus christlicher Sicht ein "Vatertag", zeigt er doch die enge Verbindung von Gott dem Vater und Gott dem Sohn auf.
Im Mittelalter wurde die Himmelfahrt Christi oft ganz realistisch nachvollzogen: In der Kirche zog man eine Christusfigur in das Gewölbe hinauf, woraufhin es aus dem Gewölbehimmel Blumen oder Heiligenbildchen regnete. Jenseits aller naiv-gegenständlichen Vorstellungen, die oft auf der einfachen Verwechslung von "sky" und "heaven" beruhen, meint Himmelfahrt den endgültigen Eintritt des Menschen Jesu in seine göttliche Herrlichkeit.
Der Abschied Jesu von seinen Jüngern, durch Kreuz und Aufstehung vorbereitet, wird nun endgültig vollzogen. Dies bedeutet aber keine totale Trennung, denn bald danach kam von eben jenem Himmel, in den Jesus gerade aufgefahren war, der Heilige Geist auf die Jünger herab (Apostelgeschichte 2,1-4). Zehn Tage nach Christi Himmelfahrt wird deshalb am Pfingstfest die besondere Verbindung Gottes zu den Menschen gefeiert. Im Zusammenhang mit der pfingstlichen Sendung des Heiligen Geistes stellt die Himmelfahrt Christi einen anschaulichen Hinweis auf die Dreieinigkeit Gottes dar - eben ein ganz besonderer "Vatertag" zwischen Ostern und Pfingsten.
Neues Gesetz in Kraft
Ab 1. September 2009 gelten neue Bestimmungen für die Patientenverfügung
01. September 2009

Das Gesetz über die Wirksamkeit und Reichweite von Patientenverfügungen soll sicherstellen, dass jeder Mensch durch eine schriftliche Patientenverfügung, die der aktuellen Lebens- und Behandlungssituation entspricht, entscheiden kann, ob und wie er behandelt werden möchte.
Die neuen rechtlichen Regelungen sehen in den Grundzügen Folgendes vor: Patientenverfügungen können nur von einwilligungsfähigen Volljährigen verfasst werden. Sie können darin im Voraus festlegen, ob und wie sie später ärztlich behandelt werden wollen, wenn sie ihren Willen nicht mehr selbst äußern können. Niemand ist gezwungen, eine Patientenverfügung zu verfassen. Patientenverfügungen müssen schriftlich vorliegen, können aber jederzeit formlos widerrufen werden. Sie bedürfen keiner notariellen Beurkundung; allerdings wird eine fachliche Beratung bei der Erstellung einer Patientenverfügung empfohlen. Sie gelten für jede Lebensphase und unabhängig von Art und Stadium der Erkrankung. Die in ihnen getroffenen Entscheidungen über eine bestimmte medizinische Behandlung sind unmittelbar verbindlich und müssen von Ärzten, Betreuern und Bevollmächtigten umgesetzt werden, wenn die Behandlungs- und Lebenssituation eintritt, für die die Patientenverfügung ausgestellt wurde. Passt die Verfügung nicht auf die Krankheitssituation oder liegt keine Patientenverfügung vor, müssen Arzt, Betreuer und/oder Bevollmächtigter gemeinsam zu einer Entscheidung kommen. Bei Meinungsverschiedenheit entscheidet das Betreuungsgericht.
Die christlichen Kirchen haben mit der "Christlichen Patientenverfügung", die seit ihrer Veröffentlichung im Jahr 1999 an annähernd 3 Millionen Menschen abgegeben wurde, viel dafür getan, das Instrument der Patientenverfügung bekannt zu machen und zu stärken. Sie sehen in Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten eine Hilfe, am Lebensende gewährleistet zu wissen, dass der eigene und kein fremder Wille ausschlaggebend für die medizinische Behandlung ist. Das bislang verwendete Formular der "Christlichen Patientenverfügung" gibt auch weiterhin Aufschluss über Ihre Behandlungswünsche. Die Herausgeber der "Christlichen Patientenverfügung" sehen vor, die "Christliche Patientenverfügung" umgehend unter Berücksichtigung der neuen Rechtslage zu überarbeiten und neu aufzulegen.
Spitzentreffen mit Muslimen
Ratsvorsitzender würdigt konstruktiven und sehr offenen Dialog
30. März 2006

Es sei ein echter Dialog gewesen, sagte der Vorsitzende des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, im Anschluss an die Begegnung mit Spitzenvertretern muslimischer Verbände in Deutschland. "Endlich reden wir nicht nur darüber, dass wir Dialog brauchen, sondern führen ihn tatsächlich."
Bereits zum zweiten Mal hatte der Ratsvorsitzende führende Vertreter der muslimischen Verbände zum Gespräch eingeladen. Und so waren am vergangenen Mittwoch der neu gewählte Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Ayyub Axel Köhler, der Islamrats-Vorsitzende, Ali Kizilkaya, der Präsident des Verbandes der Islamischen Kulturzentren, Mehmet Yilmaz, der schiitische Ayatollah Seyed Ghaemmaghami vom Islamischen Zentrum Hamburg, der Vorsitzende der Deutschen Muslim-Liga, Michael Muhammed Abduh Pfaff, Hamideh Mohagheghi von der Islamischen Frauenzeitschrift "Huda" und ein Berliner Vertreter der türkischen Ditib ins Haus der EKD nach Berlin gekommen.
Während im Januar des vergangenen Jahres die Atmosphäre aufgrund öffentlich geführter Auseinandersetzungen um die angemessene Reaktion auf Terroranschläge und ähnliche Themen eher als angespannt beschrieben werden musste, haben die Beteiligten in diesem Jahr weitgehende Übereinstimmung in aktuellen Fragen festgestellt. So hatten sich die muslimischen Verbände zum Beispiel für die Freilassung der im Irak entführten Susanne Osthoff eingesetzt, im so genannten Karikaturenstreit zu Besonnenheit aufgerufen und die drohende Todesstrafe des zum Christentum konvertierten Afghanen Abdul Rahman als unakzeptabel zurück gewiesen. Es sei in dem Gespräch durchaus um konfliktreiche Themen gegangen, aber ohne einen Konflikt zwischen den Gesprächspartnern, erklärte der Vorsitzende der Deutschen Muslim-Liga, Pfaff, beim anschließenden Pressegespräch.
Neben den aktuellen Fragen wurde auch das Fachgespräch zum Thema Bildung ausgewertet, das im Juni vergangenen Jahres stattgefunden hatte. Man sei gemeinsam daran interessiert, dass islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache nach den Vorgaben des deutschen Grundgesetzes erteilt werde, erklärten die Beteiligten. Im Laufe des Jahres solle ein weiteres Gespräch auf Fachebene stattfinden, diesmal zum Thema Familie.
Die Religionsgemeinschaften könnten gemeinsam für das Gemeinwohl der Gesellschaft arbeiten, sagte der Zentralratsvorsitzende Köhler. Die deutsche Verfassung biete eine einzigartige Chance, friedlich zusammen zu leben und die Gesellschaft konstruktiv mit zu gestalten. Auch Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland, würdigte die "fruchtbare Zusammenkunft". Ein solcher Dialog sei ein wichtiges Signal auch an die Politik, mit der bisher kein vergleichbarer Austausch stattfinde. Der Hamburger Imam Ayatollah Seyed Ghaemmaghami bezeichnete die EKD als Vorreiterin im Dialog mit den Muslimen. Es sei wichtig zu unterscheiden, wo man es tatsächlich mit religiösen Grundsätzen des Islams zu tun habe und wo mit kulturellen Prägungen von Muslimen. Ghaemmaghami plädierte für einen europäisch geprägten Islam befreit von ethischen Traditionen, die sich im Lauf der Zeit in manchen islamisch geprägten Regionen gebildet hätten
Die Begegnungen würden schon fast zu einer guten Gewohnheit, so der EKD-Ratsvorsitzende und kündigte an, auch im nächsten Jahr wieder zu einer Zusammenkunft einladen zu wollen. Er sehe in dem Gespräch, das nun zum zweiten Mal stattgefunden habe, einen echten Fortschritt, auch wenn sich wieder einmal die Einsicht des deutschen Nobelpreisträgers Günter Grass bestätige, dass der Fortschritt die Geschwindigkeit einer Schnecke habe: "Aber manchmal kommt auch eine Schnecke ein ganzes Stück voran." Die Ergebnisse müssten bis auf Gemeindeebene "durchsickern", wünschte sich Ayyub Axel Köhler, "sozusagen bis auf die Kirchenbänke". "Und auf die Gebetsteppiche in den Moscheen", ergänzte lachend Wolfgang Huber.
Kirchen fordern tiefgreifende Reformen
Evangelisch-katholischer Beitrag zur aktuellen Rentendebatte
21. Juni 2000
Über die Zukunft der Alterssicherung sind weite Teile der Bevölkerung beunruhigt. Die einen sehen unmittelbar ihre Sicherung im Alter gefährdet. Die anderen empfinden das System der Alterssicherung als ungerecht und stellen seine Zukunftsfestigkeit in Frage. Das immer größere Ungleichgewicht zwischen Rentenempfängern und Erwerbstätigen, die zunehmende Rentenbezugsdauer, die hohen Beitragssätze und mit ihnen die Belastung der Arbeitskosten, die zunehmende Zahl unterbrochener Erwerbsbiographien, all dies verändert die Grundlagen der gesetzlichen Alterssicherung als einer der Säulen des Sozialstaates. Veränderungen sind nötig. Sie müssen auf lange Sicht angelegt und tiefgreifend sein und dürfen sich nicht auf Reparaturen beschränken. Was jetzt nötig ist, sind Verantwortung und Weitsicht. Mit ihren Überlegungen wollen die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der EKD einen Beitrag zur langfristigen Entwicklung der Alterssicherung und damit zur Zukunftsfähigkeit des Systems leisten. Sie lassen sich dabei von der ausgleichenden Generationengerechtigkeit sowie vom Solidaritäts- und Subsidiaritätsgedanken leiten. Mit ihren Vorschlägen zur solidarischen Alterssicherung sowie zu den notwendigen Ergänzungssystemen versuchen sie, eine Brücke zu schlagen zwischen den grundsätzlichen Überlegungen zur Generationengerechtigkeit und der Ebene konkreter Sozialpolitik.
Seelsorger im "Herzen Englands"
Peter Büttner ist in Birmingham Pastor der deutschsprachigen evangelischen Gemeinden
07. Oktober 2009

Birmingham war schon immer gut auf meinem Plattenregal vertreten. Genauer gesagt das CBSO, das City of Birmingham Symphony Orchestra. Mit dabei sind alle Aufnahmen von Sir Simon Rattle, der dieses Orchester an die Weltspitze geführt hat und heute Chefdirigent bei den Berliner Philharmonikern ist. Dieses Orchester in der weltberühmten Symphony Hall zu hören, war immer mein Traum. Ich konnte ihn mir bis vor zwei Jahren nie erfüllen, trotz vieler Besuche und Urlaube in Großbritannien.
Seither bin ich nun als Auslandspastor in dieser Millionenstadt im "Herzen Englands". Zusammen mit den Vororten ist Birmingham die zweitgrößte Stadt in Großbritannien. Hier wohnen 2,6 Millionen Menschen.
Wer hier das Bilderbuch-England der Rosamunde Pilcher sucht, wird enttäuscht. Birmingham ist eine pulsierende Großstadt. Über ein Drittel der Bewohner gehören den hier sogenannten "ethnischen Minderheiten" an. In unserer Straße sind wir fast die einzigen Weißen. Ich musste mich erst daran gewöhnen, beim Arztbesuch nach meiner Rasse gefragt zu werden. Dort kreuze ich an: "weiß - nicht britisch, mitteleuropäisch". Beim Arzt kann ich das ja noch verstehen. Menschen aus verschiedenen Erdteilen reagieren unterschiedlich auf bestimmte Medikamente. Aber wozu muss ich meine Rasse für einen Italienischkurs an der örtlichen Volkshochschule angeben?
Mein Pfarramtsbereich "Midlands" umfasst ein Gebiet von rund 20.000 Quadratkilometern, fast die Hälfte Niedersachsens. Zu ihm gehören auch Coventry, Derby, Leicester, Lincoln und Nottingham. Jeden Sonntag, manchmal samstags, feiere ich zwei bis drei Gottesdienste in verschiedenen Städten. Da kommen leicht 500 Kilometer Fahrstrecke zusammen. Ohnehin verbringe ich 40 Prozent meiner Arbeitszeit im Auto, unterwegs zu Veranstaltungen, Krankenbesuchen und Beerdigungen.
Leicester könnte schon in zwei Jahren die erste Großstadt Europas mit einer nichtweißen Mehrheit sein. Neben der anglikanischen Kirche, in der wir unsere Gottesdienste feiern, steht dort eine große, schöne Moschee. Wie in Birmingham gibt es Synagogen, Hindutempel und christliche Kirchen aller Konfessionen.
Als Deutscher stehe ich der traditionellen englischen Kultur näher als viele Einwanderer. Dennoch bin ich hier der Ausländer. Die Kinder der Inder, Pakistanis (vor allem Kaschmiris) und Jamaikaner haben den britischen Pass. Bis zum vergangenen Jahr hatte Birmingham einen Oberbürgermeister, der vor 25 Jahren aus Pakistan eingewandert war. In Leicester regiert eine Christin aus Indien. Zu meiner Einführung in Nottingham kam der damalige Oberbürgermeister ganz selbstverständlich als Gast, ein Muslim aus Pakistan. Er und seine Frau nahmen am Gottesdienst teil.
Die ethnischen und religiösen Gruppen leben hier im Großen und Ganzen friedlich miteinander. Besser gesagt: Es ist wohl eher ein Nebeneinanderher. Nicht nur die unterschiedliche Hautfarbe und Religion wirken trennend. Viel gravierender sind unterschiedliche Klassenzugehörigkeiten, die immer noch eine große Rolle spielen, Bildungsniveaus und Einkommensverhältnisse.
Birmingham ist die grünste britische Stadt (Superlative sind in England durchaus wichtig - von wegen "English understatement"!). Wenn wir durch den großen Park hinter unserem Haus spazieren, sind wir fast die einzigen Weißen. Im Botanischen Garten, ein paar Minuten entfernt, treffen wir dagegen fast nur weiße Briten. Einige Nationalitäten oder Hautfarben dominieren bestimmte Straßen, Stadtteile oder Berufsgruppen. In der Symphony Hall treffe ich fast ausschließlich Weiße.
Die Gemeinden hier sind zumeist nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden, von ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen, die hier bis 1947 als Landarbeiter oder im Bergbau gearbeitet haben. Sie blieben, weil ihre Heimat (Schlesien oder Siebenbürgen) nach dem Krieg weg war. In den 50er Jahren kamen viele junge Frauen, die hier ihr Englisch verbessern wollten - und den Mann fürs Leben fanden. Die nächsten waren Ehefrauen britischer Soldaten, die lange in Deutschland stationiert waren.
Die englische Umwelt war zu den "ex-enemy aliens" (den ehemals feindlichen Fremden) nicht immer nur freundlich. Da es weder Internet noch Satellitenfernsehen gab und telefonieren sehr teuer war, Heimflüge nahezu unerschwinglich, boten ihre Kirchengemeinden den Deutschen etwas von der Heimat. Man sprach Deutsch, feierte vertraute Feste, pflegte gemeinsame Erinnerungen, kochte deutsch, betete in der Kirche das Vaterunser auf Deutsch und sang zu Weihnachten altvertraute Lieder.
60 Prozent der Mitglieder in unseren Gemeinden sind heute über 80 Jahre alt. Nur einige Gemeinden haben es in den vergangenen Jahren geschafft, sich auch für jüngere Menschen zu öffnen, für deutsche und deutsch-englische Familien, die hier wohnen und im Gesundheitswesen, an den Universitäten und in großen deutschen Firmen arbeiten. Die jüngeren Deutschen gehen allerdings meist in englische Gemeinden. Die deutschen suchen sie nur für Taufen und zu Weihnachten auf.
Über beide Weltkriege wird hier viel geredet und geforscht. Auch über die Versöhnung zwischen den ehemals verfeindeten Nationen. Dazu haben die deutschen Kirchengemeinden hier in Großbritannien viel beigetragen. Das ist Anfang November zu spüren beim jährlichen Remembrance-Day (auf Deutsch: Erinnerungstag, dem Volkstrauertag vergleichbar). Da bin ich jedes Jahr mit dem deutschen Botschafter, dem Militärattaché aus London und britischen Vertretern beim Gedenkgottesdienst auf dem zentralen deutschen Soldatenfriedhof Cannock Chase in der Nähe von Birmingham. Mehr als 5000 Tote aus beiden Weltkriegen ruhen hier.
Rund 50 Kilometer entfernt, auf der anderen Seite von Birmingham, liegt Coventry, der wohl wichtigste Ort für die deutsch-britische Versöhnung. 1940 zerstörten deutsche Bomber bei einem nächtlichen Luftangriff die mittelalterliche Kathedrale. Nach dieser Nacht ließ der damalige Propst "Vater, vergib" in die Ruine schreiben. "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Es fiel ihm nicht leicht - und wurde ihm nicht leicht gemacht.
Aus der neu erbauten Kathedrale neben der Ruine werden wir am 18. Oktober 2009 einen deutsch-englischen Radiogottesdienst zum Thema "Versöhnung" übertragen (auf NDR Info und WDR 5 ab 10 Uhr). Harold Nash wird dabei sein. Er ist 87 und immer noch Woche für Woche für den Frieden unterwegs. Nash war im Zweiten Weltkrieg Navigator in einem britischen Bomber, wurde bei seinem 13. Einsatz über Hannover abgeschossen, war zwei Jahre in Litauen im deutschen Kriegsgefangenenlager, überlebte Gewaltmärsche, wurde nach dem Krieg Dolmetscher, Deutschlehrer - und Pazifist. Davon erzählt er heute fast jede Woche, in Schulen, Universitäten, im Fernsehen und nun in diesem Gottesdienst.
Ich lebe gern in diesem Land, in dem der Verkehr viel ruhiger fließt, in dem außer Touristen kaum jemand rote Fußgängerampeln beachtet, nicht einmal Polizisten, in dem Online-Überweisungen ins Ausland nicht möglich sind, viele Geldgeschäfte noch per Scheck abgewickelt werden, eine Überweisung bis zu fünf Tage dauern kann, sich alle überall in die Schlange stellen und geduldig warten (was Mitteleuropäer manchmal auf eine harte Geduldsprobe stellt) und viele sehr höflich und hilfsbereit sind. Ich lebe gern in dieser Stadt mit dem größten deutschen Weihnachtsmarkt außerhalb Deutschlands (mit 2,5 Millionen Besuchern 2008 und "original deutscher Currywurst"). Und mit einem der besten Orchester weltweit in einer der besten Konzerthallen mit einem der bald berühmtesten Dirigenten, dem jungen Letten Andris Nelsons.
"Sperrige Post aus Rom macht keine Lust auf Ökumene"
Dennoch Plädoyer für multilaterale Ökumene
7. November 2000
"Eins in Christus. Kirchen unterwegs zu mehr Gemeinschaft" - ist das Leitwort der 5. Tagung der 9. Synode der EKD in Braunschweig. Es füllt mit großen weissen Buchstaben die Rückwand hinter dem siebenköpfigen Präsidium im Plenarsaal der Stadthalle. Mit Leben gefüllt wird das Leitwort durch Gäste und Mitwirkende aus der weiten Ökumene. Kim Dong-Wook, Pfarrer von in Deutschland lebenden Koreanern hat in seiner Bibelarbeit am Morgen die deutschen Kirchen mit gut eingezäunten Weiden verglichen, die jedoch nicht genug Gras hervorbringen. Er hat dazu eingeladen, von den in Deutschland lebenden Christen anderer Sprache und Herkunft und ihren oft chaotischen aber doch satten Weiden zu lernen.
Drei Referate wurden zum Schwerpunktthema gehalten. Konrad Raiser, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen bezeichnete Ökumene nicht als einen Zustand, sondern als einen Prozess. Ökumenische Gemeinschaft äußere sich in der Bereitschaft der Kirchen, in Zeugnis und Dienst gemeinsam zu handeln. Der ACK-Vorsitzende, Bischof Joachim Wanke, gab ein Plädoyer für die multilaterale Ökumene ab, auch wenn "sperrige Post aus Rom nicht gerade Lust auf Ökumene macht". Oberkirchenrätin Rut Rohrandt hat das Schwerpunktthema aus Sicht der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche beleuchtet. Gleichzeitig ist sie Vizepräsidentin der Konferenz Europäischer Kirchen und forderte die Stärkung dieses europäischen kirchlichen Zusammenschlusses. Morgen wird sich die Synode u.a. mit dem Kundgebungsentwurf zum Thema "Christen und Juden" befassen.
Von Aachen bis Zwickau
Weihnachtsgottesdienste liegen im Trend
19. Dezember 2007

"Das Comeback des Jahres: Gott" titelte die Welt am Sonntag und als überraschend interpretierte mancher, was die Bertelsmann-Stiftung in dem in der Woche vor dem 4. Advent veröffentlichen Religionsmonitor herausgefunden hat: Die Deutschen sind - das klingt paradox - viel religiöser, als sie selbst glauben. 70 Prozent der über 18-Jährigen wurden nach vielen Fragen zu Religion und Glaube in diesem Monitor als religiös oder hoch-religiös eingeschätzt. Selbst in Ostdeutschland soll die Religion den Menschen nicht so entfremdet sein, wie immer wieder angenommen wurde.
Ob der katholische Erzbischof von Hamburg, Werner Thissen, recht hat, wenn er für Gott einen Song von Marius Müller Westernhagen in Anspruch nimmt: "Ich bin wieder hier, in meinem Revier, war nie richtig weg, hab mich nur versteckt", lässt angesichts der Erinnerung an das Kind in der Krippe ein bisschen schmunzeln, kann aber letztendlich dahin gestellt bleiben. Der evangelische sächsische Landesbischof Jochen Bohl erkennt allerdings zurecht, dass der Generalverdacht, dass der Glaube einem selbstbestimmten Leben entgegen stehe, mit diesen Erkenntnissen entkräftet sei.
Weihnachten ist für alle Fälle eine Gelegenheit, eigenem Interesse an Religion auch durch einen Gottesdienstbesuch neuen - und vielleicht ungewohnten - Ausdruck zu geben. Viele Ortsgemeinden - ob evangelisch oder katholisch - bieten dazu zahllose Gelegenheiten. Für viele gehört der Kirchgang an den Festtagen selbstverständlich zum Weihnachtsfest, für andere ist das Christfest der Anlass, nach langer Zeit wieder einmal einen Gottesdienst zu besuchen.
"Gottesdienste gehören zu den wenigen Kultur-Events, die keinen Eintritt kosten, auch wenn Sie nicht Mitglied der Kirche sind. Man unterscheidet zwischen evangelischen und katholischen Gottesdiensten, aber beide sind sich im Grunde sehr ähnlich. Planen Sie etwa eine Stunde ein. Handys haben Sendepause," heißt es in den "Zehn Goldene Regeln für Gottesdienst-Neulinge", die der Evangelische Pressedienst (epd) als Weihnachtsservice veröffentlicht hat. Doch dabei bleibt die Frage offen, wie findet jemand, der interessiert ist, einen Gottesdienst in der Nähe - sei er zu Hause, bei anderen zu Besuch oder im Urlaub. Der einfachste Tipp ist ohne Frage, zur nächstgelegenen Kirche zu gehen. Es wird über die Weihnachtsfeiertage keine Kirche geben, in der kein Gottesdienst angeboten ist. Der Schaukasten vor der Kirche informiert über die Zeiten, wann die Gottesdienste beginnen.
Aber auch ohne Spaziergang durch die winterliche Kälte lassen sich Gottesdienstorte und Gottesdienstzeiten herausfinden: Unter www.weihnachtsgottesdienste.de sind evangelische und katholische Gottesdiensten von Aachen bis Zwickau aufgeführt. Jedes Jahr stellen dort immer mehr Kirchengemeinden ihre Gottesdienstzeiten ein, die über eine Postleitzahlensuche einfach zu finden sind. Übrigens: Die zunehmende Zahl der Abfragen Jahr für Jahr bestätigt, was der Religionsmonitor der Bertelsmannstiftung vermuten lässt: Weihnachtsgottesdienste liegen im Trend.
Zehn Goldene Regeln für Gottesdienst-Neulinge
Millionen von Menschen gehen an Heiligabend in die Kirchen zum traditionellen Weihnachtsgottesdienst. Für alle, die sich bisher nicht getraut haben, hier zehn goldene Regeln für den Gottesdienst-Besuch:
1.) Gottesdienste gehören zu den wenigen Kultur-Events, die keinen Eintritt kosten, auch wenn Sie nicht Mitglied der Kirche sind. Man unterscheidet zwischen evangelischen und katholischen Gottesdiensten, aber beide sind sich im Grunde sehr ähnlich. Planen Sie etwa eine Stunde ein. Handys haben Sendepause.
2.) In katholischen Kirchen befindet sich am Eingang ein kleiner Wasserbehälter. Regelmäßige Kirchgänger tippen die Fingerspitzen hinein und berühren damit Stirn, Brust, linke Schulter und rechte Schulter. Das können Sie auch machen, müssen es aber nicht.
3.) In einigen Kirchen bekommen Sie am Eingang ein Gesangbuch. Eine Tafel zeigt das Lied und die Verse an. Viele Gemeinden verteilen an Weihnachten Liedzettel. Wenn Sie sich unsicher fühlen, singen Sie leise oder bleiben stumm.
4.) Sie können sich überall hinsetzen, wo ein Platz frei ist. Keiner denkt: "Was will denn der in unserer Kirche?"
5.) Sitzen, stehen oder knien? Machen Sie es einfach wie Ihre Nachbarn. Der Gottesdienst besteht aus Liedern, Gebeten, Lesung der biblischen Weihnachtsgeschichte und der Predigt. Der Ablauf heißt Liturgie. Regelmäßige Kirchgänger kennen die Rituale auswendig. Hören Sie einfach zu. Sie müssen nicht alles kennen.
6.) Im Zentrum des Gottesdienstes steht die Predigt. Sie dauert in der Regel eine Viertelstunde und geht aus von einem Bibeltext. Bitte am Ende nicht klatschen, Sie können aber mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin gerne später über die Predigt sprechen.
7.) Nach der Predigt folgt ein Werbeblock. In den "Abkündigungen" wird über die kommenden Veranstaltungen der Gemeinde informiert.
8.) Man kommt zwar umsonst hinein - aber nicht wieder hinaus. In der "Kollekte" wird meist für Hilfsprojekte etwa in der Dritten Welt gesammelt. Während des Gottesdienstes wird ein Beutel herumgereicht, oder am Ausgang steht ein Korb.
9.) Mindestens einmal im Gottesdienst wird gebetet. Ein Gebet ist ein Gespräch mit Gott. Das "Vater unser" ist das bekannteste Gebet (Internet: www.vater-unser.de)
10.) Schlusspunkt des Gottesdienstes ist der Segen, bei dem der Pastor oder die Pastorin meist die Hände hebt. Manchmal erklingt noch Orgelmusik. Bleiben Sie einfach sitzen und hören zu. Dann können Sie Ihrem Nachbarn noch ein "Frohes Fest" wünschen.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)
"Rassismus erkennen - Farbe bekennen"
Woche der ausländischen Mitbürger startet bundesweit
19. September 2001

Unter dem Motto "Rassismus erkennen - Farbe bekennen" rufen die Kirchen bundesweit zur Woche der ausländischen Mitbürger/Interkulturellen Woche vom 23. bis 29. September 2001 auf. Wegen der Terroranschläge in den USA und ihrer Auswirkungen auf das Klima in Deutschland gegenüber Menschen anderer Herkunft hat der vom Rat der EKD, der Deutschen Bischofskonferenz und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie berufene Ökumenische Vorbereitungsausschuss folgende Erklärung abgegeben:
"Die Terroranschläge auf Ziele in den USA haben auch das Klima in Deutschland gegenüber Menschen anderer Herkunft verändert. Gerade viele Muslime fühlen sich unter Verdacht und sind in Angst. Die seit Jahren bewährten Beziehungen zwischen Verbänden und Gruppen von Muslimen zu christlichen Gemeinden und Initiativen stehen in der Gefahr, durch ein Klima des gegenseitigen Misstrauens belastet zu werden. Wir stellen anlässlich der Eröffnung der Woche fest: Wir verurteilen jede Form von Terroranschlägen. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Wir brauchen dabei aber politische Besonnenheit, damit nicht eine Spirale von Gewalt in Gang gesetzt wird, die neue Opfer fordert und Hass und Feindschaften verstärkt. Als Christen fühlen wir uns dem Frieden und der Versöhnung verpflichtet. Menschen muslimischen Glaubens dürfen nicht aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit verdächtigt werden, den Terror zu unterstützen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland und Mitglied des Ökumenischen Vorbereitungsausschusses zur Woche der ausländischen Mitbürger / Interkulturellen Woche, Dr. Nadeem Elyas, hat in einer ersten Stellungnahme mitgeteilt: 'Wer immer die Hintermänner dieser blutigen Tat sind, beim Islam können sie keine Rechtfertigung für ihre Taten finden. Wer sich Terrorismus, Gewalt und Ermordung unschuldiger Zivilisten als politischen Mittels bedient, kann sich nicht auf den Islam berufen. Wir beten für eine friedliche Welt, die frei ist von Gewalt und Terrorismus.' Die bevorstehende Woche der ausländischen Mitbürger / interkulturelle Woche bietet eine gute Gelegenheit, das Gespräch mit den muslimischen Mitbürgern zu suchen. Wir rufen dazu auf, dass Vertreter der christlichen und muslimischen Gemeinden öffentlich deutlich machen, dass sie sich für ein friedliches und konstruktives Zusammenleben in unserer Gesellschaft einsetzen wollen."
Eingebettet in diese Interkulturelle Woche ist auch der Tag des Flüchtlings am 28. September.
"Mein erster Schultag"
Eine alte Tradition - ein aktuelles Symptom
06. August 2008

Das Bild nimmt eine gesamte Seite im privaten Fotoalbum ein: in Schwarz-Weiß erinnert es an längst vergangene Zeiten. Es zeigt einen mühsam lächelnden Jungen mit einem Tornister auf dem Rücken und einer Schultüte in der Hand. Er steht vor einer Mauer - der Mauer des Schulhauses? Neben ihm hängt eine kleine Tafel, wie sie schon damals im Grundschulunterricht nicht mehr genutzt wurde. Auf der Tafel stand in einer Schrift, die er auch nicht mehr lernen musste, geschrieben: "Mein erster Schultag". In der Zwischenzeit wurde der Sohn dessen schon eingeschult, den dieses Schwarz-Weiß-Bild an seine Einschulung erinnert. Der Sohn hatte allerdings keinen Tornister, sondern einen bunten Schulranzen. Auch dieses "klassische" Einschulungsbild gab es nicht mehr, sondern ein fröhliches Bild voller Unruhe und Bewegung - so wie jenes Bild von den drei Mädchen auf dieser Internetseite.
Geblieben ist die Schultüte und die Stimme, die vom "Ernst des Lebens", redet, Dieser Ernst beginne nämlich mit der Einschulung. Den Schritt in den "Ernst des Lebens" soll der Inhalt der Schultüte "versüßen" - aber keine Angst: Den Satz vom "Ernst des Lebens" werden alle Schülerinnen und Schüler noch ein zweites Mal hören: Dann, wenn die Schulzeit zu Ende ist und mit Studium, Berufsausbildung oder Berufstätigkeit ein neuer Abschnitt beginnt - dann allerdings ganz ohne Schultüte voller Süßigkeiten. Das mit dem Ernst des Lebens ist also zumindest relativ.
Das war nicht nur in den 60er Jahren so, als jener in schwarz-weiß-fotografierte, heutige Vater eingeschult wurde, das war auch schon 1906 nicht anders. Erich Kästner erinnerte sich an seine Einschulung und die "Zuckertüte mit der seidnen Schleife. Er wollte die Tüte, auf die er so stolz war, seiner Nachbarin zeigen und dabei ließ er sie fallen: Er "stand bis an die Knöchel in Bonbons, Pralinen, Datteln, Osterhasen, Feigen, Apfelsinen, Törtchen, Waffeln und goldenen Maikäfern" - die Füße zwischen den Süßigkeiten machen das Bild vom versüßten Schritt in den "Ernst des Lebens" sinnfällig. Unabhängig davon belegt die Geschichte des Schriftstellers allerdings ein: Schultüten haben eine lange Tradition und lassen sich vermutlich bis ins 19. Jahrhundert zurück verfolgen.
Ursprünglich wohl in Sachsen und Thüringen sollte damit der Übergang in die gesetzlich verpflichtende Schulzeit angenehmer gemacht werden - vielleicht ungefähr zu der Zeit, als auch in den letzten deutschen Ländern die Schulpflicht gesetzlich geregelt wurde. In Preußen hat König Friedrich Wilhelm I. die allgemeine Schulpflicht für Fünf- bis Zwölfjährige im Jahr 1717 eingeführt. Andere Länder im deutschen Reich sind der Aufforderung Martin Luthers früher gefolgt. Er hatte 1524 in einem Sendschreiben an die "Ratsherren aller Städte deutschen Landes" diese aufgefordert, "dass sie christliche Schulen aufrichten und haben sollten". So war wohl Straßburg - damals freie Reichsstadt - der erste Ort mit einer gesetzlich geregelten allgemeinen Schulpflicht (1598), in Württemberg wurde die allgemeine Schulpflicht schon 1559 in die Große Kirchenordnung aufgenommen. Heutzutage ist in allen Bundesländern die Schulpflicht gesetzlich geregelt.
Allerdings gab es immer wieder Zeiten, in denen Kinder ohne oder mit nur halb gefüllter Schultüte den ersten Gang zum örtlichen Schulhaus oder vorab zum Schulanfängergottesdienst antreten mussten. Und die fehlenden Süßigkeiten sind heutzutage nur ein Symptom, das leichter kaschiert werden kann, als manch anderes. Wer schon einmal ein Kind auf seinem ersten Schulgang begleitet hat, ahnt, welche Kosten auf die Eltern in diesem Moment des Lebens zukommen: Hefte, Stifte, Schulranzen, angemessene Kleidung, Turnbeutel, Turnschuhe, die für die Sporthalle geeignet sind, das tägliche Pausenbrot und - für das Lernen genauso wichtig - zu Hause ein Platz, wo die Hausaufgaben möglichst ungestört erledigt werden können. Nur wer vom ersten Schultag an auf seine Bildung achtet, hat auch eine Chance später am Leben teilnehmen zu können.
Die Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann, hat vor wenigen Wochen am Beispiel ihres Bundeslandes auf die Misere aufmerksam gemacht: "Jedes 6. Kind unter 7 Jahren in Niedersachsen ist auf Sozialhilfe angewiesen. Der Tagessatz für Kinder (unter 14 Jahren) von Hartz IV Empfängern für Lebensmittel beträgt 2,57 Euro, der monatliche Regelsatz für die Wahrnehmung kultureller Aktivitäten (inkl. Schulmaterialien und Freizeitgestaltung) beträgt 22,88 Euro. Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass Kinder mit hungrigem Magen in der Schulbank sitzen. Es ist bedrückend, dass sich Kinder schämen, weil sie mit Gummistiefeln, ohne Ranzen und Schultüte zur Einschulung kommen müssen. Es ist inakzeptabel, dass Kinder daheim bleiben müssen, während die anderen auf einer kostenpflichtigen Klassenfahrt Spaß haben. Es ist ungerecht, wenn die einen teure Nachhilfestunde nehmen, die andere nicht bezahlen können. Es darf nicht sein, dass Kinder nicht wissen, was sie in der Ferienzeit anfangen sollen." Das sieht in anderen Bundesländern nicht anders aus, denn nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) leben gegenwärtig bundesweit 2,5 Millionen Kinder in Armut oder sind davon bedroht.
Einige Landeskirchen haben Aktionen gegen die Kinderarmut gestartet, so etwa "Zukunft(s)gestalten. Allen Kindern eine Chance" in der hannoverschen Landeskirche oder "Lasst uns nicht hängen. Gegen Kinderarmut" in der westfälischen unter der Schirmherrschaft von Christoph Biemann von der "Sendung mit der Maus". Der Start in den Schulalltag - nicht unbedingt in den "Ernst des Lebens" - findet für viele Erstklässler in diesen Tagen und Wochen statt - alle sollen nicht nur eine Schultüte , sondern eine echte Bildungschance haben.
Zukunft(s)gestalten - Allen Kindern eine Chance - Initiative der hannoverschen Landeskirche
Lasst uns nicht hängen. Kampagne der Evangelischen Kirche von Westfalen gegen Kinderarmut
... du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit
In den Kirchen wird das Erntedankfest gefeiert
02. Oktober 2003
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Für die einen war es der Sommer des Jahrhunderts. Wochenlang strahlender Sonnenschein, heiße Tage, laue Nächte. Für die anderen war es ein Katastrophensommer. Trockenheit und sengende Hitze haben die Felder ausgedorrt und die Arbeit eines Jahres zerstört, mancherorts vielleicht eine Existenz ruiniert. Segen oder Fluch?
Am ersten Sonntag im Oktober wird in den Kirchen das Erntedankfest gefeiert, der traditionelle Abschluss der Erntezeit. Der Sommer endet mit einem Dank an Gott für die Ernte, für den Ertrag eines Jahres, der das satte Überwintern sichern möge. Aller Orten sind die Kirchen festlich geschmückt, mit Obst und Gemüse, mit Kornähren und Blumen. Auch wenn immer weniger Menschen mit dem Kreislauf von Säen, Wachsen und Ernten noch unmittelbar in Berührung kommen, ist es doch gut, dass das Erntedankfest seinen festen Platz im Jahreslauf der Kirche hat. Es erinnert daran, dass kein Mensch sein Leben in der Hand hat. Im vergangenen Sommer ist wieder deutlich geworden, wie sehr wir - trotz allen Fortschritts - abhängig sind.
Erntedank ist darum nicht nur ein Dank für reich gefüllte Scheunen. Das Fest ist eine Gelegenheit, auf Erfolge und Gelungenes, auf sorglose Wochen und Monate zurückzublicken. Aber es gehört auch die Klage über Niederlagen und Dürrezeiten dazu. Beides hat seinen Ort im Gottesdienst am Erntedankfest. Seit Jahrhunderten richten sich Menschen mit Lob und Klage an Gott als den Schöpfer. Darin drückt sich das Vertrauen aus, dass Gott das Leben schenkt und es auch bewahren will. Zeugnis davon gibt der Vers für das Erntedankfest aus dem 145. Psalm: Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.
Musik und (ihre) Mission - im Schnittfeld von Gemeindeentwicklung und empirischer Forschung
Fachtagung 22.- 24. Juni 2009, Kloster Volkenroda, Termin für die Anmeldung der Beiträge (Inhaltsangabe oder Thesenpapier): 22. Dezember 2008
Für diese Fachtagung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD werden Beiträge der kirchen- und musiksoziologischen Forschung über die soziale und kommunikative Wirkung von Musik gesucht. Willkommen sind ebenfalls Erfahrungsberichte über Kirchen- bzw. Gemeindeentwicklungsprojekte mit musikalischem Schwerpunkt.
Anmeldung und nähere Informationen bei Birgit.Klostermeier@si-ekd.de , Tel. 0511-55474124.
Ziele:
- Präsentation von aktuellen Ergebnissen aus der kirchen- und musiksoziologischer Forschung über die soziale und kommunikative Wirkung von Musik.
- Vernetzung von aktuellen soziologischen Forschungsergebnissen und kirchlichen Praxisprojekten.
Zielgruppen:
- Forschende aus den Bereichen Musik-, Kultur- und Religionssoziologie
- Praktiker aus Bereichen der Kirchenmusik und Gemeindearbeit.
Inhalt:
Vom Krabbelgottesdienst bis zum Grab, von der Gregorianik bis zum Gospel, vom Chor bis zur Funkband: Es gibt kaum ein kirchliches Handlungsfeld ohne Musik. Seit ein paar Jahren erfährt der Einsatz von Musik nun zusätzliche und gezielte Aufmerksamkeit als Element von Kirchen- und Gemeindeentwicklung. Die Qualität von Musik gerät ins Blickfeld und damit die Suche nach deren Kriterien und auszuschöpfenden Möglichkeiten.
Die Tagung greift diese Debatte aus kirchensoziologischer Sicht auf:
- Welche Erwartungen sind mit dem Einsatz von Musik als Element von Gemeindeentwicklung verknüpft?
- Welche Wirkungen von Musik lassen sich empirisch nachvollziehen?
Aktuelle Ergebnisse kirchen- und musiksoziologischer Forschung über die soziale und kommunikative Wirkung von Musik werden vorgestellt und in ihrer Relevanz für kirchliches Handeln diskutiert.
Aufruf zur Mitgestaltung (Call for Papers):
- Präsentation eines empirischen Forschungsergebnisses
- Erfahrungsbericht eines Kirchen- bzw. Gemeindeentwicklungsprojektes
Themenfelder:
Das Besondere musikalischer Kommunikation
Musik als Mittel der Produktion von sozialer Gleichheit oder Ungleichheit
Musik als Element von Gemeindeentwicklung
Musik als Religion
Musik und Ritual, Sakralisierung von Musik
Termin für das Einreichen der Beiträge (Inhaltsangabe oder Thesenpapier): bis 22.Dezember 2008
Die Rückmeldung zu den eingereichten Papieren erfolgt im Januar 2009
Zeit und Ort der Tagung: 22.-24. Juni 2009 im Kloster Volkenroda, Thüringen
Kontaktadresse: Birgit Klostermeier, Sozialwissenschaftliches Institut der EKD , Blumhardtstrasse 2 , 30625 Hannover, Tel.: 0511- 55474124
Birgit.Klostermeier@si-ekd.de
Alle oben stehenden Informationen zum Download finden Sie hier.
"Den Blick in die Tiefe richten"
Bisher größtes kirchliches documenta-Begleitprogramm
14. Juni 2002

Besuchen Sie die größte Ausstellung zeitgenössischer Kunst und erleben Sie mit Ihren eigenen Sinnen alte und neue Produktionsformen der Künstler. Gehen Sie der aufgeworfenen Frage nach den Bedingungen unserer Identität, nach unserem "In der Welt-Sein", und der aktuellen Kultur in den Werken der Gegenwartskunst nach. Wie bei den vergangenen documenta- Ausstellungen bietet auch diesmal die Kirche in Kassel von Juni bis September ein umfangreiches Kulturprogramm.
Mit spektakulären Eingriffen in den Kirchenraum werden drei Künstler mit ihren Kunstwerken in der größten Innenstadtkirche Kassels, der Martinskirche, präsent sein.
Während die Documenta11 mit ihrer Ausstellung den Blick weit in die Welt öffnen will, werden die Künstler im Raum der Martinskirche mit ihren Interventionen den Blick in die Tiefe richten: in den gottesdienstlichen Raum, in das Licht, das in die Kirche fällt, sowie auf das "Wort", von dem viele Protestanten meinen, "das Wort allein genügt".
Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck engagiert sich während der Documenta11 stärker als je zuvor in der Geschichte dieser Weltausstellung der modernen Kunst. Sie lädt daher zu einem Kulturprogramm ein, bei dem es um den Austausch zwischen Kirche und Kunst, Religion und Kultur geht. Zu der Reihe von herausgehobenen Veranstaltungen in der Martinskirche gehören ein wissenschaftliches Symposion und die Dialogreihe "Kulturreflexionen", eine Gottesdienstreihe und elf Nachtkonzerte mit zeitgenössischer Musik.
Mit einem Führungsangebot durch die Documenta11-Ausstellung, das besonders der theologischen Auseinandersetzung mit den Inhalten der Documenta11 Raum geben soll, klinkt sich die Kirche in die Diskussion über die Gegenwartskunst direkt ein.
Weitere Informationen:
Der freie Blick
http://www.ekkw.de/kunst/
Alles zur Dokumenta11
http://www.documenta.de/
EKD-Ratsdelegation besucht China (Berichte)
Gespräche über das Verhältnis von Kirche und Staat
11. Oktober 2004
EKD-Ratsvorsitzender Huber zieht positive Bilanz nach China-Reise
Bischof: 21. Jahrhundert wird von Chinesen mitgeprägt werden
Schanghai (epd). Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, hat eine positive Bilanz seines zweiwöchigen Besuchs in der Volksrepublik China gezogen. Die Kontakte zur protestantischen Kirche in dem «ungewöhnlichen Land» seien «intensiviert und vertieft» worden, erklärte Huber zum Abschluss seiner Reise am Samstag vor Journalisten in Schanghai. Er sei überzeugt, dass «die Welt des 21. Jahrhunderts in erheblichem Maße von den Chinesen mit geprägt werden wird», sagte Huber.
«Ich bin beeindruckt von der Zuversicht, mit der die chinesischen Christen die Zukunft zu gestalten versuchen», beschrieb der Berliner Bischof seine Begegnungen mit chinesischen Kirchenvertretern und Gläubigen in mehreren Städten und Provinzen des Landes. Dabei war er vor allem mit Vertretern der «Patriotischen Protestantischen Drei-Selbst-Bewegung» zusammengetroffen, die als einzige evangelische Gemeinschaft von der Regierung anerkannt wird.
Diese Bewegung erlebt derzeit den weltweit größten Mitgliederzuwachs aller protestantischen Kirchen. Außerdem führte die von Bischof Huber angeführte Delegation Gespräche mit den staatlichen Religionsbehörden und Funktionären der «Einheitsfront»-Abteilung der Kommunistischen Partei, die für die Religionspolitik zuständig ist.
Nach der Kulturrevolution der sechziger und siebziger Jahre, in der alle Kirchen geschlossen, Bibeln zerstört und Geistliche inhaftiert wurden, waren erst 1979 erste Gebetsräume wieder eröffnet worden. Heute wird die Zahl der anerkannten evangelischen Christen auf 16 bis 18 Millionen Menschen geschätzt.
Die Zahl der in ganz China entstandenen Kirchen und Gebetstreffpunkte soll bei rund 50.000 liegen. Dabei herrscht starker Mangel an ausgebildeten Pfarrern: In den 18 theologischen Seminaren und fünf Bibelinstituten des chinesischen Christenrates sind in den vergangenen zwanzig Jahren nach Angaben aus Kirchenkreisen bislang erst 5.000 Geistliche ausgebildet worden.
Huber verglich das Ende der Kulturrevolution in China mit dem Fall der Mauer in Deutschland. In beiden Gesellschaften habe dies zu großen Umwälzungen geführt, sagte er. Die EKD und der chinesische Christenrat wollen ihre Kontakte weiter vertiefen, so Huber. Man hoffe, dass chinesische Studenten künftig wieder zum Theologiestudium nach Deutschland kommen und deutsche Theologen zum Praktikum nach China gehen können. Außerdem wolle man bei der Sozialarbeit zusammenarbeiten und den theologischen Dialog verstärken.
Obwohl die Religionsfreiheit heute deutlich größer sei als in den vergangenen Jahrzehnten, herrsche in China «eine in hohem Maße reglementierte Freiheit». Dies verlange von jenen Gläubigen, die Mitglied der Patriotischen-Drei-Selbst-Bewegung sind, «ein hohes Maß an Anpassung», sagte Bischof Huber.
Jene chinesischen Protestanten, die sich nicht unter die Aufsicht durch die staatlichen Religionsbehörden begeben wollen, müssten unter großer Unsicherheit leben. Wie viele dieser nicht registrierten Hauskirchen derzeit in China existieren, ist völlig unklar. Die Zahl könnte Schätzungen zufolge noch einmal ebenso groß sein wie die der «Drei-Selbst-Gemeinden».
Huber verurteilte das von der Regierung verhängte Verbot, Kinder unter 18 Jahren zu taufen, als «gravierenden Tatbestand» und Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Außerdem bemängelte er, dass Bibeln nicht frei in Buchhandlungen zu kaufen sind, obwohl kein Mangel herrscht: In den letzten Jahren sind über dreißig Millionen Bibeln in China gedruckt worden. Die Behörden schreiben aber vor, dass Bibeln nur in registrierten Kirchenzentren abgegeben werden dürfen.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd) vom 17. Oktober
EKD und Chinesischer Christenrat vertiefen Beziehungen
Schanghai (epd). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und der protestantische Christenrat in der Volksrepublik China wollen ihre Zusammenarbeit ausweiten. Dies wurde bei einem Treffen am Freitag in Schanghai vereinbart. Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, der zurzeit China besucht, sprach von einem neuen Kapitel in den Beziehungen zwischen beiden Kirchen. Beschlossen wurden Kooperationen bei der theologischen Ausbildung, bei Sozialprojekten und beim theologischen Dialog.
An dem Treffen in Schanghai nahmen unter anderen die Präsidentin des Chinesischen Christenrats, Cao Shengjie, und der Vorsitzende der Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung, Ji Jianhong, teil. Der Christenrat und die Bewegung sind die beiden einzigen offiziell zugelassenen protestantischen Organisationen in der kommunistisch regierten Volksrepublik. Sie repräsentieren etwa 18 Millionen evangelische Christen. Weitere 15 Millionen werden in nicht registrierten Hauskirchen vermutet.
Der Christenrat hat eine neue Abteilung für Sozialarbeit gegründet, mit dem der Evangelische Entwicklungsdienst mit Sitz in Bonn künftig direkt zusammenarbeiten wird, wie Huber erläuterte. Außerdem ist geplant, dass nach rund zwei Jahrzehnten erstmals wieder chinesische Theologiestudenten nach Deutschland kommen können. Die EKD-Delegation unter Leitung Hubers hält sich noch bis Sonntag in China auf.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd) vom 15. Oktober
Protestanten rügen China
EKD-Vorsitzender Huber pocht in Peking auf Religionsfreiheit
Die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) hat mehr Freiheiten für Christen in China gefordert. Trotz der Fortschritte seit der Kulturrevolution werde Religionsfreiheit in China vom Staat nur in "reglementierter Form" gewährt, sagte der EKD-Rats- vorsitzende Wolfgang Huber in Peking.
Peking, 14. Oktober maa). Bischof Huber, der auf Einladung des offiziellen Chinesischen Christenrates zu einem zweiwöchigen Besuch in der Volksrepublik ist, verlangte, dass die Religionsfreiheit als fundamentales Menschenrecht Gegenstand des bilateralen Rechtsstaatsdialogs zwischen Deutschland und China werden müsse. "Man muss aufpassen, dass der Rechtsstaatsdialog nicht auf Fragen verengt wird, die mit der Verbesserung der Handelsbeziehungen und der Sicherung von Eigentumsrechten zu tun haben", meinte Huber.
Die evangelische Kirche ist die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft in China. Schätzungen zufolge gibt es in der Volksrepublik rund 35 Millionen Protestanten, jedes Jahr werden zwei Millionen Chinesen konfirmiert. Chinas Regierung verlangt von allen Kirchen und religiösen Gemeinden eine staatliche Registrierung, was viele Gläubige aus Angst vor Repressalien jedoch ablehnen. Etwa die Hälfte aller Protestanten, so wird geschätzt, üben ihren Glauben deshalb heimlich in privaten Hauskirchen aus. Die Hauskirchen werden von den Behörden nicht anerkannt, in manchen Fällen werden die Christen verfolgt.
Im vergangenen Jahr startete die KP-Führung eine Kampagne gegen Kultbewegungen, bei der auch Priester christlicher Splittergruppen verhaftet wurden. "Es gibt noch immer eine Grenze zwischen registrierten und nicht registrierten Gemeinden, insbesondere bei den Protestanten", sagte Huber. "Wir Christen lassen eine solche Trennung nicht zu." Chinas offizielle Kirche müsse sich für alle Gläubigen auch in den Hauskirchen öffnen, sagte der Bischof.
Kritik an Todesstrafe
Huber, der neben Hongkong und Peking die Provinzen Guizhou und Jiangsu besucht, kritisierte auch die generelle Menschenrechtslage in China wie etwa den häufigen Einsatz der Todesstrafe. "Wir haben auf die Dringlichkeit des Menschenrechtsthemas hingewiesen", sagte Huber. Mitglieder der EKD-Delegation betonten, dass chinesische Besucher dieses Jahr in Berlin bewusst auf Einzelfälle von Verfolgungen angesprochen worden seien.
Quelle: Frankfurter Rundschau vom 15. Oktober
Zwischen Parteidoktrin und Glaubensfreiheit
Die evangelische Kirche in China sucht ihren eigenen Weg
Von Jutta Lietsch (epd)
Nanjing (epd). In einem alten Bauwerk, umgeben von einem großen Garten, liegt das geistige Zentrum der staatlich anerkannten protestantischen Kirche Chinas: das theologische Seminar in Nanjing. Den Empfangsraum ziert neben religiösen Bildern eine Kalligraphie die der frühere Staats- und Parteichef Jiang Zemin gezeichnet hat: «Das Land lieben, die Religion lieben, vereint im Fortschritt».
Derzeit bereiten sich in Nanjing 180 Studenten auf ihre Arbeit als Seelsorger vor. Es ist das größte der 19 protestantischen Theologieseminare. Zwar ist von den 1,3 Milliarden Chinesen nur eine kleine Minderheit evangelisch: Nicht mehr als 18 Millionen Mitglieder hat die «Patriotische Drei-Selbst-Bewegung» nach offiziellen Angaben. Doch sie wächst rasant um jährlich rund 500.000 Gläubige.
«Wir brauchen dringend mehr ausgebildete Geistliche», sagt Pfarrer An Xinyi vom Christenrat der Provinz Jiangsu, deren Hauptstadt Nanjing ist. Deshalb soll ein neues Bildungszentrum für mindestens tausend Studenten am Stadtrand entstehen. Gelehrt wird eine «protestantische Theologie mit eigenen chinesischen Merkmalen», so eine Dozentin.
Für die Geistlichen, die in den offiziell registrierten Kirchen aktiv sind, ist der Spielraum eng. «Für uns ist es wichtig, eine einige und harmonische Kirche zu haben,» sagt der Präsident des Seminars, Bischof K.H. Ting, der bald seinen 90. Geburtstag feiert.
Der betagte Theologe überraschte eine Delegation der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Mittwoch mit der Nachricht, dass die protestantische Kirche in der Volksrepublik erstmals seit Jahrzehnten wieder Bischöfe weihen will: «Wir haben beschlossen, dass die Kirche Chinas mehr wie eine richtige Kirche werden soll.» Ting war bereits vor der Gründung der kommunistisch regierten Volksrepublik China 1949 zum Bischof der anglikanischen Kirche geweiht worden. Er ist heute der einzige noch lebende protestantische Bischof in China.
Auch Seminar-Dozentin Zhang Jing, die kürzlich von einem Studienaufenthalt in Louisiana (USA) zurückgekehrt ist, lehnt eine Spaltung in unterschiedliche Konfessionen ab. Europäische Prediger hätten seit dem 19. Jahrhundert unterschiedliche Bibelübersetzungen gebracht, und oft auch Soldaten im Schlepptau: «Jetzt lassen wir das nicht mehr zu. Jetzt bestimmen wir unseren eigenen Weg», sagt Zhang.
Bischof Ting hat vor Jahren eine «theologische Wiederaufbaubewegung» initiiert. Damit, so erklärt er jetzt, sollten «fundamentalistische» christliche Bewegungen bekämpft werden, die besonders auf dem Land Fuß fassten. Viele gelangten aus Südkorea und den USA heimlich nach China, andere entstanden in der Untergrundkirche.
Wie sich die protestantische Kirche in China weiter entwickelt, hängt jedoch vor allem von der Kommunistischen Partei ab, die religiöse Aktivitäten nach wie vor mit Argwohn betrachtet und zu kontrollieren versucht. So dürfen Bibeln heute zwar in China gedruckt - aber nicht in normalen Buchläden verkauft werden, sondern nur in Kirchen.
Es sind die Religionsbehörden und die «Einheitsfrontabteilung» der Kommunistischen Partei, die bei Einstellungen das letzte Wort haben und über Kirchenbauten entscheiden. Ihre Vertreter saßen auch bei einem Gespräch der EKD-Delegation unter Leitung von Bischof Wolfgang Huber mit Theologen des Seminars von Nanjing über das «Verhältnis von Kirche und Staat» mit am Tisch.
Auf die Frage, warum die atheistische KP, deren Mitglieder keiner Kirche angehören dürfen, über die religiöse Freiheit der Chinesen bestimmen wolle, reagiert ein Mitarbeiter der «Einheitsfront» gereizt: Die KP sei die Repräsentantin des Landes und von der gesamten Bevölkerung gewollt: «Wir wollen nicht, dass irgendwelche Ausländer kommen und uns erklären, wie wir mit der Religion umzugehen haben.»
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd) vom 14. Oktober 2004
Evangelische Kirche in China will wieder Bischöfe weihen
Nanjing (epd). Die protestantische Kirche in China will zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Bischöfe weihen. Dies teilte der Präsident des Theologischen Seminars in Nanjing, Bischof K.H. Ting, am Mittwoch einer Delegation der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit, die derzeit China besucht. Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber begrüßte die Entscheidung als Schritt zur Eigenständigkeit der kirchlichen Strukturen. Dies werde den Zusammenhalt zwischen den chinesischen Gemeinden stärken, sagte er.
Die Ankündigung der Bischofsweihe wurde in Kirchenkreisen als sensationell bewertet. Ting, der bald seinen 90. Geburtstag feiert, war bereits vor der Gründung der kommunistisch regierten Volksrepublik China im Jahr 1949 zum Bischof der anglikanischen Kirche geweiht worden. Er ist heute der einzige noch lebende protestantische Bischof in China.
«Wir haben beschlossen, dass die Kirche Chinas mehr wie eine richtige Kirche werden soll», begründete Ting den Entschluss. Man wolle die «apostolische Nachfolgeregelung» wiederbeleben. Die Bestimmung der Bischöfe solle durch Handauflegen durch Geistliche geschehen, die bereits selbst Bischöfe sind, sagte er.
«Da es außer mir niemand mehr gibt, wollen wir einige Bischöfe aus dem Ausland zum Handauflegen einladen», sagte er. Wann die ersten Bischöfe geweiht und nach welchem Modus sie gewählt würden, stehe noch nicht fest. Frauen seien mit Sicherheit darunter.
Chinas Protestanten dürfen sich seit den 50er Jahren nur einer einzigen Gemeinschaft anschließen: Der «Patriotischen Protestantischen Drei-Selbst-Bewegung», die vom Staat streng kontrolliert wird. Sie versteht sich als selbstständige Organisation, die von ausländischen Kirchen unabhängig ist und nach innen jede Aufspaltung nach Denominationen ablehnt.
Zusammen mit dem 1980 gegründeten Chinesischen Christenrat gilt die Drei-Selbst-Bewegung als einzig zugelassene Vertretung der protestantischen Christen in China. Die Zahl ihrer Mitglieder wird auf 16 bis 18 Millionen geschätzt. Daneben gibt es mindestens noch einmal so viele evangelische Christen in nicht registrierten Hauskirchen, schätzen Experten. Bischof Ting stand bis 1996 an der Spitze des Christenrates und der Drei-Selbst-Bewegung.
Der EKD-Ratsvorsitzende Huber hatte am Mittwochnachmittag in Nanjing einen Kranz an der Gedenkstätte für das Massaker von 1937 niedergelegt. Damals hatten japanische Truppen bis zu 300.000 chinesische Soldaten und Stadtbewohner innerhalb weniger Tage ermordet. «Dies ist einer der Orte auf der Welt, der in besonderer Weise an das Grauen erinnert», sagte Bischof Huber. Diese Gedenkstätten müssten zum Ausgangspunkt für die Versöhnung zwischen den Menschen werden.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd) vom 14. Oktober 2004
EKD-Delegation informierte sich über evangelische Christen in Peking
Peking (epd). Eine Delegation des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat sich am Samstag in Peking über die Situation evangelischer Christen in der chinesischen Hauptstadt informiert. Die Delegation wird vom EKD-Ratsvorsitzenden, dem Berliner Bischof Wolfgang Huber, geleitet. «Rund 40.000 Gläubige besuchen die evangelischen Gottesdienste in der Hauptstadt», berichtete die Generalsekretärin des Pekinger Christenrates, Li Yonghong.
Weil der Platz in den neun protestantischen Kirchen Pekings bei weitem nicht ausreiche, nutzten die Gemeinden über 700 offiziell registrierte Versammlungshäuser, so Li Yonghong. Diese seien meist in Bürogebäuden, Werkhallen und anderen Einrichtungen untergebracht. Viele von ihnen hielten jeden Sonntag zwei bis vier Gottesdienste ab. In Peking amtieren nach Angaben der Generalsekretärin rund fünfzig evangelische Geistliche.
Zusätzlich zu den bereits bestehenden Kirchen und Versammlungshäusern sei kürzlich eine neue Kapelle des Theologischen Seminars in Peking fertig gestellt worden, berichtete der Leiter des Yanjing-Seminars, Reverend Qi Tieying: «Dies ist das erste komplett neue Kirchengebäude, dass in Peking seit den fünfziger Jahren errichtet wurde. Ihre Orgel stammt aus Deutschland.»
Die Kapelle hat 500 Sitzplätze und wurde durch eine Spende von einer halben Million US-Dollar eines ehemaligen Absolventen des Yanjing-Seminars ermöglicht, sagte Qi. Sie sei die Kopie einer inzwischen abgerissenen Kirche im Herzen Pekings, in der Anfang des vergangenen Jahrhunderts der Gründer der chinesischen Republik, Sun Yatsen, gebetet habe, erklärte Qi.
Darüber hinaus entstehen den Angaben zufolge derzeit für umgerechnet vier bis fünf Millionen Euro zwei große protestantische Kirchen im Norden und Osten Pekings mit je rund 1.000 Sitzplätzen. Sie würden voraussichtlich im kommenden Jahr fertig werden, erklärte Qi. Eine dieser neuen Kirchen wird möglicherweise auch ausländischen Gemeinden in Peking offen stehen hieß es.
Der Christenrat und die «Patriotische Protestantische 3-Selbst-Bewegung» werden als einzige Organisationen evangelischer Christen offiziell von der Regierung anerkannt. Chinas christliche Gemeinden müssen, so die Vorschrift, finanziell, personell und in ihrer theologischen Praxis selbstständig sein («3-Selbst») und dürfen nicht mit ausländischen Kirchenorganisationen verbunden sein.
Daneben gibt es zahlreiche Hauskirchen und Gläubige, die sich nicht anmelden wollen, da sie die Kontrolle der Behörden ablehnen. Zuständig für die Registrierung von neuen Gemeinden sind die Religionsämter, die sich «von uns beraten lassen», so die Vorsitzende des Pekinger Christenrates, Li.
Insgesamt leben heute mehr als 16 Millionen offiziell registrierte protestantische Christen in China. Die Zahl der unregistrierten Gemeinschaften ist weitaus höher, schätzen Fachleute.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd) vom 10. Oktober 2004
EKD-Ratsvorsitzender Huber setzt sich für Gemeinden in China ein
Peking (epd). Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, hat sich in China dafür eingesetzt, das Gemeindeleben der deutschsprachigen Protestanten zu erleichtern. Bei einem Treffen mit dem stellvertretenden Minister der staatlichen Religionsbehörde, Wang Zuo'an, trug Bischof Huber am Freitag in Peking den Wunsch vor, dass die in China lebenden deutschen evangelischen Christen Gemeindepfarrer aus Deutschland anstellen können. Das ist nach chinesischen Vorschriften bislang nicht möglich.
Huber sagte nach dem Treffen, seine chinesischen Gesprächspartner in der Religionsbehörde hätten aber erklärt, «dass sie den Wunsch der evangelischen Christen aus Deutschland verstehen und sich darum bemühen, eine Lösung zu finden». In Peking leben derzeit über 3.000 deutsche Geschäftsleute, Akademiker, Diplomaten und Journalisten.
Die deutschsprachige evangelische Gemeinde, die zuerst zwischen 1916 und 1949 in der chinesischen Hauptstadt existiert hatte, wurde 1995 wiederbelebt. Ihr gehören derzeit 25 Familien und 41 Einzelmitglieder an. Sie wird betreut von dem aus Marbach stammenden Pfarrer Gerold Heinke, der als Lehrer in der deutschen Botschaftsschule angestellt ist und dort auch Religionsunterricht anbietet. Derzeit betreut er neun Konfirmanden.
Eine zweite deutschsprachige evangelische Gemeinde wurde in Schanghai aufgebaut, die in ökumenischer Gemeinschaft mit deutschsprachigen Katholiken in der Hafenstadt steht. Ihr gehören 30 Familien an. Die chinesische Regierung erlaubt es ausländischen Gemeinden bislang noch nicht, offiziell und regulär Pfarrer aus ihren Heimatländern einzustellen. Es ist ausländischen Gemeinden auch nicht erlaubt, Gottesdienste zusammen mit chinesischen Christen abzuhalten.
Weiteres Thema der Gespräche der EKD-Delegation war unter anderem die Religionsfreiheit in China. Bischof Huber regte an, die Religionsfreiheit künftig «im Zusammenhang mit dem Rechtsstaatsdialog zu sehen», der seit fünf Jahren regelmäßig zwischen deutschen und chinesischen Juristen und Politikern stattfindet.
Obwohl die Zahl der protestantischen Christen stark zunahm, bleibt die Regierung laut Vizeminister Wang bei ihrer Haltung, dass Mitglieder der Kommunistischen Partei keiner Kirche angehören dürfen. Das sei nicht möglich, da es sich um «zwei unterschiedliche Glauben» handele, sagte er. Die EKD-Delegation unter Leitung von Bischof Huber hält sich noch bis 17. Oktober in China auf.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd) vom 08. Oktober 2004
Glauben mit beschränkter Freiheit
EKD-Delegation informiert sich über die Situation der Christen in China
Von Jutta Lietsch
Peking (epd). Überfüllte Kirchen, Massentaufen, Hausgottesdienste: In kaum einem anderen Land haben protestantische Gemeinden derzeit so viel Zulauf wie in China. Mehr als eine halbe Million neue Mitglieder jährlich verzeichnet die evangelische Kirche nach offiziellen Angaben. Doch ihre Situation ist oft kompliziert - und die Freiheit der Gemeinden ist beschränkt.
Um die Beziehungen zu den Partnerkirchen in China zu vertiefen und ihre Situation besser kennen zu lernen, besucht bis zum 17. Oktober eine Delegation des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unter Leitung des Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, das Land. Die acht Mitglieder reisen auf Einladung des Chinesischen Christenrates und der staatlichen Religionsbehörde. Nach einem Aufenthalt in Hongkong traf die Gruppe in Peking ein. Weitere Stationen sind Guiyang, Nanjing und Schanghai.
Zu den Schwerpunktthemen der Gespräche gehört das Verhältnis von Staat und Kirche im kommunistisch regierten China, so die EKD-Delegation. Dabei soll auch über Menschenrechte gesprochen werden. Obwohl die chinesische Verfassung fünf Glaubensrichtungen - Protestanten, Katholiken, Buddhisten, Muslime und Taoisten - Religionsfreiheit zusichert, müssen sich alle Gläubigen staatlich zugelassenen Organisationen unterordnen.
Chinas Protestanten dürfen sich nur einer einzigen Gemeinschaft anschließen: der in den 50er Jahren gegründeten «Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung», die vom Staat kontrolliert wird. Der komplizierte Name spiegelt die schwierige Geschichte der Religionen wider: Nach ihrem Sieg 1949 hatten die Kommunisten unter Mao Tse-tung ausländische Missionare inhaftiert oder des Landes verwiesen.
Die chinesischen Christen wurden gezwungen, alle internationalen Beziehungen zu Kirchen abzubrechen. Die in der «Drei-Selbst-Bewegung» organisierten Protestanten sollten finanziell, personell und in ihren religiösen Ansichten «selbstständig» sein - und nicht gegen die Staatsdoktrin der KP verstoßen.
Wer sich weigerte, musste mit scharfen Strafen rechnen. Trotzdem gingen viele chinesischen Protestanten in den Untergrund und bildeten eigene «Hauskirchen». In den 60er und 70er Jahren, während der Kulturrevolution, wurden auch die staatlich anerkannten Kirchen geschlossen, zahlreiche Pfarrer und Gläubige in Arbeitslager geworfen und die staatliche Religionsbehörde abgeschafft.
Ende der 70er Jahre durften die ersten Kirchen - viele waren zerstört oder in Fabriken und Lagerhallen umgewandelt worden - wieder öffnen. Seit 1980 ist der protestantische Christenrat für den Aufbau von Gotteshäusern, für die theologische Ausbildung und die Beziehungen zu ausländischen Kirchenorganisationen verantwortlich.
Offizielles Ziel bleibt, einen Protestantismus «mit chinesischen Merkmalen» zu entwickeln, erklärte kürzlich der stellvertretende Vorsitzende der «Drei-Selbst-Bewegung», Deng Fucun. Nach offiziellen Angaben wuchs die protestantische Kirche in China inzwischen auf mehr als 16 Millionen Mitglieder an. Die Zahl der Anhänger der nicht registrierten «Hauskirchen» ist aber, so glauben Experten, weitaus größer. Dies führt immer wieder zu Konflikten mit dem Staat: Viele Protestanten sitzen im Gefängnis.
Die offizielle katholische Kirche gehört zur «Chinesischen Patriotischen Katholikenvereinigung», die den Vatikan nicht anerkennt. Es existiert auch eine Vatikan-treue «Untergrundkirche», deren Mitglieder von willkürlichen Verhaftungen bedroht sind. Experten schätzen die Zahl der Katholiken auf insgesamt rund zehn Millionen Menschen.
Heimlich oder offen kamen seit den 80er Jahren Tausende Missionare aus den USA, Europa oder aus Südkorea und den Philippinen nach China, die meist charismatischen und Pfingstgemeinden angehören. Dies ist der Pekinger Regierung ein Dorn im Auge. Um zu verhindern, dass Wanderprediger unkontrolliert im Lande missionieren, dürfen Geistliche nur in Kirchengebäuden oder an genehmigten Orten predigen.
Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd) vom 08. Oktober 2004
Glück und Lotto
Wolfgang Huber - Kolumne in der BZ
07. Dezember 2007
Ein großes Haus, ein schickes Auto, weite Reisen - oder einfach nicht auf das Geld schauen müssen! Endlich nicht jeden Cent umdrehen oder überlegen, ob das Geld noch für die Tasse Kaffee mit der Freundin am Nachmittag reicht! Der Lotto-Jackpot hat Wünsche und Träume beflügelt. Es geht um den höchsten Jackpot aller Zeiten. Er lockte mehr Menschen in die Annahmestellen als je zuvor. Lange Schlangen bildeten sich vor den Zeitungsläden. Mancher setzte bis zu tausend Euro ein, um die erhofften Millionen auf das eigene Konto zu bekommen. Große Wünsche sollten sich erfüllen. Die Hoffnung auf ein besseres, sorgenfreies Leben treibt an.
Viele Haushalte sind überschuldet und dies mit steigender Tendenz. Haus, Auto oder neu gekaufte Wohnzimmermöbel müssen abgezahlt werden. Auch in manchen Doppelverdiener-Familien reicht das Geld nicht für den täglichen Lebensunterhalt. Die Vorstellung, keine materiellen Sorgen mehr zu haben ist befreiend. "Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott", hat der große Reformator Martin Luther gesagt.
Wir alle kennen die Gratwanderung zwischen der Sorge um das, was zum Leben notwendig ist, und dem Wunsch nach angenehmem Luxus. Wir alle kennen die Verführung durch das Habenwollen ohne Einhalt. Erbstreitigkeiten unter Geschwistern nehmen oft unangenehme Formen an. Gerichtliche Auseinandersetzungen unter Nachbarn zeigen, wohin es führt, wenn Hab und Gut über alles gestellt werden. Doch Millionen können auch Gutes bewirken. Denn von Lottomitteln profitieren Projekte im kulturellen und sozialen Bereich. Orchester oder Sportvereine werden mit solchen Mitteln unterstützt. Ich weiß, wovon ich rede. Die Lottostiftung hat die Errichtung der Kapelle im Berliner Olympiastadion ebenso unterstützt wie die bauliche Erweiterung der Evangelischen Schule in Neukölln.
Im neunten Gebot heißt es: "Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus." Das Gebot erinnert daran, dass aller Besitz vorläufig ist - und dass wir ihn redlich erwerben sollen. Ein gelingendes Leben hängt nicht an dem, was wir haben, sondern an dem, was wir sind. Und das verdanken wir Gott, der uns das Leben schenkt und uns unsere Gaben anvertraut. Er stellt uns Menschen zur Seite, die unser Leben reich machen, die uns nahe sind in der Freude, aber auch in den schweren Stunden. Das ist mehr wert als Lottomillionen. Die Wahrscheinlichkeit, treue Wegbegleiter zu finden, ist größer, als die sechs Richtigen zu tippen.
Gott sei Dank!
Wunderschöner Beitrag der Verkündigung
Münchener Gospelchor gewinnt Gospel Award 2005
19. September 2005

"Mit Ihrer Musik leisten Sie einen wunderschönen Beitrag zur Verkündigung des Evangeliums, der die Sinne anspricht und ins Herz geht," schreibt der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, Johannes Friedrich, an die Sieger vom Gospel Award 2005. Der Münchener Gospelchor "Gospelsterne" hat am Wochenende das Finale in Berlin gewonnen. Chorleiter Eric Bond war sprachlos, als RTL-Moderator Wolfram Kons das Ergebnis des SMS-Votings bekannt gab, an dem sich sowohl die Besucher des ICC als auch die Zuschauer der Live-Ausstrahlung auf Bibel-TV beteiligt hatten.
Die Gala-Show zum Finale des Musikwettbewerbes ging in Kooperation mit der Internationalen Musik-Messe Popkomm über die Bühne, die in diesem Jahr erstmalig die Musikrichtung Gospel in ihrem Programm präsentierte. Alle sechs Finalisten legten sich. Das Publikum sparte denn nicht mit Applaus für die Sängerin Bianca Harrison (Ismaning) und die Gospelchöre "Spirited", "Ndembo Spirituals", "The Berlin Star Singers" (alle drei aus Berlin) und "Opole Gospel Choir" (Opole/Polen).
Auch die Mitglieder der Jury des Gospel-Awards waren von den Vorstellungen der sechs Finalisten begeistert. Mola Adebisi, Thomas M. Stein, Heinz Rudolf Kunze, Deborah Woodson ("Deutschland sucht den Superstar"-Vocal Coach), Kirchenmusikdirektor Matthias Nagel (Evangelische Kirche von Westfalen) und Klaus Depta (Katholische Kirche bei Radio FFH) konnten sich bei den Live-Auftritten überzeugen, aus den knapp 200 Bewerbungen die "richtigen" Finalisten ausgewählt zu haben. "Die Gospelsterne waren heute nicht zu überbieten. Sie haben Stimmung gemacht, der Frontman war genial. Und sie haben bewiesen, dass man mit einem deutschsprachigen Gospel-Song gewinnen kann", sagt Juror Mola Adebisi.
Die seit 1999 bestehenden "Gospelsterne" stehen in Verbindung mit der Evangelischen Hochschulgemeinde an der Technischen Universität München. Chorleiter Eric Bond, gebürtiger Amerikaner, hatte schon lange die Vision, Gospel-Musik mit deutschen Texten zu schreiben. Den Siegertitel "Ihr sollt ein Segen sein" komponierte er für den Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003. Den "Gospelsternen" gehören 120 Sängerinnen und Sänger zwischen 16 und 65 Jahren an. 60 davon waren nach Berlin gereist und hatten sich auf der ICC-Bühne ins Zeug gelegt. Johannes Friedrich hoff, dass der Preis den Chor darin bestätige, die Menschen auch weiterhin mit Liedern des Glaubens und Vertrauens in Jesus Christus zu erfreuen.
Die Träger des Gospel-Awards 2005 sind die Fernseharbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland, die katholische Fernseharbeit, das Hilfswerk WORLD VISION und die Stiftung Christliche Medien. Partner sind neben der Popkomm RTL Television, Bibel TV, CINA, Radio Paradiso, die Friedhelm Loh Group und die Unternehmen Ritto und Rittal.
Und Tschüß ...
30. Mai 1997
Die konstituierende Tagung der 9. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 23. bis 25. Mai 1997 im thüringischen Friedrichroda ist beendet. Das Präsidium wurde gewählt, der Ratsbericht rege diskutiert und die weiteren Berichte entgegengenommen. Der Gesamteindruck dieser ersten Zusammenkunft der Synodalen in der vor ihnen liegenden sechsjährigen Amtsperiode scheint zu belegen, daß sich die Synode schnell zusammenfinden wird, so daß bei den kommenden Tagungen muntere, spannende Diskussionen erwartet werden können. Dies zeigte sich schon jetzt, denn die Aussprache zum Thema Religionsunterricht machte das Engagement und die Meinungsvielfalt deutlich. Mit einem mehrseitigen, Beschluß zu diesem Thema setzte die Synode am Sonntagvormittag einen Schlußpunkt unter ihre erste Tagung. Der wiedergewählte Präses Dr. Jürgen Schmude entließ die TagungsteilnehmerInnen mit dem Hinweis, daß sich die Synode bereits in wenigen Monaten zu ihrer nächsten Tagung vom 2. bis 7. November 1997 im hessischen Wetzlar versammeln wird. Neben den Wahlen zum Rat der EKD und den Haushaltsberatungen wird sich die Synode mit dem Schwerpunktthema "Gottesdienst" befassen.
Während sich die Synodalen jetzt auf den Heimweg begeben, beenden wir hiermit die Berichterstattung von der 1. Tagung der 9. Synode der EKD. Wir glauben, daß wir Ihnen mit unserer Berichterstattung ein umfassendes Bild vom Geschehen in Friedrichroda nachzeichnen konnten.
"Der Apostel der Deutschen"
Vor 1250 Jahren starb Bonifatius
07. Juni 2004

Frohe Botschaft wollte Bonifatius den Friesen bringen: als "Apostel der Deutschen" war er im 8. Jahrhundert in den germanischen Gebieten des Frankenreiches unterwegs, um die Kunde des christlichen Gottes zu verbreiten. Schon als Junge war er in seiner Heimat England ins Kloster gegangen, hatte fleißig studiert und war ein angesehener Gelehrter geworden. Schließlich zog es ihn in der Tradition der Wandermönche aus den schützenden Klostermauern in die Welt hinaus: im Jahr 716 n. Chr. kam er als Missionar nach Friesland.
Sein ambitioniertes Unternehmen scheiterte zunächst am Misstrauen der Friesen. Aber so schnell gab Bonifatius nicht auf. Er kehrte nach England zurück, aber schon 718 war er wieder auf dem europäischen Festland - ausgerüstet mit Auftrags- und Schutzschreiben des Papstes und der Herrscher des Frankenreiches. Mehr als dreißig Jahre war er unermüdlich unterwegs - bis zum 5. Juni 754. Am Ufer des kleinen Flusses Boorne in der Nähe der nordfriesischen Stadt Dokkum hatten Bonifatius und seine Gefährten ihr Lager aufgeschlagen. Im Morgengrauen wurden sie von einer Räubergruppe überfallen. Bonifatius und 51 seiner Begleiter wurden Opfer des mörderischen Überfalls.
Zwar erwarten protestantische Christinnen und Christen keine Hilfe von Heiligen, weil sich alles Hoffen und Sehnen allein auf Christus richtet. Doch können Menschen wie Bonifatius als Art "Spiegel des göttlichen Erbarmens" dienen, schreibt der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, in einem Beitrag für die Fuldaer Zeitung. "Gerade in schwierigen Zeiten sendet Gott Menschen, die ihn in glaubwürdiger Weise bezeugen."
Zum RTL-Bibelclip zu Bonifatius
Symposium "Spiritualität in der Pflege" 16. Juni 2009
Diakoniekongress "zukunft: pflegen 2009", 15.-17. Juni 2009 in Berlin (ICC)
Das SI ist Mitveranstalter des Symposiums; für nähere Informationen klicken Sie hier.
Mit Geschenken zu Besuch im Stall
Die Geschichte von den drei Sterndeutern aus dem Morgenland
06. Januar 2006

In manchen Bundesländern ist der 6. Januar arbeitsfrei, in anderen gehen die Menschen wie jeden Tag zur Arbeit. Dabei ist der 6. Januar der zweitälteste Feiertag der Christenheit und bei orthodoxen Christen immer noch das eigentliche Weihnachtsfest. Im Westen hat sich das Erscheinungsfest - Epiphanias - mit der Geschichte der "Heiligen Drei Könige" verbunden. Der Volksmund nennt so die drei Männer, die in der Bibel als "Weise" oder als "Magier" bezeichnet werden. Erzählt wird die Geschichte von drei Männern aus dem Osten, die einem Stern folgen, um den - wie sie es selbst ausdrücken - "neugeborenen König der Juden" zu finden. Sie stoßen zuerst auf den damaligen König Herodes, der über die Frage erschrickt. Nachdem er Rat bei denen, die sich in den Weissagungen auskennen, eingeholt hat, schickt er die drei Männer nach Bethlehem. Dort finden sie das Kind in der Krippe, schenken ihm Weihrauch, Gold und Myrrhe und kehren zurück in ihre Heimat, ohne noch einmal bei Herodes vorbei zu schauen. Der, übrigens, trotzdem wenig später nach dem biblischen Bericht alle Kinder in Bethlehem umbringen lässt, weil er Angst hat, vor dem der "nackt und bloß" in der Krippe liegt. Da war Jesus mit seinen Eltern allerdings schon lang geflohen.
Eine spannende Geschichte mit dem zauberhaft-magischen Aspekt, dass drei Männer einem Stern nachlaufen, mit Mord- und Totschlag und mit der seltsamen sozialen Spannung, dass drei vermutlich reiche Männer dieses total verarmte Kind, für das es keinen Platz in der Herberge gab, in einem Stall besuchen. Dass sich um diese biblische Geschichte, deren historischer Kern sich kaum belegen lässt, allerlei Legenden spannen, ist leicht zu verstehen: Im Frühmittelalter setzten sich für die drei Männer die Namen Caspar, Melchior und Balthasar durch und bald danach wussten alle, dass Caspar wohl ein bartloser Jüngling, Melchior ein bärtiger Greis und Balthasar ein Farbiger war. Schon in den Malereien in den Katakomben, in denen sich die Christen bei den ersten Verfolgungen versteckt haben, sind Szenen zu erkennen, wie drei Männer dem Kind in der Krippe begegnen.
Die Geschichte der drei Sterndeuter aus dem Osten ist einer der Belege, wie weit sich Volksfrömmigkeit und biblischer Text auseinander entwickeln können. Der Evangelist Matthäus hat die Geschichte vermutlich erzählt, um von allem Anfang an deutlich zu machen, dass Herodes und die Mächtigen der Juden Angst vor dem Neugeborenen hatten, dass die drei Männer mit ihren drei Geschenken zeigten, dass im Stall in Bethlehem ein König (Gold), der Messias (Weihrauch) und ein Mensch (Myrrhe) geboren wurde, und dass auch Heiden den als Mensch Geborenen als Gott anerkennen. Damit hat Matthäus wesentliche Botschaften seines Evangeliums in der Einleitung vorweg genommen.
Nichtsdestotrotz: Der 6. Januar, das Erscheinungsfest, der Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland ist auf jeden Fall noch einmal Weihnachten, noch einmal die Botschaft, dass Gott Mensch geworden ist: "Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude; A und O, Anfang und Ende steht da. Gottheit und Menschheit vereinen sich beide, Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah."
Luthers Welt aus der Müllgrube
Sonderausstellung zeigt archäologische Spuren des Reformators und seiner Zeit
02. Juni 2009

Dankbar können die Archäologen dem "schwarzen Tod" sein. Die Pest, die im Mittelalter in Europa viele tausend Menschen dahinraffte, hat zumindest für die Grabungswissenschaftler etwas Gutes. "Die Leute warfen aus Angst vor Ansteckung komplette Wohnungseinrichtungen aus dem Fenster in die Müllgrube", erzählt Harald Meller, Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle. So geschah es auch im 16. Jahrhundert im Elternhaus des Reformators Martin Luther (1483-1546) in Mansfeld, als die Bewohner in Panik ihr Inventar in einen Graben kippten.
Seit 2003 förderten Archäologen Funde aus Luthers Geburtshaus in Eisleben, seinem Elternhaus und dem Lutherhaus in Wittenberg zutage. "Fundsache Luther - Archäologen auf den Spuren des Reformators" heißt die Sonderausstellung in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, die spannende Einblicke in das Privatleben des Kirchenreformers bietet. Rund 600 Exponate, neben Grabungsfunden auch Leihgaben aus Sammlungen und Museen, werfen Licht auf den Privatmann Luther und sein Lebensumfeld.
"Der öffentliche Mensch Luther war bisher fast unbekannt", sagt Denkmalpfleger Meller, der mit seinen Mitarbeitern den Spuren des Stammvaters des Protestantismus folgte. Per Zufall seien die Wissenschaftler auf die Idee gekommen, im Hausmüll der Familie Luther nach Erkenntnis zu wühlen. Scherben von teueren venezianischen Gefäßen im Elternhaus, Münzen, Kleiderreste und auch Tierknochen in seinem eigenen Wohnhaus bewiesen, dass das Bild vom armen, bescheidenen Reformator neu gezeichnet werden musste.
Der streitbare Augustinermönch, der den Reichtum und ausschweifenden Lebenswandel der katholischen Amtskirche geißelte, habe gerne von sich behauptet, aus niedrigen, gar ärmlichen Verhältnissen zu stammen. Dass die Bergwerksunternehmerfamilie Luther durchaus reich war, lasse sich auch am archäologisch nachgewiesenen Speiseplan festmachen: "Der nur Adeligen vorbehaltene Auerhahn kam bei Luthers auf den Tisch", weiß Meller.
In tiefen Kompostschichten fanden sich viele Indizien für einen gutbürgerlichen Wohnkomfort von Luthers Eltern, aber auch seiner eigenen Familie. Kriminalistisch gingen die Archäologen vor, um sicher zu gehen, "dass Luther drin ist, wo Luther draufsteht", scherzt Denkmalpfleger Meller. Denn zahlreiche Reliquien, die die Luther-Gefolgsschar über die Jahrhunderte aufbewahrte, hätten sich als falsch erwiesen. Mit Hilfe alter Stadtpläne und Adresslisten sei aber belegt, dass der gefundene glasierte Teller, der Trinkbecher und die Kinderarmbrust tatsächlich der Luther-Familie gehört hätten.
"Das ist eine hoch interessante Begegnung mit Luther", würdigt Friedhelm Klein, Vorsitzender der evangelischen Stadtsynode in Mannheim. Die Ausstellung mache deutlich, dass der Protestant kein evangelischer "Säulenheiliger" sei. Vielmehr werde der oft als Ikone verehrte Stammvater des Protestantismus als "Mensch aus Fleisch und Blut, mit all seinen Fehlern" lebendig.
Erfreute sich Martin Luther als Kind einst selbst am Spielzeug, das die raffiniert ausgeleuchtete Ausstellung in den guckkastenähnlichen Vitrinen zeigt? Trank der Reformator später sein Bier wirklich aus dem riesigen Humpen, gehörten Silberketten und Ringe seiner Frau Katharina von Bora oder seinen Kindern? "Das ist der kollektive Hausrat", formuliert Archäologe Meller. "Er zeigt die Welt des 16. Jahrhunderts aus der Grube." Ob Luther selbst die Murmel in der Hand hielt oder seine Schwester, diese Frage bleibe letztlich unbeantwortet.
Die Ausstellung wird von einem Veranstaltungsprogamm umrahmt, auch gibt es einen Begleitband. Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr, montags geschlossen. (epd)
"Fundsache Luther" - Archäologen auf den Spuren des Reformators
Brief des Erzbischofs von Canterbury, Rowan Williams, des Erzbischofs der Kirche von Schweden, Anders Weiryd, und des Vorsitzenden des Rates der EKD, Bischof Wolfgang Huber, an den Vorsitzenden des Europäischen Rates, Präsident Nicolas Sarkozy
Einsatz hinsichtlich der Herausforderung durch den Klimawandel verstärken
09. Dezember 2008
Brief des Erzbischofs von Canterbury, Rowan Williams, des Erzbischofs der Kirche von Schweden, Anders Weiryd, und des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, an den Vorsitzenden des Europäischen Rates, Präsident Nicolas Sarkozy, zum Thema Klimawandel
Originaltext in englischer Sprache:
HE Nicholas Sarkozy
President of the Council of the European Union
Council of the European Union
Rue de la Loi
175 B-1048 Brussels
Belgium
08th December 2008
Your Excellency,
Drawing on our trust in God, creator of heaven and earth, and on a living faith in Christ, we call upon our governments to strengthen their commitment to addressing the challenge of climate change, a challenge which threatens the flourishing of the world, which is the theatre of God's redemptive glory. We write to you ahead of the European Summit, 11-12 December 2008, to urge you to ensure that climate considerations are not marginalised in the search to find short and medium term solutions to immediate economic pressures.
When governments announced the EU's climate ambitions in March 2007, we welcomed the international leadership that the EU was providing, even if we felt that the emissions reductions targets were not sufficiently aligned with the prevailing scientific evidence. We also welcomed the European Commission's January 2008 climate change package as a clear signal of the EU's intent to deliver on these promises, even if we have subsequently pressed for certain elements to be strengthened.
The final legislative package to be agreed in December needs to be judged from the perspective of environmental effectiveness and the degree to which it can stimulate the innovation necessary to achieve the transition to a low carbon and sustainable economy. This transition needs to be grounded in a shared understanding of social justice and environmental integrity. This necessitates recognising explicitly the interconnection and interdependence of God's creation, demonstrated by humanity's relationship with the environment.
A successful outcome to these negotiations is a prerequisite to a robust and equitable post-2012 settlement in Copenhagen, December 2009. This is perceptible in the course of the currently ongoing COP-14 negotiations in Poznan. Through conversations with our partner churches from around the world, many of whom are experiencing the pressing realities of climate change on a daily basis, we are conscious that Europe's progress is being closely monitored. The outcome of these negotiations will be crucial if the ambitions of governments and societies such as the US, China and India are to be raised. We are concerned, therefore, that as the global climate negotiations approach a critical moment, Europe appears to be using the current financial and economic crisis to modify key elements in its own climate package.
We are worried that several governments want to increase yet further the quantity of carbon credits that they are allowed to buy from developing countries, as an alternative to making actual cuts in their own greenhouse gas emissions. We believe that these credits would only cancel out increases in EU emissions; they would not result in a net reduction in global emissions. Access to external carbon credits needs to supplement rather than supplant cuts in domestic emissions. Unless the EU can signal its intent to drastically cut its carbon emissions through purposeful domestic action, it is difficult to see how it can persuade developing and emerging economies to stabilise, and in time, reduce their own emissions.
How the European Council resolves this issue, will be seen by many as a tipping point in the EU's understanding of, and commitment to the idea of sustainable development. The challenge of resuscitating economic growth cannot be treated in isolation from the challenges of promoting sustainable development. The choice is not between economic growth and environmental protection. The work of eco-justice (eco-logical and eco-nomic) is one work. Our economic and environmental fortunes are inextricably linked. Working sustainably for the global common good and respecting the integrity of God's creation are not alternatives - they are one and the same. To think and act otherwise is neither 'common' nor 'good'.
We now know that global economic growth over the past 50 years has been accompanied by accelerated environmental decline and climate stress. The financial, food and fuel crisis of 2008 strongly suggest that the dominant economic models of the twentieth century have their limitations when viewed in and from a global perspective. Learning to live within our planet's means is the new challenge and we must approach it with a sense of realism, a sense of justice and a sober assessment of the legacy we are creating for our children's children.
We support the analysis underpinning the United Nations Environment Programme's Global Green New Deal initiative launched in October 2008. Re-focusing the global economy towards investments in clean technologies and natural infrastructure such as forests and soils offers the most promising options for real and sustainable growth: combating climate change and triggering an employment boom in the 21st Century. The supposition that environmental protection yields significant economic benefits, as well as ecological gains, is substantiated by Europe's own emerging green economy, which, according to the European Commission (January 2008), currently boasts a 227 billion Euro turnover with 3.4 million jobs.
The current financial crisis and economic recession represent less a threat and more a historic opportunity to bring about tomorrow's low carbon economy today. We are encouraged that US President-elect Barack Obama has responded to this challenge by pledging to invest $75 billion to create 5 million new 'green collar' jobs by 2020 as part of a wider package of measures on climate change. Although this pledge has yet to be realised, Europe's leaders must not retreat from taking similar action.
We understand that agreement has yet to be reached as to how the substantial revenues to be accrued from the auctioning of emissions permits under a reformed Emissions Trading Scheme should be allocated or managed. The conclusion of that negotiation must enhance the EU's credibility and effectiveness. We suggest that revenues should be used to drive Europe's decarbonisation and to support mitigation and adaption measures internationally, not least in the developing world. In this respect, it is imperative that Europe's own low carbon transition empowers the development of many of the poorest countries rather than contributing to their further marginalisation.
We recognise that the challenges facing the European Summit when it meets in Brussels will be immense. Meeting the imperatives of competitiveness and climate change will require a radical change in economic modelling and in the ways in which we think of economic growth. With European public opinion consistently placing climate change at, or close to the top of its priorities, we believe that this is change that people can believe in and support. Please be assured that you and other Heads of Government will be in our thoughts and prayers at this critical juncture.
cc:
Dr Angela Merkel, Federal Chancellor of Germany
The Rt Hon Gordon Brown, Prime Minister of the United Kingdom
The Hon Mr Fredrik Reinfeldt, Prime Minister of Sweden
HE José Manuel Barroso, President of the European Commission
Vorläufige Übersetzung:
Im Vertrauen auf Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und im lebendigen Glauben an Christus rufen wir unsere Regierungen auf, ihren Einsatz hinsichtlich der Herausforderung durch den Klimawandel zu verstärken, einer Herausforderung, die das Gedeihen der Welt gefährdet, die der Ort von Gottes erlösender Herrlichkeit ist. Wir schreiben mit Blick auf den Europäischen Rat am 11. und 12. Dezember 2008 und bitten Sie dringend, sicher zu stellen, dass die Bemühungen um den Klimaschutz durch die Suche nach kurz- und mittelfristigen Lösungen für augenblickliche wirtschaftliche Probleme nicht an den Rand gedrängt werden.
Als die Regierungen die Klimaschutzziele der Europäischen Union im März 2007 verkündeten, haben wir die internationale Führungsrolle begrüßt, die die EU übernommen hatte, auch wenn wir den Eindruck hatten, dass die formulierten Ziele zur Reduzierung der Abgasemissionen den vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen noch nicht in ausreichendem Maße Rechnung trugen. Wir haben auch das Klimaschutzpaket der Europäischen Kommission vom Januar 2008 als deutliches Zeichen der EU begrüßt, diese Ziele erfüllen zu wollen, auch wenn wir in der Folge darauf gedrängt haben, dass bestimmte Elemente noch verstärkt werden müssten.
Das endgültige Gesetzespaket, das im Dezember verabschiedet werden soll, muss im Blick auf seine ökologische Effizienz beurteilt werden, sowie im Blick darauf, in welchem Ausmaß es die notwendigen Neuerungen im Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise mit niedrigem CO2-Ausstoß befördert. Dieser Übergang muss auf einem gemeinsamen Verständnis von sozialer Gerechtigkeit und dem Schutz der Umwelt basieren. Dies setzt eindeutig die Erkenntnis voraus, dass Gottes Schöpfung vielfältig vernetzt und wechselseitig voneinander abhängig ist, wie an der Beziehung der Menschheit zur Umwelt zu sehen ist.
Ein erfolgreiches Resultat der Verhandlungen im Europäischen Rat ist eine Vorbedingung für ein stabiles und gerechtes Abkommen für die Zeit nach 2012, das in Kopenhagen im Dezember 2009 erreicht werden soll. Das lässt sich gegenwärtig an den laufenden Verhandlungen der Weltklimakonferenz (COP 14) in Posen ablesen. Durch Gespräche mit unseren Partnerkirchen in aller Welt, von denen viele die Realität des Klimawandels tagtäglich als bedrängend erleben, wissen wir, dass Europas Schritte aufmerksam beobachtet werden. Die Ergebnisse der Verhandlungen werden entscheidend sein, wenn der Ehrgeiz von Regierungen und Gesellschaften wie den USA, China und Indien geweckt werden soll. Wir sind deswegen besorgt, dass in dem Moment, in welchem die globalen Klimaschutzverhandlungen einen kritischen Punkt erreichen, Europa die derzeitige Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise zu benutzen scheint, um Schlüsselelemente seines eigenen Klimaschutzpaketes abzuschwächen.
Wir sind besorgt, dass mehrere Regierungen bestrebt sind, die Anrechenbarkeit von CO2-Reduktionsmaßnahmen in Entwicklungsländern zu erhöhen, statt ihre eigenen Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren. Wir glauben, dass dieses Verfahren lediglich die Zunahme der CO2-Emissionen der EU ausgleichen, aber keinesfalls zu einer Netto-Reduktion der globalen Emissionen führen würde. Die Anrechenbarkeit von CO2-Reduktionsmaßnahmen in Entwicklungsländern muss die Verminderung der heimischen Emissionen ergänzen und darf sie nicht ersetzen. Nur wenn die EU ihre Bereitschaft zu einer drastischen Senkung ihrer eigenen CO2-Emissionen durch zielgerichtetes Handeln unter Beweis stellt, wird sie Entwicklungs- und Schwellenländer davon überzeugen können, ihre eigenen Emissionen zu stabilisieren und - in angemessener Zeit - schließlich zu reduzieren.
Wie der Europäische Rat diese Frage klärt, wird von vielen als Weichenstellung bezüglich der Frage angesehen werden, wie die EU das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung versteht und wie sie sich für dieses Leitbild einsetzt. Die Herausforderung, das Wirtschaftswachstum wieder zu beleben, kann nicht unabhängig von den Herausforderungen betrachtet werden, nachhaltige Entwicklung zu fördern. Es geht nicht um eine Wahl zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Umweltschutz. Der Einsatz für Öko-Gerechtigkeit (öko-logisch und öko-nomisch) umfasst beides. Unser wirtschaftliches und unser ökologisches Schicksal sind untrennbar miteinander verbunden. Nachhaltig zu arbeiten für das weltweite Gemeinwohl und Gottes Schöpfung zu bewahren sind keine Alternativen - es meint ein und dasselbe. Anders zu handeln und zu denken ist weder "gemeinschaftlich" noch "gut".
Wir wissen heute, dass das globale Wirtschaftswachstum der vergangenen fünfzig Jahre begleitet war von einer wachsenden Umweltverschmutzung und einer zunehmenden Belastung des Klimas. Die Finanzmarkt-, Ernährungs- und Treibstoffkrisen von 2008 legen nahe, dass die vorherrschenden Wirtschaftsmodelle des 20. Jahrhunderts ihre Grenzen haben, wenn man sie in einer globalen Perspektive betrachtet. Die neue Herausforderung besteht darin zu lernen, im Rahmen der Möglichkeiten unseres Planeten zu leben; wir müssen uns dieser Herausforderung mit Realitätssinn, einem Sinn für Gerechtigkeit und einer nüchternen Einschätzung des Erbes stellen, das wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen.
Wir unterstützen die Analyse, die das Umweltschutzprogramm der Vereinten Nationen "Global Green New Deal" vom Oktober 2008 bestätigt. Die Neuausrichtung der Weltwirtschaft auf Investitionen in "saubere" Technologien und in natürliche Elemente der Infrastruktur wie Wälder und Böden bietet viel versprechende Möglichkeiten eines realen und zugleich nachhaltigen Wachstums: den Klimawandel zu bekämpfen und einen Boom auf dem Arbeitsmarkt des 21. Jahrhunderts zu erreichen. Die Annahme, dass der Umweltschutz beachtliche wirtschaftliche Erträge ebenso wie ökologische Gewinne hervorbringt, wird von Europas eigenen ökologisch orientierten Branchen untermauert, die laut der Europäischen Kommission (Januar 2008) derzeit einen Umsatz von 227 Milliarden Euro und 3,4 Millionen Arbeitsplätze vorweisen können.
Die gegenwärtige Finanzmarktkrise und die wirtschaftliche Rezession stellen weniger eine Bedrohung als vielmehr eine historische Chance dar, heute die kohlenstoffarme Wirtschaft von morgen auf den Weg zu bringen. Wir fühlen uns ermutigt, weil der designierte US-Präsident Barack Obama auf diese Herausforderung mit der Ankündigung reagiert hat, 75 Milliarden US-Dollar zu investieren, um bis 2020 fünf Millionen neue Arbeitsplätze in der "grünen Industrie" zu schaffen, als Teil eines größeren Paketes an Maßnahmen gegen den Klimawandel. Obwohl dieses Versprechen noch umgesetzt werden muss, dürfen Europas Regierungen nicht davor zurückschrecken, ähnliche Maßnahmen zu ergreifen.
Eine Verständigung darüber, wie die beachtlichen Einkünfte aus der Versteigerung von Emissionsrechten, wie sie das überarbeitete Emissionshandelssystem vorsieht, verteilt oder zugewiesen werden sollen, muss noch erzielt werden. Das Ergebnis dieser Verhandlungen muss die Glaubwürdigkeit und die Leistungsfähigkeit der EU stärken. Wir schlagen vor, dass die Einkünfte genutzt werden, um Europas Weg in eine kohlenstoffarme Wirtschaft voranzutreiben und Maßnahmen zur Schadensbegrenzung und zur Anpassung an den Klimawandel international zu unterstützen, vor allem in den Entwicklungsländern. In dieser Hinsicht ist es entscheidend, dass Europas Übergang in eine kohlenstoffarme Wirtschaft die Entwicklung vieler der ärmsten Länder unterstützt, anstatt zu ihrer weiteren Verelendung beizutragen.
Wir sehen, dass sich der Europäische Rat in Brüssel enormen Herausforderungen gegenüber sieht. Um den Erfordernissen der Wettbewerbsfähigkeit und des Klimawandels gerecht zu werden, ist ein radikaler Wandel des Verständnisses wirtschaftlicher Modelle und der Art und Weise notwendig, wie wir über Wirtschaftswachstum denken. In der öffentlichen Meinung in Europa rangiert der Klimawandel beständig ganz oder fast ganz oben auf der Liste der Prioritäten. Wir glauben daher, dass die Menschen an einen solchen Wandel glauben und ihn unterstützen können. Seien Sie versichert, dass wir in diesem kritischen Augenblick mit unseren Gedanken und Gebeten bei Ihnen und den anderen Regierungschefs sein werden.
Weltweiter ökumenischer Erfahrungsaustausch
Themenheft zum Reformationstag mit Hintergrundinformationen und Praxisbeispielen
26. August 2010

Nachdem bereits in den ersten Bundesländern die Sommerferien zu Ende gegangen sind, nehmen Schulen und Kirchengemeinden die die Zeit bis Weihnachten in den Blick. Am 31.Oktober steht ein besonderer Feiertag im Kalender, der zudem in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt: der Reformationstag. Auch in diesem Jahr ist wieder ein Themenheft erstellt worden. Das Heft hat seinen inhaltlichen Schwerpunkt auf dem ökumenischen Erfahrungsaustausch mit evangelischen Kirchen anderer Länder und trägt deshalb den Titel: "Kirche im Aufbruch - auch weltweit". Diesmal haben auch das Evangelische Missionswerk (EMW) und die für Ökumene und Auslandsarbeit zuständige Hauptabteilung im Kirchenamt der EKD an dem Heft mitgewirkt. Erstmals wird das Heft auch in den Niederlanden, der Schweiz und in Österreich verteilt.
In vier Rubriken wird ein jeweils anderer Fokus auf den Reformationstag gerichtet und zum Weiterdenken bzw. Umsetzen neuer Ideen eingeladen: Predigtbeiträge aus vier Ländern widmen sich der in diesem Jahr als Predigttext vorgesehenen Epistel des Reformationstages (Römer 3, 21-28) oder dem vielleicht bekanntesten evangelischen Lied "Ein feste Burg ist unser Gott".
Internationale Festtagstraditionen werden gesondert erläutert. Z.B. erfährt der Leser, warum der 31.Oktober ein staatlicher Feiertag in Chile ist, wie er in der reformierten Schweiz begangen wird und wie man ihn in der irischen Heimat von Halloween feiert.
"Kirche im Aufbruch": Unter dieses Motto hat die Evangelische in Kirche in Deutschland ihren Reformprozess gestellt. Wie dieser Aufbruch auch weltweit geschieht, zeigt eine weitere Rubrik im neu erschienenen Themenheft. Besonders anschaulich wird dies, wenn über ökumenische Visitationen berichtet wird. Ein Beitrag aus dem Wittenberger Zentrum für evangelische Predigtkultur veranschaulicht den Unterschied zwischen deutscher und US-amerikanischer Predigtkultur.
Besonderes Herzstück des Themenheftes sind Erfahrungsberichte von Praxisbeispielen zur Würdigung des Reformationstages in Schule und Gemeinde. Das Spektrum reicht dabei von einem Stationenspiel, das Schüler mit Martin Luther auf die Reise nimmt, über einen Filmgottesdienst (zum Kinoerfolg von 2003 "Luther") bis zu einer Gemeindewanderung am Reformationstag "von Kirche zu Kirche".
Im Rahmen des Reformprozesses "Kirche im Aufbruch" und mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die stärkere Wahrnehmung des Reformationstages als evangelischer Feiertag zum Ziel gesetzt. Seit zwei Jahren erscheint aus diesem Grund ein vom Kirchenamt der EKD veröffentlichtes Themenheft, in dem dazu Anregungen zur Verfügung gestellt werden. Das Heft wird über die Landeskirchen an alle Gemeinden versandt, aber auch im Internet - wie ergänzende Materialien zu Artikeln aus dem Heft - unter http://www.kirche-im-aufbruch.ekd.de/publikationen.html zum Download angeboten.
Angebot zur Besinnung und zum Innehalten
Buß- und Bettag gemeinsam feiern
15. November 2002

Der Buß- und Bettag am 20. November soll Anlass dafür sein, dass die Menschen in sich gehen und sich fragen, inwieweit sie an der Unordnung und Bosheit dieser Welt teilhaben und mitschuldig sind. Gerade in der aktuellen Situation kommt dieser Aussage besondere Bedeutung zu. Der Buß- und Bettag ist ein Angebot zur Besinnung und zum Innehalten. In einer Welt, die oft weithin auf Autobahnen und in Flugzeugen, vor dem Computer oder mit anderen technischen Einrichtungen verbracht wird, brauchen die Menschen nicht weniger, sondern mehr Zeit zur Besinnung auf sich selbst, für gewissenhaftes Nachdenken, für Buße. Wir alle brauchen Zeiten, in denen wir innehalten und uns auf den Grund und das Ziel unseres Lebens besinnen können. Martin Luther hat in der ersten seiner 95 Thesen das ganze Leben als eine stete Buße bezeichnet, die nicht nur äußerlich sein darf, sondern die eine Umkehr im Geist und in der Wahrheit ist.
Die Buße braucht feste Haftpunkte, und der Buß- und Bettag ist ein solcher Haftpunkt. Er bezieht die Menschen selbst mit ein in das Nachdenken über das eigene Leben, das ganz aus der Gnade Gottes empfangen wird. Seit seiner Abschaffung als gesetzlicher Feiertag - nur im Freistaat Sachsen ist der Buß- und Bettag noch Feiertag - sind seine Gottesdienste und Veranstaltungen offenbar vielen Menschen wieder wertvoller geworden. Sie haben die tiefe Bedeutung dieses Tages für sich wiederentdeckt. Und: der Buß- und Bettag konnte nicht wirklich "abgeschafft" werden, denn in unzähligen Gottesdiensten und Andachten, teilweise am Abend, wird er in den Gemeinden gefeiert. Solche Tage gehören zum Wertvollsten, was Gott uns anbietet. Diese Chance sollten wir wahrnehmen und den Buß- und Bettag gemeinsam feiern wie bisher. Also: wir sehen uns - in der Kirche!
95 Thesen Martin Luthers
Bußtagsaktion der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck
Unser Foto zeigt einen Ausschnitt des Fastentuches der Heiligen Kreuz Kirche im sächsischen Zittau, das zwei Besucher betrachten. Das aus Leinen hergestellte 8,20 x 6,80 Meter große Tuch stammt aus dem Jahre 1472 und zeigt insgesamt 90 Motive der biblischen Geschichte. Seit Juni 1999 ist das Fastentuch, nach einer aufwendigen Restauration, zu sehen. Die Fastentücher sollten früher das Kirchenvolk zur Buße mahnen.
"Protestanten als Alltagskünstler"
Gelebtes Europa bei den Berliner Bibelwochen
15. Juli 2008

Was ist gelebte Alltagskunst? Zum Beispiel das: Aus neun europäischen Ländern kommen Menschen unterschiedlicher Generationen, unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Sprache für mehrere Tage und Nächte zusammen und erarbeiten gemeinsam ein Thema.
Wo gibt's denn so was? Bei den Berliner Bibelwochen der UEK. "Protestanten als Alltagskünstler" war die Überschrift der viertägigen Begegnungstagung, die kürzlich für Teilnehmer aus der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) veranstaltet wurde. Theologen und Laien tauschten ihre Gedanken zur Kunst aus, erkundeten Kunst in Berlin und probierten sich unter Anleitung der Berliner Aktionskünstlerin Tina Schwichtenberg selbst als Alltagskünstler. Einige hatten während der Tagung einen Knopf am Ohr und lauschten der Übersetzung des Dolmetschers. Wie selbstverständlich wurde in Englisch oder Deutsch diskutiert - und zwischen den offiziellen Einheiten auch in etlichen anderen Sprachen: ein kleines europäisches "Pfingsten".
Die Berliner Bibelwochen, deren hauptsächliches Ziel Begegnung und Austausch evangelischer Christen ist, bieten viel: Diskussion über Leben und Tod zum Beispiel, Nachdenken über "Heilige", Blicke auf die Bibel aus feministisch-theologischer Sicht. Die nächste Europäische Bibelwoche beginnt am 18. Juli: 24 Theologiestudierende aus 13 Ländern werden in der Evangelische Bildungsstätte auf Schwanenwerder über das Evangelium und seine Kultur(en) nachdenken und miteinander christliche Gemeinschaft erfahren - ganz im Sinne der "Einheit in versöhnter Vielfalt", dem Motto der GEKE.
Auch das ehrenamtlich arbeitende Leitungsteam dieser Tagung ist international: Mit dabei sind ein Theologiestudent aus den Niederlanden, ein Gemeindepfarrer aus Ungarn, eine Religionspädagogin aus Berlin und ein tschechischer Theologiedoktorand. Ein Höhepunkt der Tagung wird der Vortrag von Christoph Markschies sein. Der Präsident der Humboldt Universität in Berlin wird Einblick geben in das Verhältnis von Glaube und Kultur im Urchristentum, während der Reformation bis hin zur Neuzeit.
Die Berliner Bibelwochen wurden 1953 von der UEK ins Leben gerufen, um der deutschen Teilung etwas Verbindendes entgegenzusetzen. Seit dem Fall nicht nur der deutsch-deutschen Mauern haben sich die Begegnungstagungen immer weiter nach Europa geöffnet. Fast ein Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus anderen Ländern.
Wer neugierig über den eigenen Tellerrand schauen will, wer vier Tage mit anderen gemeinsam leben möchte, wer biblische Texte mit einem Blick in die heutige Welt neu entdecken will, ist herzlich eingeladen. Das aktuelle Bibelwochenangebot können Sie auf der Webseite der Evangelischen Akademie zu Berlin abrufen, unter deren Dach die Bibelwochen seit 2007 zu Hause sind.
Und noch ein europäischer Veranstaltungstipp: Die European Bible Week zum Thema "A Day Apart - Sabbath and Sunday" findet statt vom 22. bis 26. Oktober 2008. Noch sind ein paar Plätze frei!
Zeichen der Hoffnung
"Blumen in der Wüste"
10. Dezember 2007

Blumen an unerwarteten Stellen machen Hoffnung. Der englische Bischof Nick Baines, Co-Vorsitzender der Meißen-Kommission von EKD und Church of England, erzählt in einem gerade erschienenen Buch mit Kurzandachten unter anderem davon, wie solche Blumen die Sichtweise auf die eigenen Lebensumstände ändern können:
"Wie meine Freunde bestätigen können, sind Blumen nicht mein Ding. Ich kenne mich in der Natur allgemein nicht sonderlich gut aus, doch bei Blumen versage ich völlig. Als Pflanzenkunde den Menschen zugeteilt wurde, wurde ich aus der Schlange der Bewerber herausgejätet. Vielleicht deswegen, weil ich schrecklich von Heuschnupfen geplagt werde, und meine Unkenntnisse eine Art primitiver Schutzmechanismus sind, der mich vor der Gefahr bewahren soll, Blütenblättern und Kelchblättern (. was immer das auch sein mag) zu nahe zu kommen. Egal aus welchem Grund - ich kenne mich mit Pflanzen nicht aus.
Als ich Mitte der achtziger Jahre an einem theologischen College in Bristol studierte, widmete ich meine Freitagnachmittage dem Gartenteam der Universität. Ich weiß noch, dass ich gebeten wurde, das Unkraut im alten Rosengarten vor dem Hauptgebäude zu jäten. Ich verbrachte zwei glückliche Stunden damit, Unmengen von wucherndem Grünzeug aus der Erde zu ziehen, bevor man mir sagte, dass ich gerade sämtliche Rosenpflanzen entwurzelt hatte, die man vor einer Woche mühsam eingepflanzt hatte. Dieser Rekord erfüllt mich nicht mit Stolz, und ich übertreibe auch nicht. Zwanzig Jahre lang habe ich meiner Frau Nelken geschenkt und erst vor kurzem herausgefunden, dass sie Nelken nicht ausstehen kann, aber meine Gefühle nicht verletzen wollte. Wenn ich daran denke, dass ich ihr all die Jahre genauso gut hätte Löwenzahn mitbringen können!
Ich bin einfach nicht versiert, wenn es um Flora geht - und noch nicht einmal, was Fauna betrifft.
Doch eines weiß ich: Manche Blumen wachsen nur in einer bestimmten Umgebung. Diese Tatsache wurde mir durch eine Geschichte klar, die mir ein Freund erzählte, der als Missionar gerade aus einem Dürregebiet in Afrika zurückgekehrt war, um an einer christlichen Konferenz in England teilzunehmen. Er war deprimiert und ausgelaugt, und das Letzte, was er tun wollte, war, eine solche Versammlung zu besuchen. Doch dann betrat ein Redner die Bühne und begann seine Ansprache mit den folgenden Worten:
Es gibt Blumen, die wachsen nur in der Wüste. Wenn Sie in der Wüste sind, ist es sinnlos, Blumen zu suchen, die nur in fruchtbaren Gegenden wachsen. Dann werden Sie ständig enttäuscht werden. Doch wenn Sie die einzigartigen Blumen suchen, die nur in der Wüste gedeihen, in der Sie sich befinden, so werden Sie reich belohnt.
Das änderte die Sicht meines Freundes. Es war sinnlos, sich ständig zu wünschen, das Leben wäre besser oder leichter. Er befand sich in einer Wüste und hatte die Wahl, entweder immer gefrusteter darüber zu werden, dass er nicht woanders war, oder zu versuchen, die Welt anders zu sehen. Er wählte Letzteres und kehrte wie umgewandelt nach Afrika zurück. Seine Lebensumstände hatten sich zwar nicht verändert, aber er war verändert.
Ich glaube, so ist es auch mit Gott. Es gibt Erfahrungen mit Gott und Erkenntnisse über ihn, die an jenen Orten, wo das Leben vollkommen harmonisch verläuft, nicht möglich sind. Manchmal, wenn wir alle Sicherheiten und trügerischen Annehmlichkeiten eines bequemen Lebens entbehren, begegnen wir Gott in dieser unwirtlichen Gegend, in der er einfach nur langsam an unserer Seite geht.
Auch wenn die Vorstellung etwas ungewöhnlich erscheint, kann es sehr wertvoll sein, die Linse auszuwechseln, durch die ich meine Lebensumstände betrachte. Schließlich geht es beim Beten hauptsächlich darum, mich in meinen Lebensumständen zu ändern, und nicht darum, mich aus ihnen auszuklinken. Es geht darum, die Welt und meine Situation durch Gottes Augen zu sehen, und dadurch anders auf sie zu reagieren. Im Rhythmus der Jahreszeiten werde ich die Dinge suchen, die ich sonst verpassen könnte. Ich werde den Winter für das, was er ist, genießen, und nicht für das, was er nicht ist. Und ich werde wieder einmal überlegen, wie es mir helfen kann, über mein Inneres nachzudenken, indem ich über meinen Horizont hinausblicke."
Weitere Texte von Nick Baines sind zu finden im gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Am Rande bemerkt. Alltägliche Begegnungen mit Gott", Lutherisches Verlagshaus, Hannover, Vorwort von Dr. Petra Bahr, ISBN 978-3-7859-0969-0, 144 Seiten, 12,90 €
"Aufgefahren in den Himmel"
Gedanken zum Himmelfahrtstag 2004
19. Mai 2004

Endlich mal wieder ein freier Tag und dazu noch einen Brückentag frei genommen: So entsteht ein richtig langes Wochenende. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass der Grund für das lange Wochenende der Vatertag sei, den manche Männer - ob Väter oder nicht - mit einem Fass Bier auf einem Leiterwagen wandernd begehen. Weit gefehlt! An diesem Feiertag wird nicht der Väter gedacht. Der freie Donnerstag 40 Tage nach Ostern ist die Erinnerung an die Himmelfahrt Christi.
Im Zeitalter von Raketen, die Menschen zum Mond bringen, und wenn auch noch unbemannten Missionen zum Mars kann der Begriff "Himmelfahrt" missverstanden werden: Die Christen feiern nicht, dass Jesus - wie auch immer - zum Firmament geflogen ist, wie es manche bildliche Gestaltung aus dem Mittelalter nahe legt. Mit Himmelfahrt wird nach biblischer Überlieferung die Osterzeit abgeschlossen: Am Karfreitag ist Jesus am Kreuz gestorben, am Ostersonntag haben die Frauen entdeckt, dass das Grab leer ist und in der Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt ist der Auferstandene verschiedenen Menschen begegnet, berichten die biblischen Zeugen.
Nun verabschiedet sich Jesus 40 Tage nach Ostern von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Dabei wird noch einmal ein entscheidender Gesichtspunkt des Osterereignisses deutlich: Durch Jesu Auferstehung wurde dem Tod die Macht genommen und Jesus wird - nach christlicher Vorstellung - zum Herrn über alle Mächte in der Welt: Er wird zum König und Herrscher, oder wie es im alle Christen verbindenden Glaubensbekenntnis heißt: er "sitzet er zur Rechten Gottes". Christen feiern an diesem Feiertag, dass es keinen Winkel im Weltall gibt, der seiner Gegenwart oder seiner Herrschaft entzogen werden könnte. Wohin Menschen auch gehen, fahren, fliegen, hält Christus die Hand über alle. Autonome Räume existieren nicht. Jesus Christus ist und bleibt der Herr - das ist der Sinn der Himmelfahrt.
Ein gesegnetes Himmelfahrtsfest wünscht allen Menschen
Erinnerung an einen Vordenker
Vor 350 Jahren ist Johann Valentin Andreae gestorben
25. Juni 2004

Johann Valentin Andreae ist einer der großen Persönlichkeiten des deutschen Protestantismus. Durch sein Denken und seine Veröffentlichungen wurde der Württemberger einer der geistigen Vorläufer so unterschiedlicher Geisteshaltungen wie des Pietismus und der Aufklärung. Der Theologe Andreae starb vor 350 Jahren, am 27. Juni 1654.
Schon im frühen 17. Jahrhundert ist er für eine weltweite Bruderschaft von Theologen und Naturwissenschaftlern eingetreten, die alles Wissen der Welt vereinen sollte - einschließlich dem Wissen vor-christlicher und nicht-christlicher Völkern. Andreae wollte - hundert Jahre nach Martin Luther - eine Generalreformation von Kirche und Gesellschaft. Er versuchte, nach dem verheerenden 30jährigen Krieg nochmals die gesamte Gesellschaft in der Kirche zusammenzuführen. Eine Folge seines Einsatzes können junge Menschen heute noch spüren: 1648 wurde in Württemberg als erstem Land Europas die allgemeine Schulpflicht für Jungen und Mädchen eingeführt.
Der 1586 in Herrenberg geborene Pfarrersohn erwarb sich eine breit angelegte Bildung. Bei Studienreisen lernte er in Genf die Traditionen Calvins kennen. Als Pfarrer und Dekan versuchte er, das sittliche Leben in seinen Gemeinden zu verändern: Fluchen, Üppigkeit, Zank und Hass wollte er zurückdrängen. In der kleinen Schwarzwaldstadt Calw setzte Andreae sich dafür ein die Narben des Krieges zu mildern. Dabei lernte er den württembergischen Herzog kennen, der ihn 1639 zum Hofprediger und Konsistorialrat ernannte.
Nach Einschätzung des Kirchenhistorikers Martin Brecht wollte er "die Menschen zum Christentum erziehen". Mit seinem Bestreben, eine vollkommene Gemeinde zu schaffen, hat Andreae spätere Generationen tief beeindruckt. Der Pietismus-Begründer Philipp Jakob Spener hat sich oft auf ihn berufen, viele seiner Anregungen, etwa zum geheiligten Leben und zur Kirchenzucht, aufgenommen. Herder würdigte in ihm einen "Lehrer der Menschheit" und sah in seinen Schriften "eine wahre Arznei für die geheime
